Zur Blauen Stunde | Nacht am Gebirgssee

Nacht am Gebirgssee.

Leise zieht mein Boot in blassen Wellen, 
Die den Sternenreigen funkelnd spiegeln, 
Breite, duftumhüllte Silberquellen 
Rinnen von den mondbeglänzten Hügeln.

Und der Nebel sinkt in faltenschweren 
Lichtgewanden müde um die Bäume, 
Dunkeltrotzig starren rings die Föhren 
Wie versteinte, sorgendüstre Träume.

Und von wildzerzackten Felsenwänden 
Schwebt die Nacht behutsam durch die Stille 
Und sät Frieden aus mit leisen Händen . . . 
Lautlos zieht die blanke, schwanke Zille.

Lautlos schmiegen sich die weichen, feuchten 
Bergseefluten an die helle Planke . . . 
Tiefe Ruh . . . Nur fern ein Wetterleuchten 
Wie ein wachgewordener Gedanke . . 

Stefan Zweig (1881-1942)

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (21)

21. Die Teufelsbrücke

Vom Multhorn, nicht allzufern von St. Gotthard, stürzt sich mit raschem Rollen und unbändigen Sprüngen ein wildes Bergwasser, die Reuß. Ein Alpenhirte liebte eine Sennerin, die er zum öftern besuchte, aber er hatte oft mit dem wilden Fluß seine Not, hinüberzukommen, und mußte doch hinüber und auch wieder herüber zu seiner Hütte und Herde. Als nun einstmals die Reuß recht angeschwollen war und wilder als jemals über die Felsen herabstürzte, da sah der Hirte keine Möglichkeit, hinüber und zu seiner Geliebten zu gelangen, und rief aus: Ei, so wollt‘ ich, daß der Teufel käme und baute eine Brücke über dich verfluchtiges Wasser. – Und da kam der Teufel gleich hinter einem Felsklumpen hervor und sagte: He! was gibest mir, wenn ich dir die Brücke baue? – He! was soll ich dir geben? fragte der Hirte. – Die erste lebendige Seele, die darüber geht, sagte der Teufel und dachte, es werde niemand schneller sein als der Hirte, hinüberzukommen. Ich bin’s zufrieden, sagte der Hirt, und: Topp schlag ein! sagte der Teufel, und der Bub schlug ein. Jetzt baute der Teufel mit Hülfe aller seiner höllischen Geister die Brücke in ganz kurzer Frist, und als sie fertig war, setzte er sich hin und lauerte. Wer aber nicht darüberging, war der Hirtenbub, er jagte vom Gotthardgebirg unterm Hospital eine Gemse auf und trieb sie abwärts, immer der Reuß zu, bis an die Brücke, und da setzte sie flink hinüber. Der Teufel fuhr zu, wurde teufelswild über solches Wild und zerriß die Gemse in Stücken, nachdem er sie hoch in die Luft hinaufgetragen hatte. Nun ging der Hirte ungehindert, sooft er wollte, über die Brücke herüber und hinüber, doch soll es an derselben, die auf ewige Zeiten die Teufelsbrücke heißt, nicht recht geheuer sein, und es geht auch die Sage, der Teufel reiße alle Jahre ein Stück ein, daß immerdar daran gebaut werden müsse.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Ein lustiges Weihnachtsmärchen

Kennt ihr die Engel auf der Christbaumspitze?

Es war einmal vor langer Zeit kurz vor Weihnachten, als der Nikolaus sich auf den Weg zu seiner alljährlichen Reise machen wollte, aber nur auf Probleme stieß:
Vier seiner Elfen feierten krank, und die Aushilfs-Elfen kamen mit der Spielzeug-Produktion nicht nach. Der Nikolaus begann schon den Druck zu spüren, den er haben würde, wenn er aus dem Zeitplan geraten sollte. Dann erzählte im seine Frau, daß Ihre Mutter sich zu einem Besuch angekündigt hatte; die Schwiegermutter hat dem armen Nikolaus gerade noch gefehlt! Als er nach draußen ging, um die Rentiere aufzuzäumen, bemerkte er, daß drei von ihnen hoch schwanger waren und sich zwei weitere aus dem Staub gemacht hatten, der Himmel weiß, wohin. Welch Katastrophe! Dann begann er damit, den Schlitten zu beladen, doch eines der Bretter brach und der Spielzeugsack fiel so zu Boden, daß das meiste Spielzeug zerkratzt wurde – Shit! So frustriert, ging der Nikolaus ins Haus, um sich eine Tasse mit heißem Tee und einem Schuß Rum zu machen, jedoch mußte er feststellen, daß die Elfen den ganzen Schnaps versoffen hatten – is ja mal wieder typisch! In seiner Wut glitt ihm auch noch die Tasse aus den Händen und zersprang in tausend kleine Stücke über den ganzen Küchenboden verteilt. Jetzt gabs natürlich Ärger mit seiner Frau. Als er dann auch noch feststellen mußte, daß Mäuse seinen Weihnachts-Stollen angeknabbert hatten, wollte er vor Wut fast platzen. Da klingelte es an der Tür. Er öffnete und da stand ein kleiner Engel mit einem riesigen Weihnachtsbaum. Der Engel sagte sehr zurückhaltend: „Frohe Weihnachten, Nikolaus, ist es nicht ein schöner Tag? Ich habe da einen schönen Tannenbaum für dich. Wo soll ich den jetzt hinstecken?“
Und so hat die Tradition von dem kleinen Engel auf der Christbaumspitze begonnen.

Die Schildbürger, oder: Das Lallen- und Narrenbuch. | Drittes Kapitel

Drittes Kapitel.
Wie die Weiber zu Schildburg Rath saßen, ihre Männer wieder heim zu fordern, und daher ein Schreiben an sie abgehen ließen.

Ein wunderbares Ding ist es, daß die Männer nicht ohne die Weiber, und die Weiber nicht ohne die Männer haushalten können, wegen des übergroßen Schadens nämlich, welcher aus einer solchen Absonderung entsteht. Denn wo kein Mann ist, da ist keine Meisterschaft; wo keine Meisterschaft ist, da ist auch keine Furcht; wo keine Furcht ist, da thut jeder, was er will; wo jeder tut, was er will, da folgt selten eins dem andern, und wo keins dem andern folgt, da wird selten etwas Rechtes daraus. Es muß jederzeit bei der Arbeit Eins dem Andern die Hand reichen, wenn sie gefördert werden soll, gleichwie in der wohlbestellten Stadt Nürnberg bei den Handwerkern die Arbeitstheilung eingeführt ist.

Wo dagegen kein Weib ist, da hat der Mann keine kleine Haushaltung, und wo der Mann keine kleine Haushaltung hat, da ist er in der großen Haushaltung schon geschlagen. Denn, wenn der Hagel, wie man zu sagen pflegt, in die Küche schlägt, so hat er allenthalben getroffen. Der Kinderzucht und anderer Sachen will ich dieses Ortes nicht gedenken. Aber das möchte ich sagen:

Wo ein Mann ist, aber kein Weib, 
Daselbst ist ein Haupt ohne Leib. 
Und wo ein Weib ist, ohne Mann, 
Da ist der Leib, kein Haupt daran.

Weil also Keines ohne das Andere ganz ist, und Eines ohne das Andere nicht bestehen kann, deßwegen geschieht es, daß je eines das Andere haben muß, dasselbe sucht und zu sich nimmt, abgesehen davon, daß sie oft mit einander in Streit gerathen und der Mann das Weib bisweilen aus dem Haus jagt, die letztere dagegen den Mann hie und da selbst in den Krieg treibt. Daß dieß so und nicht anders sei, wird schon aus dem Nachfolgenden zur Genüge zu entnehmen sein. Betrachtet man nämlich die Unannehmlichkeiten und Widerwärtigkeiten, welche aus der Abwesenheit der Schildbürger täglich und stündlich entsprungen sind, so wird man sich nicht wundern, wenn sich endlich die ganze weibliche Gemeinde, welche insolange das Regiment zu führen hatte, und die in demselben enthaltenen Aemter verwalten mußte (wie meint ihr, daß es da zugegangen sei?) in Beherzigung und Erwägung des gemeinen Nutzens, Wohlstandes und der Wohlfahrt versammelte, und um dem fühlbaren verderblichen Schaden zu begegnen, zu steuern und zu wehren, so wie um dem Abgang ihrer Güter und Gewerbe, ja selbst ihrem Verderben und Untergang zu begegnen, Berathung gepflogen hat, in Folge deren nach langem Bedenken, vielem Geschwätz und Geschnatter sie zuletzt in der Sache dahin einig wurden, daß sie ihre Männer wieder abfordern und heimberufen sollten. Dieses Rathserkenntniß zu bewerkstelligen, ließen sie einen Brief folgenden Inhalts aufsetzen und schicken denselben durch gewisse Boten an alle Ort und Ende, wo sie wußten, daß ihre Männer waren; das Schreiben wurde ihnen dann allen und jedem besonders zu lesen vorgelegt, wie folgt.

Irische Elfenmärchen | Der Cluricaun (15)

15. Das Feld mit Hagebuchen

(Siehe auch die Anmerkungen)

Thomas Fitzpatrick war der älteste Sohn eines wohlhabenden Pächters, der zu Ballincolig in der Grafschaft Cork lebte. Thomas, ein munterer, hübscher, reinlicher Bursche, der jedermann gefiel, wer ihn ansah, hatte gerade neun und zwanzig Jahr erreicht, als er folgende Begebenheit erlebte. Weiterlesen „Irische Elfenmärchen | Der Cluricaun (15)“

Zur Blauen Stunde | Der Dichter.

Ging einer in die helle Sommernacht. 
Dem war schon längst die letzte Liebe tot; 
Er klagte nicht. – Doch purpurn war entfacht 
In seinem Herz der Wunden Narbenrot.

Im Auge flackerte ein fremder Glanz 
Des tiefen Leides späte Schmerzenssaat . . . 
So schritt er stumm dahin . . . Irrlichtertanz 
War Führer ihm am blassen Dämmerpfad.

In reichem Frieden schimmerte das Land 
Wie eine Brust, die selig atmend bebt . . . 
Da fühlt er, wie der Stille weiche Hand 
Um seine heißen Pulse kühlend schwebt.

Und schwellend flog aus tausend Kelchen her 
Ein Blühen, das von weiten Fernen kam; 
Wie dunkle Weine war der Duft so schwer, 
Der mild sein großes Weh gefangen nahm.

Und traumgewandet zieht die Einsamkeit 
Ans Mutterherz den müden Träumer hin, 
Bis er vergessen Wirklichkeit und Leid 
Im Banne ihrer Rätselmelodien.

Und Blütendolden stäubten in sein Haar . . . 
Die Stimme aber sang und ruhte nicht, 
Bis jeder Gramgedanke Traum nur war, 
Und jeder Schmerz ein ewiges Gedicht . . .

Stefan Zweig (1881-1942)