Auf der Oktoberfestwiese im Jahre 1926

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich gestern auf dem Oktoberfest war. Herrliches Wetter leuchtete vom Himmel herab und der Mondschein kam erst abends zum Vorschein. Daß ich nicht vergesse, muß ich Ihnen noch was von der Auer Dult erzählen. Und zwar eine wahre Begebenheit:

Jeder normale Mensch läßt sich auf der Welt nur einmal begraben, meistens dann, wenn er gestorben ist. Vielmehr – er läßt sich nicht mehr begraben, sondern die andern lassen ihn begraben, weil er gar nichts mehr zu reden hat. Ein Mann aber auf der Auer Dult ernannte sich »Der Verächter des Todes« – läßt sich in einen Sarg legen und sich pro Tag 10 bis 20mal begraben; und feiert somit 10 bis 20mal im Tag die sogenannte Auferstehung. Mir wurde von dieser Sensation erzählt und gleich suchte ich die Schaubude auf, um mich an diesem grausigen Schauspiel zu ergötzen. Enttäuscht stand ich mitten im Dulttumult vor der geschlossenen Bude. Auf einem primitiven Plakat stand mit Bleistift geschrieben: »Wegen Krankheit des Verächters des Todes – heute geschlossen.« – Weiterlesen „Auf der Oktoberfestwiese im Jahre 1926“

Erotisches Variété

Auf offner Straße in der Nacht
Entkleidet sich ein Kneipenwirt.
Ein Ingenieur ist aufgebracht,
Der sich bei seinem Weib verirrt.

Nach gleichgesinnten Viechern schielt
Ein homosexueller Hund.
Ein Greis, der mit sich selber spielt,
Merkt: Allzuviel ist ungesund.

In schmutzig grüner Tunke hockt
Ein blauer Syphilitiker.
Ein Boxer bebt. Ein Baby bockt.
Verstiert fault ein Zylinderherr.

Ein Auto bringt ein Fräulein um.
Ein Junge bricht ein Mädchen an.
Verbittert ist ein Mensch. Warum?
Weil er nicht coitieren kann.

Alfred Lichtenstein (1889-1914)

König Artus‘ Problem

Der junge König Artus geriet in einen Hinterhalt und wurde vom König des Nachbarreiches gefangengenommen. Dieser hätte Artus töten können, wurde aber durch die Jugend und die Lebensfreude von Artus zurückgehalten. So versprach er ihm die Freiheit, wenn er eine sehr schwierige Frage innerhalb eines Jahres beantworten könne, hätte er immer noch keine Antwort, würde er zum Tode verurteilt.

Die Frage lautete: „Was wollen Frauen wirklich?“

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O trübe diese Tage nicht

O trübe diese Tage nicht,
Sie sind der letzte Sonnenschein,
Wie lange, und es lischt das Licht,
Und unser Winter bricht herein.

Dies ist die Zeit, wo jeder Tag
Viel Tage gilt in seinem Wert,
Weil man’s nicht mehr erhoffen mag,
Dass so die Stunde wiederkehrt.

Die Flut des Lebens ist dahin,
Es ebbt in seinem Stolz und Reiz,
Und sieh, es schleicht in unsern Sinn
Ein banger, nie gekannter Geiz;

Ein süßer Geiz, der Stunden zählt
Und jede prüft auf ihren Glanz,
O sorge, dass uns keine fehlt,
Und gönn uns jede Stunde ganz.

Theodor Fontane (1819-1898)

Ewig

Ihr sucht und sucht: »Wo ist die Ewigkeit?«
»Jenseits des Todes! Über unsern Sternen!
Hier ist die Zeit, und grad nur in der Zeit
hat für das ewge Leben man zu lernen.
Hier sind die Jahre, Monde, Tage, Stunden;
wir leben nach des Uhrenzeigers Lauf.
Hat er die Zwölf, die Mitternacht, gefunden,
so kommt die Ewigkeit, die Zeit hört auf.«

So wird von euch gesprochen und gedacht;
so hören es die Schüler von den Meistern,
und während Einer frech darüber lacht,
läßt sich der Andere davon begeistern.
Ihr meint, die Ewigkeit sei nur zu glauben,
sei eine Zweifelssache, ein Vielleicht,
und sendet aus der Arche eure Tauben,
von denen keine auf zur Wahrheit steigt.

So hört es denn: Die Ewigkeit ist dort,
ist hier, ist vor und nach euch, allerorten,
der Zeitenraum, der grenzenlose Ort,
der nur im Wechsel endlich ist geworden.
Sobald die ewge Liebe schöpfrisch handelt,
hat ihren Ratschluß sie in Form gebracht
und die Unendlichkeit in Zeit verwandelt,
doch diese Zeit als ewig sich gedacht.

So lebt ihr also in der Ewigkeit;
euch ward die Gnade, sie als Zeit zu fassen.
Benützt ihr sie, so wird als Seligkeit
der Herr sie euch für ewig, ewig lassen.
Wer dies nicht tut, dem steht der Abgrund offen.
Aus dem die Erdenstunde ihn gebar,
und nur vom Himmel ist für ihn zu hoffen,
daß er das wieder wird, was hier er war.

Karl May (1842-1912)

Nicht artig

Man ist ja von Natur kein Engel,
Vielmehr ein Welt- und Menschenkind,
Und rings umher ist ein Gedrängel
Von solchen, die dasselbe sind.

In diesem Reich geborner Flegel,
Wer könnte sich des Lebens freun,
Würd‘ es versäumt, schon früh die Regel
Der Rücksicht kräftig einzubläun.

Es saust der Stock, es schwirrt die Rute.
Du darfst nicht zeigen, was du bist.
Wie schad, o Mensch, dass dir das Gute
Im Grunde so zuwider ist.

Wilhelm Busch (1832-1908)