Karl Simrock | Der Rhein | Zweiter Teil. Von Mainz bis Köln und Aachen

Zweiter Teil. Von Mainz bis Köln und Aachen

Mainz

Die Schiffbrücke

»So muß man sich plagen«, ruft ein dicker, freundlicher Mann in einem Kasten, »bis man seine hunderttausend Gulden beisammen hat.« Und behaglich streicht er die Kupferlinge ein, die ihm als Brückengeld entrichtet werden.

Mit wenigen Schritten stehen wir auf der berühmten Schiffbrücke und sehen die weißblauen Fluten des Rheins neben den rotgelben des Mains unvermischt hinfließen, bis sie sich in ihrem Brautbett, dem Binger Loch, im Herabfallen über Klippen vermählen. Vor uns mit seinem majestätischen Dom das einst goldene Mainz, zwar nicht mehr in der Mittagssonne seines Glanzes und Glücks, aber immer noch ein prächtiger Anblick.

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Jonathan Swift | Gulliver’s Reisen | Dritter Theil. | Reise nach Laputa | [4.Kapitel]

Viertes Kapitel.

Der Verfasser verläßt Laputa. Reise nach Balnibarbi; er kömmt in der Hauptstadt an. Die Beschreibung der Hauptstadt und des umliegenden Landes. Der Verfasser wird von einem vornehmen Manne gastfreundlich aufgenommen. Seine Unterhaltung mit demselben.

Quälereien habe ich zwar auf dieser Insel nicht erleiden müssen, ich hielt mich jedoch für vernachläßigt, und sogar auch theilweise für verachtet. Weder der König noch das Volk zeigte Neugier für irgend eine andere Kenntniß als Mathematik und Musik, worin die Laputier mir überlegen waren, und mich deßhalb geringschätzten. Als ich nun die Merkwürdigkeiten der Insel gesehen hatte, war mein größter Wunsch, sie zu verlassen, denn ich war der Einwohner herzlich müde. Sie waren wirklich in zwei Wissenschaften, für die ich die größte Achtung hege und womit ich auch nicht unbekannt bin, im höchsten Grade ausgezeichnet, allein zugleich so sehr in ihre Spekulationen vertieft, daß ich mich niemals in unangenehmerer Gesellschaft befunden habe. Ich unterhielt mich während meines zweimonatlichen Aufenthalts allein mit Weibern, Klatschern und Pagen, wodurch ich mich zuletzt sehr verächtlich machte. Diese waren jedoch die einzigen Leute, von denen ich vernünftige Antworten erhalten konnte.

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Edgar Allan Poe | Der Untergang des Hauses Usher

Der Untergang des Hauses Usher

Geschichten von Schönheit, Liebe und Wiederkunft

Herausgegeben von Theodor Etzel

Im Propyläen-Verlag zu Berlin

Son cœur est un luth suspendu;
Sitôt qu’on le touche il résonne.

Béranger

Ich war den ganzen Tag lang geritten, einen grauen und lautlosen, melancholischen Herbsttag lang – durch eine eigentümlich öde und traurige Gegend, auf die erdrückend schwer die Wolken herabhingen. Da endlich, als die Schatten des Abends herniedersanken, sah ich das Stammschloß der Usher vor mir. Ich weiß nicht, wie es kam – aber ich wurde gleich beim ersten Anblick dieser Mauern von einem unerträglich trüben Gefühl befallen. Ich sage unerträglich, denn dies Gefühl wurde durch keine der poetischen und darum erleichternden Empfindungen gelindert, mit denen die Seele gewöhnlich selbst die finstersten Bilder des Trostlosen oder Schaurigen aufnimmt.

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Karl Simrock | Der Rhein | Bergstraße und Odenwald

Bergstraße und Odenwald

Odenwald heißt das Gebirge zwischen Neckar, Rhein und Main, Bergstraße dessen westliche, dem Rhein zugekehrte Abdachung. Den Namen des Odenwalds von Odin, dem obersten der deutschen Götter, abzuleiten, müssen wir aufgeben, seit sich Jakob Grimm dagegen erklärt hat. Uns bleibt noch die Wahl zwischen drei Herleitungen: von dem Männernamen Odo, von ôdi (öde) und von ôd (Glückseligkeit). Öde ist heutzutage der Odenwald nicht mehr; warum sollte er es aber nicht gewesen sein, als er den Namen empfing? Das Glück wohnt, wenn irgendwo, in den Wäldern; doch weshalb vorzugsweise in diesem? Pries man ihn glücklich wegen der schönen Mischung von Laub- und Nadelholz, bei welcher jenes durchaus die Oberhand behält, oder der Milde seines Klimas wegen, die er der geringen Erhebung seiner Gebirge verdankt, die 2000 Fuß Meereshöhe selten übersteigen, während jene des föhrenreichen Schwarzwalds sich fast der Schneelinie nähern, indem das Eis mancher Schluchten nur in heißeren Sommern schmilzt? Wir ziehen die erste Ableitung vor, die mit der ältesten urkundlichen Form des Namens am besten stimmt; nur darf man dabei nicht an den viel jüngeren Kaiser Otto (Ottenwald) denken.

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Jonathan Swift | Gulliver’s Reisen | Dritter Theil. | Reise nach Laputa | [3.Kapitel]

Drittes Kapitel.

Ein durch neuere Philosophie und Astronomie ausgelöstes Phänomen. Die Fortschritte der Laputier in letzterer Wissenschaft. Das Verfahren des Königs bei der Unterdrückung von Aufständen.

Ich ersuchte den König um Erlaubniß, die Merkwürdigkeiten der Insel besehen zu dürfen. Seine Majestät hatte die Gnade, mir dieselbe zu bewilligen und befahl meinem Lehrer mich zu begleiten. Ich wollte hauptsächlich wissen, welchen künstlichen und natürlichen Ursachen die Insel ihre Bewegungen verdanke, und will hierüber dem Leser jetzt einen philosophischen Bericht erstatten.

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Jonathan Swift | Gulliver’s Reisen | Dritter Theil. | Reise nach Laputa | [2.Kapitel]

Zweites Kapitel.

Beschreibung der Launen und des Charakters der Laputier. Bericht von ihrer Gelehrsamkeit. Der König und sein Hof. Des Verfassers Empfang. Die Einwohner sind furchtsam und unruhig. Ein Bericht über die Frauen.

Als ich angelangt, ward ich sogleich von einem Menschenhaufen umringt, und die näher Stehenden schienen von höherem Stande zu seyn. Alle besahen mich mit den Zeichen des Staunens und hierin blieb ich ihnen Nichts schuldig, denn nie sah ich Leute mit so sonderbaren Kleidern und Gewohnheiten. Ihre Köpfe waren sämmtlich entweder zur Rechten oder Linken gesenkt; das eine Auge war nach innen, das andere gerade auf den Zenith gerichtet. Die äußeren Kleider waren mit den Gestalten von Sonnen, Monden und Sternen geschmückt; diese Figuren waren mit denen von Flöten, Harfen, Fiedeln, Trompeten, Guitarren und anderen Instrumenten vermischt, welche in Europa gänzlich unbekannt sind.

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Th. Berthold | Lustige Gymnasialgeschichten | Erinnerungen eines Tierfreundes

Erinnerungen eines Tierfreundes

Meine ersten Erinnerungen knüpfen sich an einen Sperling. Ich kniee als kleiner Bube in unsrer ebenerdigen Wohnstube auf einem Stuhl, dessen Lehne der Fensterbank zugekehrt ist, und blicke, den blonden Krauskopf in die Linke gestützt, gelangweilt auf die Straße hinaus. Hier plätschert der Regen auf die blanken Pflastersteine hernieder und heult der Wind in bald schwellenden, bald abnehmenden Accorden an den Häusern entlang. Die lärmenden Spiele froher Kinder sind draußen verstummt; die Straße liegt leer und einsam, nur hin und wieder arbeitet sich ein tief herabgezogener, gegen den Wind gestemmter Regenschirm vorüber, unter dem entweder zwei Stiefel mit einem Stückchen Hose oder der Saum eines Frauenkleides sichtbar werden. Ich starre und starre wie in eine fürchterliche Oede. Da wird plötzlich von einer Dachrinne oder sonst woher ein Spatz durch die Gewalt des Windes auf das Pflaster verschlagen. Wie betäubt bleibt er einige Sekunden regungslos auf den roten Granitsteinen hocken. Meine Augen – ich fühle es – treten dick aus dem Kopfe hervor, sie verschlingen den Sperling. Wie? wenn er nicht fliegen könnte? Hatte ich damals schon meinen Schiller gekannt, ich würde mit Begeisterung deklamiert haben:

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Jonathan Swift | Gulliver’s Reisen | Dritter Theil. | Reise nach Laputa | [1.Kapitel]

Jonathan Swift

Gulliver’s Reisen

Dritter Theil.

Reise nach Laputa

Verlag von Adolph Krabbe

1843

Deutsch von Dr. Fr. Kottenkamp

Illustrationen: Grandville

Erstes Kapitel.

Der Verfasser beginnt seine dritte Reise. Wird von Piraten gefangen genommen. Die Bosheit eines Holländers. Die Ankunft auf einer Insel. Er wird in Laputa aufgenommen.

Ich war kaum zehn Tage zu Hause gewesen, als Kapitän William Robinson aus Cornwallis, Befehlshaber der Hoffnung, eines stark gebauten Schiffes von hundert Tonnen, mich besuchte. Ich war früher Wundarzt auf einem andern Schiffe gewesen, das er als Eigenthümer, nebst dem vierten Theile der Ladung, besaß, und hatte mit ihm eine Reise nach der Levante gemacht. Er hatte mich eher wie ein Bruder, als wie mein vorgesetzter Offizier behandelt. Als er nun meine Ankunft erfuhr, machte er mir einen Besuch, wie ich vermuthete, ausschließlich mir seine Freundschaft zu beweisen, denn zwischen uns ereignete sich Nichts, als wie’s nach längerer Trennung stattzufinden pflegt.

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Jonathan Swift | Gulliver’s Reisen | Anhang zu der Reise nach Lilliput

Anhang zu der Reise nach Lilliput

Lilliputaner sind anders als wir Europäer davon überzeugt, daß nichts mehr Sorge und Fleiß erfordert, als die Erziehung der Kinder. Es ist leicht, sagen sie, Kinder zu erzeugen, wie es leicht ist, zu säen und zu pflanzen; aber gewisse Pflanzen zu erhalten, ihnen ein glückliches Gedeihen zu geben, sie gegen die Härte des Winters, gegen die Glut und die Stürme des Sommers, gegen die Angriffe der Insekten zu schützen, endlich ihnen reichliche Früchte abzugewinnen, dies ist die Wirkung der Aufmerksamkeit und der Bemühungen eines geschickten Gärtners.

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Karl Simrock | Der Rhein | Neckartal


Zwischen Mannheim und Heidelberg bildet der Neckar kein eigenes Tal. Von seinem Gebirge verlassen, durchschneidet er quer, in vielfachen Windungen, ein fremdes Tal, das des Rheins, das hier immer noch auf beiden Seiten an die vier Stunden breit ist. Um ein Neckartal zu finden, müssen wir höher hinaufsteigen. Aber verweilen wir erst bei den Neckarmündungen. Nach der Meinung der Gelehrten waren diese in älterer Zeit nicht wie jetzt in der Gegend von Mannheim, sondern der Fluß wandte sich unterhalb Heidelberg rechts und lief längs der Bergstraße hin, um zugleich mit dem Main seine Wasser Mainz gegenüber in den Rhein zu gießen. Noch verraten gewundene Wiesenstreifen, auf denen hin und wieder Anker ausgegraben werden, sein altes Bett. Doch schon in den Römerzeiten muß wenigstens ein starker Arm bei dem heutigen Mannheim gemündet haben.

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