Ich sah den Wald sich färben

Ich sah den Wald sich färben,
die Luft war grau und stumm;
mir war betrübt zum Sterben,
und wusst‘ es kaum, warum.
Durchs Feld vom Herbstgestäude
her trieb das dürre Laub;
da dacht‘ ich: deine Freude
ward so des Windes Raub.
Dein Lenz, der blütenvolle,
dein reicher Sommer schwand;
an die gefrorne Scholle
bist du nun festgebannt.
Da plötzlich floss ein klares
Getön in Lüften hoch;
ein Wandervogel war es,
der nach dem Süden zog.
Ach, wie der Schlag der Schwingen,
das Lied ins Ohr mir kam,
fühlt‘ ich’s wie Trost mir dringen
zum Herzen wundersam.
Es mahnt aus heller Kehle
mich ja der flücht’ge Gast:
Vergiss, o Menschenseele,
nicht, dass du Flügel hast!

Emanuel Geibel (1815-1884)

Herbstnacht

Als ich, ein Kind, am Strome ging,
Wie ich da fest am Glauben hing,
Wenn ich den Wellen Blumen gab,
So zögen sie zum Meer hinab.
Nun hält die schwarz verhüllte Nacht
Erschauernd auf den Wäldern Wacht,
Weil bald der Winter, kalt und still,
Doch tödlich mit ihr ringen will.
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Abseits

Es ist so still; die Heide liegt 
Im warmen Mittagssonnenstrahle, 
Ein rosenroter Schimmer fliegt 
Um ihre alten Gräbermale; 
Die Kräuter blühn; der Heideduft 
Steigt in die blaue Sommerluft.

Laufkäfer hasten durchs Gesträuch 
In ihren goldnen Panzerröckchen, 
Die Bienen hängen Zweig um Zweig 
Sich an der Edelheide Glöckchen, 
Die Vögel schwirren aus dem Kraut – 
Die Luft ist voller Lerchenlaut.

Ein halbverfallen niedrig Haus 
Steht einsam hier und sonnbeschienen; 
Der Kätner lehnt zur Tür hinaus, 
Behaglich blinzelnd nach den Bienen; 
Sein Junge auf dem Stein davor 
Schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr.

Kaum zittert durch die Mittagsruh 
Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten; 
Dem Alten fällt die Wimper zu, 
Er träumt von seinen Honigernten. 
– Kein Klang der aufgeregten Zeit 
Drang noch in diese Einsamkeit.

Theodor Storm (1817-1888)

Mein Himmel

Wie ist der Himmel doch so weit
entfernt von mir mit seinen Sternen!
Er baut zur Grenzenlosigkeit
sich auf durch unmeßbare Fernen.
Es reicht mein schwacher Blick nicht hin,
mir nur die nächste Welt zu zeigen;
ich fühle, daß ich Erde bin,
nicht wert, zu ihr empor zu steigen.

Wie ist der Himmel doch so nah!
Er strahlt in mir mit tausend Sternen.
Fühl ich ihn nicht, er ist doch da;
ich muß ihn nur erfassen lernen.
Die ganze Unermeßlichkeit
der Liebe darf ich in mir tragen;
es hemmt sie weder Raum noch Zeit,
mich auf zu Gott, dem Herrn zu tragen.

Unendlich und doch endlich ist
der Himmel um die kleine Erde,
doch du in meinem Herzen bist
der, den ich ewig haben werde.
Was andern Himmeln drohen mag.
Dir hat es nicht und nie zu gelten:
Für dich gibt’s keinen letzten Tag
und keinen Untergang der Welten.

Wie ist der Himmel doch so weit,
und wie so nahe kann er liegen,
wenn über unsre Blödigkeit
der Glaube und die Liebe siegen.
Ich blick empor; ich schau in mich;
dort darf ich nichts, hier Alles hoffen.
Mein Gott und Herr, ich bitte dich,
erhalt mir diesen Himmel offen!

Karl May (1842-1912)

Die Harfenjule

Emsig dreht sich meine Spule, 
Immer zur Musik bereit, 
Denn ich bin die Harfenjule 
Schon seit meiner Kinderzeit.

Niemand schlägt wie ich die Saiten, 
Niemand hat wie ich Gewalt. 
Selbst die wilden Tiere schreiten 
Sanft wie Lämmer durch den Wald.

Und ich schlage meine Harfe, 
Wo und wie es immer sei, 
Zum Familienbedarfe, 
Kindstauf oder Rauferei.

Reich mir einer eine Halbe 
Oder einen Groschen nur, 
Als des Sommers letzte Schwalbe 
Schwebe ich durch die Natur.

Und so dreht sich meine Spule, 
Tief vom Innersten bewegt, 
Bis die alte Harfenjule 
Einst im Himmel Harfe schlägt.

Alfred Georg Hermann „Fredi“ Henschke, genannt Klabund (* 4. November1890 in Crossen an der Oder; † 14. August 1928 in Davos) war ein deutscher Schriftsteller.

Überall

Überall ist Wunderland.
Überall ist Leben.
Bei meiner Tante im Strumpfenband.
Wie irgendwo daneben.
Überall ist Dunkelheit.
Kinder werden Väter.
Fünf Minuten später
Stirbt sich was für einige Zeit.
Überall ist Ewigkeit.
Wenn du einen Schneck behauchst,
Schrumpft er ins Gehäuse,
Wenn du ihn in Kognak tauchst,
Sieht er weiße Mäuse.

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Das ruhlose Tal

Übers.: Hedwig Lachmann

Einst lächelte ein friedliches Tal,
Aus welchem die Leute allzumal
Gezogen waren in stürmische Fernen,
Nachdem sie zu den gütigen Sternen
Gefleht, von ihren azurnen Türmen
Die Blumen im Tal zu pflegen und schirmen,
In deren Mitte den ganzen Tag
Das rote Sonnenlicht träge lag.
Jetzt raschelt es durch diesen Ort
Ruhlos, rastlos in einem fort.
Alles zittert und schauert –, bloß
Die Lüfte sind ganz bewegungslos.
Ach, von keinem Winde geschaukelt,
Nicht vom leisesten Zephyr umgaukelt,
Zucken die Bäume gleich den Fjorden
Im umnebelten, felsigen Norden.
Ach, von keinem Winde getrieben,
Jagen die Wolken und zerstieben
Über den Veilchen, die dort liegen,
Über den Lilien, die sich dort wiegen,
Die sich wiegen und neigen und schauern,
Über mystischen Gräbern trauern.
Sie schauern: ihre duftenden Seelen
Zittern in immerwährendem Leide.
Sie weinen: auf ihrem weißen Kleide
Schimmern die Tränen wie Juwelen.

Edgar Allan Poe (1809-1849)

Werdet frei!

Werdet frei! Ihr windet euch in Ketten,
und der Glaube nur kann euch befrein.
Werdet frei! Gott möchte gern euch retten,
aber grad durch ihn wollt ihrs nicht sein.
Ist’s so schwer, Verehrung dem zu zollen,
der da war und ist in Ewigkeit?
Werdet frei! Ihr braucht es nur zu wollen;
werdet frei, die ihr jetzt Sklaven seid!

Kam der Hauch des Herrn zur Erde nieder,
daß des Fleisches Ackerknecht er sei?
Öffnet ihm die Heimatspforte wieder;
macht ihn vom Gesindedienste frei!
Längst schon ist des Himmels Ruf erschollen;
ihn zu hören, ist’s nun höchste Zeit.
Werdet frei! Ihr braucht es nur zu wollen;
werdet frei, die ihr jetzt Sklaven seid!

Hält die Fremde euch denn so gefangen,
daß ihr eure Heimat nicht mehr erkennt?
Könnt ihr nicht mehr zu dem Wort gelangen,
welches euch beim rechten Namen nennt?
Wenn sie es euch offenbaren sollen,
sind viel heil’ge Stimmen gern bereit.
Werdet frei! Ihr braucht es nur zu wollen;
werdet frei, die ihr jetzt Sklaven seid!

Karl May (1842-1912)