Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | Meerkönigs Töchterlein

Meerkönigs Töchterlein

Das Meer reicht von einem Weltteil zum anderen. Es ist die Straße von Norden nach Süden und von Osten nach Westen. Wenn es an stillen Abenden ruhig und majestätisch daliegt, und die Sonne beleuchtet es mit ihren untergehenden Strahlen, dann ist es anzuschauen wie ein großer mächtiger Spiegel, dessen Rahmen die verschiedenen Küstenländer sind und in dessen Glanz sich der Himmel, nebst Sonne, Mond und Sternen spiegelt. Es ist auch der stärkste Riese, der mit Leichtigkeit auf seinem Rücken die größten Lasten trägt, und wenn er böse wird, nimmt er die gewaltigsten Schiffe in die hohle Hand und zerdrückt sie.

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Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | The man of war

The man of war

[Wörtliche Übersetzung »Mann des Krieges«, Krieger, nach dem heutigen Sprachgebrauch Angehöriger der Kriegsmarine.]

Fern von allen freundlichen Küsten, mitten im Ozean schwamm ein kleines Boot, worin niemand sich befand als ein alter Mann, dessen Haar sich schon weiß färbte, und ein blondgelockter Knabe von höchstens zehn Jahren. In diesem Fahrzeug, das dem gewaltigen Gewässer nur in einer so ruhigen Sommernacht Trotz zu bieten vermochte, befand sich außer den beiden Menschen und den schwachen Rudern nichts als ein kleines Fäßchen mit einem geringen Vorrat an süßem Wasser und einige wenige Zwiebacke. Das Boot gehörte zu einem Schiff, das mitten im Ozean verbrannt und von dem nichts gerettet worden war als dies kleine Fahrzeug, in das sich der Schiffsherr mit seinem Enkel geflüchtet hatte, die allein dem schrecklichen Wasser- und Feuertod glücklich entgangen waren.

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Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | Der fliegende Fisch

Der fliegende Fisch

Ehe noch die Sucht nach unmäßigem Gewinn die Europäer antrieb, die Länder jenseits des Ozeans zu durchforschen, war jener Himmelsstrich – gleich wie einst der leben- und liebeglühende Orient – von Geschöpfen ganz anderer Art bewohnt. Versunken ist das schöne Inselreich jener früheren Tage und die Großen und Kleinen Antillen sind die Überreste jener wundervollen Unschuldswelt. Südlich von diesen [Also im Norden Südamerikas.] lag früher ein großes, blühendes Königreich, dessen Beherrscher nicht nur ein frommer, sondern auch ein weiser König war. Er war der Sohn eines großen Zauberers und einer schönen Fee, und als seine Eltern, durch eine höhere Macht besiegt, diese Gegend verließen, erschufen sie für ihren Liebling dieses gepriesene Reich. Sorgfältig forschte der weise König – denn die Wissenschaft seines Vaters und seiner Mutter war ihm keine fremde geblieben – nach dem Schicksal, das ihm und seinen Untertanen bevorstehe, und stets kehrte er mit heiterem Angesicht aus dem Innern seines Palastes zurück, denn nimmer trübte sich die hellglänzende Tafel, auf welche eine unsichtbare Hand den Orakelspruch niederschrieb.

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Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | Fata Morgana

Fata Morgana

Die Offiziere des Schiffes standen mit ernsten Gesichtern auf dem Quarterdeck. Vor ihnen der Kapitän mit der Miene des Zorns. Die Mannschaft reihte sich um den großen Mast, bleich, mit klopfendem Herzen und verhaltenem Atem.

Die Stunde des Gerichts hatte geschlagen.

Vor dem Kapitän lag ein junger Seemann auf den Knien und hielt die Hände flehend empor. Feierlich beteuerte er seine Unschuld, aber der Kapitän schüttelte ungläubig das Haupt.

»Du bist ein Sohn Uli Maströms, des Finnen, der den Wind beschwören und Verderben über das Schiff bringen kann, zwischen dessen Planken er weilt. Du hast die verfluchte Kunst deines Vaters geerbt –.«

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Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | Der Schiffbrüchige

Der Schiffbrüchige

Auf einer schroffen, kaum zugänglichen Klippe stand ein Mann. Er zitterte vor Frost und Hunger. Vor ihm, um ihn brandete das Meer, in weiter Ferne lag die schneebedeckte Küste von Norwegen.

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Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | Die Rose von Seeland

Die Rose von Seeland

Die Wogen des baltischen MeeresDie Ostsee.stürmten an SeelandsHauptinsel Dänemarks.grünenden Ufern vorüber.

Wenn um die frühe Morgenstunde der erste Sonnenstrahl auf den bewegten Wellen zittert, dann blitzt es auf wie Perlen und Diamanten, eine leuchtende Purpurröte bedeckt die wallende Fläche; die hüpfenden Wellen scheinen einen Blätterkranz zu bilden, aus dessen Mitte seltsame Zauberblumen hervorsprießen.

Der Fischer steht mit übereinandergeschlagenen Armen an der Küste; er beschaut sinnend das herrliche Naturspiel und murmelt vor sich hin: »Das ist die Rose von Seeland.«

Die Rose von Seeland war ein junges Mägdlein, die Tochter eines Fischers. Sie ist schon längst verstorben, aber noch immer lebt ihr Andenken im Munde des Volkes. Der Küstenbewohner jener stolzen Insel ist nicht unempfindlich für die Reize der Jugend und Schönheit; er preist, er bewundert sie, wenn er ihnen begegnet; aber im stillen setzt er hinzu: »Es ist doch nicht die Rose von Seeland!«

Rose war noch nicht ganz sechzehn Jahre alt; leicht und zierlich gebaut wie eine Nymphe, in ihrem Kopf zwei blaue Augen, feuchtschimmernd wie zwei hellglänzende Seesterne, eine vollkommene Tochter des Meeres. Des Vaters Auge ruhte voll unaussprechlicher Wonne auf ihr, die Blicke der Liebhaber folgten ihr mit Entzücken. Wer einmal einen recht frohen Tag haben wollte, der klopfte an ihre Hütte und sagte: »Schöne Rose, lächle mir zu!« Das tat sie und kein Mißgeschick rief im Lauf des Tages eine Wolke auf seine Stirn. Wer eine große Herzensqual erduldete, der trat ihr in den Weg und sprach: »Schöne Rose, sieh mich an!« – dann richtete sie einen Blick des unnennbaren Mitleids auf den Unglücklichen, und alsbald versiegten seine Tränen.

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Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | Der Geister-Lotse

Der Geister-Lotse

Wild brauste das Meer.

Der pfeifende Nordweststurm trieb die schäumenden Wogen vor sich her und kaum hatten sie das zischende Haupt erhoben, so schleuderte er sie wieder in den Abgrund zurück.

Inmitten der aufgeregten Fluten schwankte eine Brigantine auf und nieder. Verheerend hatte der Sturm an Bord gewütet, die Segel waren zerrissen, die Stangen zersplittert. Weit von seinem gewöhnlichen Kurs verschlagen, trieb das Fahrzeug fast wrackmäßig zwischen Himmel und Erde: selbst die sicherste Hand wußte nicht das zerbrochene Steuer zu regieren.

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Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | Die frommen Schläfer

Die frommen Schläfer

Paul war ein munterer Bursche und von Jugend auf mit dem Meer vertraut. Wenn es glatt wie ein Spiegel vor ihm lag, schaute er träumend darüber; wenn der Sturm die aufgeregten Wellen peitschte, steuerte er mutig in den Schwall hinein. Von einer langen Reihe von Seefahrern abstammend, hatte er selbst die Matrosenjacke angezogen und war an Bord eines Schiffes gegangen, das nach Indien bestimmt war.

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Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | Die fliehende Insel

Die fliehende Insel

Das Schiff steuerte auf der glatten Fläche des Ozeans unter den südlichen BreitenZur Ortsangabe ist der Globus eingeteilt in Längengrade (ost-westlich) und Breitengrade (nördlich und südlich des Äquators). »Südliche Breiten(grade)« bedeuten also einen Ort südlich des Äquators., fern von jeder Küste. Ganz außer allem Kurse liegend, irrte es umher in der unendlichen Wasserwüste. Die Mannschaft ging ernst und gottergeben nebeneinander hin, dem Augenblick mit Entsetzen entgegensehend, der ihnen das Ende der Vorräte ankündigen würde.

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Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | Die Sturmvögel

Die Sturmvögel

Unfern von Norwegens felsiger Küste, dort, wo die Schiffer den Hafen von Bergen ansegeln, liegt mitten im Meer ein Felsen, der hoch aus der Flut emporragt. Er ist bekannt unter dem Namen Vogelklippe.

Zeit und Wellenschlag rissen ein Stück nach dem andern von ihm ab. Früher starrte er den Schiffer als ein furchtbares Schreckbild an, denn die alten Sagen meldeten, daß es hinter jenen Felswänden nicht geheuer sei, und ein böser Dämon dort sein Wesen treibe. Noch hat sich die Sage von der alten Mutter Cary und ihren Küchlein im Munde des Volkes erhalten, und der treuherzige Fischer erzählt dem horchenden Fremden folgendes:

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