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Hans Christian Andersen Märchen

Hans Christian Andersen | Die Galoschen des Glückes

Die Galoschen des Glückes.

I. Ein Anfang.

In einem Hause in Kopenhagen, nicht weit vom Königsneumarkt, war eine Gesellschaft eingeladen, eine sehr große Gesellschaft, um von den Eingeladenen wieder Einladungen zu erhalten. Die eine Hälfte der Gesellschaft saß schon an den Spieltischen, die andere Hälfte erwartete das Ergebnis; von dem »Was wollen wir denn nun anfangen?« der Wirthin. So weit war man, und die Unterhaltung kam so gut als möglich in Gang. Unter Anderem fiel auch die Rede auf das Mittelalter. Einzelne hielten es für weit hübscher als unsere Zeit, ja der Gerichtsrath Knapp vertheidigte die Meinung so eifrig, daß die Frau vom Hause sogleich auf seine Seite übertrat und Beide eiferten nun gegen Oersted’s Abhandlung im Almanach über alte und neue Zeiten, worin unserm Zeitalter im Wesentlichen der Vorzug gegeben wird. Der Gerichtsrath betrachtete die Zeit des Dänenkönigs Hans1481-1513 als die edelste und glücklichste.

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Märchen

Wilhelm Hauff’s Märchen | Die Geschichte von Kalif Storch

Die Geschichte von Kalif Storch

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I

Der Kalif Chasid zu Bagdad saß einmal an einem schönen Nachmittag

behaglich auf seinem Sofa; er hatte ein wenig geschlafen, denn es war ein heißer Tag, und sah nun nach seinem Schläfchen recht heiter aus. Er rauchte aus einer langen Pfeife von Rosenholz, trank hie und da ein wenig Kaffee, den ihm ein Sklave einschenkte, und strich sich allemal vergnügt den Bart, wenn es ihm geschmeckt hatte. Kurz, man sah dem Kalifen an, daß es ihm recht wohl war. Um diese Stunde konnte man gar gut mit ihm reden, weil er da immer recht mild und leutselig war; deswegen besuchte ihn auch sein Großwesir Mansor alle Tage um diese Zeit. An diesem Nachmittag nun kam er auch, sah aber sehr nachdenklich aus, ganz gegen seine Gewohnheit. Der Kalif tat die Pfeife ein wenig aus dem Mund und sprach: »Warum machst du ein so nachdenkliches Gesicht, Großwesir?«

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Märchen

Wilhelm Hauff’s Märchen | Die Karawane

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Die Karawane

Es zog einmal eine große Karawane durch die Wüste. Auf der ungeheuren Ebene, wo man nichts als Sand und Himmel sieht, hörte man schon in weiter Ferne die Glocken der Kamele und die silbernen Röllchen der Pferde; eine dichte Staubwolke, die ihr vorherging, verkündete ihre Nähe, und wenn ein Luftzug die Wolke teilte, blendeten funkelnde Waffen und hellleuchtende Gewänder das Auge.

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Hans Christian Andersen Märchen

Hans Christian Andersen | Der böse Fürst

Der böse Fürst.

Es war einmal ein böser und übermüthiger Fürst, der nur darauf sann, alle Länder der Erde zu erobern und durch seinen Namen Furcht einzuflößen. Er fuhr umher mit Feuer und Schwert; seine Soldaten zertraten das Korn auf den Feldern, sie zündeten des Bauern Haus an, so daß die Flamme die Blätter von den Bäumen leckte und die Frucht gebraten von den versengten Bäumen herabhing. Manche arme Mutter verbarg sich mit ihrem nackten Säugling hinter den rauchenden Mauern und die Soldaten suchten sie und wenn sie dieselbe und das Kind fanden, so begann ihre teuflische Freude; böse Geister konnten nicht ärger verfahren. Der Fürst aber meinte, es gehe wie es solle. Tag für Tag wuchs seine Macht, sein Name wurde von Allen gefürchtet, und das Glück folgte ihm bei allen seinen Thaten. Von den eroberten Städten führte er große Schätze heim; in seiner Königsstadt wurde ein Reichthum angehäuft, der an keinem andern Orte seines Gleichen fand. Nun ließ er prächtige Schlösser, Kirchen und Hallen bauen, und Jeder, der diese Herrlichkeit erblickte, sagte: »Welch großer Fürst!« Sie gedachten aber nicht der Noth, die er über andere Länder gebracht hatte, sie hörten nicht die Seufzer und den Jammer, der sich von den eingeäscherten Städten erhob.

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Hans Christian Andersen Märchen

Hans Christian Andersen | Die Glocke

Die Glocke

In den engen Straßen der großen Stadt hörte bald der eine, bald der andere am Abend, wenn die Sonne unterging und die Wolken zwischen den Schornsteinen golden aufleuchteten, einen wunderlichen Laut, fast wie der Ton einer Kirchenglocke, aber man hörte ihn nur für einen Augenblick, dann wurde er wieder von dem Geräusch der rasselnden Wagen und des Straßenlärms übertönt. »Nun läutet die Abendglocke.« sagte man, »nun geht die Sonne unter.«

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Hilda Bergmann Märchen

Hilda Bergmann | Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten | Folge 11

Besuch bei der Mondfrau.

Träumgern lag auf der Sommerwiese. Über ihm tanzten die Eintagsfliegen in den letzten, schrägen Sonnenstrahlen. Dann verschwand die Sonne mit einem Blinzeln ihrer freundlichen Augen und der Vollmond, der als blasse Scheibe am Himmel stand, wurde mit jedem Augenblicke goldener und glänzender, bis er wie eine große, runde, gelbe Frucht in der nächtlichen Bläue hing.

»Vollmondnacht,« murmelte Träumgern. »Da kommen die Blumenelfen aus den Kelchen und tanzen. Das will ich mir ansehen.«

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Hilda Bergmann Märchen

Hilda Bergmann | Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten | Folge 10

Als die Sternblume auswanderte.

Die Waldwiese strahlte im Sonnenschein. Hunderte von Blumen hielten ihre Gesichter den goldenen Strahlen entgegen, die Glockenblumen läuteten, die Nelken leuchteten in ihrem freudigen Rot, die Zittergräser tanzten im Winde. Mitten unter dem bunten Allerlei stand eine Sternblume. Ihre weiße Blumenkrone war groß und regelmäßig und wenn die Schmetterlinge vorüberzogen, die Pfauenaugen und die Trauermäntel, die Weißlinge und die Bläulinge, dann hörte die Sternblume sie untereinander in der Schmetterlingssprache sagen. »Seht nur, Kameraden, das ist die allerhübscheste, weiße Sternblume auf der ganzen Wiese.« Auch der Wind schmeichelte ihr und die Hummeln summten ihr Artigkeiten ins Ohr, obwohl das doch sonst garnicht ihre Gewohnheit ist. Und rund um die Sternblume herum blühte und duftete es, freute sich groß und klein und pries jedes Geschöpf in seiner Sprache und nach seiner Art den schönen Tag und die wundervolle Heimat, die Waldwiese. Ja, die kleine Sternblume hätte wahrhaftig alle Ursache gehabt, glücklich und zufrieden zu sein.

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Hilda Bergmann Märchen

Hilda Bergmann | Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten | Folge 9

Der Streit der Elfen.

Jede Blüte hat ihre eigene Elfe. Zart wie ein Hauch, durchsichtig wie Tau und Sonnenschein wohnt sie im Blütenkelch. Sie trägt die Farbe der Blüte, die ihre Heimat ist; sie schaukelt auf den Halmen und Gräsern; sie tanzt in mondklaren Nächten mit den Gefährtinnen den Elfenreigen. Dann zünden die Glühkäferchen ihre grünen Laternchen an und leuchten, die Grillen stellen die Musik bei und die großen Nachtschmetterlinge flattern durch die Luft und geben acht, daß niemand das Fest störe. Eines Tages war aber großer Streit ausgebrochen zwischen den Elfen der Waldwiese und den Elfen der Gartenblumen, ein so großer Streit, daß keine Feste mehr gefeiert wurden, kein Elfentanz stattfand und die Wiese in den klaren Vollmondnächten verödet dalag und schlief.

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Hilda Bergmann | Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten | Folge 8

Peter Hax und sein Gang zum Wurzelweiblein.

Unten im Städtlein wohnte ein kleiner Junge, der trug den seltsamen Namen Peter Hax. Er war ein gutes Kind, hing von Herzen an seinem Mütterlein, das sich recht und schlecht mit Nähen fortbrachte, quälte nie ein Tier, zog Hunde nicht am Schweife, pflückte niemals Blumen, um sie fortzuwerfen, ja wenn er in der Regentonne im Garten unten ein Bienchen zappeln sah, das dem Ertrinken nahe war, dann zog er es mitleidig heraus und setzte es auf eine Blume in der Sonne, damit seine Flügelchen trocken wurden. Darum liebten ihn auch Vögel und Blumen und alle die stummen Geschöpfe draußen in der Natur; die Falter setzten sich ihm zutraulich auf die Hand, die Hummeln summten, ohne ihm etwas zu tun, um seinen Kopf und die Blumen ließen sich gerne pflücken, denn sie wußten, sie bekämen täglich frisches Wasser und ständen in einem bunten Glase auf des Mütterleins Nähtisch.

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Hilda Bergmann Märchen

Hilda Bergmann | Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten | Folge 7

Vom Sandmännchen.

Den ganzen Tag ging es im unterirdischen Reich der Wichtelmännlein so lebhaft zu wie in einem Bienenstocke. Da wurden die glänzenden Gold- und Silberadern aus dem Gestein gepocht, da wurde das edle Erz geschmiedet und gehämmert und zu den kunstvollsten Dingen verarbeitet: zu Krone und Zepter für den Wichtelkönig, zu Spangen und Armreifen für Wichtelinchen, seine Tochter. Nur eines unter den vielen Wichtelleutchen arbeitete nicht mit. Faul und schläfrig ging es, die Hände in den Taschen, unter seinen fleißigen Gefährten umher, dehnte und streckte sich, statt zuzugreifen, und hieß im ganzen Reiche nur das Gähn-Kasperle, weil seine einzige Beschäftigung darin bestand, oft, viel und von ganzem Herzen zu gähnen.