Lang, lang ist´s her… Oder: Irischer Mondschein der besonderen Art

ireland-2396261_640„Daddy?“

Lynns Stimme klang zärtlich und lieb. Ich verstand nicht, was sie zu ihrem Daddy sagte, während sie zärtlich in seinen Haaren wühlte. Sie unterhielten sich leise auf irisch. Als Daddy verständnisvoll lächelnd nickte, quietschte Lynn freudig auf, nahm meine Hand und zog mich ungestüm zur Tür. „Nun komm schon, Brummbär“, zappelte sie ungeduldig und war schon auf dem Weg in den Hof.

Ich schaute sie verständnislos an. „Daddy hat JA gesagt“, kicherte sie verschmitzt. „Aha“, sagte ich. „Du warst doch dabei, als ich ihn gefragt habe“, gluckste sie fröhlich, erklärte mir aber gleich, was sie eigentlich vorhatte. Schnell hatte sie mir erklärt, was sie vorhatte. Einen Ausflug hatte sie vor, in die Wicklow Mountains. „Lang, lang ist´s her… Oder: Irischer Mondschein der besonderen Art“ weiterlesen

Werbeanzeigen

Lynn und die Kunst

Der Post von Mitzi gestern rief schlagartig wieder Erinnerungen an meine immer noch geliebte Lynn in mir hoch. Dazu muss man wissen, dass sie ja in München Kunst und Geschichte studiert hatte. Und sie schleifte mich gerne und oft in sämtliche Kunsttempel nicht nur in München, sondern auch in Dublin, Belfast und wo wir uns sonst noch überall herumtrieben. 😉

Wie das dann so ablief, könnt Ihr am besten bei Mitzi nachlesen. 🙂 Ich sage dazu nur noch: Wie sich die Bilder gleichen… 😀

Auf vielfachen Wunsch einer einzelnen Dame… gell, Tinchen?

Foto0204Nun kennen wir uns schon so lange, und ich habe Dir noch nichts von meinem Tattoo erzählt? Hmm…

Lynn und ich ließen es uns damals stechen, als gemeinsame Erinnerung an Irland. Nun ist es meine einzige Erinnerung an Lynn.

Hier in Freising ließen wir es uns stechen, bei einem Stecher, den es längst nicht mehr gibt. Lynn hatte die Idee, uns ein „Shamrock“ auf die Oberarme setzen zu lassen. Als der Stecher (den es längst nicht mehr gibt) fertig war, beschwerte sich Lynn, das sei kein Shamrock, ein Shamrock hat ja, wie jeder weiß, nur drei Blätter. Was wir da trugen seien ganz normale vierblättrige Glücksklees. Sie bequatschte den armen Mann, bis dem nichts mehr einfiel und er uns die Tattoos schenkte.

Jack O´Lantern

lanternSo sicher, wie in jedem Jahr das Christkind erscheint, der Osterhase im Frühling durch die Gärten hoppelt, genau so sicher und zuverlässig  wurde ich ab ca. Mitte Oktober durch schrille, wütende Schreie meiner Frau Lynn aufgeschreckt. Gott, dachte ich. Entsetzt sprang ich auf, eilte ins Wohnzimmer und fand sie hektisch mit den Armen rudernd vor dem Fernseher sitzend vor. Mit Mühe verkniff ich mir ein Lachen, als ich den Bericht sah, der gerade dort zu sehen war. In dem ging es, wie oft im Oktober, um Halloween.

DIE LERNEN´s EINFACH NICHT!„, rief sie empört. Ach ja, ich konnte mir schon denken, was jetzt auf die armen Redakteure zu kam.

Die Geschichte von Jack’o Lantern

Das ist die Halloween-Geschichte von Jack o’ Lantern (Jack mit der Laterne): Vor langer Zeit lebte in Irland ein Hufschmied. Er hieß Jack, war ein schlimmer Trunkenbold und hatte im Leben auch so manche andere Betrügerei begangen. Wie jeden Abend saß Jack auch am Abend des 31. Oktober an der Theke und trank viel zu viel, als plötzlich der Teufel neben ihm stand, um ihn zu holen. Jack war wie versteinert vor Schreck, als ihm die rettende Idee kam, sich einen letzten Drink vom Teufel spendieren zu lassen. Der hatte nichts dagegen,  diesen Wunsch zu erfüllen, stellte aber fest, dass er keine Münze zur Hand hatte. So verwandelte er sich kurzerhand selbst in eine. Jack reagierte schnell, stopfte das Geldstück in seine Geldbörse, in der sich auch ein kleines Kreuz befand, und das hielt den Teufel dort gefangen. Er ließ den Teufel erst frei, nachdem der versprochen hatte, Jack ein ganzes Jahr lang in Ruhe zu lassen.

Ein Jahr später, wieder am Abend des 31. Oktober, erschien der Teufel erneut um Jack abzuholen. Abermals musste er sich ganz schnell etwas einfallen lassen und bat den Teufel, ihm einen letzten Apfel von einem nahestehenden Apfelbaum zu pflücken. Nun gut, der Teufel kletterte auf den Baum und Jack ritzte blitzschnell ein Kreuz in die Rinde des Stammes. Der Teufel saß auf dem Baum gefangen. Und Jack war hartnäckig. Der Teufel musste ihm versprechen, Jacks Seele bis in alle Ewigkeit in Ruhe zu lassen.

Die Jahre vergingen, Jack wurde ein alter Mann und als er starb, bat er im Himmel um Einlass. Da er in seinem Leben nicht gerade ein braver Mann gewesen war, wurde er abgewiesen. Er wanderte zum Teufel. Auch der wollte seine Seele nicht, denn er hatte vor Jahren sein Ehrenwort gegeben. Der Jammer war groß –  wo sollte Jack nur hin? Der Weg durch die ewige Dunkelheit war finster, einsam und eisekalt. Ein klein wenig Mitleid hatte der Teufel nun doch und schenkte Jack eine glühende Kohle, die niemals erlosch. Jack steckte die Kohle in eine ausgehöhlte Rübe, die er als Wegzehrung mitgenommen hatte. Seit dieser Zeit wandert der unglückselige Jack o’ Lantern (symbolisch für alle ruhelosen Seelen) mit seiner Rübenlaterne durch die Finsternis. So erzählt es die Legende.

Viele Jahre später, vor ungefähr 150 Jahren, gab es in Irland eine große Hungersnot. Tausende von Menschen wanderten nach Nordamerika aus. Auch dort feierten sie, wie sie es immer getan hatten, das Halloween-Fest. So kam das Fest nach Amerika. In der neuen Heimat gab es nicht so viele Rüben, dafür aber prächtige Kürbisse, die man viel besser aushöhlen und mit witzigen Fratzen verzieren kann. Inzwischen wird Halloween an vielen Orten auf der ganzen Welt gefeiert, auch deshalb, weil ein wenig Gruseln einfach Spaß macht!

Nun weißt du, dass die geschnitzten Kürbisse, die Ende Oktober überall zu sehen sind, eigentlich die leuchtende Rübe von Jack o’ Lantern darstellen sollen, der vielleicht noch immer auf seinem rastlosen Weg daherwandert.

So, oder ähnlich, stand es in den E-Mails, die meine Lynn damals an die verschiedenen Redaktionen sandte.
Und auch heute noch, fast 16 Jahre nach ihrem Tod, muss ich mich beherrschen, es ihr nicht gleichzutun, wenn ich wieder einmal in einer Sendung höre, „das aus Amerika stammende Fest Halloween…“
In einigen Tagen ist es wieder soweit: Kleine Gespenster huschen (mehr oder weniger) leise durch unsere Strassen und Gassen und erpressen mit drohenden Rufen „Süßes oder Saures“ Unmengen an Süßigkeiten, bevor sie wieder kichernd im Dunkel verschwinden.
Meine Bitte an alle Erwachsenen: Schaut in die lachenden Gesichter und erfreut Euch an dem Spaß, den die Kinder (hoffentlich) haben werden. Und glaubt mir: Auch Euch wird das Herz warm werden. Versprochen!
Es sei denn, Ihr seid Ebenezer Scrooge, aber dann ist sowieso alles zu spät für Euch.
Dankeschön fürs Lesen und…

Happy Halloween!

ABSCHIED NEHMEN…

Mary rief an. Ich hörte nur ein verzweifeltes Weinen, ein Stammeln.
„Was ist geschehen?“
„Lynn…“
Es dauerte einige Minuten, ehe sie soweit war, mir einigermaßen verständlich zu machen, dass meine geliebte Frau soeben mit einem Rettungshubschrauber der Army nach Belfast geflogen worden war.
Sie hatte schwerste Verbrennungen erlitten – wie ich erst viel später erfuhr, auch innere – und sollte schnellstmöglich in ein Krankenhaus transportiert werden, welches auf diese Art der Verletzungen spezialisiert war.

Was war geschehen? Schnell erzählt. Ein besoffener Ire hatte mit einer Seenotrettungspistole einen Schuss abgeben wollen. Punkt 12. Anscheinend aber beim Laden einen Fehler gemacht. Der Schuss ging schon beim Zuklappen – heißt das so – der Waffe los und die Magnesiumscheisse schoss, statt senkrecht in den Himmel, waagerecht los. Und traf eine Frau, die eigentlich nur fröhlich mit ihren Eltern und Nachbarn das Neue Jahr begrüßen wollte. Diese Frau war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 32 Jahre alt. Sie telefonierte mit ihrem Mann, den sie ein dreiviertel Jahr zuvor geheiratet hatte, nach elf glücklichen Jahren des Zusammenlebens.

In Belfast, in Nordirland, wurde sie in ein künstliches Koma versetzt.
Am 5. Januar 2002 starb sie. Wie gesagt: Mit 32 Jahren. Die Ärzte konnten nichts mehr für sie tun.
Zurück ließ sie: Verzweifelte Eltern und einen Mann.
Und die Erinnerung, an einen lieben, wertvollen Menschen. Schöne Erinnerung. Die bleiben. Die mir NIEMAND mehr rauben kann.
Sie lehrte mich so viel.
Sie lehrte mich, zu sagen, was ich denke.
Sie lehrte mich, das Schöne zu sehen.
Sie lehrte mich, wieder ein Kind zu sein.
Auf einer Wiese, im Sommer
auf dem Rücken liegend und an einem Grashalm kauend
mit nackten Füßen
den Sommerwind zu spüren.

Aber vor allen Dingen lehrte sie mich die Liebe.

LYNN UND ICH | LYNNS TOMMY

Wir hatten ausgiebigst getobt, an diesem Eisbach im Englischen Garten. Nun wurde es Zeit, nach Hause zu gehen.
Schweigend bummelten wir durch den Park wieder Richtung Schwabing.
Lynn blieb stehen und küsste mich auf die Wange. „Danke“, sagte sie zärtlich.
„Danke wofür?“
„Na ja, dafür, dass du nicht versucht hast, mich zu bu… ich wollte sagen, dass du nicht versucht hast mit mir…“ Sie seufzte und fuhr sich verlegen mit den Händen durch die Haare.
„Hättest du es denn gerne gehabt?“
„Ja, nein… ich meine, ich würde gerne mit dir schlafen, aber noch nicht gleich, weißt du, so am ersten Abend.“
Sie schaute mich offen an. „Dass du gerne hättest, ach, Darling, ich glaube, dass das ja wirklich nicht zu übersehen war!“
Lynn kicherte, ich schwieg verlegen.
„Wo du überall hinschaust“, murmelte ich.
„Mhmm… als du auf meinem Po gesessen bist, habe ich es sogar gespürt!“ setzte sie noch eins drauf.
Als wir an der Münchner Freiheit angelangt waren, schaute Lynn auf die Uhr. „Jesus! Schon ein Uhr vorbei! Und du musst noch so weit fahren, mit deinem Mofa!“ Sie zog mich weiter.
„Ich habe mein Auto in der Siegesstraße stehen“, sagte sie und fuhr fort:
„Du hast doch zur Zeit Urlaub, nicht?“
Ich nickte.
„Kommst du mit zu mir nach Hause?“ Sie schaute mich fragend an. „Ich hätte so gerne noch mit dir gekuschelt, und dass ich keine Angst zu haben brauche, hast du ja schon bewiesen!“
Meine Gedanken schlugen Purzelbäume.
Es ist ein Traum, dachte ich, die ganze Nacht mit Lynn allein, und morgen den ganzen Tag… Ein Glücksgefühl durchströmte mich und ich riss Lynn spontan in meine Arme. Ihr Haar duftete und ihr Körper, so weich, so zart. Ob ich das wohl aushalte, dachte ich weiter, die ganze restliche Nacht nackt mit der süßen Lynn zu schmusen und zu kosen, ohne dass…
Lynn stupste mich und riss mich aus meinen Gedanken.
„Hallo, Träumer“, lachte sie fröhlich und öffnete die Tür eines kleinen, winzigen Autos, „wir sind da, entweder du steigst ein und erlebst eine wundervolle, gemütliche Nacht in einem weichen Bett mit einer Traumfrau, oder…“
„Oder was?“
Lynns Stimme nahm einen kalten, drohenden Ton an: „Oder du zuckelst einsam und allein auf deinem Mofa den weiten, langen und gefahrvollen Weg zu Dir nach Hause. Dort verbringst du eine lange Nacht in deinem kalten, einsamen Bett und träumst von einer wundervollen, gemütlichen Nacht in einem weichen, warmen Bett mit einer Traumfrau…“
„Oh mein Gott“, stöhnte ich gequält, „welch grauenvolle Alternative!“
Schneller saß ich noch nie in einem Wagen!
Auf der relativ kurzen Strecke von der Sieges- zur Georgenstraße erlebte ich live irisches Temperament am Steuer eines Wagens.
„Ganz schön wendig, mein Mini, was?“ fragte Lynn stolz und bog mit kreischenden Pneus in die Leopoldstraße ein.
Ich nickte krampfhaft. „Bloß die rote Ampel hättest du besser beachtet…“
„Ach komm schon“, kicherte Lynn und gab dem Mini die Sporen, „sei doch nicht so kleinlich. Was bist du? Ein Polizist?“ Sie überholte ein Taxi und scherte dicht vor dem Fahrer wieder rechts ein, da uns auf der Gegenfahrbahn panisch mit den Scheinwerfern blinkend und hupend ein Kleinlaster entgegenkam.
Lynn hupte zurück. „Warum die sich in ein Auto setzen, werde ich nie verstehen!“ schimpfte sie, „Einfach keine Nerven!“
Die nächste Ampel. „Da… da…“, keuchte ich und stemmte meine Füße gegen das Bodenblech, als könnte ich so den Mini zum bremsen animieren.
„Ist doch erst gelb… oh Shit! Dunkelgelb… rot!“ Laut aufheulend schoss der Mini über die Haltelinie.
Ich schluckte und öffnete vorsichtig wieder meine Augen, um sie gleich wieder zu schließen. Mit der linken Hand steuernd, kramte Lynn mit der rechten Hand im Handschuhfach. „Was suchst du denn?“ krächzte ich.
„Ich brauche jetzt eine Zigarette, aber ich finde keine!“
War diese Frau eigentlich wirklich so cool, oder einfach nur bescheuert! Mit 90 km/h über die Leo zu brettern, eine Hand am Steuer, die andere irgendwo…
Inzwischen waren wir schon fast an unserem Ziel angelangt. Ohne die Geschwindigkeit merklich zu verringern riss Lynn das Steuer herum und bog nach rechts in die Georgenstraße ein.
Auf zwei Rädern, dachte ich entnervt, so wie wir abgebogen sind, können die linken Räder doch gar nicht mehr auf der Straße geblieben sein!
Das Einparken schaffte sie wie durch ein Wunder ohne irgendwelche Karambolagen. Ich wischte mir den Angstschweiß von der Stirn.
„Immer noch so heiß“, lachte Lynn als wir ausstiegen.
Als wir die Treppen des alten Hauses hinaufstiegen, warnte mich Lynn.
„Wir müssen nur leise sein, wenn wir hineingehen“, wisperte sie mir zu, „dass wir Tommy nicht aufwecken!“
Ich erstarrte und blieb stehen. „TOMMY?“
„Ja, wenn er geweckt wird und einen Fremden sieht, wird er angriffslustig, also ganz leise!“ Lynn kicherte und stieg langsam weiter hinauf.
Die hölzernen Stufen knarrten unheilvoll und ich fragte mich, wer zum Teufel dieser Tommy sei.
„Wer ist Tommy“, ich blieb stehen und hielt Lynn zurück, „gibt es da vielleicht etwas, was du mir jetzt sagen solltest, bevor ich angegriffen werde?“
„Ach“, tat Lynn überrascht, „ich habe dir wirklich noch nichts von meinem Freund Tommy erzählt?“
„Du hast mir überhaupt noch nichts von einem Freund erzählt!“ sagte ich böse, „Und von einem Tommy, der mit dir in der gleichen Wohnung wohnt schon zweimal nicht!“
„Pscht!“ Lynn hielt sich glucksend vor lachen den Bauch und setzte sich auf die Stufe.
„Ich glaub ich mache in die Hose“, japste sie und presste die Beine zusammen. Keuchend vor lachen deutete sie auf mein Gesicht.
„Oh Darling! Könntest du dich jetzt so sehen! Mein kleiner Feigling! Ich liebe dich so sehr!“
Ich setzte mich neben sie. „Und wen liebst du mehr? Tommy oder mich?“
„Tommy ist acht Jahre alt und ein wunderschöner dicker irischer Kater!“

LYNN UND ICH | VERDAMMTER SCHLÜSSEL

Wir hatten kräftig gefeiert. Lynn ließ ihre Rennsemmel stehen und wir fuhren mit dem Taxi nach Hause.
Fragt mich bitte nicht, wer von uns beiden mehr Promille hatte, in dieser Nacht. Ich war es ganz bestimmt nicht… 😉
Nachdem wir aus der Droschke ausgestiegen waren, konnte Lynn sich kaum noch auf den Beinen halten. Vor Müdigkeit… versteht sich. Also half ich ihr, Gentleman, der ich bin.

Ich umfasste ihre Taille und bugsierte sie zur Haustür.
„Du bist echt besoffen, wie ein Seemann nach dem ersten Landgang“, schimpfte ich.
„Kannst du ja gar nicht wissen“, maulte sie.
„Klar“, widersprach ich, „seh‘ ich doch… und jetzt gib mir bitte den Schlüssel, ich will rein.“
„Ich nicht!“
„Du auch, wir beide gehen jetzt rein und legen uns ins Bett, unseren Rausch ausschlafen.“
„Ich will jetzt“, bettelnd schaute sie mich an, „ich liebe you very, very viel… und ich habe noch nie auf der Straße gefi..“ Rasch hielt ich ihr den Mund zu.
Jesses, Maria und Josef, dachte ich belustigt, sie war so süß, aber mitten auf der Straße?
„Morgen ficken wir mitten auf dem Marienplatz, am helllichten Tag, das verspreche ich dir, wenn du mir nur endlich deinen Schlüssel gibst!“
Sie wollte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn tippen, traf jedoch statt dessen ihr linkes Auge. „Autsch! Du willst mich mitten auf dem Marienplatz…? Jetzt bist du bescheuert! Glaubst du im Ernst ich mache das mit?“
„Bitte, Darling“, flehte ich sie an, „gib mir doch bitte, bitte das kleine Schlüsselchen, damit wir diese kleine, gottverdammte Tür aufsperren können und endlich ins Bett kommen.“
„Okeydokey“, murmelte Lynn müde, „Darling, du hast gewinnt! Aber the Key is in my little Pocket…“
„Wo? ! ?“
„In my little…“
„Habe ich verstanden“, unterbrach ich sie hastig, „der Schlüssel ist in deinem Täschchen… und wo ist dieses fuckin´ Täschchen?“
Lynn stand mit dem Rücken an die Hausmauer gelehnt da und schaute mich blöde grinsend an.
„Du meinst, du willst wissen, wo mein kleines Pocket…“
„Ja, ja, ja“, schrie ich entnervt.
Lynn machte den Versuch, sich aufzurichten. Leise schwankend stand sie vor mir und hob drohend den Zeigefinger.
„Du bist autoritär! Yes, Sir! Schrei mich nie mehr an, Sir!“
„Bitte, liebste, süßeste Lynn auf der ganzen Welt“, flüsterte ich heiser und sehnte mich danach, ihr das Kleidchen hochzuziehen und kräftig den nackten Po zu versohlen.
„Wo ist dein kleines, süßes Täschchen?“
„Das hast doch du, ich kann es nirgends haben, schau mich an, nur ein Kleidchen“, sie kicherte wieder, „du hast es mitgenommen, oder?“
Ich erstarrte. „Wo mitgenommen?“
„Na ja, bei John lag es auf dem Tisch, das weiß ich….“
Mir wurde heiß und kalt. Der Schlüssel ist in ihrem Täschchen, dachte ich, das Teil liegt wahrscheinlich immer noch im Green auf dem Tisch, oder John hat es schon gefunden und in eine Schublade gelegt.
Wie auch immer: Ich hatte ein Problem. Ein Problem?
Eine besoffenes, irisches, geiles Luder, einen geilen Werner, der auch nicht nüchtern war, und keine Möglichkeit, ins Haus zu gelangen.
Drei Probleme…
„Du hast mein Täsch… du hast es nicht mitgenommen?“
Seufzend schüttelte ich mit dem Kopf.
„Dann haben wir ein Problem…“
Ich nahm sie in den Arm. „Nein, Darling, wir haben drei Probleme!“ seufzte ich.
Sie schaute mich verständnislos an. „Drei Probleme? Wieso?“
Ich zog sie in den Hauseingang. „Ach, lassen wir das jetzt.“
Gemeinsam saßen wir nun, Arm in Arm, auf der Stufe, welche zu der Haustür führte.
Lynn zuckte zusammen und meinte, sie habe ja noch einen Reserveschlüssel.
Auf meine Frage, wo der denn sei, sagte sie kleinlaut, den habe sie im Briefkasten mit Tesafilm festgeklebt.
Na toll, der Briefkasten befand sich, natürlich, im Innern des Hauses.
Lynn schmiegte sich so dicht wie es ging an mich.
„Bist du mir jetzt böse?“ Ihre Stimme klang so kläglich, so verletzlich und ängstlich, dass ich weich wurde, wie Butter in der Sonne.
Ich nahm sie in meine Arme, küsste ihre Augen, ihre Nase, den Mund.
Nein, ich konnte ihr einfach nicht böse sein.
Die Nacht, oder besser: Der Morgen war immer noch lau, ich hatte das Mädchen, welches ich so abgöttisch liebte in meinen Armen. Da konnte mir doch die verschlossene Tür am Arsch vorbeigehen.
Gerade hatten wir versucht, es uns auf dem Treppenabsatz bequem zu machen, da kam ein Pärchen. Er fragte entschuldigend, ob sie denn wohl ins Haus dürften. Dann erkannte er Lynn.
„Hi, Lynn, was ist denn los?“
„Schlüssel vergessen, besoffen, und mein Freund hier“, sie hieb mir den Ellbogen in die Rippen, „ist zu feige, die Tür aufzubrechen.“
„Na, da hast du aber einen schönen Freund“, lächelte die Begleiterin des Hausbewohners und blinzelte mir heimlich zu, „wir kennen uns noch nicht, ich heiße Patricia, das da ist mein Mann Patrick. Wir sind aus Irland, allerdings Nordirland, aus Belfast. Sind Sie der Traummann, den sich Lynn angeln wollte?“ Sie schaute mich neugierig an.
Patrick, ihr Mann, zog Lynn am Arm hoch und grinste mich freundlich an. Patricia schloss die Türe auf und wir konnten endlich hinein.
Ich dankte den beiden und fragte Lynn nach ihrem Briefkasten, damit wir endlich diesen blöden Wohnungsschlüssel in die Finger bekämen.
Statt einer Antwort schluchzte sie nur, fuhr sich verzweifelt mit den Händen über ihr Gesicht und deutete auf einen Briefkasten, an welchem sich kein Name befand. Ich versuchte ihn zu öffnen. „Der ist abgeschlossen“, sagte ich leise, „wo hast du denn den Reserveschlüssel für diesen verdammten Briefkasten?“ Ich war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren.
„In… in my little Pocket“, heulte sie los.
Fassungslos starrte ich sie an. Das war mehr, als ich glauben konnte. Sarkastisch sagte ich: „Also, meine kleine liebe süße Lynn hat, um in Notfällen wie diesem gerüstet zu sein, ihren Reserveschlüssel in den Briefkasten geklebt. Sehe ich das richtig?“
Lynn nickte.
„Nun ist es aber so, dass der Briefkasten abgesperrt ist, soll ja nicht jeder hinein schauen dürfen, richtig?“
Klägliches nicken.
Meine Stimme triefte vor Hohn: „Und du hast den Schlüssel natürlich nicht oberhalb des Schlitzes angeklebt, so dass man ihn im Notfall aus dem verschlossenen Briefkasten angeln könnte, sondern vermutlich tief unten, wahrscheinlich am Boden befestigt, korrekt?“
Ein kleines, süßes Häufchen Elend nickte wieder schluchzend.
Ich zog das kleine, schluchzende Häufchen Elend in meine Arme und tröstete es.
„Bleiben wir halt noch etwas hier im Treppenhaus, bald ist es hell und wir nehmen uns ein Taxi, fahren ins Green und holen dein Täschchen und haben wieder alle Schlüssel, O.K.?“
Lynn nickte, schniefte und antwortete: „Und Humpty Dumpty können wir ja dann auch gleich mitnehmen.“
„WEN?
„Das ist ihr Auto, der Mini-Cooper, sie nennt ihn Humpty Dumpty.“
Patricia kam die Treppe herab und winkte belustigt mit einem Schlüssel. Sie drückte ihn mir in die Hand und erklärte, dass Lynn ihn bei ihr deponiert habe. :crazy: Sie konnte dann ab und an einmal nach Tommy schauen, oder die Pflanzen zu versorgen, wenn Lynn wieder einmal bei ihren Eltern in Irland sei.
Ich dankte ihr und zog Lynn zur Wohnungstür.

Endlich in ihrer Wohnung hatte Lynn schon wieder einmal Oberwasser. Sie nahm mich in die Arme, küsste mich auf den Mund und begann damit, mich auszuziehen.
Wir ließen uns ins Bett fallen.
Ich streichelte ihre weiche Haut, sie bearbeitete mit ihrer Zunge meinen Oberkörper und wir streichelten uns, als würden wir dafür bezahlt.
Dann lagen wir nur so nebeneinander. Ich hielt eine ihrer kleinen Brüste in meiner Hand, spürte ihre Wärme, ihr Atmen, leckte von ihrem Rücken salzig schmeckende Schweißperlen. Sie presste ihren Po gegen meinen Schoß.
„Du willst ficken“, murmelte sie schläfrig.
„Nein, Darling, will ich nicht.“
„Spüre ich doch, du bist schon wieder hart…“
„Na und?“
Sie drehte sich um und schlang ihre weichen Arme um mich.
„Warum fragst du mich andauernd, ob ich mit dir…“
„Ich meine nur… weil ich mit dir lieber nur noch kuscheln will, hast du damit ein Problem?“
„Nein, Darling.“
„Und wenn du doch ein Problem hättest, was dann?“
„Ach, Lynn, Schatz! Was soll das werden, ein Verhör?“
„Yes, Sir.“
Natürlich war ich geil, natürlich stand mein Schwanz, aber ich würde nicht über sie herfallen, wie ein Tier. Und das versuchte ich ihr begreiflich zu machen. Der Zeitpunkt dafür war natürlich denkbar schlecht gewählt, Lynn besoffen, ich besoffen, Lynn wollte kuscheln, ich entweder schlafen oder ficken… kann man sich aussuchen.
Lynn streichelte mein Gesicht. Dann drehte sie mir wieder ihren Rücken zu.
„Streichelst du meine Brüste noch ein wenig, bis wir einschlafen?“
„Natürlich, Baby.“
„Und ab morgen saufen wir nicht mehr, okay?“
„Nicht mehr so viel…“
„Du hast ganz schön Trouble mit mir, du armer Werner“, murmelte sie leise, fast schon schlafend, „liebst du mich trotzdem noch ein bisschen?“
„Ach Darling, du bist doch mein Leben. Ich kann gar nicht anders, als dich zu lieben, zu lieben, zu lieben.“
Erleichtert atmete Lynn tief durch und schlief ein.

„SEX VERLIERT NACH EINIGER ZEIT AN REIZ, UND SCHÖNHEIT VERBLÜHT.

Aber mit einem Mann zusammen zu sein, der einen jeden Tag zum Lachen bringt, das ist eine echte Freude.“, las Lynn mir eines Abends vor und schaute mich erwartungsvoll an.
„Wo hast du das denn her?“, fragte ich lächelnd.
„Das steht hier!“ Sie hämmerte mit dem Finger auf ein kleines Buch, in dem sie gerade las.
„Ah ja… Soll das heißen, du hast keinen Spaß mehr an… öhm…. DEM da?“
Sie kicherte. „Nein, du Doofie! Aber das sollten wir uns merken. Wenn wir mal ganz alt sind…“ Sie musterte mich um sich dann zu verbessern: „Also wenn ich einmal ganz alt bin…“
Ich schaute sie drohend an. „Willst du damit sagen, ICH sei schon alt???“
„Na ja, ein ganz kleines bisschen älter bist du ja schon…“
„Pah! Ich bin ein Mann in den besten Jahren, Luder!“
„Ja mein Mufflon. Wie ein Schinken. Der wird mit der Zeit auch leicht ranzig und schmeckt dann um so besser.“
Dem Kissen, das ich nach ihr warf, wich sie geschickt aus. Es traf statt dessen eine Vase.
„Die ist kaputt… total hinüber!“ stellte Lynn lakonisch fest. Dann warf sie sich über mich und begann damit, mit ihren kleinen Fäusten auf mir herumzutrommeln.
Sie wollte dann diesen Spruch von ihrer Mom in ein Geschirrtuch einsticken lassen.

Davon konnte ich sie leider abbringen. Heute wäre ich froh, dieses Stück Gemeinsamkeit noch zu besitzen. Aber es ist nicht schlimm, die Erinnerung, die bleibt. Wie Ihr seht.

Mein erster Flug (6)

„Ich hätte Dich vorbereiten müssen…“, hauchte sie mir ins Ohr.
„Dann hätten wir Dir noch diese Erwachsenenwindeln kaufen können…“

Diesmal lehrte ich sie, dass auch ein deutscher Ellbogen unangenehm spitz sein kann. Während sie noch nach Luft japste, schaute ich unschuldig durch das Fenster auf die vorbeirasende Graspiste. Über die Schulter von Quax erkannte ich die Mauer, welche den uralten Schlossgarten umfasste. Rasch wurde sie größer. Zu rasch. Viel zu rasch!
Ich versuchte, meinen trockenen Mund mit Speichel zu befeuchten und sprach: „Ähm… da vorne… Mauer… Schloss Oberschleißheim…!“
„Ja“, antwortete Quax freundlich, „schön, nicht wahr? Nachher sehen wir die ganze Anlage einmal von oben…“
Wir rasten genau darauf zu. Die Mauer ist uralt, beruhigte ich mich selbst. Die hat dem Flieger doch nichts entgegenzusetzen, wird brechen wie Pappe.

Ich schloss die Augen.
Das Rumpeln und Poltern brach jäh ab und in meinem Magen machte sich ein Gefühl breit, das ich zum letzten mal im Olympia-Park in München hatte, als Lynn und ich mit dem Aufzug den Fernsehturm enterten. Nur stärker. Sehr viel stärker. Auf einmal hatte ich auch wieder Flüssigkeit im Mund. Lynn reichte mir grinsend ein Taschentuch.
„Und?“, fragte sie kichernd, „Willste jetzt ne Tüte?!?“

Ich grunzte. Sollte „NEIN!“ heißen, und sie verstand. Wie sie mich immer verstand.

Der Depp, der die Maschine flog und den ich insgeheim „Quax“ nannte, drehte die Cessna elegant zur Seite und bog ab.

„Ihr Mann fliegt wohl nicht gerne? Hat er Angst vorm Fliegen?“
Wenn wir das heil überstehen, schwor ich mir, trete ich dem Kerl so in den Arsch. Der fliegt ohne Maschine bis Landshut!

Um einer fiesen Antwort Lynns zuvorzukommen antwortete ich: „Vorm Fliegen habe ich keine Angst. Das Herunterkommen macht mir etwas Sorgen…!“

Unter normalen Umständen hätte ich den Typen wahrscheinlich sogar gemocht. Sympathisches Lachen, freundliche Augen und ein männliches Äußeres. Aber ich sah gerade dem Tode unerschrockenbeklommen ins Auge. Da gibt es keine Freundschaft, da gibt es gar nichts, außer einem selbst. Feinde. Doch, Feinde gibt es. Und meine zwei Todfeinde würden mit mir untergehen. Das beruhigte mich ein wenig.
Ich strich Lynn zaghaft den Rücken. Trug sie einen Fallschirm unter ihrer Kleidung?

„Na, Darling? Guck mal da unten ist das Schloss! Wow, sieht doch märchenhaft aus, ja?“
Sie klatschte begeistert in die Hände und ich riskierte einen Blick in die Tiefe. Es war wirklich schön, was ich da sah. Der Park war riesig, und die Wege wie mit dem Lineal gezogen.
Ich musste mir eingestehen, dass es faszinierend war, die Welt einmal von hoch oben zu betrachten. Die Menschen dort unten, klein wie Termiten, ahnten nichts von dem Drama, welches sich über ihren Köpfen abspielte.
Ich bemerkte, wie ich langsam begann, mich zu entspannen, als Lynn, dieser irische Teufel, den Piloten fragte: „Kann man mit diesem Ding auch Loopings fliegen?“

Ich hielt die Luft an und tastete nach den Tütchen.

„Die sehen ja gar nicht aus, wie Käse…“ staunte Lynn und kicherte

„Die Schweizer sind auch nicht alle lila“, entgegnete ich, ohne zu wissen, was sie eigentlich konkret meinte. „Selbst deren Kühe sind braun… oder so!“
Wir hatten uns vier Tage in einem Hotel in Amsterdam eingebucht. Nun kurvte Lynn mit ihrem Mini durch die Straßen Amsterdams. Ihr verwegener Fahrstil machte es mir nicht gerade leicht, die Orientierung zu behalten. Die Straßenschilder waren ungewohnt, die Karte auf meinem Schoß natürlich in niederländisch und weit und breit kein Cop zu sehen, den man hätte fragen können.
„Du bist sooo doof!“ maulte sie. „Ich meinte doch wie die Frau sehen die nicht aus. Die wo im Fernsehen immer den Käse verkauft. Ich finde ja, die Klamotten wo die anhat sind noch putziger, als ihre Sprache!“

Lynn 2001 176Und nun hocke ich hier, und alles fällt mir wieder ein. So, als wäre es gestern gewesen. Weißt du, Darling, wieso?
Ich war im Keller und versuchte, die letzten Kisten mit unseren Erinnerungen zu sichten. Ein ganzer Umzugskarton steht noch da unten. Vollgepackt mit deinen Kleidern. Dieses süße Sommerkleidchen, welches du nur wegen mir kauftest. Leicht, mit bunten Blumen und so kurz, dass manche Männer nervös wurden, denen wir begegneten.
Manchmal bücktest du dich, Kinners, war mir das peinlich. 🙂
Vor allen Dingen, als der eine Typ mit einem laut vernehmlichen „PLONK!“ gegen die Laterne gerannt ist. Du erinnerst dich sicher noch daran.

Auch deine superschöne Wäsche habe ich aufgehoben. Herschenken möchte ich sie nicht, und wegwerfen… das geht gar nicht. Ich rieche dich, deinen ganz speziellen Duft, den ich immer schon so liebte.
Irgendwie bringe ich das immer mit Sommer und Urlaub in Verbindung. Aber auch mit Herbst. Dann sehe ich goldenes Laub vor mir. Ich rieche den Duft grüner Äpfel, Pfingstrosen und… Irish Stew.


Benny Neyman übrigens starb im Alter von 56 Jahren an Krebs, am 7.Februar 2008. Du hast seine Lieder geliebt, ihn auch. Manchmal war ich schon fast ein ganz klein wenig eifersüchtig. Und heute? Ich habe sein Lied im Ohr, ich verstehe es, es kommt dem sehr, sehr nahe, was ich empfinde.
Und ich spüre auch manchmal noch deinen Atem, rieche deinen Duft und ich spüre deine Liebe. Und das ist gut so.
Mach’s gut, Darling. Wir sehen uns… :wave: