Zur Blauen Stunde | Blinder Sommer

Blinder Sommer

Die Rosen schmecken ranzig-rot
es ist ein saurer Sommer in der Welt

Die Beeren füllen sich mit Tinte
und auf der Lammhaut rauht das Pergament

Das Himbeerfeuer ist erloschen
es ist ein Aschensommer in der Welt

Die Menschen gehen mit gesenkten Lidern
am rostigen Rosenufer auf und ab

Sie warten auf die Post der weißen Taube
aus einem fremden Sommer in der Welt

Die Brücke aus pedantischen Metallen
darf nur betreten wer den Marsch-Schritt hat

Die Schwalbe findet nicht nach Süden
es ist ein blinder Sommer in der Welt.

Zur blauen Stunde | Die Allgegenwart Gottes

Wenige nur, ach, wenige sind, 
Deren Aug in der Schöpfung
Den, der geschaffen hat, sieht!
Wenige, deren Ohr
In dem mächtigen Rauschen des Sturmwinds,
Im Donner, der rollt,
Oder im lispelnden Bache, 
Den Unerschaffnen hört!
Wenige Herzen erfüllt
Mit Ehrfurcht und Schauer
Gottes Allgegenwart.

Lass mich, im Heiligtume, 
Dich, Allgegenwärtiger!
Stets suchen, und finden!
Und wenn er mir entflieht,
dieser himmlische Gedanke,
lass mich ihn tiefanbetend
Aus den Chören der Seraphim
Ihn mit lauten Tränen der Freude
Herunter rufen,
Damit ich, dich zu schaun,
Mich bereite, mich weihe, 
Dich zu schaun!
Im Allerheiligsten!

Friedrich Gottlieb Klopstock

Zur blauen Stunde | Das Rosenband

Im Frühlingsschatten fand ich sie. 
Da band ich sie mit Rosenbändern. 
Sie fühlt‘ es nicht und schlummerte. 
Ich sah sie an; mein Leben hing 
Mit diesem Blick an ihrem Leben. 
Ich fühlt‘ es wohl und wußt‘ es nicht.

Doch lispelt‘ ich ihr sprachlos zu 
Und rauschte mit den Rosenbändern. 
Da wachte sie vom Schlummer auf. 
Sie sah mich an; ihr Leben hing 
Mit diesem Blick an meinem Leben. 
Und um uns ward’s Elysium.

Friedrich Gottlieb Klopstock

Zur blauen Stunde | Die blaue Blume

Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au’n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.

Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blum geschaut.

Joseph von Eichendorff (1788-1857)

Zur blauen Stunde | Erlkönigs Tochter

Herr Oluf reitet spät und weit,
Zu bieten auf seine Hochzeitleut;

Da tanzen die Elfen auf grünem Land,
Erlkönigs Tochter reicht ihm die Hand.

„Willkommen, Herr Oluf! Was eilst von hier?
Tritt her in den Reihen und tanz mit mir.“

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Zur blauen Stunde | Weihnacht

Im Dunkeln tönt noch letztes Schellenklingen, 
Das bald der müde Abendwind verweht. 
Nun kommt die Nacht mit ihren weichen Schwingen 
Vom Himmel, der in tausend Sternen steht.

Die Andacht weitet ihre stillen Kreise 
Und spricht in jedem zagen Kinderherz, 
Gebet und Dank vollenden ihre fromme Reise 
Und ziehn wie Opferflammen himmelwärts.

Und übervolle Menschenherzen reichen 
Sich stumm die Hand im Bann der tiefen Macht 
Der wundersel’gen und erfüllungsreichen 
Den Kinderseelen heilgen Gnadennacht.

Stefan Zweig (1881-1942)

Zur blauen Stunde | Vorüber . . .

Dunkelflutend durch die blassen Thale 
Kriecht das letzte Abendrot entlang, 
Dort im goldumwobnen Himmelssaale 
Trinkt der Tag aus purpurnem Pokale 
Selig seinen Todestrank.

Königspracht! – Allein mein Blick wird trüber, 
Ein Gedanke zieht so müd und sorgenschwer 
Zu der lichten Tagesspur hinüber: 
Wieder ging ein reicher Tag vorüber 
Ungenützt und inhaltsleer!

Stefan Zweig (1881-1942)

Zur blauen Stunde | Juninacht

Weiche Lichteswellen träumen 
In die warme Juninacht. 
Leise atmen alle Blumen 
Ihrer Seele süße Düfte 
In die leichten lauen Winde, 
Die tief in den Zweigen singen 
Stille, wehmutsvolle Lieder 
Müde schwere Sehnsuchtsworte, 
Die in unserm Herzen klingen, 
Die wir suchen, niemals finden 
Aber dennoch stets verstehn, 
Wenn die lauen Juninächte 
Ihre Sehnsuchtsmelodien 
Durch die dunklen Zweigen wehn . . .

Stefan Zweig (1881-1942)

Zur blauen Stunde | Das Mädchen.

Heut kann ich keine Ruhe finden . . . 
Das muß die Sommernacht wohl sein. 
Durchs offne Fenster strömt der Linden 
Verträumter Blütenduft herein.

Oh Du mein Herz, wenn er jetzt käme 
– Die Mutter ging schon längst zur Ruh – 
Und Dich in seine Arme nähme . . . 
Du schwaches Herz, . . . was thätest Du? . . .

Stefan Zweig (1881-1942)