Bekannte und unbekannte Historien von Rübezahl [32]

32. Rübezahl dankets einem, der ihn durch die Hintertür zu Gaste ladet.

Einsmals auf dem Naumburger Markte reisen etliche vornehme Kaufleute und haben ihre Söhne, welche zu Leipzig studieren sollten, bei sich; reisen auf Schmiedeberg zu, zu ihren Freunden, lassen auch Hirschbergische Kaufleute nebenst ihren Söhnen, welche auch nach Leipzig zu studieren gezogen, holen und gehen miteinander auf das Gebürge; bleiben über Nacht droben, haben ihre kalte Küche wie auch Bier und Weine mit, welche sie mit sich hinauftragen lassen; nehmen auch Jungfern mit sich, sein lustig und guter Dinge, gedenken des Geistes nicht. Wie sie aber den anderen Tag mit schönem hellen Wetter wieder zurückkommen und unter dem Berge sind, ist ein guter Freund, ein kurzweiliger Mensch, mit ihnen; der ziehet seine Hosen hinab und weiset salv. Hon. den Hindersten hinauf, sagende: Rübenzahl, Rübenzahl, man sagt viel von dir, du könntest Wetter machen; hast du ein Herz, so tue es, oder ich halte dich für ein Hundsfutte und rechten Bärenhäuter. Ehe er das Wort ausredet, da es so schön helle gewesen, so kommt ein Wetter, daß sie nicht anders meinen, der Jüngste Tag käme; sind alle miteinander, Manns- und Weibspersonen, durch und durch naß worden und haben ein gutes Treugetuch zu Hause gesucht.

Johannes Praetorius (1630-1680)

Bekannte und unbekannte Historien von Rübezahl [31]

31. Rübezahl ladet einen durch die Afterpforte zur Gasterei.

Einsmals ist ein guter Mann mit einem andern, welcher in der Nähe gewohnet, spazieren gegangen in gar heimlichem Wetter; der bittet seinen guten Freund, ob er ihm nicht könnte Rübezahlen weisen, er möchte ihn gerne sehen. Sie gehn ein wenig fort, so sehen sie einen Baum mit einer Zwiesel, inmitten der Zwiesel steht er und weiset ihnen reverenter den Hindersten, und machet ihnen ein Wetter und solche Kälte, daß er umb Gottes willen gebeten, er sollte ihn wieder zurückbringen, er müßte sonst erfrieren.

Johannes Praetorius (1630-1680)

Bekannte und unbekannte Historien von Rübezahl [30]

30. Rübezahl ziehet auf wie ein großer Prinz.

Es sollen einsmals etliche geistliche Personen mit Fleiß und denselben Fürsatz auf das Gebürge gegangen sein, damit sie den Rübezahl sehen möchten; gedachten derenthalben seiner in allen Ehren auf dem Berge. Drauf erhebet sich ein sonderlicher Tumult, weil die Straßen nicht weit oder ferne von seiner Wohnung ist, von vielen Reutern wie Karreten und vielen reisigen Gezeuge, als wie eine ziemliche wohlbestallte Hofstadt hinter sie herkäme, dabei ein Grafe oder Fürste wäre. Wie dieser Aufzug immer näher und näher zu diesen Geistlichen kam und ihnen endlich zur Seiten geriet, da haben sie sich gedemütiget und tief niedergebogen, in Meinung, es sei ein großer Potentat. Aber nachdem dieses Gesichte vorbei gewesen, da soll sich ein großes Gelächter angehoben han. Draus die Pfarrherren geschlossen und vermerket, daß sie betrogen gewesen, und dennoch nunmehr recht sagen könnten, daß sie den Rübezahl gesehen. Doch gnug.

Johannes Praetorius (1630-1680)

Bekannte und unbekannte Historien von Rübezahl [29]

29. Rübezahl erlöset einen Schuhknecht aus dem Galgen.

Es erzählte mir unlängst ein guter Freund aus Breslau, daß ein klein Städtlein etwa zwo Meilen vom Riesengebürge gelegen sei, daselbsten soll sich ein Schuhknecht bei seinem Meister aufgehalten haben, der in Gewohnheit gehabt, gar ofte nach dem Gebürge hin zu spazieren, wenn er mit seiner Gesellschaft einen guten Montag gemacht gehabt.

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Bekannte und unbekannte Historien von Rübezahl [28]

28. Rübezahl verwandelt sich in einen Botenspieß.

Es soll einsmals ein Bote den Rübezahl geschabernacket haben, welcher sich auf solche Art gerächet und seine Scharte ausgewetzet hat. Nämlich, wie dieser Bote auf dem Gebürge in eine Herberge eingekehret gewesen und sein Spieß hinter die Türe gesetzet gehabt, siehe, da soll der schnakische Geist denselbigen Spieß weg partieret und sich in ein gleiches verwandelt und dargestellet haben.

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Bekannte und unbekannte Historien von Rübezahl [27]

27. Rübezahl nimmt eine Gestalt etlicher Flegel an.

Es hatte vor etlichen Jahren ein unbescheidener Bauer auf den Rübezahl vielmal geschmälet, solchen bezahlte der beleidigte Geist auf folgende Art. Nämlich, wenn der Bauer mit seiner Drescherbursche in die Scheuren gegangen war, das Korn auszuschlagen, da konnte keiner die Flegelklöppel oder Bolzen niederschlagen, sondern sie blieben allzeit in der Höhe und schrieen Hundsfutt. Drüber einer den andern ansahe, und vermeineten, es täte ihnen einer unter ihnen diesen Schabernack; liefen bald zusammen, schmissen und prügelten sich erbärmlich ab, daß sie mehr Blutstropfen aus dem Leibe als Körnlein aus dem Strohe brachten. Immittelst schriee der Rübezahl noch immerfort sein Hundsfutt, und fing in Gestalt der Dreschflegel auf die Bauren loszuprügeln, daß sie wie die närrischen Ochsen aus der Scheuren liefen und froh waren, daß sie nur von den Flegeln erlöset worden: da sonsten im Widerspiele die Flegel lustig sein und triumphieren, daß sie aus ihrer Tribulierer Fäuste entrinnen.

Johannes Praetorius (1630-1680)

Bekannte und unbekannte Historien von Rübezahl [26]

26. Rübezahl bildet einem Eselsohren ein.

Vor eilf Jahren soll ein Häscher aus Schmiedeberg dem Rübezahl verunglimpfet und ihn übel nachgeredet haben. Drauf soll es sich erzeiget han, daß der Galgenschwengel einmal aufs Gebürge gekommen, da ihn der Rübezahl ertappet und seine unnütze Schnauze also eingetrieben hat. Nämlich er soll ihn gefraget haben, ob er von Rübezahl nicht was gehöret hätte; drauf soll der Rübezahl den eilfertigen gribhominem bei der Kartause gekriegt haben, sagende: Halt Bruder, hastu keine Ohren? ich will dir ein paar Horchlöcher machen, daß du es dein Lebtage nicht vergessen sollst.

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Bekannte und unbekannte Historien von Rübezahl [25]

25. Rübezahl macht einer Magd einen Ziegenbart.

Vor wenig Jahren hat eine Magd hart am Berge gegraset, so etwan aus dem nächsten Dorfe gewesen. Indeme sie auf der Wiese ihres Tuns abwartet und das Gras herunter sichelt, so singet sie darzwischen allerhand possierliche Liederlichen vom Rübezahl (ei, ei, wer dieselben auch hätte, der könnte hören, wie sie klingen.

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Bekannte und unbekannte Historien von Rübezahl [24]

24. Rübezahl setzet einem eine lange Nase an.

Im nächsten Dorfe am Gebürge soll vor diesem ein Bauerhache oder Pferdelümmel vielmal auf den Rübezahl geschmälet haben, daß er ihn einmal verführet und auf den Irrweg gebracht gehabt. Über dieses Gefluche soll auf eine Zeit der ungedultige Geist zumaße gekommen sein und den unbescheidenen Rülpsen gefraget haben, ob er denn sein Lebelang nicht mehr zu Rübezahlen zu kommen gedächte: als der sich vielleicht noch weiter rächen würde, dieweil er auf ihn so stänkerte und lästerte? Drauf soll der Ochse gesaget haben: Was schier ich mich umb den Rübezahl; er soll lange warten, ehe er mich wieder habhaft werde oder ich zu ihm nahe. Drauf hat der Rübezahl zur Antwort gegeben: Wie, wenn er denn einmal zu dir käme und deinen Lohn mitbrächte? Und hiemit hat er ihn (den Knecht) an sein Dampfhorn oder des Kopfs Feuermäuer gegriffen und wacker gezerret, bis er einen hübschen großen Nasenpöpel, einer halben Ellen lang, heraus gebrocket und den Flegel damit umb seine Brotfutze geschmieret gehabt, und endlich hiemit verschwunden. Dem Knechte aber soll hernach allezeit gedauchet haben, daß er wahrhaftig so eine lange Nase hätte, daß er drüber fallen möchte, wenn er sie nicht aufhübe.

Johannes Praetorius (1630-1680)

Bekannte und unbekannte Historien von Rübezahl [23]

23. Rübezahl strafet seinen Lästerer.

Man erzählete mir auch, wie einer mit Namen Michael Hehrhold, der noch itzund am Leben ist und zu Bautzen sich aufhält (welcher auch allhier aus Leipzig seine Frau geheiratet hat etc.), vor Jahren mit andern Burschen aus Schmiedeberg auf dem Gebürge gewesen sei, sich droben lustig gemachet und guter Dinge gewesen, teils weils die Compagni so mit sich gebracht, teils auch, weil das schöne und beständige Wetter nichts anders hat wollen zulassen: drüber obgedachter benannter kurzweiliger Mann so nichtig und verwegen geworden, daß, wie er nunmehr vom Berge ohne Anfechtung herunter gewesen und schier zu Kirsdorf mit den Seinen angelanget, er in diese Worte herausgebrochen: Nun, du Rübezahl, ich habe mein Lebtage viel von dir gehöret, daß du treffliche Possen könnest machen, aber ich habe es noch allbereit von dir nicht erleben können, daß ich auch etwas von dir gesehen hätte; darumb schere dich heraus, du Schelm, du Dieb, du Hundsfutt, und lecke mich hie im Arsche! Drüber er denn seine Hosen vom Fetzer heruntergezogen und den bloßen Hindern zum Berge hinauf geweiset. Aber höre, wie es ihme belohnet wird: kaum hatte er seine Hosen wieder mögen hinaufziehen, da war ein ungeheures Wetter erfolget, mit solchem Donner, Blitzen, Krachen und Platzregen, daß sie nicht anders gedacht haben, es würde der Jüngste Tag kommen; ja, er soll noch Gott mit den übrigen gedanket haben, daß sie dem Ungewitter lebendig entronnen sein und in eine Beherbergung geraten. Das heißet, man soll den Hänger nicht an die Wand malen, er kömmt wohl selber. O, wie vielen hat der Luftfürste also abgegeben, die ihn geäffet haben! Denn niemand ist ungerochen sonderlich davon gekommen, der ihn in seiner Nähe, bei und auf seiner Klause, beschimpfet hat: wie solches häufige Ausgänge gnugsam bezeugen. Doch gnug.

Johannes Praetorius (1630-1680)