Zur Blauen Stunde | Der junge Held

Der junge Held.

       Ihr greift mir schreiend in den Zaum,
Oho, Ihr Herrn, das scheint kein Flüstern.
Nehmt euch in Acht, mir wuchs der Flaum,
Und meinem Pferde sprühn die Nüstern.Ich sehe bald am Waldesrand
Die fluchtgewandten Hufe blitzen.
Es traf euch keine Veilchenhand,
Das war kein Rosendornenritzen.Nun schlag ich hoch mein Augenzelt
Und löse meines Panzers Zwingen,
Und atme tief ins Abendfeld –
Der Sperber faltet seine Schwingen.

Detlev von Liliencron (1844-1909)

Zur Blauen Stunde | Der lange Tanz

Der lange Tanz.

               Als die Frühmesse beendet war,
    Nahmen sich drei junge Weiber,
Dicht am Kloster, nicht weit vom Altar,
    Drei junge Kälbertreiber.Die sechs fingen dort zu tanzen an,
    Und reckten die ranken Glieder,
Und sangen dabei Hallelujah
    Und Welt- und Hochzeitslieder.Der Presbyter nahte in Eifer und Zorn
    Und seine Stimme bellte.
Weiterlesen „Zur Blauen Stunde | Der lange Tanz“

Zur Blauen Stunde | Ein Bauerngrab

Ein Bauerngrab.

Wo in der Kirche kühlen Gängen
Sich Fliese dicht an Fliese reiht
Und Gräber sich an Gräber drängen,
Ist jeder Wappenspruch geweiht.
Hier ruht in sechsundneunzig Truhen
Ein alt Geschlecht vom Leben aus,
In Seidenstrumpf und Eisenschuhen,
Im Panzer und im Genter Flaus.

Weiterlesen „Zur Blauen Stunde | Ein Bauerngrab“

Zur Blauen Stunde | Schnell herannahender, anschwellender und ebenso schnell ersterbender Sturmstoß

Schnell herannahender, anschwellender und ebenso schnell ersterbender Sturmstoß.

   Klanglos schläft der Sommergarten.
Durch die Nacht, erschöpfte Tiere,
Schleppen sich die großen Wolken
In die neuen Rastquartiere.Fern von Waldesrändern bröckelt
Leise her ein Hörnertönen.
In die Wolken kommt ein Wogen,
Durch den Garten geht ein Stöhnen.Horrido, was schreckt die Äste?
Kronenkreiseln, Funkenflimmern!
In die Wolken kommt ein Wüten,
Durch den Garten geht ein Wimmern.Schrilles Pfeifen, Peitschenknallen,
Halmtief biegt ein Ruck die Stämme:
Durch die Wipfel bricht der Keiler,
Hinterher die Rüdenklemme.Vorgebeugt auf schwarzem Hengste
Seh ich meine Liebste reiten;
Gierig ihre Augen suchend
Rast mein Todfeind ihr zur Seiten.Drohend ball ich meine Fäuste,
Schrei hinauf: Verfluchte Metze!
Höre noch das Hohngelächter,
Und verschwunden ist die Hetze.Hohl verhallt es weit im Walde,
Schwach nun läutet fern die Meute;
Noch ein Horn, das im Vertönen
Seine blassen Echo streute.Klanglos schläft der Sommergarten.
Durch die Nacht, erschöpfte Tiere,
Schleppen sich die großen Wolken
In die neuen Rastquartiere.

Detlev von Liliencron (1844-1909)

Zur Blauen Stunde | Die Spinnerin von Sanct Peter.

Die Spinnerin von Sanct Peter.

Auf der Magdalenenspitze
In den Dünen von Sanct Peter
Sitzt in hellen Sommernächten
Stumm die schöne Frau Maleen.
Ihr zur Seite steht das Spinnrad,
Doch die Hände ruhn im Schoße.
Ihrer Augen Sehnsuchtsketten
Ankern in der wilden See.

Weiterlesen „Zur Blauen Stunde | Die Spinnerin von Sanct Peter.“

Zur Blauen Stunde | Das Paradies

Das Paradies.

»So viel Vöglein als das fliegen
so da hin und wieder fliegen.«
       
                       In meinem Fenster lag ich um vier Uhr,
Glock vier an einem Himmelssommermorgen.
Der breite braune Graben, der das Schloß
Umringt und schützt vor jedem Überfall,
Gähnt unter mir, erwacht aus Nacht und Nebel.
Schon blitzen über seine Fläche fort
Die blanken schlanken Schwalben; und Libellen
Ruhn ihre zitternden Flügel aus im Schilf.
Weiterlesen „Zur Blauen Stunde | Das Paradies“

Zur Blauen Stunde | Kleine Legende

Kleine Legende.

       Heut bin ich durch Ried und Rohr gegangen,
Durchs Moor hindurch, ums Moor herum,
Luft und Land waren leer und stumm,
Dann hat ein Zischelwind angefangen.
Ich nahm, wie mans so tut im Schritt,
Ein ausgewachsen Schilfblatt mit
Und entdeckte, auf der innern Seite,
Zwei Vertiefungen in gleicher Weite,
Als hätte dort jemand hineingebissen,
Mit seinen Zähnen hineingerissen.Ich kenne lange die tiefe Sage,
Das Volk erzählt sichs noch heutzutage:
Als der Heiland über den Kidron ging,
In der Leidensnacht ihn ein Zittern befing,
Da riß er aus des Bächleins Rohr
In seiner Angst ein Schilf empor
Und biß, wie vor Schmerz, in das Blatt hinein
Und prägte die Vorderzähne ihm ein.
Auf jedem Schilfblatt blieb seitdem
Der Einbiß als ein Wunder stehn.Erst konnt ich nicht von der Stelle weichen,
Und küßte demütig das heilige Zeichen.
Dann stampft ich wild auf den brüchigen Grund,
Daß es erdbebte im ganzen Torfstichrund.
Und ich lief glutrot weg aus Ried und Rohr,
Bis ich mein Moor aus den Augen verlor.

Detlev von Liliencron (1844-1909)

Zur Blauen Stunde | Die nächtliche Trauung.

Die nächtliche Trauung.

»Da wachsen keine Rosen,
Da wächst kein Rosmarein.«
           Tief liegt das Dorf in seinem Frieden,
Türen und Tore siegelt der Mond,
Das Kirchlein, ein wenig abgeschieden,
Ist sein langes Alleinsein gewohnt.
    Der greise Pfarrer und seine Gemeinde
    Schlafen sanft; und Wächter und Hund
    Denken im Traum selbst an keine Feinde,
    Alles schweigt wie Grabesgrund.

Weiterlesen „Zur Blauen Stunde | Die nächtliche Trauung.“

Zur Blauen Stunde | Die gestundete Zeit

Die gestundete Zeit

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort;
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!

Es kommen härtere Tage.

Ingeborg Bachmann (1926-1973)