Letzter Wille

Mein Begehr und Willen ist:
In der Kneipe sterben!
Nah den Lippen sei der Wein,
Eh sie sich entfärben.
Und der Englein Sterbechor
Möge für mich werben:
„Lass den wackern Zechkumpan,
Herr, dein Reich ererben!“

Jeder Zecher gehet ein
Zu des Himmel Toren,
So der Jüngling wie der Greis;
Doch im Feuer schmoren
Muss das schlechte Bauernpack;
Die sind nicht geboren
Zu verkosten solchen Trunk
Fein und auserkoren.

Leib und Leben lasst dem Wein
Uns, dem guten, weihen,
Sintemal er innerlich
Schafft ein gut Gedeihen!
Bringt man uns nur Wein genug,
Wann wir darum schreien,
Wöll’n in deinem Himmel wir,
Herr, dich benedeien.

Vinus, Vina, Vinum heißt
Weiner, Weine, Weines.
Masculin und Feminin
Braucht man für Gemeines,
Doch im sächlichen Geschlecht
Liegt was götterfeines,
Das den Trinker kundig macht
Trefflichsten Lateines.

Für die Kirche nicht so sehr
Ist mein Herz erglommen,
Doch die Kneipe war mir stets,
Ist mir stets willkommen,
Bis dereinst die Engel nahn,
Bis mein Ohr vernommen
Ihren Lustgenbruder-Gruß:
„Ewge Ruh den Frommen!“

(aus dem Lateinischen von Ludwig Laistner)

Vaganten (v. lat. vagans, -antis = umherziehend, fahrend). Von den vielen unterschiedlichen Fahrenden des MA., etwa Kaufleuten, Saisonarbeitern, Spielleuten, Gelehrten usf. (s, Reisende), sind die unter der neuzeitlichen Bezeichnung "Vaganten" bekannten Typen zu unterscheiden. Vaganten waren Studenten (Scolares vaganti) oder Studierte (Kleriker), die von einem Studienort zum anderen wechselten oder aus Abenteuerlust auf Wanderschaft waren, auch entlaufene Mönche, "ewige" Scholaren oder stellungssuchende Universitätsabsolventen. 
Quelle

Heimweh

Ich hörte heute morgen
am Klippenhang die Stare schon.
Sie sangen wie daheim,
und doch war es ein andrer Ton.

Und blaue Veilchen blühten
auf allen Hügeln bis zur See.
In meiner Heimat Feldern
liegt in den Furchen noch der Schnee.

In meiner Stadt im Norden
stehn sieben Brücken, grau und greis,
an ihre morschen Pfähle
treibt dumpf und schütternd jetzt das Eis.

Und über grauen Wolken
es fein und engelslieblich klingt —
und meiner Heimat Kinder
verstehen, was die erste Lerche singt.

miegel
Agnes Miegel

Erläuterung, Hintergrund
Agnes Miegel, 1879 in Königsberg (Ostpreußen)
geboren, widmete zahlreiche Gedichte ihrer 
ostpreußischen Heimat.


Frühherbst

Die Stirn bekränzt mit roten Berberitzen
steht nun der Herbst am Stoppelfeld,
in klarer Luft die weißen Fäden blitzen,
in Gold und Purpur glüht die Welt.

Ich seh hinaus und hör den Herbstwind sausen,
vor meinem Fenster nickt der wilde Wein,
von fernen Ostseewellen kommt ein Brausen
und singt die letzten Rosen ein.

Ein reifer roter Apfel fällt zur Erde,
ein später Falter sich darüber wiegt —
ich fühle, wie ich still und ruhig werde,
und dieses Jahres Gram verfliegt.

miegel
Agnes Miegel

Erläuterung, Hintergrund
Agnes Miegel, 1879 in Königsberg (Ostpreußen) 
geboren, widmete zahlreiche Gedichte 
ihrer ostpreußischen Heimat.


Ballade

Herein, o du Guter! du Alter, herein!
Hier unten im Saale, da sind wir allein,
Wir wollen die Pforte verschließen.
Die Mutter, sie betet; der Vater im Hain
Ist gangen, die Wölfe zu schießen.
O sing uns ein Märchen, o sing es uns oft,
Daß ich und der Bruder es lerne;
Wir haben schon längst einen Sänger gehofft –
Die Kinder, sie hören es gerne.

Im nächtlichen Schrecken, im feindlichen Graus
Verläßt er das hohe, das herrliche Haus,
Die Schätze, die hat er vergraben.
Der Graf nun so eilig zum Pförtchen hinaus,
Was mag er im Arme denn haben?
Was birget er unter dem Mantel geschwind?
Was trägt er so rasch in die Ferne?
Ein Töchterchen ist es, da schläft nun das Kind –
Die Kinder, sie hören es gerne.
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