Jonathan Swift | Gulliver’s Reisen | Vierter Theil | Reise in das Land der Hauyhnhnms | [2.Kapitel]

Zweites Kapitel.

Der Verfasser wird von einem Hauyhnhnm in dessen Haus geführt. Beschreibung des Hauses. Aufnahme des Verfassers. Nahrung der Hauyhnhnms. Der Verfasser kömmt in Noth wegen Mangels an Speise, wird aber zuletzt daraus erlöst. Seine Nahrung in diesem Lande.

Als wir ungefähr anderthalb Stunden gegangen waren, kamen wir zu einer Art von Haus, welches aus eingerammten und kreuzweise gelegten Balken bestand. Das Dach war niedrig und mit Stroh bedeckt. Ich faßte somit wieder einigen Muth und zog einiges Spielzeug, welches die Reisenden als Geschenke für Wilde in Amerika und andern Welttheilen mitzubringen pflegen, aus der Tasche, denn ich hoffte, die Bewohner des Hauses würden dadurch bewogen werden, mich freundlich aufzunehmen. Das Pferd gab mir ein Zeichen, zuerst hineinzugehen; es bestand aus einem großen Raume mit einem Lehmboden und mit Trögen und Krippen, welche sich an der Wand hin ausdehnten. Ich sah dort zwei Klepper und zwei Stuten, welche nicht aßen, und wovon Einige zu meinem Erstaunen auf ihren Schenkeln saßen; noch mehr aber wunderte ich mich, als ich sah, wie die übrigen in der Haushaltung beschäftigt waren, obgleich sie nur aus gewöhnlichem Vieh bestanden. Dies bestätigte meine Vermuthung, ein Volk, welches unvernünftige Thiere so sehr zu civilisiren verstehe, müsse nothwendig alle Nationen der Welt an Weisheit übertreffen. Der Braune kam gleich hinter mir drein, und verhinderte dadurch eine schlimme Behandlung, die ich vielleicht von den andern hätte erleiden müssen. Er wieherte mehrere Male im Tone des Befehls und erhielt Antwort.

Ausser diesem Raume befanden sich in dem Hause noch drei andere, die, der Länge des Gebäudes nach, gegen einander über lagen, indem die Thüren sich in gerader Linie vis à vis befanden. Wir gingen durch den zweiten Raum zum dritten. Hier trat der Braune zuerst ein, indem er mir winkte, ihm zu folgen. Ich wartete im zweiten Raume und hielt meine Geschenke für den Herrn und die Herrin des Hauses bereit. Sie bestanden aus zwei Messern, drei Armbändern von falschen Perlen, einem kleinen Spiegel und einem Halsband aus gläsernen Kugeln. Das Pferd wieherte zwei oder dreimal und ich erwartete eine Menschenstimme als Erwiedrung zu hören, vernahm jedoch keine andere Antwort, als in demselben Dialekte und ein paar Töne, die ein wenig heischerer klangen; deßhalb dachte ich, dies Haus gehöre einer Person von Ansehn unter diesem Volke, weil so viele Ceremonien gemacht wurden, bevor ich Zutritt erhielt. Der Umstand, daß ein Mann von Stande durch Pferde bedient würde, lag jedoch außerhalb meiner Begriffe; ich besorgte, mein Gehirn sey durch Unglück und Leiden verwirrt worden; ich faßte Muth und sah mich in dem Raume um, wo ich allein gelassen ward; der Raum war mit denselben Möbeln wie der erste, jedoch bei weitem zierlicher versehen. Ich rieb mir die Augen, allein ich sah stets nur dieselben Gegenstände. Ich kniff mir in die Arme und die Seiten, um mich zu erwecken, denn ich hoffte, Alles sey nur ein Traum. Aus Allem dem schloß ich, der ganze Schein könne nur durch Zauberei und Magie bewirkt seyn. Ich hatte jedoch keine Zeit, in meinen Gedanken fortzufahren; der Braune kam aus der Thüre und gab mir ein Zeichen, ihm in den dritten Raum zu folgen, wo ich eine sehr schöne Stute mit zwei Füllen sah, die mit ihren Hinterfüßen auf künstlich geflochtenen und vollkommen reinen Strohmatten saßen.

Nachdem ich eingetreten war, erhob sich die Stute von ihrem Sitz, trat nahe an mich heran, untersuchte genau mein Gesicht und meine Hände und gab mir einen im höchsten Grade verächtlichen Blick; alsdann wandte sie sich zu dem Hengste, und ich hörte, wie das Wort Yähu zwischen Beiden häufig ausgesprochen wurde. Die Bedeutung desselben konnte ich aber noch nicht verstehen, obgleich es das erste war, dessen Aussprache ich erlernt hatte. Allein bald wurde ich zu meiner ewigen Kränkung darüber unterrichtet. Der Hengst winkte mir mit dem Kopfe und wiederholte mir das hhuun hhunn, wie unterweges, was ich bereits verstand und womit er andeutete, ich solle ihm folgen. Alsdann führte er mich in den Hof, wo ein anderes Gebäude in einiger Entfernung vom Hause stand. Wir traten ein und ich sah drei dieser scheußlichen Kreaturen, welche ich bei meiner Landung zuerst angetroffen hatte; sie nährten sich von Wurzeln und vom Fleische einiger Thiere, wie ich nachher erfuhr von Hunden und Eseln und bisweilen auch von krepirten Kühen. Mit dem Halse waren sie durch starke Weidenruthen an einen Balken festgebunden. Sie hielten ihre Nahrung mit den Vorderpfoten und zerrissen dieselbe mit ihren Zähnen.

Das Herr-Pferd befahl einem fuchsrothen Klepper, welcher sein Diener war, das größte dieser Thiere loszubinden und in den Hof zu bringen. Die Bestie und ich wurden nahe aneinander gestellt und unsere Gesichtszüge sowohl vom Herrn wie vom Diener aufmerksam verglichen, worauf sie Beide das Wort Yähu mehrere Male wiederholten.

Hier kann ich meinen Abscheu und mein Erstaunen nicht beschreiben, als ich in diesem verabscheuungswürdigen Thier eine vollkommene Menschenfigur erblickte. Das Gesicht war zwar flach und breit, die Nase eingedrückt, die Lippen geschwollen und der Mund sehr weit. Diese Verschiedenheiten von unsrer Gesichtsbildung sind aber allen wilden Nationen gemein, welche ihre Kinder auf dem Boden umherkriechen, oder sie auf dem Rücken tragen lassen, so daß die Kinder mit dem Gesicht über den Schultern ihrer Mutter gesäugt werden. Die Vorderpfoten des Yähu waren von meinen Händen nur durch die Länge der Nägel, durch die Rauheit und Bräune der Handflächen und durch die haarige Rückseite verschieden. Dieselbe Aehnlichkeit fand zwischen unsern Füßen statt, wie ich sehr wohl wußte, die Pferde jedoch ahneten dieses nicht, weil ich Schuhe und Strümpfe trug. Dasselbe war an jedem Theile unsers Körpers der Fall, mit Ausnahme der Haare und der Farbe, wie ich schon beschrieben habe.

Die größte Schwierigkeit, welche sich den beiden Pferden zu bieten schien, bestand darin, daß sie meinen Körper von dem des Yähu so sehr verschieden sahen. Dies verdankte ich meinen Kleidern, wovon sie keinen Begriff hatten. Der fuchsrothe Klepper bot mir eine Wurzel, die er nach Art der Hauyhnhnms, welche ich am passenden Orte beschreiben werde, zwischen seinem Huf und dem Fußgelenk hielt; ich nahm dieselbe in meine Hand, roch darauf und gab sie so höflich, wie es mir möglich war, wieder zurück. Alsdann brachte er aus dem Stall der Yähus ein Stück Eselsfleisch; es stank aber so furchtbar, daß ich es mit Ekel zurückwies. Hierauf warf er es dem Yähu zu, der es mit Gier verschlang. Alsdann zeigte er mir ein Bündel Heu und einen Kübel voll Hafer, allein ich schüttelte den Kopf, um anzudeuten, beides sey kein Futter für mich. Auch fürchtete ich schon wirklich den Hungertod, wenn ich kein Individuum meiner Gattung anträfe; denn was die schmutzigen Yähus betraf, so muß ich gestehen, daß ich nie so verabscheuungswürdige Geschöpfe in jeder Hinsicht gesehen habe, obgleich es damals nur Wenige gab, welche in demselben Grade wie ich, die Menschheit liebten. Je näher ich ihnen kam, desto verhaßter sind sie mir geworden, so lange ich im Lande blieb. Dies bemerkte das Herr-Pferd aus meinem Benehmen und schickte deßhalb den Yähu in seinen Stall zurück. Alsdann legte es seinen Vorderhuf an den Mund, worüber ich erstaunte, obgleich es diese Bewegung ungezwungen und ganz natürlich ausführte; zugleich gab es mir auch durch andere Zeichen zu verstehen, ich möge andeuten, was ich zu essen wünsche. Ich konnte ihm aber keine Antwort geben, die es zu begreifen vermochte, und wäre dies auch selbst der Fall gewesen, so sah ich keine Möglichkeit, mir irgend eine Nahrung zu verschaffen. Während wir so uns verständlich zu machen suchten, bemerkte ich, daß eine Kuh vorbeiging; ich zeigte auf dieselbe und drückte meinen Wunsch aus, sie melken zu dürfen. Dies hatte Würkung. Das Pferd führte mich in’s Haus zurück und befahl einer Stute-Magd, mir ein Zimmer zu öffnen, wo ein ziemlicher Vorrath von Milch in irdenen und hölzernen Gefäßen, reinlich und in Ordnung, verwahrt war. Die Magd gab mir hierauf eine große Schaale voll Milch, die ich mit großem Appetit trank, und wodurch ich sehr erfrischt wurde.

Gegen Mittag sah ich eine Art Fuhrwerk, einem Schlitten ähnlich, welches von vier Yähus gezogen wurde, vor den Hause anlangen; darin befand sich ein altes Pferd, welches eine Person von Stande zu seyn schien. Es stieg mit den Hinterfüßen herunter, da es unglücklicher Weise am linken Vorderfuße verletzt worden war. Es wollte mit unserm Pferde zu Mittag speisen, und wurde von demselben mit großer Höflichkeit empfangen. Man speiste im besten Zimmer, und erhielt Hafer in Milch gekocht als zweiten Gang der Tafel. Das alte Pferd aß diese Speise warm, die übrigen aber kalt. Die Tröge wurden in Cirkelform aufgestellt und in mehrere Abtheilungen geschieden. Die Pferde saßen dabei mit ihren Hinterschenkeln auf Strohbündeln. In der Mitte befand sich eine große Krippe mit Winkeln, welche jeder Abtheilung der Tröge entsprach, so daß jedes Pferd sein ihm bestimmtes Heu nebst dem Gemisch von Milch und Hafer sehr anständig und regelmäßig aß. Das Benehmen der männlichen und weiblichen Füllen war sehr bescheiden, und das des Herren und seiner Gemahlin außerordentlich heiter und gefällig gegen den Gast. Der Braune befahl mir, mich an seine Seite zu stellen; er und sein Freund hielten über mich eine lange Unterredung, wie ich aus den Blicken des Fremden und aus der häufigen Wiederholung des Wortes Yähu bemerken konnte.

Ich trug zufällig meine Handschuhe. Als dies der Braune, das Herr-Pferd, bemerkte, schien er sehr erstaunt und gab mir durch Zeichen seine Verwunderung zu verstehen, was ich mit meinen Händen angefangen habe; er legte seinen Huf drei oder viermal auf dieselben, als wolle er mir andeuten, ich solle ihnen die frühere Form wiedergeben. Dies that ich auch; denn ich zog sogleich meine Handschuhe aus und steckte sie in die Tasche. Dies veranlaßte ein ferneres Gespräch, und ich sah, die Gesellschaft sey mit meinem Betragen zufrieden. Auch bemerkte ich bald die guten Folgen. Mir wurde befohlen, die wenigen Worte, die ich verstand, auszusprechen. Während die Gesellschaft bei Tische saß, lehrte mich der Herr die Namen für Hafer, Milch, Feuer, Wasser und einige andere Gegenstände, diese konnte ich sehr bald ihm nachsprechen, da ich von früher Jugend an viele Gewandtheit im Erlernen fremder Sprachen besessen habe.

Als das Mittagessen vorbei war, nahm das Herr-Pferd mich bei Seite und gab mir durch Zeichen und Worte zu verstehen, es thue ihm sehr leid, daß ich nichts zu essen habe. Hafer wird in der Sprache der Hauyhnhnms Hlunnh genannt. Ob ich gleich diese Speise zuerst zurückgewiesen hatte, so fiel mir doch gleich darauf ein, ich könne daraus eine Art Brod machen, welches nebst der Milch genügen würde, mich am Leben zu erhalten, bis ich in ein anderes Land und zu Geschöpfen meines eigenen Geschlechtes fliehen könnte. Das Pferd befahl sogleich einer weißen Magd-Stute aus seiner Familie mir eine Masse Hafer in einer Art hölzernen Mulde zu bringen. Dieses Getreide erhitzte ich so gut wie möglich am Feuer, bis die Hülsen absprangen, worauf ich diese vom Korne zu sichten suchte; letzteres mahlte und zerquetschte ich zwischen zwei Steinen, vermischte es mit Wasser und machte daraus einen Teich oder Kuchen, den ich am Feuer röstete und warm mit Milch aß. Anfänglich schien mir dies eine sehr unschmackhafte Speise, ob sie gleich in vielen Theilen Europa’s gewöhnlich ist; sie wurde mir aber mit der Zeit erträglich, und da ich schon oft in meinem früheren Leben zu magerer Kost genöthigt war, so bemerkte ich hier nicht zum ersten Mal, wie leicht man die Natur befriedigen kann. Auch muß ich erwähnen, daß ich mich nie auch nur eine Stunde lang übel befunden habe, so lange ich auf der Insel blieb. Allerdings bemühete ich mich, Kaninchen oder Vögel mit Schlingen aus Yähu-Haar zu fangen; oft auch sammelte ich gesunde Kräuter, die ich kochte und als Salat beim Brode aß. Bisweilen machte ich mir ein wenig Butter und trank die Molken; auch war mir der Mangel an Salz sehr empfindlich, allein die Gewohnheit söhnte mich bald mit dieser Entbehrung aus. Ich hege jetzt die Ueberzeugung, der häufige Gebrauch des Salzes sey bei uns eine Folge des Luxus, und sey zuerst als ein Reizmittel zum Trinken eingeführt worden, mit Ausnahme des Falles, wo es dazu dient, das Fleisch auf langen Reisen oder den Orten, die von großen Märkten entfernt liegen, vor Fäulniß zu bewahren. Wir bemerken ja, daß kein Thier als der Mensch das Salz liebt, und was mich betrifft, so hat es mich viele Mühe gekostet, den Geschmack desselben in irgend einer Speise zu ertragen, nachdem ich das Land der Hauyhnhnms verlassen hatte.

Dies genüge, um meine Lebensart in Hinsicht der Speisen darzustellen, womit andere Reisende ihre Bücher füllen, als sey den Lesern daran gelegen, ob wir gut oder schlecht essen. Es war jedoch nothwendig, den Gegenstand zu erwähnen, sonst würde die Welt es für unmöglich halten, daß ich drei Jahre lang in solch einem Lande und unter solchen Einwohnern meine Nahrung fand.

Gegen Abend befahl das Herr-Pferd, mir einen Ort zur Wohnung zu bereiten. Dieser war nur sechs Ellen vom Hause entfernt und von dem Stall der Yähus getrennt. Hier bekam ich einiges Stroh; ich bedeckte mich mit meinen Kleidern und hatte einen gesunden Schlaf. In kurzer Zeit hatte ich mich auch besser in meine Lage gewöhnt, wie der Leser später erfahren wird, wenn ich über meine Lebensart genauer sprechen werde.


Jonathan Swift (1667-1745)

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

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