Annette von Droste-Hülshoff | Das Geistliche Jahr

Am dritten Sonntag in der Fasten

Evang. : Jesus treibt den Teufel aus

»Mein Nam‘ ist Legion, denn unserer sind Viele!«
So spricht der finstre Geist.
Sein Nam‘ ist Legion, weh mir, daß ich es fühle!
Daß es mich zittern heißt!Wo kindlich dem Gemüt in Einfalt und Vertrauen
Nichts als sein Jesu kund,
Da kann der Finstre nicht die wirren Höhlen bauen
Im einfach lichten Grund.Doch du, mein schuldvoll Herz, in deinem eitlen Wissen,
In deinem irren Tun:
Wie sind dir tausend brand’ge Stellen aufgerissen,
Worin die Nacht kann ruhn!Und raff‘ ich mich empor, und will ich mich erkühnen
Zu heil’gen Namens Schall,
O, könnte nicht vielleicht mein guter Wille dienen
Zu neuem schwerem Fall!Denn daß die Welt mich nicht, die Menschen mich nicht kennen,
Die gleißend wie das Meer,
Daß sie mich oft sogar noch hell und freudig nennen,
Das senkt unendlich schwer!Mich kennen muß die Welt, ich muß Verachtung tragen,
Wie ich sie stets verdient;
Ich Wurm, der den, den Engel kaum zu nennen wagen
Zu preisen mich erkühnt!Laß in Zerknirschung mich, laß mich in Furcht dich singen,
Mein Heiland und mein Gott!
Daß nicht mein Lied entrauscht, ein kunstvoll sündlich Klingen,
Ein Frevel und ein Spott.Ach, wer so leer wie ich in Worten und in Werken,
An Sinnen so verwirrt,
Dess Lied kann nur des Herrn barmherzig Wunder stärken,
Daß es zum Segen wird.Ist nicht mein ganzer Tag nur eine Reihe Sünden?
Muß oft in Traumeswahn,
Oft wachend die Begier nicht zahllos Wege finden,
Nur nie die Himmelsbahn?Tönt nicht der Kampfgesang der Lust von allen Seiten?
Und bringt er nicht den Sieg?
Ist nicht mein Leben nur ein flüchtig kraftlos Streiten,
Ein schmachbedeckter Krieg?Und mein‘ ich eine Zeit, daß ich den Sieg errungen,
Weil die Begierde schwand:
Da bin ich ausgeschlürft wie von Empusenzungen,
Wie eine tote Hand!Und ist mir’s eine Zeit, als will das Leben ziehen
Ins Herze gar erstarrt:
Da muß mit ihm zugleich der Übermut entglühen,
Der eines Hauchs geharrt.Und wird mir’s endlich klar, umsprüht von Leidensfunken,
Wie klein, wie Nichts ich bin;
Da bin ich ausgebrannt, zu Asche eingesunken,
Verglüht an Geist und Sinn.Das hast du selber dir, du schuldvoll Herz, zu danken;
Mein Jesu lieb und traut,
Wärst du nur irgend treu, er würde nimmer wanken
Von der geliebten Braut.Doch daß du schlummernd läßt durch alle Tore ziehen
Den grausen Höllenbund,
Daß überall für ihn die Siegeskränze blühen
Aus deinem eignen Grund;Daß du dich töricht wähnst in vollem hellem Laube,
Du armer dürrer Zweig!
Daß du, indes der Feind frohlockt in deinem Raube.
Dich herrlich wähnst und reich:Das ist warum du stirbst, daß du in Wahnes Gluten
Nicht kennst den eignen Schmerz,
O, fühltest du dich selbst aus allen Adern bluten,
Du töricht frevelnd Herz!So schaue deine Not! Noch fielen nicht die Schranken
Der dunklen Ewigkeit.
»Sein Nam‘ ist Legion«, o fasse den Gedanken!
Es ist die letzte Zeit!
Annette von Droste-Hülshoff

Eugen Roth | Wasserheilkunde

Soll eine Pflanze richtig sprießen,
Dann muß man sie bekanntlich gießen.
Dies brachte Kneipp schon zu dem Schluß:
Die wahre Heilkraft liegt im Guß.
Ihn preist die Welt – und nur der Pudel
Nennt unser Lob bloß ein Gehudel,
Weil ihn schon immer sehr verdrossen
Laut Volksmund, wenn man ihn begossen.
Doch nie hält auf das arme Vieh
Den Sieg der Hydrotherapie!

Eugen Roth (1895-1976)

Annette von Droste-Hülshoff | Das Geistliche Jahr

Am zweiten Sonntag in der Fasten

Evang.: Vom Cananäischen Weibe

Liebster Jesu, nur Geduld!
Wie ein Hündlein will ich spüren
Nach den Brocken deiner Huld,
Will mich lagern an die Türen,
Ob von deinen Kindern keines
Mir ein Krüstlein reichen will,
Hungerglühend, doch in meines
Tiefen Jammers Kunde still.
Um Geduld fleh ich zu dir:
Denn ich muß in großen Peinen
Einsam liegen vor der Tür,

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Eugen Rot | Schönheit

Die Welt, du weißts, beurteilt dich,
Schnöd wie sie ist, nur äußerlich.
Drum, weil sie nicht aufs Innere schaut,
Pfleg du auch deine heile Haut,
Dass Wohlgefallen du erregst,
Wo du sie auch zu Markte trägst.
Die Zeitung zeigt dir leicht die Wege
Durch angepriesene Schönheitspflege.
Durch Wässer besser als mit Messer
Hilft dir ein USA – Professer,
Und ein Versandgeschäft im Harze
Hat Mittel gegen Grind und Warze
Und bietet dir für ein paar Nickel
Die beste Salbe gegen Pickel.
Sie macht die Haut besonders zart,
Ist gut auch gegen Damenbart,
Und ist, verändert kaum im Titel,
Auch ein erprobtes Haarwuchsmittel,
Soll gegen rote Hände taugen
Und glanzbefeuern deine Augen
Und wird verwendet ohne Schaden
Bei Kropf und bei zu dicken Waden,
Ist aber andrerseits bereit,
Zu helfen gegen Magerkeit
Und ist, auf Ehre, fest entschlossen,
Zu bleichen deine Sommersprossen.
Sie wird sich weiterhin entpuppen
Als Mittel gegen Flechten, Schuppen,
Ist, was besonders angenehm
Für Frauen, gut als Büstencrem
Verwendbar, und zwar, wie man wolle,
Für schwache Brust und übervolle.
Sofern du Glauben schenkst dem Frechen
Hast nichts zu tun du, als zu blechen.
Die Salbe selbst wird, nachgenommen,
Und wohnst du am Nordpol, kommen.

Eugen Roth (1895-1976)

Eugen Roth | Ungleicher Kampf

Ein Mensch von innerem Gewicht 
Liebt eine Frau. Doch sie ihn nicht. 
Doch daß sie ihn nicht ganz verlöre, 
Tut sie, als ob sie ihn erhöre. 
Der Mensch hofft deshalb unverdrossen, 
Sie habe ihn ins Herz geschlossen, 
Darin er, zwar noch unansehnlich, 
Bald wachse, einer Perle ähnlich. 
Doch sieh, da kommt schon einszweidrei 
Ein eitler junger Fant herbei, 
Erlaubt sich einen kleinen Scherz, 
Gewinnt im Fluge Hand und Herz. 
Ein Mensch, selbst als gereifte Perle, 
Ist machtlos gegen solche Kerle.

Eugen Roth (1895-1976)

Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [20]

Stationen

Erst gehst du umher und suchst an der Frau 
das, was man anfassen kann. 
Wollknäul, Spielzeug und Kätzchen-Miau – 
du bist noch kein richtiger Mann. 
        Du willst eine lustig bewegte Ruh: 
        sie soll anders sein, aber sonst wie du … 
                Dein Herz sagt: 
                Max und Moritz!

Das verwächst du. Dann langts nicht mit dem Verstand. 
Die Karriere! Es ist Zeit …! 
Eine kluge Frau nimmt dich an die Hand 
in tyrannischer Mütterlichkeit. 
        Sie paßt auf dich auf. Sie wartet zu Haus. 
        Du weinst dich an ihren Brüsten aus … 
                Dein Herz sagt: 
                Mutter.

Das verwächst du. Nun bist du ein reifer Mann. 
Dir wird etwas sanft im Gemüt. 
Du möchtest, daß im Bett nebenan 
eine fremde Jugend glüht. 
        Dumm kann sie sein. Du willst: junges Tier, 
        ein Reh, eine Wilde, ein Elixier. 
                Dein Herz sagt: 
                Erde.

Und dann bist du alt. 
                                Und ist es soweit, 
daß ihr an der Verdauung leidet –: 
dann sitzt ihr auf einem Bänkchen zu zweit, 
als Philemon und Baucis verkleidet. 
        Sie sagt nichts. Du sagst nichts. Denn ihr wißt, 
        wie es im menschlichen Leben ist … 
                Dein Herz, das so viele Frauen besang, 
                dein Herz sagt: »Na, Alte …?« 
                                Dein Herz sagt: Dank.

1930

Kurt Tucholsky (1890-1935)

Annette von Droste-Hülshoff | Das Geistliche Jahr

Am ersten Sonntag in der Fasten

Evang.: Von der Versuchung Christi


»Sprich, daß diese Steine Brode werden!
Laß dich deine Engel niedertragen!
Sieh die Reiche dieser ganzen Erden!
Willst du deinem Schöpfer nicht entsagen?«
Dunkler Geist, und warst du gleich befangen,
Da du deinen Gott und Herrn versucht:
Ach, in deinen Netzen zahllos hangen
Sie, verloren an die tück’sche Frucht.
Ehrgeiz, Hoffahrt, dieser Erde Freuden,
Götzen, denen teure Seelen sterben.

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Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [19]

Danach

Es wird nach einem happy end 
im Film gewöhnlich abjeblendt. 
        Man sieht bloß noch in ihre Lippen 
        den Helden seinen Schnurrbart stippen – 
        da hat sie nu den Schentelmen. 
                Na, un denn –?

Denn jehn die beeden brav ins Bett. 
Na ja … diss is ja auch janz nett. 
        A manchmal möcht man doch jern wissn: 
        Wat tun se, wenn se sich nich kissn? 
        Die könn ja doch nich imma penn…! 
                Na, un denn –?

Denn säuselt im Kamin der Wind. 
Denn kricht det junge Paar n Kind. 
        Denn kocht sie Milch. Die Milch looft üba. 
        Denn macht er Krach. Denn weent sie drüba. 
        Denn wolln sich beede jänzlich trenn… 
                Na, un denn –?

Denn is det Kind nicht uffn Damm. 
Denn bleihm die beeden doch zesamm. 
        Denn quäln se sich noch manche Jahre. 
        Er will noch wat mit blonde Haare: 
        vorn doof und hinten minorenn… 
                Na, un denn –?

Denn sind se alt. 
                                Der Sohn haut ab. 
Der Olle macht nu ooch bald schlapp. 
        Vajessen Kuß und Schnurrbartzeit – 
        Ach, Menschenskind, wie liecht det weit! 
        Wie der noch scharf uff Muttern war, 
        det is schon beinah nich mehr wahr! 
        Der olle Mann denkt so zurück: 
        Wat hat er nu von seinen Jlück? 
        Die Ehe war zum jrößten Teile 
        vabrühte Milch un Langeweile. 
Und darum wird beim happy end 
im Film jewöhnlich abjeblendt.

1930

Kurt Tucholsky (1890-1935)

Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [18]

An die Berlinerin

Mädchen, kein Casanova 
hätte dir je imponiert. 
Glaubst du vielleicht, was ein doofer 
Schwärmer von dir phantasiert? 
Sänge mit wogenden Nüstern 
Romeo, liebesbesiegt, 
würdest du leise flüstern: 
»Woll mit die Pauke jepiekt –?« 
Willst du romantische Feste, 
gehst du beis Kino hin … 
         Du bist doch Mutterns Beste, 
         du, die Berlinerin –!

Venus der Spree – wie so fleißig 
liebst du, wie pünktlich dabei! 
Zieren bis zwölf Uhr dreißig, 
küssen bis nachts um zwei. 
Alles erledigst du fachlich, 
bleibst noch im Liebesschwur 
ordentlich, sauber und sachlich: 
Lebende Registratur! 
Wie dich sein Arm auch preßte: 
gibst dich nur her und nicht hin. 
         Bist ja doch Mutterns Beste, 
         du, die Berlinerin –!

Wochentags führst du ja gerne 
Nadel und Lineal. 
Sonntags leuchten die Sterne 
preußisch-sentimental. 
Denkst du der Maulwurfstola, 
die dir dein Freund spendiert? 
Leuchtendes Vorbild der Pola! 
Wackle wie sie geziert. 
Älter wirst du. Die Reste 
gehn mit den Jahren dahin. 
Laß die mondäne Geste! 
         Bist ja doch Mutterns Beste, 
         du süße Berlinerin –!

1922

Kurt Tucholsky (1890-1935)

Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [17]

Psychoanalyse

Drei Irre gingen in den Garten 
und wollten auf die Antwort warten.

Der erste Irre sprach: 
                »O Freud! 
Hat dich noch niemals nicht gereut, 
daß du Schüler hast? Und was für welche –? 
Sie gehen an keinem vorüber, die Kelche. 
Ich kenne ja wirklich allerhand 
als Mitglied vom Deutschen Reichsirrenverband – 
aber die alten Doktoren sind mir beinah lieber 
als das Getue dieser 
                                                  Ja.«

Der zweite Irre sprach: 
                              »Schmecks. 
Ich habe hinten einen Komplex. 
Den hab ich nicht richtig abreagiert, 
jetzt ist mir die Unterhose fixiert. 
Und ich verspüre mit großer Beklemmung 
rechts eine Hemmung und links eine Hemmung. 
Vorn hängt meine ältere Schwester und 
in der Mitte bin ich ziemlich gesund. 
                                                  Ja.«

Der dritte Irre sprach: 
                              »Wenn 
heut einer mal muß, dann sagt ers nicht, denn 
er umwickelt sich mit düstern Neurosen, 
mit Analfunktionen und Stumpfdiagnosen –« 
(»Ha! – Stumpf!« riefen die beiden andern Irren, 
konnten den dritten aber nicht verwirren. 
Der fuhr fort:) 
»Vorlust, Nachlust und nächtliches Zaudern – 
es macht soviel Spaß, darüber zu plaudern! 
Die Fachdebatte – welch ein Genuß! – 
ist beinah so schön wie ein 
                                                  Ja.«

Die drei Irren sangen nun im Verein: 
»Wir wollen keine Freudisten sein! 
Die jungen Leute, die davon kohlen, 
denen sollte man kräftig das Fell versohlen. 
Erreichen sie jemals das Genie? 
                              O na nie –!

Jeder Jüngling von etwas guten Manieren 
geht heute mal Muttern deflorieren. 
Jede Frau, die in die Epoche paßt, 
hat schon mal ihren Vater gehaßt, 
Und die ganze Geschichte stammt aus Wien, 
und darum ist sie besonders schien –!

Wir drei Irre sehen, wie Liebespaare 
sich gegenseitig die schönsten Haare 
spalten – und rufen jetzt rund und nett: 
Rein ins Bett oder raus aus dem Bett!

Keine Tischkante ohne Symbol und kein Loch … 
Wie lange noch –? Wie lange noch –?«

Drei Irre standen in dem Garten 
und täten auf die Antwort warten.

1925

Kurt Tucholsky (1890-1935)