Hilda Bergmann | Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten | Folge 12 (und leider die Letzte. 😢)

Die Geschichte von Faßhand und Laßhand.

Im Tale zwischen den grünen Waldbergen lag das graue Städtlein mit Giebeln und Stadtmauer, mit Kirche und hohem Turm. Am Stadttore hatte der Faßbindermeister sein Haus mit geräumigem Hof und luftiger Werkstatt und da gab es den ganzen Tag ein gar lustiges Hämmern, wenn er die weißen Bottiche zimmerte und die großen Fässer mit Reifen umwand. In der Stube oben saß indessen die Meisterin und hatte zwei Büblein in der Wiege, die in der alten Stadtkirche auf die Namen Peter und Paul getauft waren. Aber niemand nannte die Zwillinge bei diesen Namen. »Faßhand« nannte die Meisterin den größeren, braunäugigen und rotbackigen Bruder, der mit beiden festen Fäustchen nach allen Dingen griff, die in seine Nähe kamen, war es ein Spielzeug oder ein gelbes Äpflein oder gar der lange Bart des Vaters. Das Brüderchen aber, das zumeist still in dem Bettchen saß und mit großen blauen Augen nach einer Fliege oder einem Schmetterling sah und dem eine bunte Blume der lieblichste Anblick war, wurde nur »Laßhand« genannt, denn es ließ sich sanft und geduldig alles aus den Händen nehmen, was der größere Bruder verlangte, die Schelle und den Ball und sogar seinen liebsten Gefährten, den braunen Bären. »Das ist gar kein richtiger Junge!« zürnte der Vater, wenn er das sah, und ließ den lustig kreischenden Faßhand auf seinem Knie reiten. Die Mutter aber nahm das stille Bübchen aus der Wiege, trug es im Garten von Blümlein zu Blümlein und sang:

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Hilda Bergmann | Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten | Folge 11

Besuch bei der Mondfrau.

Träumgern lag auf der Sommerwiese. Über ihm tanzten die Eintagsfliegen in den letzten, schrägen Sonnenstrahlen. Dann verschwand die Sonne mit einem Blinzeln ihrer freundlichen Augen und der Vollmond, der als blasse Scheibe am Himmel stand, wurde mit jedem Augenblicke goldener und glänzender, bis er wie eine große, runde, gelbe Frucht in der nächtlichen Bläue hing.

»Vollmondnacht,« murmelte Träumgern. »Da kommen die Blumenelfen aus den Kelchen und tanzen. Das will ich mir ansehen.«

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Hilda Bergmann | Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten | Folge 10

Als die Sternblume auswanderte.

Die Waldwiese strahlte im Sonnenschein. Hunderte von Blumen hielten ihre Gesichter den goldenen Strahlen entgegen, die Glockenblumen läuteten, die Nelken leuchteten in ihrem freudigen Rot, die Zittergräser tanzten im Winde. Mitten unter dem bunten Allerlei stand eine Sternblume. Ihre weiße Blumenkrone war groß und regelmäßig und wenn die Schmetterlinge vorüberzogen, die Pfauenaugen und die Trauermäntel, die Weißlinge und die Bläulinge, dann hörte die Sternblume sie untereinander in der Schmetterlingssprache sagen. »Seht nur, Kameraden, das ist die allerhübscheste, weiße Sternblume auf der ganzen Wiese.« Auch der Wind schmeichelte ihr und die Hummeln summten ihr Artigkeiten ins Ohr, obwohl das doch sonst garnicht ihre Gewohnheit ist. Und rund um die Sternblume herum blühte und duftete es, freute sich groß und klein und pries jedes Geschöpf in seiner Sprache und nach seiner Art den schönen Tag und die wundervolle Heimat, die Waldwiese. Ja, die kleine Sternblume hätte wahrhaftig alle Ursache gehabt, glücklich und zufrieden zu sein.

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Hilda Bergmann | Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten | Folge 9

Der Streit der Elfen.

Jede Blüte hat ihre eigene Elfe. Zart wie ein Hauch, durchsichtig wie Tau und Sonnenschein wohnt sie im Blütenkelch. Sie trägt die Farbe der Blüte, die ihre Heimat ist; sie schaukelt auf den Halmen und Gräsern; sie tanzt in mondklaren Nächten mit den Gefährtinnen den Elfenreigen. Dann zünden die Glühkäferchen ihre grünen Laternchen an und leuchten, die Grillen stellen die Musik bei und die großen Nachtschmetterlinge flattern durch die Luft und geben acht, daß niemand das Fest störe. Eines Tages war aber großer Streit ausgebrochen zwischen den Elfen der Waldwiese und den Elfen der Gartenblumen, ein so großer Streit, daß keine Feste mehr gefeiert wurden, kein Elfentanz stattfand und die Wiese in den klaren Vollmondnächten verödet dalag und schlief.

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Hilda Bergmann | Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten | Folge 8

Peter Hax und sein Gang zum Wurzelweiblein.

Unten im Städtlein wohnte ein kleiner Junge, der trug den seltsamen Namen Peter Hax. Er war ein gutes Kind, hing von Herzen an seinem Mütterlein, das sich recht und schlecht mit Nähen fortbrachte, quälte nie ein Tier, zog Hunde nicht am Schweife, pflückte niemals Blumen, um sie fortzuwerfen, ja wenn er in der Regentonne im Garten unten ein Bienchen zappeln sah, das dem Ertrinken nahe war, dann zog er es mitleidig heraus und setzte es auf eine Blume in der Sonne, damit seine Flügelchen trocken wurden. Darum liebten ihn auch Vögel und Blumen und alle die stummen Geschöpfe draußen in der Natur; die Falter setzten sich ihm zutraulich auf die Hand, die Hummeln summten, ohne ihm etwas zu tun, um seinen Kopf und die Blumen ließen sich gerne pflücken, denn sie wußten, sie bekämen täglich frisches Wasser und ständen in einem bunten Glase auf des Mütterleins Nähtisch.

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Hilda Bergmann | Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten | Folge 7

Vom Sandmännchen.

Den ganzen Tag ging es im unterirdischen Reich der Wichtelmännlein so lebhaft zu wie in einem Bienenstocke. Da wurden die glänzenden Gold- und Silberadern aus dem Gestein gepocht, da wurde das edle Erz geschmiedet und gehämmert und zu den kunstvollsten Dingen verarbeitet: zu Krone und Zepter für den Wichtelkönig, zu Spangen und Armreifen für Wichtelinchen, seine Tochter. Nur eines unter den vielen Wichtelleutchen arbeitete nicht mit. Faul und schläfrig ging es, die Hände in den Taschen, unter seinen fleißigen Gefährten umher, dehnte und streckte sich, statt zuzugreifen, und hieß im ganzen Reiche nur das Gähn-Kasperle, weil seine einzige Beschäftigung darin bestand, oft, viel und von ganzem Herzen zu gähnen.

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Hilda Bergmann | Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten | Folge 6

Die Sternenfichte und der Springbrunnen mit der verzauberten Seele.

Irgendwo in der Welt ist ein dunkler Tannenwald, ein Flußtal mit einem lebendigen, lustigen Wasser und eine verfallene Ritterburg. Die sie bauten und bewohnten, sind lange tot, die Mauern zerfallen und von grünem Gesträuch überwachsen. Am Waldrand aber plätschert ein alter Springbrunnen. Er springt Jahr um Jahr, Tag und Nacht. Er hat eine verzauberte Seele.

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Hilda Bergmann | Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten | Folge 5

Wie Wichtelinchen das Wunder suchte.

Prinzessin Wichtelinchen war nicht fröhlich. Sie hatte im unterirdischen Reiche ihres Vaters, des Wichtelkönigs, alles was ihr Herz begehrte, einen goldenen Thron und einen Stirnreifen mit großem roten Karfunkelstein inmitten, sie hatte ihr feines Daunenbettchen und jeden Morgen ihre Schokolade mit Rosinenkuchen dazu; und trotz alledem war Wichtelinchen nicht fröhlich.

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Hilda Bergmann | Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten | Folge 4

Vom Wolkenmann und von der Wetterhexe.

»Ja, das macht alles die Wetterhexe!« sagte Lina, die Magd, als der Regen kein Ende nehmen wollte und Hans Jörgel umsonst die Nase an die Fensterscheibe drückte, um ein Stückchen blauen Himmels zu erspähen. »Die lockt die Wolkenkühe allesamt herbei und wenn sie sie milkt, dann rinnt der Regen über unsere Köpfe. Und wenn der nicht bald ein Ende nimmt, reißt uns der Mühlbach noch Haus und Stall fort und wir können sehen, wo wir bleiben.« Es tropfte und strömte, rieselte und goß nun schon zwei Wochen bald schwächer, bald stärker vom grauen Himmel herunter und es sah so aus, als wolle es überhaupt nicht mehr aufhören. Der Mühlbach war schon aus seinen Ufern getreten und hatte die angrenzenden Wiesen überschwemmt, der Fluß im Tale floß grau und zornig dahin und trug auf seinen hochgehenden Wogen Baumstämme fort, als wären es Zahnstocher. Der Müller hatte eine steile Sorgenfalte auf der Stirn und die Müllerin seufzte: »Wenn nur das Wasser uns nicht Haus und Stall fortschwemmt.«

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Hilda Bergmann | Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten | Folge 3

Vom Jaköblein, das immer weinen tat.

»Huh,« hörte man es eines schönen Sommertages auf der blühenden Waldwiese weinen . . . Die Blumen hoben die Kelche, die Gräser steckten die Köpfe zusammen und der Wind sah sich neugierig nach der Stelle um, von der das jämmerliche Schluchzen kam. Aber der große, grüne Heuschreck stellte für einen Augenblick sein Gezirpe ein und sagte: »Ach, es hat weiter nichts zu sagen. Das ist nur das Jaköblein, das immer weinen tut.« Das Jaköblein, das sich also bemerkbar machte, war ein Mäuserich, ein allerliebster, kleiner Mäuserich. Er besaß ein glänzendes graubraunes Fell, eine appetitliche, spitze Schnauze mit zwei feinen Nagezähnchen darin, er hatte zwei blanke, schwarze Äuglein und hätte sorglos und in Freuden leben können, hätte er nur nicht den großen Fehler gehabt, immer weinen zu müssen.

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