Richard Arnold Bermann | Abgesang / Ende

Abgesang

Rratt – rratt – rratt – –

Ein melancholischer Morgenzug trägt mich unter einem grauen Himmel dahin, dem Hafen entgegen. Im Hafen wird ein Schiff liegen; mich wird das Schiff wegtragen; bald atme ich den frischen Duft heimischen Sommers.

Ein grünes Land fliegt dahin; bald wird es mir entschwunden sein, entflattert im Wind des Erlebens. Lebewohl, fremdes grünes Land! Du bist mir fremd geblieben; noch fahre ich durch deine Wiesen und schon ist mir, als hätte ich von dir geträumt.

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Richard Arnold Bermann | Ansichtskarte von der irischen Küste

Ansichtskarte von der irischen Küste

Dies ist der Ort, an dem die Welt zersprengt ward;
Hier ragt der letzte Rest der sagenalten
Atlantis, die vom Ozean verdrängt ward,
Dem Meer entgegen, das die blauen, kalten

Und klaren Augen an der Beute weidet.
Blutroter Ocker träufelt aus den Spalten
Des Bergs hervor, aus knochigen Basalten.
Noch klafft der Riß, die wunde Erde leidet.

Ein grüner, weicher, warmer Mantel fällt,
Die Wunden hüllend in verborgne Falten,
Dem Meer entgegen, das den Raub behält.

Ein Schrei von tausend weißen Möwen gellt:
Die letzte Klage um die tote Welt.

*

Und ewig wird das Meer den Raub behalten.

Richard Arnold Bermann (1883-1939)

Richard Arnold Bermann | Mitgebrachtes: Das irische Märchen von Connla, dem Prinzen mit dem goldenen Haar

Mitgebrachtes: Das irische Märchen von Connla, dem Prinzen mit dem goldenen Haar

(Gepflückt aus der Sammlung alter keltischer Heldensagen von P. W. Joyce.)

Connla mit dem goldenen Haar war Conns Sohn, des Hundert-Kämpfers. Eines Tages stand er mit seinem Vater auf dem königlichen Burgberg zu Usna; da sah er von ferne ein vielschönes Fräulein, gekleidet in seltsame Prachtgewänder. Näher kam sie dem Ort, wo er stand, und als sie nahe war, da sprach er zu ihr und fragte, woher sie gekommen und wer sie sei.

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Richard Arnold Bermann | Andenken

Andenken

Mein Dampfer bringt mich von der Insel Man wieder nach Dublin. Ich steige aus und überzeuge mich, daß Dublin Gott sei Dank immer noch schmutzig ist. Indessen, jetzt geht mich das nichts mehr an. Ich werde gleich wieder weggefahren sein. In meiner Brusttasche liegt ein Rundreisefahrscheinheft. Einst war es wohlhabend und dick; jetzt hat man ihm seine schönsten Blätter ausgerupft und auf den schäbigen restlichen steht: Heimreise.

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Richard Arnold Bermann | Dichters Lande

Dichters Lande

Ich ging wieder in Belfast spazieren und hatte genug von Belfast. Schließlich will man im Sommer auch etwas anderes, als sich über die Fortschritte der nordirischen Leinenindustrie verwundern und feststellen, daß die Straßen einer großen Industriestadt gut gekehrt sind. Es gibt grüne Berge, es gibt die See. Also wohin?

Was tut der Mensch? Er geht ins nächste Reisebureau und verlangt Prospekte.

Im Reisebureau sagt mir ein hilfreicher Beamter: »Besuchen Sie doch die Insel Man! In vier Stunden sind Sie dort.«

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Richard Arnold Bermann | Für Homerule

Für Homerule

Verehrter Sir Edward Carson,

vom ästhetischen Standpunkt aus wäre es ein Fest, Ihnen recht geben zu können. Männer wie Sie sind eherne Säulen, an denen man sehr bequem eines Herzens Begeisterung aufhängen kann. Trotz ist immer schöner als politische Räson, Herrenhochmut schöner als politischer Fortschritt. Aber der ästhetische Standpunkt taugt in der politischen Welt nichts. Auch sehe ich Ihnen gegenüber auf der feindlichen Seite nicht nur Redner und Politikaster, sondern auch einen Mann, an dem ich längst die Begeisterung meines Herzens gehißt habe. Bernard Shaw, den Dichter. Er ist ein Rebell wie Sie, und mir wird vom ästhetischen Standpunkt aus die Wahl schwer. Also ist es vielleicht gut, wir lassen die Begeisterung beiseite und sprechen sehr trocken und logisch über Homerule.

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Richard Arnold Bermann | Ulster

Ulster

Lange wußte man, daß das eine Art Überzieher ist. Dann vernahm Europa, daß Ulster in Irland liegt und daß Ulster und Irland einander hassen. Dann nahm all dieses Geographische ein bestimmtes Gesicht an, das Gesicht eines starken Menschen. Wer heute an Ulster denkt, der denkt an Sir Edward Carson, den Führer der Orangisten, den Todfeind von Homerule.

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Richard Arnold Bermann | Der Damm des Riesen

Der Damm des Riesen

Man wird in Belfast seines Lebens nicht froh, bevor man nicht jenen einen Ausflug gemacht hat, den man eben gemacht haben muß. »Haben Sie schon the Giants Causeway besucht?« Gleich nach dem Eingangs-How-Do-You-Do fragen das die Belfaster den Fremden. Der Fremde hätte alle Lust, justament the Giants Causeway links liegen zu lassen, aber dann denkt er wieder, daß diese reine, fromme, strebsame, industriereiche, löbliche Ulsterstadt Belfast eigentlich an einem schönen Sommertag vom Bahnhof aus einen überaus erfreulichen Anblick bieten muß. Also fahre ich denn am Sonntag mit dem Frühzug weg und sehe aus einem sympathischen Kupeefenster das entschwindende Belfast und die prachtvollen Landhäuser der Ulsterbarone, und den schimmernden Fjord, an dem Belfast liegt, und kleine Kinder, die im seichten Strandwasser herum waten, und kleine Seebäder und sehr grüne Wiesen und sogar Felder, da ich nämlich durch Ulster fahre und nicht durch den verwüsteten Teil von Irland. Und dann nach zwei Stunden bin ich in dem netten Seebad Portrush, steige in einen offenen Straßenbahnwagen und sause die Steilküste entlang.

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Richard Arnold Bermann | Der neue Anzug

Der neue Anzug

Ich war in Belfast; es ist eine Stadt, die direkt aus dem Mond auf Irland heruntergefallen ist, aus einem durchaus englischen Mond. Es ist grotesk, aber es muß gesagt werden: die Straßen von Belfast sind nicht schmutzig. Auch gibt es gar keine Verbindung zwischen Belfast und alten irischen Königen; der Ort war eine englische Kolonie von jeher. Eine Festung der »protestantischen Garnison« von Irland. Und sieht jetzt nicht irischer aus als Kapstadt oder Sidney. (Ich kenne diese Städte nicht, aber kann mir sie vorstellen; ich kann mir jede britische Kolonialstadt vorstellen.)

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Richard Arnold Bermann | Das verlorene Billett

Das verlorene Billett

Ich ging auf dem Bahnhof von Drogheda durch die Sperre und ließ mein Billett knipsen und dachte entweder an die Schlacht am Boynefluß oder an das miserable Mittagessen oder an sonst etwas, jedenfalls nicht sehr intensiv an mein Billett. Ein netter Träger trug meinen Koffer. Da kam schon der Schnellzug und hielt. Der Träger schubste meinen Koffer in einen Wagen. Da sah ich, daß ich mein Billett nicht hatte und sagte das dem Träger. Der Träger hatte sein Trinkgeld schon und sah die Welt optimistisch: »Ach was, Sie werden es schon irgendwo haben.« Schwups stieß er mich in den Wagen hinein und machte die Türe zu.

Ich saß zwischen einem breiten, gesunden Irländer und einer dunklen, jungen Dame von französischem Typ. Ich griff in meine vier Westentaschen und fand die Fahrkarte nicht; es war aber eine Rundreisekarte durch Nordirland, am gleichen Tage in Dublin gelöst. Etwas teuer, schade. Aber ich habe mehr Taschen. Ich greife in jede und finde nichts.

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