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Carl Karlweis | Wiener Kinder 14. Kapitel (und Schluß)

Vierzehntes Kapitel.

Das Ende vom Lied.

Ein heller Sonntag im Mai. Auf dem Trottoir der Ringstraße wogt schon in den ersten Nachmittagsstunden eine lebhafte, geputzte Menge auf und nieder. Ein hochgewachsener junger Mann, dessen breitkrämpiger Filz aus dem Gewühle weithin sichtbar hervorragt, bahnt sich mit rücksichtslosem Gebrauche seines Ellbogens einen Weg durch die Massen, wobei er jedoch die Getroffenen jedesmal mit lächelnder Höflichkeit um Entschuldigung bittet. An seinen rechten Arm schmiegt sich ein blaßes blondes Weibchen, das immer wieder besorgt um sich blickt und dem Langen ängstlich zuflüstert: »So hab doch nur ein bißl Geduld! Es geht ja auch ohne Drängen und Puffen!«

Der krausköpfige Träger des breiten Filzhutes beugt sich dann leicht herab, lacht gutmütig und antwortet mit jenem schimmernden Blicke, der nur aus den Augen der Glücklichen strahlt:

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Carl Karlweis | Wiener Kinder 13. Kapitel

Dreizehntes Kapitel.

»Du schöner Mai, vorbei . . . vorbei!«

Nach dem jähen Ende, welches die geträumte Brautschaft der resoluten Witwe durch die Flucht des verräterischen Geigers genommen, schien sich die arme Verlassene lange Zeit nicht fassen zu können. Sie welkte sichtlich hin und wagte kaum mehr die Stätte ihrer grausamen Demütigung zu verlassen. Frau Sobotka vermochte den Jammer ihrer Freundin nicht länger ruhig mit anzusehen. Obendrein stand ja auch Riedls Kammer noch immer leer, trotz der von der Witwe eigenhändig geschriebenen und an der großen schwarzen Tafel im Hauptflur befestigten Anzeige, daß »im sexten Hof, Stiege 22, Tirnumer 113, eine schene liftige Kahmer an einen soliten Hern zu fermiden und gleichzu bezihn« sei. Das bedeutete einen fühlbaren Ausfall in ihren an und für sich nicht allzu erheblichen Einnahmen. Frau Sobotka pflog eine ernste Rücksprache mit ihrem Gatten, welcher strengstens beauftragt wurde, für diese »liftige Kahmer« einen Mieter zu finden, mit dem vielleicht auch sonst etwas zu machen wäre. Herr Sobotka hatte Glück, er fand die geeignete Persönlichkeit. Schon wenige Tage später erschien Herr Thaddäus Friedlmayer, wirklicher Diurnist im k. k. Lotto-Gefällsamte, auf dem Korridore, von Frau Sobotka feierlich empfangen und zu der trauernden Witwe geführt. Die lange, überaus hagere Gestalt des neuen Mieters schien anfänglich nicht den besten Eindruck auf Frau Stölzl hervorzubringen, ja der kleine Pepi lief vor dem bleichen, durchaus in abgeschabtes Schwarz gekleideten Manne schreiend davon, denn Herr Thaddäus sprach nur wenige Worte, diese aber in einem düsteren Grabestone, und bewegte dabei die mageren Arme in ihren enganliegenden kurzen Ärmeln wie Windmühlflügel. Allmählich jedoch begannen sich Mutter und Sohn an die eigentümliche Erscheinung des schweigsamen Mieters zu gewöhnen. Frau Stölzl erkannte mit dem scharfen Blicke der empfindsamen Witwe, daß die strenge Miene und die tiefe, schier Schrecken erregende Baßstimme den ernsten k. k. Diurnisten nicht hinderten, ein im Grunde höchst friedfertiges, ja gutmütiges Menschenkind zu sein. Bald nachher fand die resolute Witwe, daß ihre Trauer um den unwürdigen Geiger eigentlich ein Verbrechen an ihrem Sprößlinge sei, der von Tag zu Tag dringender eines Vaters bedürftig würde, – und endlich glaubte sie aus mancherlei Anzeichen schließen zu dürfen, daß auch ihr Mieter des einsamen Junggesellenlebens überdrüssig sein müsse.

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Carl Karlweis | Wiener Kinder 12. Kapitel

Zwölftes Kapitel.

Der Einzige.

Loris Bitte wird erhört, Franz stirbt nicht. Aber auch mit der Genesung will es nicht recht vorwärts gehen. Zwei volle Wochen sind seit dem unseligen Abend seiner Verwundung verstrichen; langsam und trübselig schleichen die schier endlosen Tage hin, und noch immer ruht Franz bleich, mit eingefallenen Wangen in den weichen Kissen ihres Bettes, und noch immer vermag der Arzt nicht bestimmt zu sagen, wann er endlich wieder hergestellt sein wird. Eine ernstliche Gefahr für sein Leben ist, jeden Rückfall natürlich ausgeschlossen, nicht mehr vorhanden. Aber zur vollen Herstellung bedarf der Kranke der hingebendsten Pflege, kräftiger Kost und tiefer Ruhe.

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Carl Karlweis | Wiener Kinder 11. Kapitel

Elftes Kapitel.

Eine Begegnung.

Lori! Lori!«

Frau Schober ruft nach ihrer Tochter. Ihre Stimme klingt schrill und bange wie ein Hilfeschrei inmitten eines heftigen, schon halb verlorenen Kampfes. Die Lage, in welcher sie sich befindet, ist auch in der That bedenklich. Wie alltäglich, seitdem sie zu der Tochter geflüchtet ist und die erste Befangenheit der ungewohnten Umgebung überwunden hat, steht sie im Begriffe, ihrer Totfeindin Fanny ein scharfes Zungengefecht zu liefern. Das ehemalige Blumenmädchen hat von Anfang an die stete Verbindung Loris mit dem Freihause nur sehr ungern geduldet. Tinis bescheidene, demütige Art machte ein heftiges Zusammentreffen ganz und gar unmöglich. Frau Schober jedoch, welche sich unter dem wiederholt bethätigten Schutze der Tochter von Tag zu Tag sicherer fühlt, ist keineswegs gewillt, Fannys drückende Herrschaft ruhig zu ertragen und sich immerzu mit verletzenden Worten und Blicken sagen zu lassen, daß sie eigentlich das Gnadenbrot esse. Überdies geben ihr die neuen Kleider, welche Lori für sie anfertigen ließ, ein erhöhtes Selbstbewußtsein. So recht behaglich fühlt sie sich in der etwas engen Jacke und unter dem ungewohnten, den Kopf einzwängenden Hute wohl nicht, aber sie erträgt heldenmütig dieses peinliche Gefühl, ja sie überwindet dem neuen Staat zuliebe sogar ihre sonstige Trägheit und geht fast täglich eine Stunde spazieren, um das schöne Gewand »auszulüften«, wie sie sich ausdrückt. In Wahrheit hofft sie endlich einmal einer ihrer ehemaligen Nachbarinnen zu begegnen, deren Bewunderung und wohl auch heimlicher Neid sie für diese kleinen Qualen reichlich entschädigen soll. Leider hat sie kein Glück.

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Carl Karlweis | Wiener Kinder 10. Kapitel

Zehntes Kapitel.

Daheim wird es still.

Seit Frau Schober ihren Gatten und das Freihaus verlassen hat, sind wieder einige Wochen verstrichen. Dennoch ist dieser denkwürdige Vorfall noch immer der Gegenstand lebhafter Erörterungen von Seite der Nachbarinnen, welche demselben stets neue Seiten abzugewinnen wissen. Zunächst hat die Amtsdienersgattin, die sich nicht wenig darauf zu Gute thut, bei dieser Gelegenheit eine thätige, ja nach ihrer Ansicht geradezu entscheidende Rolle gespielt zu haben, eine ungemein detaillierte Darstellung des Sachverhaltes ausgearbeitet, welche bei den zahlreichen Wiederholungen in den verschiedensten Kreisen der weiblichen Bevölkerung des Freihauses nach und nach dramatische Lebendigkeit gewonnen hat. Freilich entsprechen die kleinen Einzelnheiten nicht mehr ganz genau dem thatsächlichen Verlaufe des Vorfalles, aber wer wollte Frau Sobotka deshalb zur Rechenschaft ziehen? Und – was ihr die Hauptsache scheint – wer könnte es auch, da sie selbst ja doch die einzige Zeugin ist?! So spielt sie ruhig und sichtlich vergnügt Geschichte, webt einen Sagenkreis um das große Ereignis des Korridores und läßt ihre liebe Freundin Schober immer mehr und mehr im Lichte einer bewunderungswürdigen Heldin und Märtyrerin erscheinen. Sich selbst vergißt die Amtsdienersgattin dabei keineswegs, sondern weiß ihre Verdienste um die große Sache insbesondere bei der letzten, entscheidenden Begegnung mit dem Polier ganz entsprechend in den Vordergrund zu rücken.

Vater Schober selbst erhält von diesen wirkungsvollen Schilderungen seiner häuslichen Zerwürfnisse allerdings nicht die leiseste Andeutung. Sowohl er als Marie werden von den Nachbarinnen mit beleidigendster Nichtachtung behandelt, scheinen dies aber gar nicht zu bemerken. Diese unerhörte Gleichgültigkeit gegen einen Urteilsspruch des Korridores, ja des ganzen Hofes, heischt strenge Strafe. Sie folgt denn auch auf dem Fuße. Insbesondere Marie muß die Feindseligkeit der Nachbarinnen bei jedem Anlasse deutlich empfinden. Kommt sie zum Brunnen um Wasser zu holen, so schließt sich der Kreis plaudernder Frauen und Mägde, der sich dort meist versammelt findet, sofort enger und alle Blicke richten sich mit nicht mißzuverstehendem Ausdrucke der Verachtung auf das junge Mädchen.

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Carl Karlweis | Wiener Kinder 9. Kapitel

Neuntes Kapitel.

In der neuen Wohnung.

Mit Tini, der kleinen, rothaarigen Freundin Loris, ist seit mehreren Wochen eine merkliche Veränderung vorgegangen. Sie arbeitet nicht mehr so unausgesetzt wie früher, sondern verläßt seit Loris Verschwinden zur Mittagszeit häufig ihre Wohnung, um erst nach einigen Stunden wieder heimzukommen. Dann aber erhellt stets ein glückliches Lächeln ihr hageres Gesichtchen, und aus den entzündeten Augen leuchtet es wie geheimer Stolz, wie neu erwachte und sich recht übermütig geberdende Lebensfreude, – ja Frau Sobotkas scharfer Kennerblick will einmal sogar ein leichtes Schwanken an dem tänzelnden Gange der ältlichen Näherin entdeckt haben.

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Carl Karlweis | Wiener Kinder 8. Kapitel

Achtes Kapitel.

Ein Sommermorgen.

Ein kurzes aber heftiges Gewitter hat noch während der Nachtstunden die schwüle, dunstige Luft gereinigt und abgekühlt. Am frühen Morgen liegen die Straßen, von Sturm und Regen blank gescheuert, wieder im hellen Sonnenscheine; hurtig eilen die Arbeiter den Werkstätten und Bauplätzen, die Näherinnen den dunklen Hinterstuben der großen Modemagazine zu; vor den weit geöffneten Ladenthüren steht hie und da ein Hausknecht oder Verkäufer, der verdrießlich in die Sonne blinzelt, sich verschlafen dehnt und reckt und dem Nachbar, der sich gleichfalls müde die Augen reibt, halb ärgerlich, halb lachend zunickt: »Ist’s Dir auch so unangenehm, das schwere Tagwerk wieder einmal von neuem beginnen zu müssen?«

Und die Sonne steigt höher. Breit und warm legt sie sich auf die Dächer, klettert dann langsam an den Häusern nieder und guckt freundlich in die geöffneten Stuben der Frühaufsteher. Wo sie aber ein noch geschlossenes Fenster oder gar einen herabgelassenen Vorhang entdeckt, da kost sie schmeichelnd mit den schamhaft erglühenden Scheiben, bis sie durch eine noch so schmale Fuge in den dunklen Raum dringen und dem Langschläfer auf die Nase tippen kann: Wach auf! Die Frühsonne ist da, – wach auf!

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Carl Karlweis | Wiener Kinder 7. Kapitel

Siebentes Kapitel.

Der Herr Konzertmeister.

Herr Riedl!« –

»Herr Kapellmeister?«

»Ich habe Ihnen etwas mitzuteilen.«

Der Geiger, welcher sein Instrument in das verschlissene grüne Futteral gesteckt hat und eben den Probesaal verlassen will, macht Kehrt und folgt dem Kapellmeister in eine Fensternische. Er überlegt dabei in aller Hast, was er verbrochen haben könne, denn nur in solchen Fällen pflegt der gestrenge Dirigent einem Mitgliede seines Orchesters etwas »mitzuteilen.« Der Geiger sinnt und sinnt, – vergebens, sein Gewissen ist rein. Sollte es am Ende noch einmal jenes unselige »Fis« vom vorletzten Abende sein, das er in einem Augenblicke der Zerstreuung statt des vorgeschriebenen »F« gegriffen hatte? Ein Blick auf den leeren Platz an seinem Finger, wo sonst der Goldreif saß, hatte den Mißgriff verschuldet. Aber dafür hat er ja bereits seinen ernsten Verweis erhalten . . .!

Da stehen sie schon in der Fensternische. Der Kapellmeister schlägt nach seiner Gewohnheit mit dem rechten Fuße den Takt zu einem unhörbaren Walzer und sieht dabei den langen Geiger durchdringend an. Himmel, was soll das geben?

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Carl Karlweis | Wiener Kinder 6. Kapitel

Sechstes Kapitel.

Die Schwestern.

Daß Vater Schober die Werbung des Bauführers nicht ungünstig aufnehmen würde, war wohl zu erwarten. Er betrachtete sie im Gegenteile als ein so großes, unerwartetes Glück, daß er anfänglich gar nicht recht daran glauben konnte und sich erst nach mehrfacher, dringender Wiederholung der Frage Sturms so weit zu fassen vermochte, um die Hand des jungen Mannes zu ergreifen und dabei die wenigen Worte hervorzustoßen:

»Sehr glücklich! . . . O . . o! . . Natürlich . . . sehr glücklich!«

Frau Schober zeigte sich anfänglich weit weniger erfreut. Der Herr Sturm sei ja gewiß ein recht braver und wohl auch anständiger junger Mann, meinte sie gedehnt, aber wenn man bedenke, was für vornehme und reiche Leute sich um Lori bemühen, dann –

Der Polier ließ sie nicht zu Ende sprechen. Er warf ihr einen Blick zu, der sie auf der Stelle verstummen machte, und gab nun dem Bauführer in aller Form, ja mit einer gewissen nachdrücklichen und breitspurigen Feierlichkeit sein Jawort.

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Carl Karlweis | Wiener Kinder 5. Kapitel

Fünftes Kapitel.

Eine Verlobung.

Am nächsten Morgen, da Herr Riedl eben seine Schlafkammer verlassen will, tritt ihm Frau Stölzl in der Küche entgegen. Die resolute Witwe spricht anfänglich kein Wort, sie stemmt nur die Arme in die Hüften und sieht ihren jungen Mieter durchdringend an. Dieser vermag ihren Blick nicht zu ertragen. Verlegen senkt er den Kopf, fährt sich mit den langen Fingern durch die krausen Haare und stottert endlich ein verschüchtertes »Guten Morgen, Frau Stölzl!«

Die Witwe mißt ihn immer drohender vom Kopf bis zu den Füßen.

»Na?« beginnt sie endlich mit unheimlicher Ruhe. »Ist das alles? Haben Sie mir sonst nichts zu sagen?«

»O, Frau Stölzl, – ich weiß wohl, daß heute der Erste ist!« Herr Riedl macht hier eine verzweifelte Anstrengung, seiner gestrengen Hauswirtin ins Gesicht zu sehen. Aber es geht nicht; etwas Raubtierähnliches liegt in dem Blicke dieses Weibes, das jetzt einen vernichtend ironischen Ton anschlägt.