William Russell | Die Seekönigin [ 3/27 ]

Drittes Kapitel.
Die Tynemündung im Sturm

Zuguterletzt machte mein Vater aber eine Erfahrung, die ihn endlich zu einem Entschlusse brachte, obgleich sie ihn wohl kaum beeinflußt hätte, wäre er nicht schon ohnehin geneigt gewesen, die See zu verlassen.

Er hatte das Kommando über eine Brigg übernommen, deren Mitreeder er war und die mit Kohlen nach Calais gehen sollte. Meine Mutter erhielt von ihm einen Brief, der von jenem Hafen aus datiert war, und in dem er uns sagte, wir könnten ihn an dem und dem Mittwoch erwarten. Natürlich wußten wir, daß sein pünktliches Eintreffen vom Wetter abhing, aber gewöhnlich war er sehr zuverlässig in seinen Berechnungen und irrte sich selten um mehr als einen oder zwei Tage, wenn er kurze Küstenreisen machte.

Der Dienstagabend kam heran, und ich saß und plauderte mit meiner Mutter, die fleißig Strümpfe strickte – dies war ihre Lieblingsbeschäftigung – als ein Windstoß, der in dem alten großen Kamin niedersauste, mich veranlaßte, ans Fenster zu gehen und hinauszuschauen. Der Himmel war schwarz, die Luft von dem Rauche verdunkelt, der aus den Fabriken längs des Tyne aufstieg, und es fiel ein feiner Regen. Die schwach schimmernden Straßenlaternen waren jede von einem Ringe umgeben, gleich dem Monde, wenn er blaß und matt am Himmel steht.

Es war Mitte November und die Luft bitter kalt. Ich sagte meiner Mutter nichts; denn schlechtes Wetter machte sie immer krank, wenn mein Vater auf Reisen war. Ich ließ den Vorhang fallen, ging in das Vorzimmer, schaute auf das dort hängende Barometer, und sah, daß das Quecksilber um Daumenbreite gesunken war.

Ich ging an meinen Platz zurück und nahm ruhig meine Arbeit wieder auf. Das Bild des alten Wohnzimmers steht mir noch heute deutlich vor Augen.

Die hellen Flammen des Kohlenfeuers überstrahlten den ruhigen Schein der Messinglampe, und alle unsere ›Kuriosa‹ tanzten und schwankten in dem unstäten Lichte. Neben dem Feuer saß meine Mutter in einem Lehnstuhl und schaute durch eine altmodische Brille aufmerksam auf ihre Hände, die so fleißig die Nadeln handhabten. Ihr liebes Gesicht, das das Feuer hie und da erhellte, hob sich scharf von der hohen, dunklen Wandverkleidung ab, so daß mir ihr Profil wie eine Kanne erschien.

Aber das Stöhnen des Windes artete bald in ein Murren und Heulen aus, und das merkte meine Mutter; denn sie ließ ihr Strickzeug fallen und bat mich, den Vorhang zurückzuziehen und nachzusehen, was für Wetter draußen wäre.

Ich sagte ihr, es sei so dunkel, daß ich nichts sehen könnte. Sie kam selbst, und während sie hinausblickte, kam ein furchtbarer Schloßen- und Hagelschauer, begleitet von einem heftigen Windstoße, herunter und schlug gegen die Fensterscheiben, als ob man Kieselsteine gegen das Haus schleuderte.

Das war nur das Vorspiel. In weniger als einer halben Stunde war der Wind zu einem wütenden Orkan angewachsen, der aus Südosten kam.

Weder meine Mutter noch ich konnten in dieser Nacht Schlaf finden. Wir sprachen beständig vom Vater und lauschten dem Rasen des Sturmwindes, bis die Morgendämmerung durch die Fenstervorhänge schimmerte. Es war Mittwoch, der Tag, an welchem wir meinen Vater, wie er geschrieben hatte, erwarten sollten; und wo auch seine Brigg sein mochte, wir wußten, daß sie nicht weitab sein konnte, wenn sie die fürchterliche Nacht überstanden hatte.

»Ich muß nach Shields hinunter, Jessie,« sagte meine Mutter, »hier kann ich nicht bleiben. Ich verliere den Verstand, wenn ich hier zu Hause immer lausche und von der Furcht verzehrt werde.«

Der Wind wehte so heftig, daß es lebensgefährlich war, sich hinauszuwagen. Unsere Straße lag voller Dachschiefer, Ziegel und Schornsteine. Als wir beim Frühstück saßen, kam die Magd herein und erzählte uns, der Schlächter habe ihr gesagt, daß eine furchtbare Verheerung angerichtet, große Bäume entwurzelt, Fensterscheiben eingedrückt, von vielen Häusern in Gateshead und Newcastle die Dächer heruntergerissen und einige zwanzig Leute auf den Straßen getötet worden seien. Auch jetzt noch könne man sich nur mit Gefahr des Lebens hinauswagen.

Aber meine Mutter war entschlossen, und ich war ebenso besorgt wie sie. Ich wußte sehr wohl, daß dieser Südoststurm meines Vaters Schiff nordwärts treiben würde, und daß er in der Nähe des Tyne sein müßte, wenn er nicht auf einer Rhede oder in einem Hafen weiter nach Süden Schutz gesucht hatte.

Viele Leute fuhren nach Shields, einige von ihnen gleich uns von verzehrender Angst über das Schicksal ihrer auf der See befindlichen Angehörigen erfüllt. Andere, denen nur das geschäftliche Interesse am Herzen lag, waren mit ihren Gedanken mehr bei den Ladungen als bei den Menschenleben auf hoher See, und wieder andere machten die Reise nur, um den großartigen Anblick zu genießen, welchen das Meer heute bieten mußte. Es war rührend, die Leute zu sehen; ein Zug von Bestürzung lag selbst auf den Gesichtern derer, die weder für das Leben ihrer Lieben noch für ihr Hab und Gut zu zittern brauchten. Frauen, die sich gar nicht kannten, sprachen eifrig mit einander; die Besorgnis, mit welcher sie der furchtbare Sturm erfüllte, hatte sie einander nahe gebracht.

Es dauerte eine Stunde, bis wir Süd-Shields erreichten; denn der Zug hielt nicht nur an jeder Station der Linie, sondern der Sturm schien uns auch gerade entgegen zu wehen. Er heulte die Schienen entlang, und in einigen Krümmungen vermochte die Lokomotive die Wagen nur mit einer Geschwindigkeit von fünf Meilen in der Stunde vorwärts zu ziehen. Es ist ein kleiner Spaziergang vom Bahnhof in Süd-Shields nach dem ›Lawe‹, wie ein Felsenvorsprung heißt, von welchem man unmittelbar auf die Mündung des Tyne hinblicken kann. Wir legten alle in Gemeinschaft den Weg zurück und kämpften gegen den Wind, der sich jetzt, da wir der See nahe waren, bis zur Wut eines Cyklons gesteigert hatte. Man sah nur noch wenige Leute auf der Straße. Als Grund hierfür hatte man uns schon auf dem Bahnhofe mitgeteilt, daß vier oder fünf Schiffe gestrandet wären und die ganze Bevölkerung an den Strand hinuntergegangen sei.

Ich blickte meine Mutter an, als ich von diesen auf den Strand gelaufenen Schiffen hörte; sie hob ihr Antlitz zu Gott empor, sagte aber nichts, und wir eilten mit den andern stillschweigend weiter. Um unsere Gefühle verstehen zu können, müßtest du, lieber Leser, einen Bruder, einen Gatten, einen Vater, einen, den du von ganzem Herzen liebst, auf der See haben. Du müßtest auf seine Rückkehr nahe der See warten und gehört haben, daß viele Schiffe gestrandet sind. Im Binnenlande können die Nachrichten von einem Schiffbruch, die Besorgnis, daß des Geliebten Schiff unter den Wracks ist, dein Herz nicht so furchtbar erschüttern, wie es der Fall ist, wenn du die Fahrzeuge mit eigenen Augen siehst, wenn das Heulen des Orkans, der dir das Liebste vielleicht geraubt hat, in dein Ohr schallt, wenn der Ozean in seiner furchtbaren Wirklichkeit vor dir liegt: weiß, unergründlich, rasend.

Wir sahen ihn plötzlich vor uns. Eine Biegung des Weges ließ die Tynemündung vor uns erscheinen und zeigte uns die Nordsee bis zu dem nahen Horizonte des eisengrauen Nebels.

Das Toben, der Aufruhr der brausenden Wogen läßt sich nicht schildern. Die unendlichen Brandungswellen rollten in mächtigen glashellen Hügeln heran und zerstoben in Donner und Rauch auf dem gelben Sande, und aus diesen berstenden, flüssigen Massen sprang ein Regen von Salzwasser hervor, der die Luft erfüllte und kaum ein Auge aufzuthun gestattete.

Jenseits des Flusses waren die Klippen schwarz von Menschen, welche dem schrecklich schönen Schauspiele zusahen. Es lag etwas unbeschreiblich Feierliches in dem Kampfe zwischen den Kräften der Erde und der Luft, zu welchem die ungeheure Menge menschlicher Wesen, sich auf den Gipfeln der braunen Felsen zusammendrängte. Mit weit vorschießenden, milchweiß schimmernden Schaumzungen leckten die Brandungswellen, die in schweren Massen gegen den Fuß dieser Felsen schlugen, an denselben hinauf; dann strömten sie wieder abwärts wie Bergbäche über das dunkle frische Grün, welches jene Klippen an manchen Stellen bedeckte.

Auf unserer Seite waren zwischen den Trow-Felsen und der Stelle, wo die lange Südmole sich jetzt erstreckt, drei Schiffe gestrandet, andere außerhalb unseres Gesichtskreises in der Nähe des Leuchtturmes. Ob die Mannschaft derselben gerettet oder ertrunken war, ob man ihnen irgend welchen Beistand angedeihen ließ, wußte ich nicht: ich konnte kaum sehen. Meine Sinne waren durch das heftige Getöse des Donners, durch den Aufruhr der brausenden Wogen, der sich mit den Stimmen der Leute um mich herum mischte, und vor allem durch den Schrecken, der mein Herz bei dem Gedanken an meinen Vater erfaßte, vollständig betäubt.

Doch eins wußten wir: sein Schiff war nicht unter den Wracks. Diese waren sämtlich Schoner und Briggantinen. Das wurde meiner Mutter von einem Seemann mitgeteilt, der neben ihr stand und auf der Brigg gedient hatte, mit welcher mein Vater jetzt auf See war, der ›Gräfin Durham‹. Als meine Mutter meine Niedergeschlagenheit bemerkte, schrie sie mir diese Nachricht ins Ohr, um mich zu trösten und aufzurichten.

Ich hatte gerade diesen Seemann, Taylor mit Namen, etwas gefragt und bemühte mich, seine Antwort zu verstehen, als sich seine Stimme in einem allgemeinen Aufschrei verlor. Schnell aufblickend gewahrte ich, wie hundert Arme nach Südosten deuteten. Augenblicklich wandten sich meine Augen nach diesem Teil der See. Ich sah die Umrisse eines Schiffes, welches schwankend aus der Dunkelheit auftauchte. Als ich es zuerst sah, erschien es mir wie ein Fleck auf dem Nebel; aber in kurzer Zeit trat es klar auf dem harten Grün der tobenden Wogen hervor. Taylor, der sich dicht bei meiner Mutter hielt, richtete ein kleines Taschenfernrohr auf dasselbe. Ich wartete sehnsüchtig auf eine Aeußerung von ihm; aber er schwieg so lange, daß ich, halb tot vor Ungeduld ihm zurief, er möchte mir sagen, ob es meines Vaters Brigg sei.

»Nein, Fräulein,« antwortete er, »ich glaubte es zuerst auch. Sie liegt mit dem Kopf fast direkt gegen die See. Es ist eine kleine Bark, welche die dänische Flagge im Besanwant führt. Ihre Vormarsstenge ist weg,« fuhr er fort, immer noch durch das Glas blickend; »ihre Groß-Raa ist zerbrochen. Gott sei ihr gnädig! – sie ist verloren!«

In den Großwanten hingen einige Leute. Es war ein erschütternder, herzbrechender Anblick. Bald schwebte das kleine Schiff hoch oben auf dem Kamm einer ungeheuren Welle, bald stürzte es hinunter in die Tiefe, sobald die Woge, die es getragen, zischend wie ein Schneesturm unter ihm hinwegfegte. Wie ein Wunder erschien es, daß es sich immer wieder aus diesen Tiefen erhob. So kam es näher und näher, mit der Regelmäßigkeit eines Pendels über den gewaltigen Wasserbergen emportauchend.

Plötzlich stieß es auf den Grund. Man ward dies gewahr an dem heftigen Aufspritzen des Schaumes, der rings um das Schiff sprühte und in dessen Mitte seine Masten hin- und herschwankten und dann umstürzten.

Eine zweite furchtbare See brauste darüber hin. Als sie zerronnen war, lag das Schiff vollständig auf der Backbordseite, so daß sein Deck senkrecht stand wie die Mauer eines Hauses. Eine dritte Brandungswelle traf es – ich glaubte das dumpfe Dröhnen des Stoßes durch das Donnern und Toben des Sturmes hindurchzuhören – und nun war das Wrack in zwei Stücke zerschellt. Das eine traurige Bruchstück blieb hängen, das andere wurde etwa zwölf Faden weiter auf den Strand geschleudert.

Die Angst und Sorge um meinen Vater hatten mir das Herz schon zerrissen; der Anblick dieses Wracks aber war mehr, als ich ertragen konnte. Die plötzliche Vernichtung dieser armen Seeleute, welche noch einige Minuten zuvor in den Wanten um das Leben kämpften und mit verlangenden, brechenden Augen auf das Land schauten, erfüllte mich mit überwältigendem Schmerze.

»O Mutter!« rief ich aus, »laß uns gehen. Wir können auf etwaige Nachrichten vom Vater in der Stadt warten.«

Sie sah mich an, und als sie bemerkte, wie leidend und elend ich war, gab sie Taylor den Auftrag, uns zu rufen, sobald eine Brigg in Sicht käme, und sagte ihm, wo er uns finden würde. Dann nahm sie meinen Arm und schritt mit mir der Stadt zu, blieb jedoch alle Augenblicke stehen, um einen Blick rückwärts auf die See zu werfen, bis eine Krümmung des Weges das aufregende Bild unsern Augen entrückte.

Zu der Wohnung einer bekannten Dame, einer freundlichen, zartfühlenden alten Frau von mehr als siebzig Jahren, lenkten wir unsere Schritte. Frau Robson war die Witwe eines Geistlichen, die ihren ältesten Sohn, der Seemann gewesen war, bei einem Schiffbruch auf den Goodwinbänken verloren hatte. Sie konnte das Herzweh verstehen, das Weib und Kind eines Seemanns beim Tosen des Sturmes erfaßt. Als die alte Dame hörte, daß wir seit dem Frühstück nichts gegessen hatten, lief sie geschäftig hin und her, um uns ein Mittagsmahl zu bereiten. Wir nahmen ihre Gastfreundschaft als etwas Selbstverständliches an, wie es bei uns im Norden Mode ist. Wer kommt, nimmt mit dem vorlieb, was gerade da ist. Umstände werden nicht gemacht.

So setzten wir uns denn zu Tisch, konnten aber kaum etwas essen. Unsere Gedanken weilten draußen, auf der sturmgepeitschten See. Die Zeit verstrich und wir lauschten den Erzählungen der alten Frau, als wir durch lautes Klopfen an der Hausthür aufgeschreckt wurden. Es war Taylor. Fast außer Atem teilte er mir mit, daß eine Brigg, dem Anscheine nach die ›Gräfin Durham‹, auf den Tyne zulaufe. Er fügte hinzu, daß die Gewalt des Sturmes gebrochen sei.

Ich bat meine Mutter, sich nicht wieder dem Sturme auszusetzen, sondern mich mit dem Seemann allein gehen zu lassen. Ihre einzige Antwort war ein Blick des Erstaunens, daß ich ihr zumuten konnte, zurückzubleiben. Wir küßten die alte Frau Robson und eilten mit Taylor die Straße hinunter.

Die Gewalt des Sturmes war in der That, wie der Mann gesagt hatte, gebrochen. Ich blickte nach dem Himmel empor und war betroffen von der rötlichen Färbung, welche den großen Wolkenvorhang bedeckte. Als ich aber hinter mich blickte, bemerkte ich, daß sich das Gewölk im Westen zerteilt hatte, und daß dort im strahlenden Glanze helle goldene Wolken eilends über die lichten Stellen des Himmels dahinjagten. Obgleich nun zwar die Sonne tiefer stand als diese freien Zwischenräume und hinter einer langen Linie schwarzen Dampfes verborgen war, aus welchem die goldenen Wolken wie Feuerstrahlen aus einem unsichtbaren mächtigen Vulkan hervorbrachen, so that uns diese Helligkeit, welche jener leuchtende Durchbruch verbreitete, doch so wohl, als ob die Sonne selbst sichtbar wäre. Wir eilten klopfenden Herzens weiter, von neuer Hoffnung erfüllt.

Ob die Menschenmenge gegangen und wieder gekommen war, weiß ich nicht; aber die gegenüberliegenden Klippen und unsere Seite der Flußmündung waren noch ebenso dicht mit Menschen besetzt wie am Morgen.

Der Ozean hatte am Morgen einen furchtbaren Anblick gewährt, und auch jetzt war er noch schrecklich; aber das wunderbare Licht, welches sich über ihn und den Himmel ergoß, verlieh ihm eine Erhabenheit, die vorher gefehlt hatte. Der Wind wehte noch stark genug, um den hohen, ungestümen Seegang aufrecht zu erhalten, aber die Seen türmten sich doch nicht mehr zu den Hügelketten auf, welche einander in endloser Folge auf der wilden und öden Dunkelheit der Wasserfläche gejagt hatten.

Das Schiff, welches den Seemann veranlaßt hatte, uns so eilig zu rufen, war der einzige sichtbare Gegenstand auf der schäumenden und tobenden Meeresfläche. Es war nicht mehr als drei Meilen entfernt und trieb gerade auf die Tynemündung zu, nur noch eine gereffte Fock tragend. Ich konnte sehen, daß es wie eine Brigg getakelt war und oben Schaden genommen hatte; aber ich konnte nicht mit Sicherheit erkennen, ob es meines Vaters Schiff sei. Taylor bemerkte jedoch nach nochmaligem Hinschauen, daß er jedermann fünf Schillinge bar auszahlen würde, wenn das nicht die ›Gräfin Durham‹ sei.

Wir hatten seit einigen Minuten das Schauspiel beobachtet, als sich plötzlich das Gewölk im Westen noch weiter öffnete und aus demselben ein langer Sonnenstrahl schräg herniederfiel, welcher wie durch eine Zauberformel die See im Osten erleuchtete, soweit das Auge blicken konnte.

Wir waren jetzt nicht mehr im Zweifel; andere hatten das Schiff als dasselbe wie Taylor erkannt, und ich hörte seinen Namen immer und immer wieder von den Leuten, unter denen ich stand. Meine Mutter ergriff meine Hand, und in dieser Stellung beobachteten wir ängstlich das Näherkommen der Brigg.

Der Sturm hatte viel von seiner Gewalt verloren; dennoch verlieh das Rasen der Wogen auf der Barre der Tynemündung das Aussehen eines Strudels. Für das Lenken eines kleinen Schiffes war der Seegang furchtbar. Die Fock leistete der Brigg treffliche Dienste, indem sie sie jedesmal, wenn sie in das Wellenthal schoß, wieder emporhob. Seitdem ich wußte, daß es meines Vaters Schiff sei, stockte mir manchmal der Atem, wenn ich beobachtete, wie es derartig emporgeworfen wurde, daß sein Bugspriet gen Himmel zeigte, sein Deck in der Abdachung der wilden See hinten verschwand und sein Bug um einige Fuß vom Kiel vorn aus dem Wasser hervorragte. Dann stürzte es wieder hinunter in den furchtbaren Schlund, gerade als fiele ein Mensch über die Kante einer Klippe, und verschwand, als wäre es in die Tiefe gesunken.

Aber die Brigg arbeitete sich tapfer und sicher vorwärts und jeder, der sie sah, gewann die Ueberzeugung, daß der Mut, die Kaltblütigkeit und die Entschlossenheit eines alten, erfahrenen Seemannes über ihr wachten und sie durch diese schwindelerregenden, brausenden Höhen und Tiefen leiteten.

Auch dem Gleichgiltigsten mußte das Blut in den Adern stillstehen, wenn er sah, wie sie die flüssigen Berge erklomm, wie ihr Bug die grünen Wellen von sich schleuderte und sie eine Schiffslänge weit in einer großen brausenden Schaumfläche vor sich herjagte, – wenn er ihren Weg verfolgte, den sie sich stoßend und springend bahnte, wenn er sein Auge über den schmalen Strom des Kielwassers gleiten ließ, der ihre Position, sogar wenn sie selbst verborgen war, durch eine schneeweiße, gewundene Linie auf den Wellen kennzeichnete, bis sie sich im Kampfe mit den schäumenden Wogen am Horizont verlor.

»Der Schiffer wird sie schon hereinbringen,« rief Taylor aus, der sich die ganze Zeit neben uns hielt. »Er steht selber mit noch einem anderen am Ruder und hat außerdem noch Leute an den Reserverudertaljen. Ich wette, sie werden Mittel und Wege finden, um durchzukommen. Sie sind doch noch besser davongekommen, als ich zuerst dachte. Die Vorbramstenge ist freilich dahin und der Klüverbaum auch, und ich möchte darauf schwören, wenn die Segel losgemacht würden, sieht man nichts als Fetzen von den Groß-Marssegeln. Sehen Sie, Madame, Sie werden den Kapitän ganz deutlich zu Luward am Ruder bemerken, wenn Sie nur das Glas fest auf den Punkt richten.«

Meine Mutter war jedoch zu aufgeregt, ihre Hände zitterten zu sehr, als daß sie im stande gewesen wäre, das Fernrohr zu halten, um die auftauchende und wieder verschwindende Brigg zu beobachten. Sie gab mir das kleine Glas, und es gelang mir, einen Augenblick meines Vaters Gesicht zu sehen; aber es war, als hätte ich es in einem Blitzstrahl erblickt – es entschwand dem Bereich der Linse, und ich konnte es nicht wieder erfassen. Wäre ich aber auch im stande gewesen, fünf Minuten unverwandt hinzusehen, ich hätte keinen tieferen Eindruck empfangen, als dieser schnell entfliehende Blick auf sein teures Antlitz auf mich machte. Es war ein Augenblicksbild; aber ich erfaßte es in seiner Gesamtheit – den starren und entschlossenen Blick seiner Augen, die zusammengepreßten Lippen, die eisenfeste Haltung des Kopfes, das Büschel grauer Haare, die wie ein Rauchringel auf seiner Stirn unter dem Südwester zitterten.

Er und seine Brigg schienen den Leuten um uns herum wohl bekannt zu sein. Ich hörte, wie sie seinen Namen nannten und die Art und Weise lobten, in der er das Schiff vorwärts brachte.

»Er wird sicher über die Barre kommen,« sagte neben mir einer zum andern, »da ist nichts zu befürchten. Er kennt ihre Lage wie seine Westentasche. Durch die starke Brandung zu gelangen, das wird aber ein Stück Arbeit sein. Auf den Middensfelsen wird er nicht auflaufen; aber über die Barre hinüberzusegeln, das ist das Schwerste. Wenn die See ihn dort aufsetzt, ist es mit ihm zu Ende.«

Ich wußte sehr wohl, was der Sprecher meinte, und auch meine Mutter verstand es. Zu jener Zeit betrug die Tiefe des Wassers in der Tynemündung bei der Flut nicht mehr wie zweiundzwanzig Fuß, bei niedrigem Wasserstand aber kaum sieben Fuß. Bei solchem Seegange und bei einem Sturme, wie er jetzt raste, – die wütenden Wogen, die einander unaufhörlich folgten, brachen sich auf diesem seichten Grunde, da sie sich bei der geringen Tiefe nicht in ihrer Höhe halten konnten, in grausigen Wirbeln und Strudeln weißen Wassers – mußte daher der Uebergang über die Barre für eine Brigg von dem Tonnengehalt der ›Gräfin Durham‹ mit der höchsten Gefahr verbunden sein.

Jetzt war die Brigg ziemlich nahe herangekommen, so nahe, daß sie auch dann sichtbar blieb, wenn sie in den dunkeln Abgrund tauchte und ihre Back in Sprühwolken verhüllte. Meine Mutter und ich harrten in atemloser Spannung; unsere Hände waren fest in einander verschlungen. Bis in die Fingerspitzen hinein empfanden wir den pochenden Herzschlag. Die Leute um uns herum verhielten sich schweigend, beugten sich vornüber und sahen unverwandt auf das Schiff. Auf den Klippen an der Tynemündung drängten sie sich in dichten Massen zusammen, um einen Blick zu erhaschen.

Plötzlich sah man die Leute auf dem nassen, glitzernden Deck der Brigg durcheinander laufen, und der Ueberrest von einem Segel wurde gehißt.

»Das ist gut!« sagte eine heisere Stimme hinter mir. »Sie kommt sonst nicht durch!«

Ich sah mich rasch nach dem Sprecher um und schaute dann wieder nach der Brigg. Ihr Vordersteven berührte das tosende, milchweiße Wasser; eine Welle hob das Heck hoch empor, und ich sah die Gestalten am Ruder das Rad drehen. Das Bugspriet machte eine Wendung, und als die Wucht des Sturmes die Brigg nun von der Seite traf, neigte sie sich so tief, daß die Steuerbord-Schanzkleidung in Schaum vergraben war. Die wilden, verschlungenen Wellen glichen hunderttausend Wölfen, die gierig nach dem Schiffe lechzten und an Bord und darüber hinwegsprangen.

Die Brigg schien in dem weißen Schwall wie ein Stück Holz in Seifenschaum zu versinken. Rechts und links und von vorne wurde sie von den wuchtigen Wogen getroffen, daß das Wasser bis zum Vormars in festen weißen Säulen aufspritzte, die wie Salz glänzten und zu blitzendem Pulver zerstoben. Hinten hämmerten die Wogen wie wahnsinnig gegen das Heck und prallten als Schaumflocken zurück, die der Sturm auffing und wie Federn gen Himmel schleuderte.

Ich sah meine Mutter an; sie hatte die Augen geschlossen.

»Er ist gerettet, Mutter!« schrie ich. »Sieh! in einer Minute wird er hier vor uns sein!«

Als ich dies sagte, ertönte ein vielstimmiges, vom Sturm etwas gedämpftes Jubelgeschrei von den Tynemündungsklippen herüber, das auf unserer Seite sofort aufgenommen wurde. Es erscholl ein Hurrarufen, das man eine Meile weit hätte hören können. Hüte und Taschentücher wurden geschwenkt, um das kleine, sturmgepeitschte Schiff willkommen zu heißen. Und als es über die kurzen Wogen schoß, welche ganz weiß in die Mündung des Flusses hineinrollten, und mit strömendem Deck, brausenden Speigatten und schlaff hängendem Tauwerk an der Stelle vorbeifuhr, auf der wir standen, sah ich meinen Vater mit der Hand einen Gruß senden, als ob er uns wirklich erkannt hätte, während die Mannschaft in ihrem glänzenden Oelzeug regungslos in einer Gruppe unfern des Großmastes stand, wie Menschen, die dem Rachen des Todes soeben entronnen sind, und die der Rettung vor Aufregung noch nicht froh werden können.

Wir folgten der Brigg mit den Augen, bis sie bei einer Krümmung des Flusses verschwand.

Meine Mutter wachte wie aus einer Verzauberung auf, ließ meine Hand los und rief:

»O Jessie, laß uns schnell nach Hause gehen und alles für den Vater zurecht machen. Schnell, liebes Kind! Er darf nicht kommen, ohne daß wir ihm einen Willkommen bereitet haben.«

Obgleich mein Herz sich darnach sehnte, ihm entgegenzueilen, wenn er von der Brigg ans Land kam, so wußte ich doch, daß es ihm lieber sein würde, wenn wir, ein gutes Feuer und eine tüchtige Mahlzeit ihn zu Hause in Newcastle erwarteten. Also gingen wir zum Bahnhof.

William Russell

William Clark Russell wurde am 24. Februar 1844 geboren und starb am 8. November 1911. Er war ein englischer Schriftsteller, der für seine Seeromane bekannt wurde. Das Material dazu bekam er als Seemann, denn bereits mit 13 Jahren fuhr er auf einem Handelsschiff zur See.

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

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