H.C. Andersen | Die Dryade

Die Dryade

Wir reisen zur Pariser Ausstellung:

Jetzt sind wir da! Das war ein Flug, eine Fahrt, ganz ohne Zauberei; wir fahren mit Dampf auf der Landstraße dahin.

Unsere Zeit ist die Zeit des Märchens.

Wir sind mitten in Paris in einem großen Hotel. Blumen schmücken die Treppen bis oben hinaus, über die Stufen sind weiche Teppiche gebreitet.

Unser Zimmer ist gemütlich. Die Balkontür nach einem großen Platz hinaus steht offen. Da untern wohnt der Frühling, er ist nach Paris gefahren und zur selben Zeit eingetroffen wie wir, er kam in Gestalt eines großen jungen Kastanienbaumes mit eben ausgeschlagenen feinen Blättern; wie ist er in Lenzschönheit gekleidet vor allen andern Bäumen auf dem Platz! Einer von ihnen ist ganz ausgetreten aus der Zahl der lebenden Bäume und liegt, mit den Wurzel ausgerissen, an die Erde geworfen, da. Wo er gestanden hat, soll jetzt der frische Kastanienbaum gepflanzt werden und wachsen.

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Paul Heyse | Neue Märchen | Die gute Frau

Die gute Frau

(1898)

Eines Morgens war der Teufel in sehr schlechter Laune aufgewacht. Sein Gesinde mußte es entgelten, da er bei dem gewohnten frühen Rundgang durch das finstere Reich noch strenger als sonst jede Nachlässigkeit im Dienst ahndete, so daß sich die verwegensten Höllengeister zitternd zusammenduckten, wenn nur ein Blitz aus den rothen Augen ihres Herrn und Meisters auf sie hinfuhr.

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William Russell | Die Seekönigin [ 3/27 ]

Drittes Kapitel.
Die Tynemündung im Sturm

Zuguterletzt machte mein Vater aber eine Erfahrung, die ihn endlich zu einem Entschlusse brachte, obgleich sie ihn wohl kaum beeinflußt hätte, wäre er nicht schon ohnehin geneigt gewesen, die See zu verlassen.

Er hatte das Kommando über eine Brigg übernommen, deren Mitreeder er war und die mit Kohlen nach Calais gehen sollte. Meine Mutter erhielt von ihm einen Brief, der von jenem Hafen aus datiert war, und in dem er uns sagte, wir könnten ihn an dem und dem Mittwoch erwarten. Natürlich wußten wir, daß sein pünktliches Eintreffen vom Wetter abhing, aber gewöhnlich war er sehr zuverlässig in seinen Berechnungen und irrte sich selten um mehr als einen oder zwei Tage, wenn er kurze Küstenreisen machte.

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H.C. Andersen | Was die Distel erlebte

Was die Distel erlebte

Zu dem reichen Herrensitz gehörte ein schöner, gutgehaltener Garten mit seltenen Bäumen und Blumen; die Gäste auf dem Schloß äußerten ihr Entzücken darüber, die Bewohner der Umgegend, vom Lande wie aus den Städten, kamen an Sonn- und Feiertagen und baten um Erlaubnis, den Garten zu sehen, ja, ganze Schulen fanden sich zu ähnlichen Besuchen ein.

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Paul Heyse | Neue Märchen | Lilith

Lilith

(1898)

Im dunklen Mittelalter lebte einmal eine Frau, die hatte, da der Vater ihres Kindes sie hülflos verlassen, einen so großen Haß auf alle Menschen, insonderheit die Männer, geworfen, daß sie einen Pact mit dem Gottseibeiuns schloß, um sich von ihm in aller schwarzen Magie und Hexenkunst unterrichten zu lassen.

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William Russell | Die Seekönigin [ 2/27 ]

Zweites Kapitel.
Kindheit

Unbeschreiblich ist der Reiz, den unser altes Wohnzimmer in meiner Kindheit für mich hatte. Es war mir streng verboten worden, irgend etwas anzufassen; doch wurde ich nie müde, mir die ›Kuriosa‹, wie mein Vater sie nannte, anzusehen, was wohl zur Genüge beweist, wie groß ihre Anziehungskraft für mich war. Denn welches Kind mag lange beschauen, was es nicht anfassen darf? All diese Sachen riefen in mir kindliche, harmlose Gedanken wach. Meines Vaters Gespräche, wenn er daheim war, die Geschichten, die mir meine Mutter von seinen Reisen erzählte, und die Wunder der tiefen See kamen mir bei meinen Gedankenbildern zu Hilfe oder bildeten vielmehr das Fundament derselben. Meine frühesten Erinnerungen sagen mir, daß ich die Speere und den Schild über dem ovalen Spiegel nie ansehen konnte, ohne an unermeßliche blaue Wasserflächen und an grüne, schimmernde Inseln zu denken, die wie in einem Bette flüssigen Glases ruhten. Ich sah im Geiste dunkle Gestalten durch die schneeweiße Brandung schwimmen oder auf dem goldgelben Sande dahinlaufen; die Luft war mit dem Dufte der Orangen- und Limonenbäume erfüllt und die würzigen Haine verbreiteten einen berauschenden Geruch. Die chinesischen Elfenbeinschnitzereien ließen mich von Elefanten und grünen sonnenschirmähnlichen Palmen und seltsam geformten Tempeln träumen, deren Inneres von Edelsteinen glänzte. Wahrhaftig, im Herzen war ich schon wanderlustig, als ich noch nicht alt genug war, meine Hafergrütze allein zu essen, und ich schwärmte für Seeleute und Schiffe und flog im Geiste wie ein Vogel über den Spiegel des Ozeans, noch ehe meine Zunge die Worte korrekt aussprechen konnte.

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H.C. Andersen | Das stumme Buch

Das stumme Buch

An der Landstraße im Walde lag ein einsamer Bauernhof. Man mußte mitten durch den Hofraum hindurch. Da schien die Sonne, alle Fenster standen offen. Leben und Emsigkeit herrschte innen. Aber im Hofe, in einer Laube aus blühendem Flieder, stand ein offener Sarg. Der Tote war hier hinausgesetzt worden, denn am Vormittag sollte er begraben werden. Niemand stand und blickte voll Trauer auf den Toten, niemand weinte um ihn. Sein Gesicht war von einem weißen Tuche bedeckt und unter seinem Kopfe lag ein großes dickes Buch, dessen Blätter jedes ein ganzer Bogen aus grauem Papier waren. Und zwischen jedem lagen, verborgen und vergessen, verwelkte Blumen, ein ganzes Herbarium, das an verschiedenen Orten zusammengesucht war. Das sollte mit ins Grab, das hatte er selbst verlangt. An jede Blume knüpfte sich ein Kapitel seines Lebens.

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William Russell | Die Seekönigin [ 1/27 ]

Erstes Kapitel.
Mein Geburtsort Newcastle am Tyne

Ich bin nicht nur eines Seemanns Tochter, sondern kann sogar behaupten, daß ich unter Seeleuten geboren wurde und zwar mit demselben Rechte, als ob ich an Bord eines Schiffes das Licht der Welt erblickt hätte. An dem betreffenden Abende nämlich befand sich gerade eine ganze Gesellschaft von Kapitänen und Steuerleuten im Wohnzimmer unseres Hauses. Wie meine Mutter oft erzählte, war das Zimmer so voll Tabaksqualm, daß die Gestalten der Gäste nur in schattenhaften Umrissen sichtbar waren, als der Arzt hineintrat, um meinem Vater die Nachricht von meiner Ankunft zu überbringen. Als er ihn nach längerem Suchen entdeckt zu haben glaubte, klopfte er ihm auf die Schulter und sagte: »Kapitän, ein kleines Sorgenbündel ist eben für Sie angekommen, ein niedliches kleines Mädchen. Soviel ich sehen kann, verspricht sie Ihnen ähnlich zu werden.« Dann erst bemerkte er, daß er sich an den Unrechten gewandt hatte.

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Paul Heyse | Neue Märchen | Der Jungbrunnen

Buchschmuck

Der Jungbrunnen

(1898)

Es waren einmal zwei alte Eheleute, Jörgel und Hanne, die hatten vierzig Jahre in Liebe und Treue mit einander gelebt und, soweit die Unvollkommenheit alles Irdischen es zuließ, vollauf Grund gehabt, mit ihrem Loose zufrieden zu sein.

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H.C. Andersen | Das Bronzeschwein

Das Bronzeschwein

Das Original der Bronze im Museo Bardini

In der Stadt Florenz, nicht weit von der Piazza del Granduca, liegt eine kleine Querstraße, ich glaube, man nennt sie Porta rossa. In dieser, vor einer Art Grünkramladen, befindet sich ein kunstreich und sorgfältig gearbeitetes Bronzeschwein. Ein frisches, klares Wässerlein rieselt aus dem Maul des Tieres, das vor Alter ganz schwarzgrün aussieht. Nur der Rüssel glänzt, als ob er blankpoliert sei, und das ist er auch, denn die vielen hundert Kinder und Lazzaroni fassen ihn mit ihren Händen an und setzen ihren Mund an sein Maul, um zu trinken. Es gibt ein hübsches Bild, wenn so ein anmutiger halbnackter Knabe das wohlgeformte Tier umarmt und seinen frischen Mund an dessen Rüssel jetzt.

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