H.C. Andersen | Die alte Straßenlaterne

Die alte Straßenlaterne

Hast du die Geschichte von der alten Straßenlaterne gehört? Sie ist gar nicht sehr belustigend, doch einmal kann man sie wohl hören. Es war eine gute, alte Straßenlaterne, die viele, viele Jahre gedient hatte, aber jetzt entfernt werden sollte. Es war der letzte Abend, an dem sie auf dem Pfahle saß und in der Straße leuchtete, und es war ihr zumute wie einer alten Tänzerin, die den letzten Abend tanzt und weiß, daß sie morgen vergessen in der Bodenkammer sitzt. Die Laterne hatte Furcht vor dem morgigen Tage, denn sie wußte, daß sie dann zum erstenmal auf das Rathaus kommen und von dem hochlöblichen Rat beurteilt werden sollte, ob sie noch tauglich oder unbrauchbar sei.

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H.C. Andersen | Der Reisekamerad

Der Reisekamerad.

Der arme Johannes war tiefbetrübt, denn sein Vater war sehr krank und konnte nicht genesen. Außer den Beiden war Niemand in dem kleinen Zimmer; die Lampe auf dem Tische war dem Erlöschen nahe, und es war spät Abends.

»Du warst ein guter Sohn, Johannes!« sagte der kranke Vater, »der liebe Gott wird Dir schon in der Welt forthelfen!« Er sah ihn mit ernsten, milden Augen an, holte tief Athem und starb; es war gerade, als ob er schliefe. Aber Johannes weinte; nun hatte er gar Niemand in der ganzen Welt, weder Vater noch Mutter, Schwester oder Bruder. Der arme Johannes! Er lag vor dem Bette auf seinen Knien und küßte des toten Vaters Hand und weinte viele bittere Tränen; aber zuletzt schlossen sich seine Augen und er schlief ein mit dem Haupte auf dem harten Bettpfosten. Da träumte ihm ein sonderbarer Traum; er sah, wie Sonne und Mond sich vor ihm neigten, und er erblickte seinen Vater frisch und gesund und hörte ihn lachen, wie er immer lachte, wenn er recht froh war. Ein schönes Mädchen mit einer goldenen Krone auf ihrem langen, glänzenden Haar reichte Johannes die Hand, und sein Vater sagte: »Siehst Du, was für eine Braut Du erhalten hast! Sie ist die schönste in der ganzen Welt!« Da erwachte er, und alle Herrlichkeit war vorbei, sein Vater lag todt und kalt im Bette, es war Niemand bei ihm. Der arme Johannes!

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H.C. Andersen | Der Wassertropfen

Der Wassertropfen.

Du kennst ja wohl ein Vergrößerungsglas, so ein rundes Brillenglas, welches Alles hundertmal größer macht, als es ist? Wenn man es nimmt und vor das Auge hält und dadurch den Wassertropfen draußen vom Teiche betrachtet, so erblickt man über tausend wunderbare Thiere, die man sonst nie im Wasser sieht, aber sie sind da, es ist wirklich so. Es sieht fast aus, wie ein ganzer Teller voll Krabben, die untereinander herumspringen, sie sind sehr raubgierig, sie reißen einander Arme und Beine, Enden und Stücke ab, und doch sind sie auf ihre Weise froh und vergnügt.

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H.C. Andersen | Wie’s der Alte macht, ist’s immer richtig

Wie’s der Alte macht, ist’s immer richtig

Eine Geschichte werde ich dir erzählen, die ich hörte, als ich noch ein kleiner Knabe war. Jedesmal, wenn ich an die Geschichte dachte, kam es mir vor, als würde sie immer schöner; denn es geht mit Geschichten wie mit vielen Menschen, sie werden mit zunehmendem Alter schöner.

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H.C. Andersen | Der kleine Klaus und der große Klaus.

Der kleine Klaus und der große Klaus.

Bild von Alfred Walter Bayes, 1895

In einem Dorfe wohnten zwei Leute, die beide denselben Namen hatten. Beide hießen Klaus, aber der eine besaß vier Pferde und der andere nur ein einziges Pferd. Um sie nun von einander unterscheiden zu können, nannte man den, der vier Pferde besaß, den großen Klaus, und den, der nur ein einziges Pferd hatte, den kleinen Klaus. Nun wollen wir hören, wie es den Beiden erging, denn es ist eine wahre Geschichte.

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H.C. Andersen | Der Tannenbaum

Der Tannenbaum (dänisch Grantræet) ist ein Kunstmärchen von Hans Christian Andersen. Das Märchen wurde zusammen mit dem Märchen Die Schneekönigin erstmals am 21. Dezember 1844 von Andersen in der Buchausgabe Nye Eventyr. Første Bind. Anden Samling (Neue Abenteuer, Erster Band, Zweite Sammlung) von dem Verleger C. A. Reitzel in Kopenhagen veröffentlicht. Die Geschichte ist systematisch und schematisch aufgebaut.

Der Tannenbaum.

Der Tannenbaum, Illustration von Vilhelm Pedersen in einer ersten Buchausgaben von H. C. Andersen.

Draußen im Walde stand ein niedlicher, kleiner Tannenbaum; er hatte einen guten Platz, Sonne konnte er bekommen, Luft war genug da, und ringsumher wuchsen viel größere Kameraden, sowohl Tannen als Fichten. Aber dem kleinen Tannenbaum schien nichts so wichtig als das Wachsen; er achtete nicht der warmen Sonne und der frischen Luft, er kümmerte sich nicht um die Bauerkinder, die da gingen und plauderten, wenn sie herausgekommen waren, um Erdbeeren und Himbeeren zu sammeln. Oft kamen sie mit einem ganzen Topf voll oder hatten Erdbeeren auf einen Strohhalm gezogen, dann setzten sie sich neben den kleinen Tannenbaum und sagten: »Wie niedlich klein ist der!« Das mochte der Baum gar nicht hören.

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Hans Christian Andersen | Die Geschichte von einer Mutter

Die Geschichte von einer Mutter.

„Der Tod holt das Kind“ ist das letzte von zwei Bildern, die Hermann Wöhler gemalt hat, um damit Hans Christian Andersens „Geschichte einer Mutter“ zu illustrieren. Der Betrachter blickt in ein kleines Zimmer, oben links im Bild sieht man, dass Nacht ist und es schneit. Im Zimmer steht links an der Wand ein Bett. Darin liegt ein kleiner Junge und eine Frau (seine Mutter) sitzt auf der Bettkante und hält ihn im Arm. Sie blickt traurig zu Boden. Sie trägt einen rosa Rock mit gelber Schürze und eine weiße Bluse mit grünem Mieder. Ihr Haar ist dunkel. An den Wänden hängen zwei Bilder und ein Kruzifix, oben rechts hängt in der Ecke eine Uhr. Neben der Frau steht ein Nachttisch mit einer Kerze, einer Flasche und einer Tasse darauf. Neben dem Tisch führt eine Tür ins Zimmer. Sie ist geöffnet und darin steht ein ganz in schwarz gekleideter großer Mann mit einem langen Bart, er ist mit Schneeflocken bedeckt. Unter dem Fußboden steht auf einem dunkelblauen Grund in weißen Großbuchstaben der Titel: „Die Geschichte von einer Mutter“. Tropfen fallen darauf hinab. Über dem Titel rechts ist die Signatur des Malers, ein ineinander verschachteltes „HW“ zu sehen.


Da saß eine Mutter bei ihrem kleinen Kinde, sie war sehr betrübt und besorgt, daß es sterben möchte. Es war ganz bleich, die kleinen Augen hatten sich geschlossen, es athmete leise und zuweilen mit einem tiefen Zuge, als ob es seufze; und die Mutter sah noch trauriger auf das kleine Wesen.

Es klopfte an die Thür und da kam ein armer, alter Mann, der wie in eine Pferdedecke gehüllt war, denn die wärmt, und ihn fror. Es war ja ein kalter Winter, draußen lag alles voll Eis und Schnee, und der Wind blies, daß es Einem in’s Gesicht schnitt.

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Hans Christian Andersen | Die Schneekönigin | Siebente Geschichte. Von dem Schlosse der Schneekönigin und was sich später darin zutrug.

Siebente Geschichte. Von dem Schlosse der Schneekönigin und was sich später darin zutrug.

Des Schlosses Wände waren gebildet von dem treibenden Schnee und Fenster und Thüren von den schneidenden Winden; da waren über hundert Säle, alle wie der Schnee sie zusammentrieb, der größte erstreckte sich mehrere Meilen lang, alle beleuchtet von dem starken Nordlicht, und sie waren leer, eisig, kalt und glänzend. Nie gab es hier Lustbarkeit, nicht einmal einen kleinen Bärenball, wozu der Sturm aufspielen und die Eisbären auf den Hinterfüßen gehen und dabei ihre Geberden hätten zeigen können; nie eine kleine Spielgesellschaft mit Maulklapp und Tatzenschlag; nie ein klein bischen Kaffeeklatsch von den weißen Fuchsfräuleins; leer, groß und kalt war es in den Sälen der Schneekönigin. Die Nordlichter flammten so genau, daß man sie zählen konnte, wenn sie am höchsten und wenn sie am niedrigsten standen. Mitten in diesem leeren unendlichen Schneesaale war ein zugefrorener See, der war in tausend Stücke gesprungen, aber jedes Stück war dem andern so gleich, daß es ein wahres Kunstwerk war. Mitten auf diesem saß die Schneekönigin, wenn sie zu Hause war, und dann sagte sie, daß sie im Spiegel des Verstandes sitze, und daß dieser der einzige und der beste in der Welt sei.

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Hans Christian Andersen | Die Schneekönigin | Sechste Geschichte. Die Lappin und die Finnin.


Vor einem kleinen Hause hielten sie an, es war sehr ärmlich; das Dach ging bis zur Erde hinunter, und die Thür war so niedrig, daß die Familie auf dem Bauch kriechen mußte, wenn sie heraus oder hinein kommen wollte. Hier war außer einer alten Lappin, welche bei einer Thranlampe Fische kochte, Niemand zu Hause. Das Rennthier erzählte Gretchens ganze Geschichte, aber zuerst seine eigene, denn diese erschien ihm weit wichtiger, und Gretchen war von der Kälte so mitgenommen, daß sie nicht sprechen konnte.

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Hans Christian Andersen | Die Schneekönigin | Fünfte Geschichte. Das kleine Räubermädchen.

Fünfte Geschichte. Das kleine Räubermädchen.

Sie fuhren durch den dunkeln Wald, aber die Kutsche leuchtete gleich einer Fackel. Das stach den Räubern in die Augen, das konnten sie nicht ertragen.

»Das ist Gold! das ist Gold!« riefen sie, stürzten hervor, ergriffen die Pferde, schlugen die kleinen Vorreiter, den Kutscher und die Diener todt, und zogen nun das kleine Gretchen aus dem Wagen.

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