Carl Karlweis | Wiener Kinder 6. Kapitel

Sechstes Kapitel.

Die Schwestern.

Daß Vater Schober die Werbung des Bauführers nicht ungünstig aufnehmen würde, war wohl zu erwarten. Er betrachtete sie im Gegenteile als ein so großes, unerwartetes Glück, daß er anfänglich gar nicht recht daran glauben konnte und sich erst nach mehrfacher, dringender Wiederholung der Frage Sturms so weit zu fassen vermochte, um die Hand des jungen Mannes zu ergreifen und dabei die wenigen Worte hervorzustoßen:

»Sehr glücklich! . . . O . . o! . . Natürlich . . . sehr glücklich!«

Frau Schober zeigte sich anfänglich weit weniger erfreut. Der Herr Sturm sei ja gewiß ein recht braver und wohl auch anständiger junger Mann, meinte sie gedehnt, aber wenn man bedenke, was für vornehme und reiche Leute sich um Lori bemühen, dann –

Der Polier ließ sie nicht zu Ende sprechen. Er warf ihr einen Blick zu, der sie auf der Stelle verstummen machte, und gab nun dem Bauführer in aller Form, ja mit einer gewissen nachdrücklichen und breitspurigen Feierlichkeit sein Jawort.

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Carl Karlweis | Wiener Kinder 5. Kapitel

Fünftes Kapitel.

Eine Verlobung.

Am nächsten Morgen, da Herr Riedl eben seine Schlafkammer verlassen will, tritt ihm Frau Stölzl in der Küche entgegen. Die resolute Witwe spricht anfänglich kein Wort, sie stemmt nur die Arme in die Hüften und sieht ihren jungen Mieter durchdringend an. Dieser vermag ihren Blick nicht zu ertragen. Verlegen senkt er den Kopf, fährt sich mit den langen Fingern durch die krausen Haare und stottert endlich ein verschüchtertes »Guten Morgen, Frau Stölzl!«

Die Witwe mißt ihn immer drohender vom Kopf bis zu den Füßen.

»Na?« beginnt sie endlich mit unheimlicher Ruhe. »Ist das alles? Haben Sie mir sonst nichts zu sagen?«

»O, Frau Stölzl, – ich weiß wohl, daß heute der Erste ist!« Herr Riedl macht hier eine verzweifelte Anstrengung, seiner gestrengen Hauswirtin ins Gesicht zu sehen. Aber es geht nicht; etwas Raubtierähnliches liegt in dem Blicke dieses Weibes, das jetzt einen vernichtend ironischen Ton anschlägt.

Carl Karlweis | Wiener Kinder 4. Kapitel

Viertes Kapitel.

»Er wird’s nicht wieder thun.«

Eine Woche später, die Mittagssonne lugt eben durch die Korridorfenster, tritt Vater Schober langsam und zögernd in die Thüre seiner Wohnung. Er hat den Hut tief in die Stirne gezogen und späht mit verdrossener Miene den Korridor entlang. Erst da er diesen völlig still findet, tritt er heraus, drückt sich an der Wand hin bis zur Treppe und stolpert eilends hinab. Sobald seine schweren, ungleichmäßigen Schritte verhallt sind, öffnet sich die nur angelehnte Thüre von Fräulein Kathis Wohnung, die alte Tänzerin schlürft über den Korridor und blickt durch das vergitterte Fenster in die Schobersche Küche. Mit der Rechten hält sie ein buntfärbiges Tuch fest, das sie um den Hals gebunden hat, indes die Linke eine halbaufgeblühte Rose vorsichtig mit den Fingerspitzen faßt und sie, als ob es eine Überraschung gälte, hinter dem Rücken verborgen hält. Nachdem Fräulein Kathi sich überzeugt hat, daß die Küche leer ist, tritt sie vorsichtig ein. In dem schwach erhellten Raume ist’s still wie auf dem Korridor, im Herde glimmt ein verlöschendes Feuer, ein paar Töpfe, Schüsseln und Teller mit kärglichen Speiseresten stehen zerstreut auf der schwarzen Platte, während allerlei Abfälle und zerbrochene Küchengeräte das rote, schmutzigfeuchte Ziegelpflaster bedecken.

Die alte Tänzerin blickt mißbilligend um sich.

»Wie’s da ausschaut!« murmelt sie. »Wenn man denkt, wie spiegelblank die Marie alles gehalten hat, und wie ihre Mutter jetzt wirtschaftet!« . . .

Mit einem Seufzer hebt sie ihr sauberes Kleid ein wenig auf, trippelt behutsam durch die Stube und pocht an die Kammerthüre.

»Herein!« ruft scharf und nicht allzu einladend die helle Stimme Mariens. Fräulein Kathi tritt ein. In der schmalen, weiß getünchten und nur ärmlich eingerichteten Kammer sitzt Marie allein. Sie hat den kleinen Tisch in die Fensternische gerückt und hockt dort, über eine Stickerei gebeugt. Ihre Wangen sind zwar vom Eifer der Arbeit ein wenig gerötet, unter dem flüchtigen Rot guckt aber jene gelbliche Blässe durch, welche Nachtarbeit und dumpfe Zimmerluft erzeugen. Ihre Augen blicken recht müde, da sie jetzt unwillig vom Stickrahmen zur Thüre wandern, und die kleine Falte zwischen den Brauen hat sich noch tiefer in die weiße Stirn gegraben. Sobald Marie in der Eintretenden die alte Freundin erkennt, erhellt sich ihre Miene; mit einem herzlichen Gruße will sie aufspringen, allein Fräulein Kathi drückt sie auf den Stuhl zurück.

»Wenn Sie nicht sitzen bleiben, Fräul’n Marie, geh‘ ich gleich wieder fort!« sagt sie bestimmt, und das Mädchen muß ruhig weiter arbeiten.

»Ich komm‘ ja nicht um Sie zu stören!« erklärt die Tänzerin eifrig. »Nur ein bißl G’sellschaft will ich Ihnen leisten und dann gleich wieder verschwinden. An Ihrer Arbeit hängt so viel! Glauben Sie, ich weiß nicht, daß Sie jetzt allein das Haus erhalten, seit Ihr Herr Vater statt etwas zu verdienen Ihr mühselig erworbenes Geld ins Wirtshaus trägt? Es ist zwar nicht schön von ihm, daß . . .«

Marie sieht bittend auf, Fräulein Kathi hält verlegen inne und meint dann stockend:

»Nun ja, Sie wollen nicht, daß man davon red’t, – ich weiß schon! Ich thu’s auch nicht mehr, . . . aber es drückt mir das Herz ab, wenn ich seh‘, wie Sie armes Kind sich abquälen, während die andern . . .«

Marie schüttelt eifrig den Kopf. »Sie müssen nicht so reden!« sagt sie ernst. »Sehen Sie, Fräul’n Kathi, der Vater kann jetzt nicht arbeiten. Er bekommt keinen Platz, weil er im Prozeß ist mit seinem Baumeister.«

»Mit Herrn Wiesinger?«

»Ja, . . . und mit der ganzen Genossenschaft dazu! Es nimmt ihn keiner! Seit er vom Gerüst gestürzt ist, haben sich alle recht schlecht gegen ihn benommen. Aber sie werden’s gewiß noch bereuen! Der Advokat sagt, daß der Vater den Prozeß ganz sicher gewinnen muß, und dann haben wir wieder Geld genug! Freilich hat der Vater den letzten Rest von seinem Ersparten, das in der Krankheit ohnehin stark zusammen g’schmolzen ist, als Vorschuß hergeben müssen, für die ersten Kosten. Aber das macht nichts. Derweil schau halt ich dazu, daß wir nicht gar zu tief in Schulden kommen, und so geht’s schon wieder!«

Carl Karlweis | Wiener Kinder 3. Kapitel

Drittes Kapitel.

Die schöne Lori.

Im Gasthause zum »Osterlamm« geht es heute hoch her. Das niedere, verwitterte Haus, dem an der Seitenfront ein langgestreckter Saal angebaut ist, steht inmitten jenes stillen Teiles der alten Vorstadt Wieden, welcher mit einer schmalen, unsauberen und übelriechenden Passage, dem sogenannten »Hechtengaßl« beginnt und sich mit seinen vielverzweigten, meist engen und winkeligen Straßen und Gäßchen bis an den »Linienwall«, dem alten, festungsähnlichen Steuergürtel erstreckt, der Wien von seinen Vororten scheidet.

Carl Karlweis | Wiener Kinder 2. Kapitel

Zweites Kapitel.

Vater Schober.

Woche um Woche war seit jenem Abende verstrichen. Vater Schober konnte sich zwar endlich von seinem Schmerzenslager erheben und auf eine Krücke gestützt den Lehnstuhl erreichen, den ihm Marie recht nahe rückte, aber noch durfte er nicht daran denken, die Stube zu verlassen.

Seine bange Frage, wann er denn endlich vollkommen hergestellt und wieder arbeitsfähig sein werde, vermochte der Arzt nur mit allgemeinen Trostesworten zu beantworten. Er empfahl dem unruhigen Kranken vor allem Geduld, da sich in seinem Falle nun einmal nichts überstürzen lasse. Tag um Tag wiederholte Vater Schober seine Frage und mit jedemmale wurde sie dringender; allein die Antwort blieb unverändert dieselbe. Das gab dann täglich eine Enttäuschung, welche die Ungeduld des Kranken aufs äußerste spannte und sich in wilden Zornesausbrüchen Luft machte, sobald der Arzt die Stube verließ.

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Zunächst war es Marie, welche in solchen Stunden unter der bösen Laune des Vaters zu leiden hatte, denn sowohl die Mutter als auch Lori hielten sich, seit die erste Gefahr als überwunden betrachtet werden konnte, nur mehr selten in der Krankenstube auf. Was zunächst Frau Schober betrifft, so hatte sie von jeher eine ausgesprochene Abneigung gegen das ermüdende Amt der Krankenpflege, dafür aber eine umso entschiedenere Vorliebe für Rührung und Thränen bekundet. Von Zeit zu Zeit mußte sie weinen, das war ihr ein Bedürfnis, dem zu genügen sie in stillen Zeiten allen Leichenbegängnissen in der nahen Paulanerkirche beiwohnte.

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Carl Karlweis | Wiener Kinder 1. Kapitel

Erstes Kapitel.

Die Nachbarsleute.

Märzveigerl! Frische Märzveigerl!

Ein halbwüchsiges Mädchen in dürftiger Kleidung lehnt an der Ecke der Resselgasse und streckt jedem Vorübergehenden die kleine rote Hand entgegen, deren magere, schmutzige Finger ein winziges Sträußchen von wenigen Veilchenblüten umklammern. Der laue Märztag beginnt allmählich einem jener feuchtkalten Abende zu weichen, die der Vorfrühling in Wien nur allzuhäufig bringt. Der Winter sendet da nachgrollend sein letztes Aufgebot; feiner Regen und leicht schmelzende Schneeflocken fallen langsam nieder zur dampfenden Erde, die sich in ein dichtes Nebelkleid hüllt. Die schöne, heitere Stadt selbst erscheint an solchen Abenden häßlich und blinzelt verdrießlich aus ihren gelblichroten Tausendaugen durch den schweren, abscheulich nach Rauch riechenden Nebeldunst. Die Wiener werden dann leicht mürrisch und verdrossen, schlagen die Rockkragen auf und traben ohne aufzublicken, ja sogar ohne den sonst unvermeidlichen Refrain eines eben beliebten Walzers oder Gassenhauers auf den Lippen, schweigend ihres Weges.

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