Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (223)

223. Vineta

Wineta in einer Karte von Pommern, Kupferstich um 1573

Bei der Insel Usedom ist eine Stelle im Meere, eine halbe Meile von der Stadt gleichen Namens, da ist eine große, reiche und schöne Stadt versunken, die hieß Vineta. Sie war ihrer Zeit eine der größesten Städte Europas, der Mittelpunkt des Welthandels zwischen den germanischen Völkern des Südens und Westens und den slavischen Völkern des Ostens. Überaus großer Reichtum herrschte allda. Die Stadttore waren von Erz und reich an kunstvoller Bildnerei, alles gemeine Geschirr war von Silber, alles Tischgeräte von Gold. Endlich aber zerstörte bürgerliche Uneinigkeit und der Einwohner ungezügeltes Leben die Blüte der Stadt Vineta, welche an Pracht und Glanz und der Lage nach das Venedig des Norden war. Das Meer erhob sich, und die Stadt versank. Bei Meeresstille sehen die Schiffer tief unten im Grunde noch die Gassen, die Häuser eines Teiles der Stadt in schönster Ordnung, und der Rest Vinetas, der hier sich zeigt, ist immer noch so groß als die Stadt Lübeck. Die Sage geht, daß Vineta drei Monate, drei Wochen und drei Tage vor seinem Untergang gewafelt habe, da sei es als ein Luftgebilde erschienen mit allen Türmen und Palästen und Mauern, und kundige Alte haben die Einwohner gewarnt, die Stadt zu verlassen, denn wenn Städte, Schiffe oder Menschen wafeln und sich doppelt sehen lassen, so bedeute das vorspukend sichern Untergang oder das Ende voraus – jene Alten seien aber verlacht worden.

An Sonntagen bei recht stiller See hört man noch über Vineta die Glocken aus der Meerestiefe heraufklingen mit einem trauervoll summenden Ton.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (222)

222. Sankt Nikolaus in Greifswald

Die Südfassade von St. Nikolai

Zu Greifswalde hat in einer der Kirchen daselbst ein hölzern Bildnis des heiligen Nikolaus gestanden. In diese Kirche brach nächtlicherweile ein Dieb ein, wollte den Gotteskasten erbrechen und das darin befindliche Geld enttragen. Da erhob St. Nikolaus Bild drohend den Arm gegen den Dieb. Der aber war unerschrocken und sprach: Lieber Herr Sankt Nikolaus, ist das Geld im Kasten dein oder ist es mein?

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Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (221)

221. Die Sieben in Rostock

Die von alten Zeiten her berühmte Universitäts- und Münzstadt Rostock ward als merkwürdig von den Alten bezeichnet wegen der Siebenzahl.

Die Stadt hatte sieben Tore, sieben Brücken, sieben sämtlich vom Markt ausgehende Hauptstraßen, sieben Türme und sieben Türen im Rathause, an der Marienkirche sieben Portale, an den Uhrwerken sieben Glocken und im Rosengarten, der aus alter Zeit berühmt ist, und dessen oben in der Sage von des Minnesängers Heinrich Frauenlobs Begängnis zu Mainz gedacht wurde, sieben uralte Linden. Man hat vor alters wohl manches Mal Rostock spottend nachgesagt, es habe zu diesen vielen Sieben auch nur sieben Studenten, und es ist sogar gedruckt worden, es lebe und sterbe mancher Rostocker, ohne nur einen Studenten gesehen zu haben.

Den alten Namen aber hat Rostock von einem Rosenstock, es ward urbs rosarum, die Rosenstadt, genannt, und das steht wieder mit dem erwähnten Rosengarten in Verbindung.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (220)

220. Der heilige Damm

An der Ostsee in der Nähe von Dobberan war ein Ort in großer Bedrängnis von der Flut, und die Einwohner sahen ihr gewisses Verderben vor Augen. Mit jedem Tage entführte die Flut ein Stück vom Lande, schon drohte den nächst am Ufer gelegenen Häusern der Untergang.

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Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (219)

219. Der Gast des Kornwucherers

Auf dem Hofe Großen-Metchling im Mecklenburger Lande saß ein alter geiziger Pachter, der häufte Ernten auf Ernten, und wenn das Korn nicht recht teuer wurde, so verkaufte er nicht, und wenn ihn auch die Leute fußfällig darum baten. Er hatte alle Kisten und Kasten voll Geld und Gut, aber tagtäglich suchte er mehr zusammenzuscharren, und durch unerhörten Kornwucher war er einzig und allein so reich geworden.

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Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (218)

218. Der Gast des Pfingsttänzers

Zu Kessin war lustiger Pfingstreigen, das Pfingstbier war gut und die Freude groß. Ein munterer Bauernknecht war unter den Tänzern, der war von einem entfernten Dorfe hergekommen und tat das beste mit.

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Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (217)

217. Die Wassermuhme

Bei Slate ohnweit Parchim an der Elde fließt ein tiefer Bach, der nahebei in die Elde fällt. Eines Abends erging sich der Prediger des Dorfes am Wasser entlang unter den hohen Eichen. Die Sonne war untergegangen, und die Dämmerung brach herein, da rauschte es im Wasser, und eine dumpfe Stimme ward hörbar, die sprach: Die Stunde ist da, aber der Knabe noch nicht. Dieses Wort aus dem Wasser machte den Geistlichen bedenklich, er gab seinen Spaziergang auf und ging nach dem nahen Dorfe zu. Da lief ihm ein hübscher Knabe entgegen. Der Pastor rief ihn an: Wohin, mein Sohn, wohin so eilend? – Zum Bache! rief der Knabe dreist. Ich will Muscheln dort suchen und bunte Steine! – Gehe nicht, mein Knabe! sprach der Geistliche. Laufe lieber zu mir in das Haus und hole mir meine Bibel. Du sollst auch einen Schilling haben. Der Knabe lief hin und holte die Bibel und brachte sie und wollte dann schnell nach dem Wasser eilen, da sie aber jetzt im Dorfe und in des Kruges Nähe waren, sprach der Pastor: Verziehe noch, Knabe, du sollst auch einmal trinken. Und heischte Bier im Krug für den Knaben, und der Knabe trank. Da scholl ein Schrei und ein Rauschen vom Wasser her, und der Knabe sank tot nieder. Die Stunde war da und der Knabe auch.

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (216)

216. Der englische Schweiß

Im Jahre 1529 kam aus England eine gefahrliche Krankheit, die wurde die Schweißsucht oder der englische Schweiß genannt. In Hamburg gewann sie auf dem Festland den ersten Boden und raffte binnen zweiundzwanzig Tagen tausend Menschen dahin. Von da ging sie weiter nach Lübeck, Wismar, Rostock, Greifswalde, Stettin, Danzig und breitete sich weit umher im Lande aus. Sie flog gleichsam durch die Städte und Länder im Hui.

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Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (215)

215. Das Teufelsgitter

Teufelsgitter wird das Gitter um einen Taufstein in der Marienkirche zu Wismar genannt. Es ist von so kunstreicher Eisenarbeit, dass es nur mit Hilfe des Teufels geschmiedet worden sein kann. Dieser Sage nach befindet sich ein ähnliches Gitter in einer Lübecker Kirche. Ludwig Bechstein verbindet das Teufelsgitter mit einer wohl eher sehr seltenen Methode eines Priesters sich über Wasser zu halten.

In der Marienkirche zu Wismar ist um den Taufstein ein eisernes Gitter gestellt, das hat der Schmied vollbracht mit der Hülfe des Satans und ist also künstlich, daß keiner es vermag nachzumachen oder Anfang und Ende zu finden. Ein solches Gitter, aber um die Kanzel herum, zeigt man auch in Lübeck und nennt denselben künstlichen Meister wie in Wismar. In einer Nacht soll der Teufel es verfertigt haben.

Zu Wismar war auch ein Priester, der hatte ein seltsamliches Gelüsten. Er legte sich ein Buch an, dahinein schrieb er die Namen reicher Leute der Stadt mit gewissen Summen, als wenn sie ihm diese Summen schuldeten, und dann ging er hin und bestahl nach und nach diese Reichen. Wenn er nun einen bestohlen hatte, so schrieb er in seinem Buche zu dessen Namen dedit, zu Dank vergnügt. Endlich kam die Sache an den Tag, nachdem der Schlaukopf lange Jahre so fort gestohlen, und wurde der Täter vom verdienten Strang zu lebenslänglichem Gefängnis begnadigt.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (214)

214. Der Fürstin Traum

Nach Mecklenburgs Abblühen kam die Stadt Wismar zu hohem Flor. Dort schlug seinen Wohnsitz auf Fürst Johannes, der Theologe zubenamt, der erkürte zur Gemahlin Luitgardis von Henneberg und gewann von ihr sechs Söhne. Der älteste, Heinrich, vermählte sich mit Anastasia, Herzog Barnim I. in Pommern Tochter.

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