Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (21)

21. Die Teufelsbrücke

Vom Multhorn, nicht allzufern von St. Gotthard, stürzt sich mit raschem Rollen und unbändigen Sprüngen ein wildes Bergwasser, die Reuß. Ein Alpenhirte liebte eine Sennerin, die er zum öftern besuchte, aber er hatte oft mit dem wilden Fluß seine Not, hinüberzukommen, und mußte doch hinüber und auch wieder herüber zu seiner Hütte und Herde. Als nun einstmals die Reuß recht angeschwollen war und wilder als jemals über die Felsen herabstürzte, da sah der Hirte keine Möglichkeit, hinüber und zu seiner Geliebten zu gelangen, und rief aus: Ei, so wollt‘ ich, daß der Teufel käme und baute eine Brücke über dich verfluchtiges Wasser. – Und da kam der Teufel gleich hinter einem Felsklumpen hervor und sagte: He! was gibest mir, wenn ich dir die Brücke baue? – He! was soll ich dir geben? fragte der Hirte. – Die erste lebendige Seele, die darüber geht, sagte der Teufel und dachte, es werde niemand schneller sein als der Hirte, hinüberzukommen. Ich bin’s zufrieden, sagte der Hirt, und: Topp schlag ein! sagte der Teufel, und der Bub schlug ein. Jetzt baute der Teufel mit Hülfe aller seiner höllischen Geister die Brücke in ganz kurzer Frist, und als sie fertig war, setzte er sich hin und lauerte. Wer aber nicht darüberging, war der Hirtenbub, er jagte vom Gotthardgebirg unterm Hospital eine Gemse auf und trieb sie abwärts, immer der Reuß zu, bis an die Brücke, und da setzte sie flink hinüber. Der Teufel fuhr zu, wurde teufelswild über solches Wild und zerriß die Gemse in Stücken, nachdem er sie hoch in die Luft hinaufgetragen hatte. Nun ging der Hirte ungehindert, sooft er wollte, über die Brücke herüber und hinüber, doch soll es an derselben, die auf ewige Zeiten die Teufelsbrücke heißt, nicht recht geheuer sein, und es geht auch die Sage, der Teufel reiße alle Jahre ein Stück ein, daß immerdar daran gebaut werden müsse.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Ein lustiges Weihnachtsmärchen

Kennt ihr die Engel auf der Christbaumspitze?

Es war einmal vor langer Zeit kurz vor Weihnachten, als der Nikolaus sich auf den Weg zu seiner alljährlichen Reise machen wollte, aber nur auf Probleme stieß:
Vier seiner Elfen feierten krank, und die Aushilfs-Elfen kamen mit der Spielzeug-Produktion nicht nach. Der Nikolaus begann schon den Druck zu spüren, den er haben würde, wenn er aus dem Zeitplan geraten sollte. Dann erzählte im seine Frau, daß Ihre Mutter sich zu einem Besuch angekündigt hatte; die Schwiegermutter hat dem armen Nikolaus gerade noch gefehlt! Als er nach draußen ging, um die Rentiere aufzuzäumen, bemerkte er, daß drei von ihnen hoch schwanger waren und sich zwei weitere aus dem Staub gemacht hatten, der Himmel weiß, wohin. Welch Katastrophe! Dann begann er damit, den Schlitten zu beladen, doch eines der Bretter brach und der Spielzeugsack fiel so zu Boden, daß das meiste Spielzeug zerkratzt wurde – Shit! So frustriert, ging der Nikolaus ins Haus, um sich eine Tasse mit heißem Tee und einem Schuß Rum zu machen, jedoch mußte er feststellen, daß die Elfen den ganzen Schnaps versoffen hatten – is ja mal wieder typisch! In seiner Wut glitt ihm auch noch die Tasse aus den Händen und zersprang in tausend kleine Stücke über den ganzen Küchenboden verteilt. Jetzt gabs natürlich Ärger mit seiner Frau. Als er dann auch noch feststellen mußte, daß Mäuse seinen Weihnachts-Stollen angeknabbert hatten, wollte er vor Wut fast platzen. Da klingelte es an der Tür. Er öffnete und da stand ein kleiner Engel mit einem riesigen Weihnachtsbaum. Der Engel sagte sehr zurückhaltend: „Frohe Weihnachten, Nikolaus, ist es nicht ein schöner Tag? Ich habe da einen schönen Tannenbaum für dich. Wo soll ich den jetzt hinstecken?“
Und so hat die Tradition von dem kleinen Engel auf der Christbaumspitze begonnen.

Irische Elfenmärchen | Der Cluricaun (15)

15. Das Feld mit Hagebuchen

(Siehe auch die Anmerkungen)

Thomas Fitzpatrick war der älteste Sohn eines wohlhabenden Pächters, der zu Ballincolig in der Grafschaft Cork lebte. Thomas, ein munterer, hübscher, reinlicher Bursche, der jedermann gefiel, wer ihn ansah, hatte gerade neun und zwanzig Jahr erreicht, als er folgende Begebenheit erlebte. Weiterlesen „Irische Elfenmärchen | Der Cluricaun (15)“

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (20)

20. Das Paradies der Tiere

Hoch droben auf dem Matterberge ist eine Stelle, die aber keiner oder doch gar selten einer finden kann, die hat der laufende Jud nicht mit verwünschen können, weil sie von Gott gefeit ist vom Anbeginne: da ist kein Schnee und kein Eis, da ist Sonne und Freude, Wonne und Weide, da quillt erst eigentlich mit leisem Gewisper die Visper hervor, die später erst unter dem Alp-Gletscher zutage rinnt, dort ist das Paradies der Tiere. Da gibt es herrliche Steinböcke und Gemsen, Adler und Geier, Schneehühner und Birkhähne, auch Murmeltiere, und keines beleidigt das andere, alle leben da friedlich beisammen. Nur alle dreimal sieben Jahre darf und kann ein Menschenauge in dieses Bergparadies der Alpentierwelt blicken, wo es so wonnevoll und schön ist, alles voll Alpenrosen und Gentianen, und von zwanzig Gemsenjägern glückt das auch kaum einem einzigen. Da stehen uralte Pinienbäume und Ahorne, und die Pinien tragen Zapfen, deren Kern süß schmeckt, wie Mandeln, das sind die Zirbelnüsse. Wem es glückt, in das Paradies der Tiere zu treten, der darf wohl von den Zirbelnüssen nehmen und kosten, aber nimmermehr ein Tier fangen oder töten, sonst kostet’s ihm das Leben. Viele haben in die uralten heiligen Platanenstämme zum Zeichen ihres Alldagewesenseins ihre Namen geschnitten. Außerdem sieht man selten noch einen Steinbock und selten eine Pinie, und die stehen hoch und schwer erreichbar. Denn es geht die Sage, daß es zwar deren viele und überall gegeben habe, da habe aber die Dienerschaft immer gern die Nüsse genascht und darüber und mit Auskernen vielgute Zeit hingebracht und versäumt, da habe die Meisterschaft diese Bäume verwünscht, und nun seien sie unfruchtbar geworden oder unzugänglich.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Irische Elfenmärchen | Der Cluricaun (14)

14. Herr und Diener

(Siehe auch die Anmerkungen)

Wilhelm Mac Daniel war ein so artiger junger Bursch, als je einer in einer Tanzgesellschaft seine Sprünge machte, eine Kanne leerte oder den Stock, den er unter dem Rock trug, handhabte. Weiterlesen „Irische Elfenmärchen | Der Cluricaun (14)“

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (19)

19. Mutter Gottes am Felsen

Unterhalb Täsch, wo das Dorf St. Nicolaus das Nicolaital beschließt oder dem, der im Gebirg von unten heraufkommt, eröffnet, hebt sich hoch über St. Nicolaus der Räti mit einer schroffen Felswand gegen das Tal; an dieser Wand steht ein kleines Muttergottesbild von Stein. Weiterlesen „Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (19)“

Irische Elfenmärchen | Der Cluricaun (13)

13. Der Schuhmacher

(Siehe auch die Anmerkungen)

Es gibt eine Art Menschen, denen jeder einmal hier und da begegnet ist, Menschen, die tun, als glaubten sie nicht, woran sie im Herzen doch glauben und wovor sie sich fürchten. Felix O’Driscoll war ein solcher, überall mit dem Munde voraus, ein Schreier und Schwätzer, gab er vor, weder an die Elfen noch an Cluricaune und Phuken zu glauben und manchmal war er so unverschämt sich anzustellen, als bezweifle er das Dasein der Geister, an welche doch jeder Mensch auf irgendeine Weise glaubt. Die Leute aber pflegten sich zu winken oder einander anzusehen, wenn Felix prahlte, denn man hatte bemerkt, daß er sich fürchtete, wenn er über die Furt von Ahnamoe bei Nacht ging und daß, wenn er einmal über den alten Kirchplatz von Grenaugh in der Dunkelheit ritt, obgleich er sich Mut genug getrunken hatte, er sein Pferd in Trab setzte, so daß niemand gleichen Schritt mit ihm halten konnte und er regelmäßig von Zeit zu Zeit einen scharfen Blick über seine linke Schulter warf.

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Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (18)

18. Der ewige Jude auf dem Matterhorn

Hoch im Alpengebirge, ohnweit Welschlands Grenzen und dem hohen Monte Rosa, des Name schon italienisch genannt wird, hebt sich ein mächtiger Bergstock, das Matterhorn geheißen, darunter liegt der Matterberg mit einem Gletscher, dessen ablaufendes Gewässer die Visper bildet, welche noch ihre Wellen nach deutschem Boden herabrollt. Weiterlesen „Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (18)“

Die Edda | 36. Gudhrûnarhvöt.

36. Gudhrûnarhvöt.Gudruns Aufreizung.

Da ging Gudrun ans Meer, nachdem sie Atli getödtet hatte. Sie ging in die See, sich umzubringen, mochte aber nicht versinken. Da ward sie von den Fluten über den Sund getragen an das Land König Jonakurs. Der nahm sie zur Ehe. Ihre Söhne waren Sörli, Erp und Hamdir. Dort wurde Swanhild, Sigurds Tochter, erzogen und Jörmunrek dem reichen zur Ehe gegeben. Bei dem war Bicki: der gab den Rath, daß Randwer, des Königs Sohn, sie zur Ehe nähme. Das verrieth Bicki dem Könige. Da ließ der König Randwern henken und Swanhilden von Pferden zertreten. Als Gudrun dieß hörte, sprach sie den Söhnen zu.

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Irische Elfenmärchen | Der Cluricaun (12)

12. Der verwünschte Keller

(Siehe auch die Anmerkungen)

Es gibt wenig Leute in Irland, die nicht die alte Familie der Mac Carthys kennen sollten, deren Zweige sich in dem Süden ausgebreitet haben und die sämtlich durch die Gastfreundschaft berühmt sind, womit sie jeden Fremden, vornehm oder gering, aufnehmen.

Von niemand übertroffen ward hierin Justin Mac Carthy von Ballinacarthy; seine Tafel war mit Speise und Trank reichlich besetzt und herzlich willkommen jeder, der daran Teil nehmen wollte. Sein Weinkeller konnte für ein wahrhaftes Muster gelten und mancher andere mußte sich dagegen seines Namens schämen. So viel Raum er hatte, war er doch mit Körben für Weinflaschen und langen Reihen von Fässern aller Art und Größe angefüllt, so daß sie aufzuzählen mehr Zeit wegnehmen würde, als der mäßigste Mensch übrig behalten könnte an solch einem Platz, umgeben von der Fülle zu trinken und herzlich eingeladen, es zu tun.

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