Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (101)

101. Die Luftbrücke

Aus dem Ahrtale ragten stolz und kühn einst zwei stattliche Nachbarburgen einander gegenüber, zwischen beiden rauschte in der Taltiefe die Ahr, das waren die Schlösser Nuwenahr und Landskron, und hoch über dem Tale zog sich eine luftige Brücke, welche beide Burgsitze miteinander verband. Die beiden Herren dieser Burgen, der Graf vonNuwenahr und der Herr von Landskron, waren so traut befreundet, daß sie gemeinschaftlich diese Brücke bauten, welche mit unsäglicher Kunst gefügt war, ohne Stützen und doch dauerhaft, so daß die beiden Freunde zu jeder Stunde beisammensein und doch auch jeder schnell wieder in seinem Hause sein konnte, während ein nachbarlicher Besuch durch Herabritt und Hinaufritt mehrere Stunden in Anspruch nahm. Als diese Freunde verstorben waren, kam die Brücke in Verfall, die Elemente zerstörten sie, nur blieben an jeder Burg die Brückenpfeiler, die das Ganze mächtig stützen mußten, erhalten. Da geschah es, daß ein Rittersohn auf Landskron seine Nachbarin, eine junge Gräfin von Nuwenahr, liebte, die waren eingedenk ihrer Väter Freundschaft und wünschten sich sehnend die Brücke zurück. Da band die Grafentochter an einen Armbrustpfeil ein Garnknaul, ganz lose gewickelt, dessen Endfaden sie befestigte, und schoß den Pfeil zur Nachbarburg hinüber, da waren durch den Faden die Burgen wieder verbunden, und an dem Faden lief noch eine dünnere Schnur mit einem Vorhangring, daran ließen sich Brieflein und Liebespfänder hin- und herziehen in der Dämmerstunde; den dünnen Faden, dessen Farbe nicht ganz hell und nicht ganz dunkel war, gewahrte man kaum oben und von unten gar nicht. Als die Herzen beider Liebenden sich nun verständigt hatten, heirateten sie einander und bauten, wie die Sage meldet, die Brücke noch einmal neu, und dann ist sie wieder verfallen und nimmer wieder aufgebaut worden, und die Burgen sind verfallen, und Freundschaft und Liebe wohnen dort nicht mehr, ja Burg Nuwenahr ist bis auf seine Ruinen aus der Gegenwart hinweggeschwunden.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Seemann Kuttel Daddeldu | Jene brasilianischen Schmetterlinge

Jene brasilianischen Schmetterlinge

Wie schön ihr angezogen seid!
Simpelfarbig ist unsere Menschenhaut
Und hat noch Hitzpickel am Gesicht.
Aber ich denke das ohne Neid.
Ihr renommiert wahrscheinlich auch nicht
Mit euren sonnenmetallischen Flügeln.
Sie sind euer einziges Kleid.
Ihr braucht es niemals zu bügeln.
Und wenn ich es täte, dann ginge
Es sicher entzwei.
Und euer Leben, ihr Schmetterlinge,
Huscht sowieso wie ein Sternschnupp vorbei.
Drum seid ihr Ochsen, wenn ihr’s nicht genießt.
Dauernd saufen, naschen, geschlechtlich paktieren!
Derart keine Zehntelsekunde verlieren!
Bis euch der deutsche Professor aufspießt.
—   —   —   —   —   —   —   —   —   —
Die europäischen Fernen
Kennenzulernen,
Was euch das Leben nie bot,
Was ihr damals auch nie gewollt noch begriffen hättet, –
Nun wär’s euch. – – Zwischen Gläser gebettet
Leuchtet ihr so geduldig tot.
Broschen seid ihr und Fächer.
Ich habe aus euch einen Aschenbecher;
Aber er tut mir so leid.
Ich streue die Asche lieber daneben.
Denn euch brachte das schöne Kleid
Um euer junges, brasilianisches Leben.
Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Annette von Droste-Hülshoff | Das Geistliche Jahr

Am dritten Sonntag in der Fasten

Evang. : Jesus treibt den Teufel aus

»Mein Nam‘ ist Legion, denn unserer sind Viele!«
So spricht der finstre Geist.
Sein Nam‘ ist Legion, weh mir, daß ich es fühle!
Daß es mich zittern heißt!Wo kindlich dem Gemüt in Einfalt und Vertrauen
Nichts als sein Jesu kund,
Da kann der Finstre nicht die wirren Höhlen bauen
Im einfach lichten Grund.Doch du, mein schuldvoll Herz, in deinem eitlen Wissen,
In deinem irren Tun:
Wie sind dir tausend brand’ge Stellen aufgerissen,
Worin die Nacht kann ruhn!Und raff‘ ich mich empor, und will ich mich erkühnen
Zu heil’gen Namens Schall,
O, könnte nicht vielleicht mein guter Wille dienen
Zu neuem schwerem Fall!Denn daß die Welt mich nicht, die Menschen mich nicht kennen,
Die gleißend wie das Meer,
Daß sie mich oft sogar noch hell und freudig nennen,
Das senkt unendlich schwer!Mich kennen muß die Welt, ich muß Verachtung tragen,
Wie ich sie stets verdient;
Ich Wurm, der den, den Engel kaum zu nennen wagen
Zu preisen mich erkühnt!Laß in Zerknirschung mich, laß mich in Furcht dich singen,
Mein Heiland und mein Gott!
Daß nicht mein Lied entrauscht, ein kunstvoll sündlich Klingen,
Ein Frevel und ein Spott.Ach, wer so leer wie ich in Worten und in Werken,
An Sinnen so verwirrt,
Dess Lied kann nur des Herrn barmherzig Wunder stärken,
Daß es zum Segen wird.Ist nicht mein ganzer Tag nur eine Reihe Sünden?
Muß oft in Traumeswahn,
Oft wachend die Begier nicht zahllos Wege finden,
Nur nie die Himmelsbahn?Tönt nicht der Kampfgesang der Lust von allen Seiten?
Und bringt er nicht den Sieg?
Ist nicht mein Leben nur ein flüchtig kraftlos Streiten,
Ein schmachbedeckter Krieg?Und mein‘ ich eine Zeit, daß ich den Sieg errungen,
Weil die Begierde schwand:
Da bin ich ausgeschlürft wie von Empusenzungen,
Wie eine tote Hand!Und ist mir’s eine Zeit, als will das Leben ziehen
Ins Herze gar erstarrt:
Da muß mit ihm zugleich der Übermut entglühen,
Der eines Hauchs geharrt.Und wird mir’s endlich klar, umsprüht von Leidensfunken,
Wie klein, wie Nichts ich bin;
Da bin ich ausgebrannt, zu Asche eingesunken,
Verglüht an Geist und Sinn.Das hast du selber dir, du schuldvoll Herz, zu danken;
Mein Jesu lieb und traut,
Wärst du nur irgend treu, er würde nimmer wanken
Von der geliebten Braut.Doch daß du schlummernd läßt durch alle Tore ziehen
Den grausen Höllenbund,
Daß überall für ihn die Siegeskränze blühen
Aus deinem eignen Grund;Daß du dich töricht wähnst in vollem hellem Laube,
Du armer dürrer Zweig!
Daß du, indes der Feind frohlockt in deinem Raube.
Dich herrlich wähnst und reich:Das ist warum du stirbst, daß du in Wahnes Gluten
Nicht kennst den eignen Schmerz,
O, fühltest du dich selbst aus allen Adern bluten,
Du töricht frevelnd Herz!So schaue deine Not! Noch fielen nicht die Schranken
Der dunklen Ewigkeit.
»Sein Nam‘ ist Legion«, o fasse den Gedanken!
Es ist die letzte Zeit!
Annette von Droste-Hülshoff

Ludwig Anzengruber | Drei kleinere Erzählungen (3)

Teufelsträume

1873

Ein dichter Nebel lag über der großen Stadt London, seit frühem Morgen lag er darüber und war nicht müde geworden, wie sonst einer, der lange auf einer und derselben Stelle liegt, denn er hatte sich weder gerührt noch gedreht. Die Leute, welche ihren Geschäften nachgingen, mußten sich durch seine Schleier hindurch ihre Wege suchen, und da dies die alten, gewohnten waren, so war das eine allerdings noch zu leistende, wenn auch keine angenehme Arbeit, und es mag an solchen Tagen in der großen Stadt London wohl auch mehr geflucht als gebetet werden.

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Eugen Roth | Wasserheilkunde

Soll eine Pflanze richtig sprießen,
Dann muß man sie bekanntlich gießen.
Dies brachte Kneipp schon zu dem Schluß:
Die wahre Heilkraft liegt im Guß.
Ihn preist die Welt – und nur der Pudel
Nennt unser Lob bloß ein Gehudel,
Weil ihn schon immer sehr verdrossen
Laut Volksmund, wenn man ihn begossen.
Doch nie hält auf das arme Vieh
Den Sieg der Hydrotherapie!

Eugen Roth (1895-1976)

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (100)

100. Der kühne Kurzbold

Tischgrab des Konrad Kurzbold im Limburger Dom: als Tischplatte die liegende Skulptur; die Tischfüße stehen auf der Bodenplatte, unter der die Gebeine ruhen.

Es war ein Graf des untern Lahngaues, Kunz, ein Bruderssohn des deutschen Königs Konrad, des Vaters von Heinrich dem Finkler – der war gar ein tapferer Held und Degen, aber klein von Gestalt, daher hatte er den Beinamen Kurzbold erhalten, was nicht viel mehr besagen will als Däumling. Aber je kleiner Kurzbolds Körper war, um so größer war sein Geist, der verschaffte dem Helden den Namen des Weisen. Der Held Kurzbold hing mit eiserner Freundschaft an Heinrich dem Finkler, gegen den das salische Geschlecht der nahen Anverwandten Kurzbolds sich empörte und zu Felde zog. Das waren vornehmlich Giselbert, Herzog von Lothringen, Eberhard, Herzog von Franken, die führten ein Heer und wollten bei Breisig, unterhalb Andernach, über den Rhein fahren. Da harrte ihrer am andern Ufer Kurzbold mit nur vierundzwanzig Wappnern, und als der eine Nachen, darin Giselbert, der Lothringer, saß, anlanden wollte, da stieß Kurzbold seine Lanze mit so heftiger Gewalt in den Kahn, daß dieser alsbald sank und niedertauchte und die Rheinflut alle darinnen Sitzenden überströmte und verschlang. Während dies geschah, war Eberhard der Franke gelandet; alsobald wandte sich Kurzbold gegen ihn, rannte ihn an und stieß ihn mit seinem Schwerte durch und durch.

Da Heinrich der Finkler nicht mehr am Leben war und Otto, zubenamt der Erste oder auch der Große, deutscher König geworden, hielt auch der den Helden Kurzbold gar wert. Da der König mit Kurzbold einstmals allein stand, geschah es, daß ein gefangener Löwe aus seinem Käfig brach und auf beide Männer zustürzte. Der König, der unbewehrt stand, griff nach Kurzbolds Schwert, das dieser an der Seite trug, aber Kurzbold kam dem König zuvor, warf sich dem Löwen entgegen und tötete ihn. Zu einer andern Zeit forderte ein riesenhaft gewachsener Petscheneger aus dem dem König Otto gegenüberliegenden Slawenheere des Herzogs von Böhmen die Heerführer Ottos zum Zweikampfe, indem er auf seine große Kraft und furchtbare Gestalt pochte. Da trat ihm, wie voreinst dem Riesen Goliath der kleine David, der kühne Kurzbold entgegen zum Fußkampf mit Lanzen, entglitt gewandt dem Stoß des Riesen und rannte ihn mit seiner Lanze und mit seiner schrecklichen Kraft sogleich zu Boden. Zweierlei mochte Held Kurzbold nicht leiden, Weiber und Äpfel, daher blieb er unverheiratet und erbenlos, gründete aber zu Limburg an der Lahn die herrliche St. Georgenkirche, die er dem Lindwurmtöter auf derselben Stelle erbauen ließ und weihte, wo, der Sage nach, vordem ein Lindwurm gehaust, der der frühern Burg, wie der heutigen Stadt, den Namen Lindburg gab, was eine spätere Zeit in Limburg umwandelte. In dieser Kirche ist des heldenmütigen Kurzbold Grabmal noch zu sehen.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Ludwig Anzengruber | Drei kleinere Erzählungen (2)

Vom Hanns und der Gretl

Dort, wo der Wald niedergeht und ein Spitz wie eine Nasen ins Land streckt, dort is vor undenklichen Zeiten einmal a Häusel g’standen, drin hat a kluge Frau gewohnt. ’s liegen dort in der Näh’ drei Dörfer, die warn in der Zeit, von der ich red’, auch schon da, ’s mag ’s eine mehr Häuser g’habt haben, als das andere, ’s eine mag mit der Zeit von der Straß’ z’ruckgangen sein, und ’s andere bis hervor zu ihr, das macht nix. – Den Ortern geht’s wie den Leuten, sie versterben und lassen eins dahinter, das ihren Nam’ fortführt und ist kein Brösel von ihnen selber mehr auf der Welt, als was so das Kind von ihnen überkommen hat; so ist wohl wenig mehr von dö alten Dörfer da, als daß neue Höf’ stehen an der Stell’, wo einmal die alten gestanden sind, und ein oder der andere Stein mit hinein vermauert ist. Na, so war’s halt, auf der Waldnasen hat die weise Frau g’haust und rundum waren drei Dörfer, in ein Dorf war ein Knecht, der hat Hanns g’heißen, in andern a Dirn, die hat Gretl g’heißen, und in der Mitten is das dritte Dorf g’legen. Das dritte Dorf war das reichste, und ’s hat oft dort im Wirtshaus Tanz und Unterhaltung geb ’n und da hat der Hanns die Gretel kennen g’lernt, all zwei warn arme Teufeln, hätten gern g’heirat, aber haben’s immer überlegt, müßt’ amal a Glück kommen, daß sie’s riskier’n könnten, haben s’ denkt. ’s Glück is jahrlang ausblieben, sie sein d’ Jahr’ lang miteinander gegangen, und da haben s’ halt die Leut’ – ihr müßt es nit in Übel aufnehmen, aber die Leut’ warn allemal so boshaftig und nixnutzig wie heut – da haben s’ halt die Leut’ auch die »ewig Liebsleut’« g’nennt.

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Ludwig Anzengruber | Drei kleinere Erzählungen (1)

Ein Mann, den Gott liebt

Florian Traidmann hieß das kleine, schwächliche Bäuerlein das so flink auf den Wegen dahinschusselte, wie einst vor Jahren, aber nimmer so gerade, denn das Alter hatte ihm nach und nach mit schwerer Hand den Rücken ganz vornüber gedrückt; dabei geschah es auch, daß es ihm über seinem dunkelbraunen, wirren Schopf strich und alle Haare wegfegte, bis auf einen dünnen Kranz, der um den Hinterkopf herum von einer Schläfe zur anderen lief; durch seinen spitzen Schädel bekam sein Gesicht das Ansehen eines Eies, das mit dem breiten Ende nach unten stand; über dem derben Kinne und zwischen den beiden mächtigen, ganz gefräßig und zermalmig.aussehenden Kinnladen befand sich das große wulstlippige Maul, ober dem die kurze, plattgedrückte Nase und beidseitig an deren Wurzel blinzten zwei Grauäuglein ohne Wimpern doch fast ganz von den buschigen Brauen verdeckt.

Der Alte kannte keinen anderen Gruß als „Gelobt sei Jesus Christus“; Beicht-, Bitt- und Kirchgänge, sowie das „Kirfürten“ schienen ihm gleichermaßen zur Leidenschaft wie zum Bedürfnisse geworden zu sein, und das nicht erst in seinen alten Tagen. Leute, die mit ihm alterten, besannen sich gar wohl, daß der Traidmann-Florl eine wilde Bubenzeit verbrachte. Daß man ihn damals durchaus nicht in dem „Stande der Gnade“ befindlich erachtete, erhellt wohl deutlich genug aus dem Umstande, daß man ihn verdächtigte, einem Burschen, der ihm zuerst bei einer Dirne, dann bei einer Bäuerin „ins Gäu gegangen war“, auf einer Kirchtagrauferei das Messer in den Leib gerannt zu haben. Der Verletzte starb, ohne das Bewußtsein zu erlangen, und gegen den mutmaßlichen Täter fehlte jeder Beweis.

Des Traidmann-Florl Ein- und Umkehr erfolgte erst, als er selbständig wurde. Von seinem Vater, der ein großer Scharrer und Sparer war, erbte er allerdings nur ein kleines Anwesen, aber eine große Anzahl von Schuldscheinen; der Mann half, als guter Christ, allen und jedem im Orte, wenn auch zu unchristlichen Perzenten. Hatte es den Traidmann-Florl, als er sich zum Militär abstellen sollte, schon einigermaßen stutzig gemacht, daß Engbrüstigkeit und Plattfüße eine Gabe und Gnade von Gott seien, um wieviel mehr mußte er befangen werden, nachdem er sein eigener Herr geworden, als Mißjahre eintraten; Mißjahre, die bei seinem geringen Besitzstande keinen Ausschlag gaben, aber seine Schuldner so gründlich ruinierten, daß er deren Grund und Boden billig an sich bringen konnte; kaum aber hatte er die fremden Acker und Wiesen im Besitz, so kamen die ergiebigsten Zeiten, und er hatte drei- und vierfachen Gewinn. Als reicher Bauer heiratete er eine reiche Bauerndirne, und nach zweijähriger Ehe, nachdem ihm ein Kind geboren ward, kam die Cholera ins Land; nicht ihn nahm die Epidemie hinweg, sondern sein Weib; nach der Mutter erbte das Kind, und ein Jahr danach starb auch dieses, und nach dem Kinde erbte er das ganze Besitztum; das war ja doch lauter Gnade von Gott, denn wie leicht wäre es diesem gefallen, ihn sterben zu lassen; von da an wurde der Traidmann-Florl nachdenklich; er fühlte sich als den Mann, den Gott liebt, und sich demnach verpflichtet, Gott auch alles, was möglich, zu Gefallen zu tun daher kennt er keinen anderen Gruß, als Gelobt sei Jesus Christus“, und darum fehlt er bei keinem Kirchgang, läuft bei allen Bittgängen, möge es sich um Sonnenschein oder Regen handeln, mit, und geht alle Ostern zur Beichte, und ist an der Kirchtüre die Aufforderung zu einer Wallfahrt angeschlagen, so schließt er sich derselben an.

Daß ihn Gott vor vielen andern bevorzuge, galt dem Traidmann-Florl für ausgemacht, und er war nicht der Mann, über so ausgemachte Dinge zu grübeln und etwa der Veranlassung nachzufragen, welche er dafür gegeben oder Gott dazu genommen habe, daß sich ein derart erfreuliches Verhältnis zwischen ihnen beiden entspann; es genügte ihm die Tatsache, daß ihn Gott gern hatte und es nie an ersichtlichen Beweisen daran hatte fehlen lassen. Als er damals vom Notar mit den Papieren zurückkehrte, die ihm das Erbe seines verstorbenen Kindes einantworteten, hatte er, wie bereits bemerkt, seine nachdenkliche Stunde; da war er wie er sich ausdrückte, Saul auf dem Wege nach Damaskus, denn an biblischer Sprechweise und Spruchanwendung fand er großes Behagen.

Ihrer neun lebende Kinder waren im Hause seiner Eltern gewesen, keinem außer ihm gönnte der liebe Gott das Dasein, alle verstorben, er allein blieb aufbehalten, zu verzehren, was die Alten zusammen erafft und erwuchert; frei ging er vom Militärdienst aus; nicht ihm, sondern dem Preisler-Franzl war es bestimmt, bei der Kirchtagrauferei die Messerklinge in den Leib zu kriegen, und die Mißjahre, durch welche Gott mit dem Stabe „Wehe“ die anderen züchtigte, waren für ihn der Stab „Sanft“, mit dem er zur hellen Quelle des Reichtums geleitet wurde, damit er sich dort in vollen Zügen tränke, und dann bekam er die reichste Bauerntochter im Dorfe zum Weibe, und nach zwei Jahren, eben als es allmählich den Anschein gewann, als hätt‘ er sich mit dieser seiner Bäuerin selbst eine Rute auf den Rücken gebunden, brach die böse Seuche aus, die in jedem Hause zusprach, und nahm ihm die Marie-Lies hinweg, doch nicht, ohne daß diese gerade zuvor in die Wochen gekommen war und ein Kind hinterlassen hatte, so daß ihm der qualvolle Wunsch erspart blieb, sie behalten zu wollen, um ihr Heimgebrachtes nicht zu verlieren; er konnte sie verlieren und dieses behalten, ja, es blieb ihm bald ganz zu freier Verfügung, als das Kind kurz darauf seiner Mutter in den Tod folgte. Betrachtete er, wie sich alles immer und rechtzeit, und stets zu seinem Besten geschickt und gefügt hatte, so mußte er das Einsehen gewinnen, daß Gott ihn gern habe, und danach sich auch gegen Gott verhalten; er betrachtete diesen als seinen himmlischen Vater und hielt es mit ihm, wie alle braven Söhne es mit ihren irdischen Vätern zu halten pflegen, er erwies ihm alle gebotene Aufmerksamkeit, und was denselben etwa zu ärgern vermocht hätte, das tat er ihm nicht unter den Augen, und was nicht zu verheimlichen angehen wollte, das sühnte er durch nachträgliche Zerknirschung und laut kundgegebene Reue.

Er war nicht lange Witwer geblieben, denn er fühlte sich nicht stark genug, dem Saul über Damaskus hinaus als ein anderer Paulus zu folgen und ehelos zu bleiben, und da für diesen Fall der Apostel selbst den Schwachen zur Ehe rät, so war Traidmann der letzte, der solchen guten Rat zurückgewiesen hätte. Er heiratete also zum zweitenmal, „zur Buß‘ seiner Sünden“, wie er sagte, die Leute meinten aber, er fasse das gar sehr vom umgekehrten Ende an; die neue Traidmannin war ein bildsauberes Geschöpf, zwar blutarm, aber dafür ganz unvernünftig unterwürfig, und sie war es eigentlich, die alle ihre Sünden in solchem Ehestand mit dem rechthaberischen alten Gottesliebling abbüßte, während er es wohl zufrieden sein konnte, nach der Reichsten nun auch die Schönste im Dorfe zu eigen zu haben, die noch dazu auf den Wink ging und auf dein Pfiff kam. Die Kinder, welche sie zur Welt brachte, arteten leiblich und geistig nach ihr, und der Traidmann mochte sich seiner Häuslichkeit mit Recht berühmen.

Der unsaubere, höckerige Alte, der jetzt auf den Wegen einherschusselt, mit Gebetbuch und Rosenkranz als steten Begleitern, ist in seinem Hause der Gegenstand der Pflege und Sorge von seiten einer fast fürchtenden Gattin und ein paar gutmütiger, braver Burschen und Dirnen. Diese fünfe lassen ihm alles gerade sein.

Dem Alten ist es daher nicht schwer gefallen, bei der Überzeugung zu beharren, daß ihm von Geburt an Gott gut gewesen sei und auch bis zum Ende bleiben werde, und die Frist bis zu diesem Ende wünscht er immer nur um „so a zwanz’g Jahrl’n halt noch“ verlängert; das äußerte er an seinem fünfzigsten und sechzigsten Geburtstage, er wird es demnächst an seinem siebzigsten tun und am achtzigsten, wenn er ihn erlebt, nicht unterlassen; denn das Ende ist seiner Anschauung nach wirklich das Ende und kann daher nicht leicht für lange genug hinausgeschoben werden.

Wenn er in allen anderen Punkten der ganz untertänigste und gläubigste Diener des Herrn Pfarrers ist, in dieser Beziehung hat er seine eigene Meinung, und wenn er ihr auch nur durch Kopfschütteln und Achselzucken Ausdruck gibt. Er läßt sich von einem anderen Leben viertelstundenlang vorreden, ohne eine Miene zu verziehen, dann aber, am Schlusse der Rede des Hochwürdigen, reckt er die Rechte mit einer ganz unnachahmlichen Gebärde von sich, als wäre sie der ausgereckte Arm eines verfallenen Wegzeigers, der ins Blaue weist, und dabei sieht der alte Sünder selber wie der fleischgewordene Zweifel aus.

Was hat es sich der gute Seelenhirte für Zeit und Mühe kosten lassen, bei diesem sonst so gefügigen Stücke seiner Herde den Unglauben an ein Hauptstück christlicher Lehre zu bekämpfen. Es hat nichts gefruchtet. Einmal faßte er den alten Traidmann, dessen dankbare Empfindungen gegen den himmlischen Wohltäter nicht zu bestreiten waren, bei der Gefühlsseite an, und fragte ihn, ob er denn nicht das Verlangen verspüre, seinen gütigen überirdischen Vater von Angesicht zu Angesicht zu sehen?

„Dös schon“, meinte der Fromme, „wann’s leicht sein kunnt‘ und möglich war, daß mer dabei mit ihm alloan sein tät‘ und bleib’n möcht‘! Aber so kam ja all das Menschweri (Menschenwerk), mit dem mer im Leb’n z’tun g’habt hat, a dazua, und ich mag koan solch’s begegnen, ich!“

Was ihm ein solches Begegnen unangenehm machen konnte, oder was es ihn fürchten ließ, darüber sprach er sich nicht aus; da er aber doch nicht vermessen genug war, zu hoffen, Gott werde in einer Ewigkeit unter drei Augen – Gott hat nur eines, wie man oft aufgemalt sieht – den Himmel mit ihm teilen, so schloß er den letzteren, um unliebsamen Begegnungen auszuweichen, einfach zu, steckte den Schlüssel ein und verlor ihn aus der Tasche.

Einmal hätte er sich nahezu einem fabulierenden Freigeiste gefangen gegeben, der sehr einleuchtend davon zu reden wußte, daß die Seelen der Verstorbenen auf den Sternen sich ansiedelten und daher eine Gefahr des Wiederfindens ziemlich ausgeschlossen erscheine, aber der kluge Traidmann erklärte bald, daß er auch davon nichts wissen wolle, „denn was möcht‘ mer denn a af so oan Stern onfonga, worauf mer sich doch gar koan kloan bissel auskenna kinna kunnt‘?“

So blieb er denn auf seinem Wunsche bestehen, „so a zwanz’g Jahrl’n halt noch“, und wird darauf bestehen bleiben, und wenn er hundert alt würde; das ist auch gar nicht so unbescheiden für einen Mann, den Gott gern hat, wofür ja auch diesem der Traidmann, soviel nur möglich, zu Gefallen lebt und oft genug vor dem Pfarrer erklärt: „Er wär‘ sein‘ Tag, mit koan’m Menschen lieber umgangen, als mit ‚m lieben Herrgott’n, und der wär‘ völlig ihm gleich, wie er selber!“

Ludwig Anzengruber (1839-1889)