Hilda Bergmann | Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten | Folge 5

Wie Wichtelinchen das Wunder suchte.

Prinzessin Wichtelinchen war nicht fröhlich. Sie hatte im unterirdischen Reiche ihres Vaters, des Wichtelkönigs, alles was ihr Herz begehrte, einen goldenen Thron und einen Stirnreifen mit großem roten Karfunkelstein inmitten, sie hatte ihr feines Daunenbettchen und jeden Morgen ihre Schokolade mit Rosinenkuchen dazu; und trotz alledem war Wichtelinchen nicht fröhlich.

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Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (183)

183. Das Glück der Rantzau

Stammwappen derer von Rantzau

Das Geschlecht der Grafen Rantzau ist uralten herzoglich-schleswigschen Stammes. Einer Ureltermutter dieses Geschlechtes begegnete es, daß ein kleines Männlein mit einer Laterne zu ihr kam und sie in einen Berg holte zu einer Wöchnerin bei den Unterirdischen. Sie legte derselben nur die Hand aufs Haupt, und alsbald genas das Zwergenweiblein glücklich. Das Männlein begleitete dann die edle Frau wieder nach ihrem Schlosse zurück und gab ihr einen Klumpen gediegenes Gold und sagte: Lasse daraus fertigen fünfzig Rechenpfennige, einen Hering und zwei Spindeln und verwahre das alles wohl bei deinem Geschlecht, denn solches wird stets in Ruhm und Ehre bleiben, solange von diesen Stücken nichts verloren geht. – Dieses geschah, und die Stücke haben noch auf lange Zeit dem Hause Glück gebracht. Es soll sich diese Tatsache, die auf sehr verschiedene Weise erzählt wird, auf dem Schlosse Breitenberg zugetragen haben. Den goldenen Hering hatte zuletzt Josias von Rantzau, ein tapferer Degen und kriegslustiger junger Held. Er ließ sich ein gutes Schwert fertigen und den Hering an dessen Griff umbiegen und als Bügel anbringen, trat dann in französische Dienste, hatte Glück in unzähligen Schlachten und wurde zuletzt Generalfeldmarschall. Fechten und Raufen war seine höchste Lust, dabei war er freilich unüberwindlich durch das Erbstück der Ahnfrau. Das wurde ihm, weil es ruchbar geworden, einstmals von einem Kriegskameraden, Caspar Bockwold, ins Gesicht gesagt, er habe gut Fechten und Händel suchen, man wisse wohl, daß er fest sei und sein Mut und seine Tapferkeit im Hering seines Degengriffes stecke. Darüber ergrimmte Junker Josias höchlichst, schleuderte alsbald seinen Degen von sich in den Rhein und forderte Caspar Bockwold auf der Stelle zum Zweikampf und besiegte ihn dennoch. Selten schlug es ihm fehl, als Sieger aus solchen Kämpfen zu gehen, er hatte deren aber so viele, daß er auch gar manche böse Scharte davon trug. Als er zu hohen Jahren kam, hatte er nur noch ein Auge, ein Ohr, einen Arm und ein Bein und außerdem noch an seinem Leibe sechsundfunfzig Male schwerer Wunden.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Zur Blauen Stunde | Frisch auf!

Frisch auf!

Ich saß am Schreibtisch bleich und krumm,
Es war mir in meinem Kopf ganz dumm
Vor Dichten, wie ich alle die Sachen
Sollte aufs allerbeste machen.
Da guckt am Fenster im Morgenlicht
Durchs Weinlaub ein wunderschönes Gesicht,
Guckt und lacht, kommt ganz herein
Und kramt mir unter den Blättern mein.
Ich, ganz verwundert: „Ich sollt dich kennen“
Sie aber, statt ihren Namen zu nennen:
„Pfui, in dem Schlafrock siehst ja aus
Wie ein verfallenes Schilderhaus!
Willst du denn hier in der Tinte sitzen
Schau, wie die Felder da draußen blitzen!“
So drängt sie mich fort unter Lachen und Streit,
Mir tat’s um die schöne Zeit nur leid.
Drunten aber unter den Bäumen
Stand ein Roß mit funkelnden Zäumen.
Sie schwang sich lustig mit mir hinauf,
Die Sonne draußen ging eben auf,
Und eh ich mich konnte bedenken und fassen,
Ritten wir rasch durch die stillen Gassen,
Und als wir kamen vor die Stadt,
Das Roß auf einmal zwei Flügel hatt,
Mir schauerte es recht durch alle Glieder:
„Mein Gott, ist’s denn schon Frühling wieder?“
Sie aber wies mir, wie wir so zogen,
Die Länder, die unten vorüberflogen,
Und hoch über dem allerschönsten Wald
Machte sie lächelnd auf einmal halt.
Da sah ich erschrocken zwischen den Bäumen
Meine Heimat unten, wie in Träumen,
Das Schloß, den Garten und die stille Luft,
Die blauen Berge dahinter im Duft,
Und alle die schöne alte Zeit
In der wundersamen Einsamkeit.
Und als ich mich wandte, war ich allein,
Das Roß nur wiehert‘ in den Morgen hinein,
Mir aber war’s, als wär ich wieder jung,
Und wußte der Lieder noch genung!

Joseph von Eichendorff (1788-1857)

Kurt Tucholsky | Zuckerbrot und Peitsche

Zuckerbrot und Peitsche

Nun senkt sich auf die Fluren nieder
der süße Kitsch mit Zucker-Ei.
Nun kommen alle, alle wieder:
das Schubert-Lied, die Holz-Schalmei ….

Das Bürgertum erliegt der Wucht:
Flucht, Flucht, Flucht.

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Hans Christian Andersen | Die Störche

Die Störche.

Auf dem letzten Hause in einem kleinen Dorfe stand ein Storchnest. Die Storchmutter saß im Neste bei ihren vier kleinen Jungen, welche den Kopf mit dem kleinen, schwarzen Schnabel, denn der war noch nicht roth geworden, hervorstreckten. Ein kleines Stück davon entfernt stand auf dem Dachrücken ganz stramm und steif der Storchvater; er hatte das eine Bein unter sich aufgezogen, um doch einige Mühe zu haben, während er Schildwache stand. Fast hätte man glauben mögen, daß er aus Holz geschnitzt sei, so still stand er. »Es sieht gewiß recht vornehm aus, daß meine Frau eine Schildwache beim Neste hat!« dachte er. »Sie können ja nicht wissen, daß ich ihr Mann bin, sie glauben sicher, daß mir befohlen worden ist, hier zu stehen. Das sieht recht vornehm aus!« Und er fuhr fort, auf Einem Beine zu stehen.

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Annette von Droste-Hülshoff | Das Geistliche Jahr | Am dritten Sonntage nach Pfingsten

Am dritten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom reichen Manne

Doch zu dem Reichen
Sprach Abraham: „Und hörten nie
Sie Mosen noch Prophetenschar,
Dann wahrlich nimmer glauben sie,
Stellt sich ein Toter ihnen dar.“
So ward die Scheidewand gelegt,
Und auf den Grabstein hat geprägt
Die Ewigkeit ihr stummes Zeichen.Wie brünstig flehend
Hab‘ ich so oft in mancher Nacht
An meine Toten mich gewandt,
Wie manchen Stundenschlag bewacht,
Wenn grau und wirbelnd lag das Land!
Und nicht ein Zeichen ward mir je,
Kein Knistern in des Lagers Näh‘,
Kein Schimmer längst den Wänden gehend.Hab‘ ich’s gefunden
Doch hart und lieblos manchesmal,
Daß das, dem ich so heiß geneigt,
Nicht einen Laut für meine Qual,
Kein Zeichen hatte los und leicht.
An ihrer Statt, so dünkte mich,
Würd‘ Alles, Alles wagen ich,
Zu lindern des Geliebten Wunden.Ihr konntet’s nimmer!
Ausfechten sollen wir den Kampf
Und bleiben dem Geschick die Macht.
Ich fühl‘ es wohl, der Seele Krampf
Zerrinnen müßte mit der Nacht,
Ja mit dem letzten Nebeltraum
Zerfließen muß des Bösen Schaum:
Drum bleibt die Wahrheit nur ein Schimmer. Weiterlesen „Annette von Droste-Hülshoff | Das Geistliche Jahr | Am dritten Sonntage nach Pfingsten“

Hilda Bergmann | Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten | Folge 4

Vom Wolkenmann und von der Wetterhexe.

»Ja, das macht alles die Wetterhexe!« sagte Lina, die Magd, als der Regen kein Ende nehmen wollte und Hans Jörgel umsonst die Nase an die Fensterscheibe drückte, um ein Stückchen blauen Himmels zu erspähen. »Die lockt die Wolkenkühe allesamt herbei und wenn sie sie milkt, dann rinnt der Regen über unsere Köpfe. Und wenn der nicht bald ein Ende nimmt, reißt uns der Mühlbach noch Haus und Stall fort und wir können sehen, wo wir bleiben.« Es tropfte und strömte, rieselte und goß nun schon zwei Wochen bald schwächer, bald stärker vom grauen Himmel herunter und es sah so aus, als wolle es überhaupt nicht mehr aufhören. Der Mühlbach war schon aus seinen Ufern getreten und hatte die angrenzenden Wiesen überschwemmt, der Fluß im Tale floß grau und zornig dahin und trug auf seinen hochgehenden Wogen Baumstämme fort, als wären es Zahnstocher. Der Müller hatte eine steile Sorgenfalte auf der Stirn und die Müllerin seufzte: »Wenn nur das Wasser uns nicht Haus und Stall fortschwemmt.«

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Joachim Ringelnatz | …liner Roma… [8]

8.

– – zusammengebundene Leichen, die gestern aus der Spree gelandet wurden, die Zwergin Kosanko aus der Skalitzerstraße 210 und der wegen Sittlichkeitsverbrechen mehrfach vorbestrafte Rechnungsrat B. rekognosziert.

       

Mein Privatehrenbürger von Berlin,
deine Billigung, der ich sicher war, bringt mich wieder in Form. Denn Purmanns hatten mich im Mörser ihrer Geringschätzung mit dem Vorwurf der Unbeständigkeit total zermürbt. Dabei ahnte Elfchen nicht, daß ich außer den Fett- und Sahnetöpfen sogar noch eine reiche Bauerswitwe ausgeschlagen hatte, die Gutspächterin. Was brauchen unsere Frauen von unserer Kunst zu verstehen, Deeters? – Ich ließ mich von der blanken Bäuerin in die Schweineställe einführen, Weiterlesen „Joachim Ringelnatz | …liner Roma… [8]“

Richard Arnold Bermann | Die Ballade von Lambert Simnel, dem Thronprätendenten

Die Ballade von Lambert Simnel, dem Thronprätendenten

Lambert Simnel saß auf goldenem Thron,
Ganz Irland kniet‘ ihm zu Füßen,
Als Yorks echten Erben und Königssohn
Den Knaben, den schlanken zu grüßen.
Es beugten sich Bischöfe, Grafen und Lords,
Gewärtige Diener des leisesten Worts.
Bist du echt, Lambert Simnel?

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