Paul Heyse | Neue Märchen | Die gute Frau

Die gute Frau

(1898)

Eines Morgens war der Teufel in sehr schlechter Laune aufgewacht. Sein Gesinde mußte es entgelten, da er bei dem gewohnten frühen Rundgang durch das finstere Reich noch strenger als sonst jede Nachlässigkeit im Dienst ahndete, so daß sich die verwegensten Höllengeister zitternd zusammenduckten, wenn nur ein Blitz aus den rothen Augen ihres Herrn und Meisters auf sie hinfuhr.

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Paul Heyse | Neue Märchen | Lilith

Lilith

(1898)

Im dunklen Mittelalter lebte einmal eine Frau, die hatte, da der Vater ihres Kindes sie hülflos verlassen, einen so großen Haß auf alle Menschen, insonderheit die Männer, geworfen, daß sie einen Pact mit dem Gottseibeiuns schloß, um sich von ihm in aller schwarzen Magie und Hexenkunst unterrichten zu lassen.

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Paul Heyse | Neue Märchen | Der Jungbrunnen

Buchschmuck

Der Jungbrunnen

(1898)

Es waren einmal zwei alte Eheleute, Jörgel und Hanne, die hatten vierzig Jahre in Liebe und Treue mit einander gelebt und, soweit die Unvollkommenheit alles Irdischen es zuließ, vollauf Grund gehabt, mit ihrem Loose zufrieden zu sein.

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Paul Heyse | Neue Märchen | Die vier Geschwister


Die vier Geschwister

(Fragment.)

(1898)

Es waren einmal vier Geschwister, drei Brüder und eine Schwester, die wohnten, seit sie denken konnten, in Einem Hause. Doch das alte Sprüchlein: Siehe wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtiglich bei einander wohnen! konnte auf sie nicht angewendet werden. Nicht, daß sie sich nicht herzlich zugethan gewesen wären. Sie waren aber von so gänzlich verschiedener Gemüthsart, daß in den meisten Fällen ihre Meinungen und Wünsche sich befehdeten und der Friede nur darum immer wieder hergestellt wurde, weil sie endlich ermattet vom fruchtlosen Streit ablassen mußten.

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Paul Heyse | Neue Märchen | Das Märchen vom Herzblut

Buchschmuck

Das Märchen vom Herzblut

(1898)

Es war einmal ein junger Mensch, wenn den die Leute fragten, was er einmal werden wolle, so antwortete er, ohne sich zu besinnen: ein Dichter. So hatte er schon als Knabe gesprochen, da er erst ein paar Jahre in die Schule gegangen war, Gesangbuchlieder auswendig gelernt und aus seinem Lesebüchlein Gellert’sche Fabeln aufgesagt hatte. Damals lachten die Leute und fanden es artig, daß Hans Lutz – so hieß der junge Schüler – allerlei Reime verfaßte und zu Geburtstagen und Neujahr seinen Eltern in Versen Glück wünschte. Als er aber das zwanzigste Jahr erreicht hatte und immer noch auf die Frage, welchen Beruf er sich erwählt habe, nichts Anderes zu erwidern wußte als: er wolle ein Dichter werden, schien seinem lieben Vater die Sache außer Spaß, und er erklärte dem Hänschen, der nun schon ein großer Hans geworden war, das Dichten sei eine brodlose Kunst, bei der schon die trefflichsten Leute verhungert seien. Hieraus erwiderte der Sohn mit einem seltsamen Feuer in seinen Augen: es stehe ja geschrieben, der Mensch lebe nicht vom Brod allein, und was er sonst zum Leben brauche, werde ihm der liebe Gott ja wohl zukommen lassen, der ja auch die Lilien auf dem Felde kleide, so daß sie lustig fortblühten und so lieblichen Duft aushauchten, als ob es die schönsten Gedichte wären.

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Paul Heyse | Neue Märchen | Das Märchen vom wohlerzogenen Königssohn

Holdrio
oder:
Das Märchen vom wohlerzogenen Königssohn

(1898)

Es war einmal ein junger Königssohn, Prinz Florio genannt, den seine Mutter, da ihr hoher Gemahl früh verstorben war, mit absonderlicher Liebe und Sorgfalt erziehen ließ. Als er das neunzehnte Jahr erreicht hatte, war er denn auch ein so ausbündig wohlerzogener Jüngling geworden, daß die Mütter im ganzen Reich ihn ihren minder tugendhaften Söhnen zum Vorbild aufstellten, während die Väter heimlich den Kopf schüttelten und flüsterten, der hochselige Monarch würde seinem Thronerben wohl etwas mehr Freiheit gegönnt haben, den Most seiner Jugend verbrausen zu lassen.

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22.Oktober 2011: Spruch des Tages | Paul Heyse

Paul Johann Ludwig von Heyse (geadelt 1910; * 15. März 1830 in Berlin; † 2. April 1914 in München) war ein deutscher Schriftsteller. Seine nach eigenem Modell geschriebenen Novellen machten ihn bekannt. 1910 wurde er als erster deutscher Autor belletristischer Werke mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

 

Wer leben will und sich wohl befinden,
kümm’re sich nicht um des Nachbarn Sünden.