Ich sah den Wald sich färben

Ich sah den Wald sich färben,
die Luft war grau und stumm;
mir war betrübt zum Sterben,
und wusst‘ es kaum, warum.
Durchs Feld vom Herbstgestäude
her trieb das dürre Laub;
da dacht‘ ich: deine Freude
ward so des Windes Raub.
Dein Lenz, der blütenvolle,
dein reicher Sommer schwand;
an die gefrorne Scholle
bist du nun festgebannt.
Da plötzlich floss ein klares
Getön in Lüften hoch;
ein Wandervogel war es,
der nach dem Süden zog.
Ach, wie der Schlag der Schwingen,
das Lied ins Ohr mir kam,
fühlt‘ ich’s wie Trost mir dringen
zum Herzen wundersam.
Es mahnt aus heller Kehle
mich ja der flücht’ge Gast:
Vergiss, o Menschenseele,
nicht, dass du Flügel hast!

Emanuel Geibel (1815-1884)

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (20)

20. Das Paradies der Tiere

Hoch droben auf dem Matterberge ist eine Stelle, die aber keiner oder doch gar selten einer finden kann, die hat der laufende Jud nicht mit verwünschen können, weil sie von Gott gefeit ist vom Anbeginne: da ist kein Schnee und kein Eis, da ist Sonne und Freude, Wonne und Weide, da quillt erst eigentlich mit leisem Gewisper die Visper hervor, die später erst unter dem Alp-Gletscher zutage rinnt, dort ist das Paradies der Tiere. Da gibt es herrliche Steinböcke und Gemsen, Adler und Geier, Schneehühner und Birkhähne, auch Murmeltiere, und keines beleidigt das andere, alle leben da friedlich beisammen. Nur alle dreimal sieben Jahre darf und kann ein Menschenauge in dieses Bergparadies der Alpentierwelt blicken, wo es so wonnevoll und schön ist, alles voll Alpenrosen und Gentianen, und von zwanzig Gemsenjägern glückt das auch kaum einem einzigen. Da stehen uralte Pinienbäume und Ahorne, und die Pinien tragen Zapfen, deren Kern süß schmeckt, wie Mandeln, das sind die Zirbelnüsse. Wem es glückt, in das Paradies der Tiere zu treten, der darf wohl von den Zirbelnüssen nehmen und kosten, aber nimmermehr ein Tier fangen oder töten, sonst kostet’s ihm das Leben. Viele haben in die uralten heiligen Platanenstämme zum Zeichen ihres Alldagewesenseins ihre Namen geschnitten. Außerdem sieht man selten noch einen Steinbock und selten eine Pinie, und die stehen hoch und schwer erreichbar. Denn es geht die Sage, daß es zwar deren viele und überall gegeben habe, da habe aber die Dienerschaft immer gern die Nüsse genascht und darüber und mit Auskernen vielgute Zeit hingebracht und versäumt, da habe die Meisterschaft diese Bäume verwünscht, und nun seien sie unfruchtbar geworden oder unzugänglich.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Ich kann´s nicht lassen: Lauschen! | Heute: Kindermund

für die einen ist es hühnchen, für die anderen die größte spinne der welt…

Kronberg, Kita.

Mittagessen. Auf einer Platte liegen sechs Hähnchenschenkel…

Ein 3-jähriger Junge fragt die Erzieherin: “Was ist das für Fleisch?”
Erzieherin: “Huhn.”
Junge: “Und wo ist der Kopf? Und warum hat es so viele Beine?”

belauscht von Franka

waass war noch mal die frage?

Dortmund, Markgrafenstraße. Im Bus, Linie 452.

Eine Mutter mit ihrem ca. 4-jährigen Sohn sitzt mir gegenüber.

Mutter: “Nein, Yannis, die Straße kannst du hier nicht sehen, weil die unter dem Bus ist und der Bus nicht durchsichtig ist.”
Kind (schreit): “WAAAAAAAS?”
Mutter: “Das heißt wie bitte.”
Kind: “WIE BITTE??? WAAAAAAAAS?”

belauscht von Retro64

love, peace and sachertorte

Mauern. Zuhause auf dem Balkon.

Meine 9-jährige Tochter schmökert in der Zeitschrift “Stern” und lacht plötzlich lauthals auf. Sie zeigt mir einen Bilderwitz, darauf sieht man ein Grüppchen sich prügelnder Hooligans, daneben eine Art Löschfahrzeug mit der Aufschrift “Östrogene”, welches die Hooligans nassspritzt. Im nächsten Bild sieht man die Hooligans friedlich Hand in Hand abmarschieren.

Ich: “Weißt Du denn, was Östrogene sind?”
Tochter: “Ja, Drogen aus Österreich – Geruch von Wiener Schnitzel, Sachertorte und so…”

belauscht von Feli

blut ist dünner als laster

Winnenden, in einem Drogeriemarkt.

Eine ältere Dame schlendert mit ihren kleinen Enkelkindern durch die Spielwarenabteilung.
Der kleine Junge (ca. 4) kommt mit einem großen Paket angerannt, in dem ein Spielzeug-LKW eingepackt ist.

Junge: “OMA ICH WILL DAS!”
Oma: “Nein, das ist zu groß, ich hab gesagt ihr dürft euch was Kleines aussuchen.”

Der Junge quengelt noch eine Minute weiter, doch Oma lässt sich nicht erweichen. Plötzlich wendet sich der Junge eiskalt ab.

Junge: “Na gut, du dumme alte Frau!”

belauscht von NiniBini

ewige liebe bis… übermorgen

Weißenburg in Bayern.

In der Innenstadt. Ein Junge und ein Mädchen (ca. 10-12 Jahre alt) turteln miteinander. Der Junge macht dem Mädchen das Geständnis, dass er sie liebt…

Sie: “Wie lange wirst du mich dann lieben?”
Er: “Ich lieb dich für immer!”
Sie: “Und wie lange ist für immer?”
Er: “Bis die Nächste kommt.”

belauscht von Fabienné

von bienen und menschen

Wittenberg.

Ich besuche mit meinem Freund den Stadtwald in Wittenberg. Dort fängt er an, mit einem Stock in einem Bienennest herumzustochern. Das Ergebnis: die Bienen stürzen sich auf ihn und er rennt davon. Ein kleines Mädchen (4) mit seiner Mutter beobachtet uns.

Mädchen: “Guck mal Mama! Die machen Honig aus ihm!”

belauscht von Paula

Die Schildbürger, oder: Das Lallen- und Narrenbuch. | Zweites Kapitel

Zweites Kapitel
Von der großen Weisheit und dem hohen Anstande der Schildbürger, als Ursachen, warum sie von Fürsten und Herren viel von Haus abgefordert und beschickt wurden und dadurch zu Haus in Schaden geriethen.

Daraus nun, daß der erste Schildbürger ein sehr hochverständiger und weiser Mann war, läßt sich leicht erklären, daß er seine Kinder nicht wie das unverständige Vieh, welches keinen Herrn hat, habe herum laufen lassen, oder (wie häufig geschieht) ihre Sorge und Pflege der Mutter überließ, sondern er ist ohne Zweifel ein strenger Vater gewesen, der ihnen nichts Böses übersehen hat, die Sorge über sie, – weil er wohl wußte, wie die Mütter ihre Kinder verwahrlosen – selbst getragen und sie zu allem Guten angewiesen, gelehrt und geführt hat.

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Irische Elfenmärchen | Der Cluricaun (14)

14. Herr und Diener

(Siehe auch die Anmerkungen)

Wilhelm Mac Daniel war ein so artiger junger Bursch, als je einer in einer Tanzgesellschaft seine Sprünge machte, eine Kanne leerte oder den Stock, den er unter dem Rock trug, handhabte. Weiterlesen „Irische Elfenmärchen | Der Cluricaun (14)“

Zur Blauen Stunde | Im Abendpurpur.

Dank Dir, Abend, Dank für Dein Geleiten! 
Kronreif webst Du meinen Locken hin 
Pupurwogen mein Gewand umgleiten . . . 
Und nun kann ich wie ein König schreiten 
Hin zu Dir, Du meine Königin.

Was ich blicke ist mein Gut und Eigen, 
Breiter Bäche helles Glitzergold, 
Edelsteine, die sich von den Zweigen 
Demantfunkelnd in die Sonne neigen 
Winken mir als reicher Königssold.

Rosen streut der Abend mir zu Füßen. – 
Machtbewußt und hoch schreit ich dahin 
Hin zu Dir. – Und Deine märchensüßen 
Blicke werden mich als König grüßen 
Der ich doch bei Dir nur Bettler bin . . .

Stefan Zweig (1881-1942)

Die Schildbürger, oder: Das Lallen- und Narrenbuch. | Erstes Kapitel

Erstes Kapitel
Von dem Ursprung, Herkommen und Namen der Schildbürger in Misnoxotamia.

Vor vielen Jahrhunderten haben die Alten schon diesen herrlichen Spruch gehabt, welcher auch noch zu unsern Zeiten als giltig anerkannt werden muß, und der also lautet:

So wie die Eltern geartet sind, 
Sind größtentheils auch ihre Kind: 
Sind sie mit Tugenden begabt, 
An Kindern ihr deßgleichen habt. 
Ein guter Baum gibt gute Frucht; 
Der Mutter nach schlägt gern die Zucht. 
Ein gutes Kalb, eine gute Kuh: 
Das Jung thut’s gern dem Vater zu. 
Hat auch der Adler hoch an Muth 
Furchtsame Tauben je gebrut’t? 
Doch merk‘ mich recht, merk‘ mich mit Fleiß, 
Was man nicht wäscht, wird selten weiß.

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