Erich Kurt Mühsam | Appell an den Geist. Texte und Geschichten | Die Boheme

Die Boheme

Aus: Berliner Illustrierte Zeitung, 1903

Boheme! – Was denkt sich der brave Mann am häuslichen Herd und seine noch bravere Gattin nicht alles bei diesem mystisch-abenteuerlichen Wort: Ein Maleratelier mit primitiven Holzmöbeln, ein halbes Dutzend Mal-Stellagen, an der Wand prickelnde Aktbilder, verschmierte Paletten, genialisch wüst gruppierte Gipsmasken. Der Inhaber sitzt, eine Fiedel in der Hand, auf der Ecke des Tisches, um ihn herum eine Anzahl dekolletierter Modelle, jedes ein Sektglas in der Hand, und eine Batterie »Henckell trocken« schußbereit auf dem Fußboden.

Nein, meine Herrschaften, so sieht Boheme nicht aus – aber anders. Überhaupt – suchen Sie sich mal erst in Berlin echte Bohemiens. Ach, du große Güte! Davon gibt’s verdammt wenige.

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Erich Kurt Mühsam | Appell an den Geist. Texte und Geschichten | Politisches Variété

Politisches Variété

Aus: Kain, 1912

Politik ist die Kunst, Staatsgeschäfte zu besorgen. Kunst nicht im Sinne der werteschaffenden Kultur, sondern im Sinne der Artistik: denn in der Politik handelt es sich um Jonglieren, Balanzieren, Seiltanzen, Sprüngemachen. Politik also ist das Kunststück, Staatsgeschäfte zu besorgen. Die Berufsartisten dieser Spezies der Leichtathletik nennt man Diplomaten.

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Erich Kurt Mühsam | Appell an den Geist. Texte und Geschichten | Der Kaiser

Der Kaiser

Aus: Kain, 1913

Wie doch die Welt so herrlich ist! Wie köstlich sich von Tag zu Tag die Saat der Freiheit entfaltet! Wie glücklich dürfen wir uns preisen, unsere Zeitgenossen zu sein! Wenn wir den Festschmöcken und Jubiläumsschwaflern glauben können, dann hat Drang und Qual aller Jahrtausende nur den einen Sinn gehabt, uns diesen Tag erleben zu lassen, an dem der Erdball von fünfundzwanzigjährigem Ruhm wilhelminischer Regierungsweisheit und Herrschergröße widerhallt. Der deutsche Oberlehrer tropft von Begeisterung.

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Erich Kurt Mühsam | Appell an den Geist. Texte und Geschichten | Die Fremdenlegion


Aus: Das große Morden, in Kain, Mai 1914

Mit zwei Milliarden Mark muß jährlich die Henne gefüttert werden, die unter dem Namen »Deutsche Wehrmacht« im bedrohten Vaterlande herumgackert. Jetzt ist sie mit einer Extramilliarde noch fetter aufgeplustert worden und beansprucht infolgedessen fortan noch erheblich mehr Getreidekörner aus den Ackern des deutschen Volkes als bisher. Der Geflügelzüchter Michel ist ein Schafskopf, denn er merkt nicht, daß das meschuggene Huhn ihm nichts als Kuckuckseier in den Stall legt. Eines guten Tages aber wird es ihm schmerzlich fühlbar werden, wenn nämlich der zärtlich gepflegte »bewaffnete Friede« an Überfütterung krepiert, seine Kücken aber auskriechen und sich die mißgestalteten Kreaturen als Krieg, Hunger und Pestilenz über das Land ergießen.

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Erich Kurt Mühsam | Die lustige Witwe

Die lustige Witwe

Marschlied zum Polterabend

1917

1

Das ist die lustige Witwe,
die »knax« den Kopf abbeißt;
Den Kopf mitsamt der Krone,
Wie immer sie auch heißt!
Den Kopf, ob er voll oder leer ist;
Die Krone, ob Gold oder Blech!
Zu lange bissen sie selber,
Zu lange waren sie frech.

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Christliche Liebe

Wieder zieh man einen Pfaffen
mangelhafter Sittlichkeit.
Denn er machte sich zu schaffen
mit der jungen Weiblichkeit.

Ja, es ist das Los der Frommen,
dass im Dienst der Liebe meist
sie vom rechten Wege kommen,
den ihr Amt sie wandeln heißt.

Liebe, sagen sie, sei Tugend –
doch sei Lieb auch Unmoral –
und liebt einer dann die Jugend,
gibt es vor Gericht Skandal.

Schwer fürwahr ist zu entwirren
dieses Zwiespalts Labyrinth;
und wenn schon die Hirten irren,
bleibt die Herde vollends blind.

Seltsam! Doch lehrt die Erfahrung,
dass das Volk es stets erkennt
ohne Pfaffenoffenbarung,
wann man Liebe – Liebe nennt.

mühsam
Erich Mühsam (1878-1934)

Babette

Folg mir in mein Domizil,
liebes Kind, und frag nicht viel.
Wirst schon alles lernen,
wirst schon alles sehn,
liest nicht in den Sternen,
was dir heut noch alles kann für Heil geschehn.

Stehst herum in Nacht und Wind.
Komm! Bei mir ist’s warm, mein Kind.
Geb dir einen Taler,
koch dir ein Glas Tee.
Einen Emmentaler
essen wir selbander auf dem Kanapee.

Bleibst bei mir bis früh am Tag.
Geht dann jeder, wo er mag.
Ich zum Redaktöre,
du, wohin dich’s treib.
Morgen küsst, ich schwöre,
dich mein guter Nachbar, ich des Nachbars Weib.

mühsam
Erich Mühsam (1878-1934)

Der kleine Kunstreiter

Max durfte in den Zirkus geh’n,
da gab es vielerlei zu seh’n:
Ganz große, wilde Tiere und
auch einen klugen Pudelhund,
der Karten legte – und ein Schwein,
das auf französisch „Oui“ konnt‘ schrei’n.
Der dumme August macht‘ ihm Spaß,
der jedermann im Wege saß.
Besonders hat’s ein Reitersmann
jedoch dem Mäxchen angetan.
Der stand auf seinem flinken Pferd
auf einem Bein und ritt verkehrt.
Dann war ein Seil da, das man schwang,
durch welches Ross und Reiter sprang.
Das war ein Kunststück – Donnerblitz! –
viel schöner noch als Augusts Witz … .
Als Mäxchen dann nach Haus gekommen,
hat Gertruds Springtau er genommen.
Das gab er Fips und Stips ins Maul
und sattelte den Steckengaul.
Das Schwesterchen fasst an das Tau:
Nun, Mäxchen spring‘! – Fips bellt: Wau, wau!
Die Schwester schwingt. – Max läuft. – Stips bellt. –
Nun, hops! – Max springt. Und – bums! – Er fällt.
Hier fliegt ein Schuh; da fliegt der Helm;
hier fliegt das Pferd; – da liegt der Schelm. –
Die Lehre hat dem Max gezeigt:
Kunstreiter sein ist nicht so leicht.

mühsam
Erich Mühsam (1878-1934)

Liebesweh

Zähre rieselt mir um Zähre
in des Betts zerwühltes Laken.
Bange Angstgedanken haken
sich an meiner Seele Schwere.
Schmerzgekrümmt sind meine Beine;
traurig triefend hängt der Bart
von den Tränen, die ich weine –
und die Nase trieft apart…
Ach, es ist der Traum der Liebe,
den ich durch die Seele siebe.
Ach, es ist der Liebe Weh,
das mich zwickt vom Kopf zum Zeh. –
Armes Herz! Die Träume wittern
fernen Trost. Ich spann die Ohren –
und durch meiner Seele Zittern,
fernher flüsternd, traumverloren,
murmelt ein geliebter Mund:
Schlapper Hund!

mühsam
Erich Mühsam (1878-1934)

Der Anarchisterich

War einst ein Anarchisterich,
der hatt den Attentatterich.
Er schmiss mit Bomben um sich rum;
es knallte nur so: bum bum bum.
Einst kam der Anarchisterich
an einen Schlosshof fürstelich,
und unterm Rock verborgen fein
trug er ein Bombombombelein.

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