Ludwig Anzengruber | Drei kleinere Erzählungen (3)

Teufelsträume

1873

Ein dichter Nebel lag über der großen Stadt London, seit frühem Morgen lag er darüber und war nicht müde geworden, wie sonst einer, der lange auf einer und derselben Stelle liegt, denn er hatte sich weder gerührt noch gedreht. Die Leute, welche ihren Geschäften nachgingen, mußten sich durch seine Schleier hindurch ihre Wege suchen, und da dies die alten, gewohnten waren, so war das eine allerdings noch zu leistende, wenn auch keine angenehme Arbeit, und es mag an solchen Tagen in der großen Stadt London wohl auch mehr geflucht als gebetet werden.

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Ludwig Anzengruber | Drei kleinere Erzählungen (2)

Vom Hanns und der Gretl

Dort, wo der Wald niedergeht und ein Spitz wie eine Nasen ins Land streckt, dort is vor undenklichen Zeiten einmal a Häusel g’standen, drin hat a kluge Frau gewohnt. ’s liegen dort in der Näh’ drei Dörfer, die warn in der Zeit, von der ich red’, auch schon da, ’s mag ’s eine mehr Häuser g’habt haben, als das andere, ’s eine mag mit der Zeit von der Straß’ z’ruckgangen sein, und ’s andere bis hervor zu ihr, das macht nix. – Den Ortern geht’s wie den Leuten, sie versterben und lassen eins dahinter, das ihren Nam’ fortführt und ist kein Brösel von ihnen selber mehr auf der Welt, als was so das Kind von ihnen überkommen hat; so ist wohl wenig mehr von dö alten Dörfer da, als daß neue Höf’ stehen an der Stell’, wo einmal die alten gestanden sind, und ein oder der andere Stein mit hinein vermauert ist. Na, so war’s halt, auf der Waldnasen hat die weise Frau g’haust und rundum waren drei Dörfer, in ein Dorf war ein Knecht, der hat Hanns g’heißen, in andern a Dirn, die hat Gretl g’heißen, und in der Mitten is das dritte Dorf g’legen. Das dritte Dorf war das reichste, und ’s hat oft dort im Wirtshaus Tanz und Unterhaltung geb ’n und da hat der Hanns die Gretel kennen g’lernt, all zwei warn arme Teufeln, hätten gern g’heirat, aber haben’s immer überlegt, müßt’ amal a Glück kommen, daß sie’s riskier’n könnten, haben s’ denkt. ’s Glück is jahrlang ausblieben, sie sein d’ Jahr’ lang miteinander gegangen, und da haben s’ halt die Leut’ – ihr müßt es nit in Übel aufnehmen, aber die Leut’ warn allemal so boshaftig und nixnutzig wie heut – da haben s’ halt die Leut’ auch die »ewig Liebsleut’« g’nennt.

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Ludwig Anzengruber | Drei kleinere Erzählungen (1)

Ein Mann, den Gott liebt

Florian Traidmann hieß das kleine, schwächliche Bäuerlein das so flink auf den Wegen dahinschusselte, wie einst vor Jahren, aber nimmer so gerade, denn das Alter hatte ihm nach und nach mit schwerer Hand den Rücken ganz vornüber gedrückt; dabei geschah es auch, daß es ihm über seinem dunkelbraunen, wirren Schopf strich und alle Haare wegfegte, bis auf einen dünnen Kranz, der um den Hinterkopf herum von einer Schläfe zur anderen lief; durch seinen spitzen Schädel bekam sein Gesicht das Ansehen eines Eies, das mit dem breiten Ende nach unten stand; über dem derben Kinne und zwischen den beiden mächtigen, ganz gefräßig und zermalmig.aussehenden Kinnladen befand sich das große wulstlippige Maul, ober dem die kurze, plattgedrückte Nase und beidseitig an deren Wurzel blinzten zwei Grauäuglein ohne Wimpern doch fast ganz von den buschigen Brauen verdeckt.

Der Alte kannte keinen anderen Gruß als „Gelobt sei Jesus Christus“; Beicht-, Bitt- und Kirchgänge, sowie das „Kirfürten“ schienen ihm gleichermaßen zur Leidenschaft wie zum Bedürfnisse geworden zu sein, und das nicht erst in seinen alten Tagen. Leute, die mit ihm alterten, besannen sich gar wohl, daß der Traidmann-Florl eine wilde Bubenzeit verbrachte. Daß man ihn damals durchaus nicht in dem „Stande der Gnade“ befindlich erachtete, erhellt wohl deutlich genug aus dem Umstande, daß man ihn verdächtigte, einem Burschen, der ihm zuerst bei einer Dirne, dann bei einer Bäuerin „ins Gäu gegangen war“, auf einer Kirchtagrauferei das Messer in den Leib gerannt zu haben. Der Verletzte starb, ohne das Bewußtsein zu erlangen, und gegen den mutmaßlichen Täter fehlte jeder Beweis.

Des Traidmann-Florl Ein- und Umkehr erfolgte erst, als er selbständig wurde. Von seinem Vater, der ein großer Scharrer und Sparer war, erbte er allerdings nur ein kleines Anwesen, aber eine große Anzahl von Schuldscheinen; der Mann half, als guter Christ, allen und jedem im Orte, wenn auch zu unchristlichen Perzenten. Hatte es den Traidmann-Florl, als er sich zum Militär abstellen sollte, schon einigermaßen stutzig gemacht, daß Engbrüstigkeit und Plattfüße eine Gabe und Gnade von Gott seien, um wieviel mehr mußte er befangen werden, nachdem er sein eigener Herr geworden, als Mißjahre eintraten; Mißjahre, die bei seinem geringen Besitzstande keinen Ausschlag gaben, aber seine Schuldner so gründlich ruinierten, daß er deren Grund und Boden billig an sich bringen konnte; kaum aber hatte er die fremden Acker und Wiesen im Besitz, so kamen die ergiebigsten Zeiten, und er hatte drei- und vierfachen Gewinn. Als reicher Bauer heiratete er eine reiche Bauerndirne, und nach zweijähriger Ehe, nachdem ihm ein Kind geboren ward, kam die Cholera ins Land; nicht ihn nahm die Epidemie hinweg, sondern sein Weib; nach der Mutter erbte das Kind, und ein Jahr danach starb auch dieses, und nach dem Kinde erbte er das ganze Besitztum; das war ja doch lauter Gnade von Gott, denn wie leicht wäre es diesem gefallen, ihn sterben zu lassen; von da an wurde der Traidmann-Florl nachdenklich; er fühlte sich als den Mann, den Gott liebt, und sich demnach verpflichtet, Gott auch alles, was möglich, zu Gefallen zu tun daher kennt er keinen anderen Gruß, als Gelobt sei Jesus Christus“, und darum fehlt er bei keinem Kirchgang, läuft bei allen Bittgängen, möge es sich um Sonnenschein oder Regen handeln, mit, und geht alle Ostern zur Beichte, und ist an der Kirchtüre die Aufforderung zu einer Wallfahrt angeschlagen, so schließt er sich derselben an.

Daß ihn Gott vor vielen andern bevorzuge, galt dem Traidmann-Florl für ausgemacht, und er war nicht der Mann, über so ausgemachte Dinge zu grübeln und etwa der Veranlassung nachzufragen, welche er dafür gegeben oder Gott dazu genommen habe, daß sich ein derart erfreuliches Verhältnis zwischen ihnen beiden entspann; es genügte ihm die Tatsache, daß ihn Gott gern hatte und es nie an ersichtlichen Beweisen daran hatte fehlen lassen. Als er damals vom Notar mit den Papieren zurückkehrte, die ihm das Erbe seines verstorbenen Kindes einantworteten, hatte er, wie bereits bemerkt, seine nachdenkliche Stunde; da war er wie er sich ausdrückte, Saul auf dem Wege nach Damaskus, denn an biblischer Sprechweise und Spruchanwendung fand er großes Behagen.

Ihrer neun lebende Kinder waren im Hause seiner Eltern gewesen, keinem außer ihm gönnte der liebe Gott das Dasein, alle verstorben, er allein blieb aufbehalten, zu verzehren, was die Alten zusammen erafft und erwuchert; frei ging er vom Militärdienst aus; nicht ihm, sondern dem Preisler-Franzl war es bestimmt, bei der Kirchtagrauferei die Messerklinge in den Leib zu kriegen, und die Mißjahre, durch welche Gott mit dem Stabe „Wehe“ die anderen züchtigte, waren für ihn der Stab „Sanft“, mit dem er zur hellen Quelle des Reichtums geleitet wurde, damit er sich dort in vollen Zügen tränke, und dann bekam er die reichste Bauerntochter im Dorfe zum Weibe, und nach zwei Jahren, eben als es allmählich den Anschein gewann, als hätt‘ er sich mit dieser seiner Bäuerin selbst eine Rute auf den Rücken gebunden, brach die böse Seuche aus, die in jedem Hause zusprach, und nahm ihm die Marie-Lies hinweg, doch nicht, ohne daß diese gerade zuvor in die Wochen gekommen war und ein Kind hinterlassen hatte, so daß ihm der qualvolle Wunsch erspart blieb, sie behalten zu wollen, um ihr Heimgebrachtes nicht zu verlieren; er konnte sie verlieren und dieses behalten, ja, es blieb ihm bald ganz zu freier Verfügung, als das Kind kurz darauf seiner Mutter in den Tod folgte. Betrachtete er, wie sich alles immer und rechtzeit, und stets zu seinem Besten geschickt und gefügt hatte, so mußte er das Einsehen gewinnen, daß Gott ihn gern habe, und danach sich auch gegen Gott verhalten; er betrachtete diesen als seinen himmlischen Vater und hielt es mit ihm, wie alle braven Söhne es mit ihren irdischen Vätern zu halten pflegen, er erwies ihm alle gebotene Aufmerksamkeit, und was denselben etwa zu ärgern vermocht hätte, das tat er ihm nicht unter den Augen, und was nicht zu verheimlichen angehen wollte, das sühnte er durch nachträgliche Zerknirschung und laut kundgegebene Reue.

Er war nicht lange Witwer geblieben, denn er fühlte sich nicht stark genug, dem Saul über Damaskus hinaus als ein anderer Paulus zu folgen und ehelos zu bleiben, und da für diesen Fall der Apostel selbst den Schwachen zur Ehe rät, so war Traidmann der letzte, der solchen guten Rat zurückgewiesen hätte. Er heiratete also zum zweitenmal, „zur Buß‘ seiner Sünden“, wie er sagte, die Leute meinten aber, er fasse das gar sehr vom umgekehrten Ende an; die neue Traidmannin war ein bildsauberes Geschöpf, zwar blutarm, aber dafür ganz unvernünftig unterwürfig, und sie war es eigentlich, die alle ihre Sünden in solchem Ehestand mit dem rechthaberischen alten Gottesliebling abbüßte, während er es wohl zufrieden sein konnte, nach der Reichsten nun auch die Schönste im Dorfe zu eigen zu haben, die noch dazu auf den Wink ging und auf dein Pfiff kam. Die Kinder, welche sie zur Welt brachte, arteten leiblich und geistig nach ihr, und der Traidmann mochte sich seiner Häuslichkeit mit Recht berühmen.

Der unsaubere, höckerige Alte, der jetzt auf den Wegen einherschusselt, mit Gebetbuch und Rosenkranz als steten Begleitern, ist in seinem Hause der Gegenstand der Pflege und Sorge von seiten einer fast fürchtenden Gattin und ein paar gutmütiger, braver Burschen und Dirnen. Diese fünfe lassen ihm alles gerade sein.

Dem Alten ist es daher nicht schwer gefallen, bei der Überzeugung zu beharren, daß ihm von Geburt an Gott gut gewesen sei und auch bis zum Ende bleiben werde, und die Frist bis zu diesem Ende wünscht er immer nur um „so a zwanz’g Jahrl’n halt noch“ verlängert; das äußerte er an seinem fünfzigsten und sechzigsten Geburtstage, er wird es demnächst an seinem siebzigsten tun und am achtzigsten, wenn er ihn erlebt, nicht unterlassen; denn das Ende ist seiner Anschauung nach wirklich das Ende und kann daher nicht leicht für lange genug hinausgeschoben werden.

Wenn er in allen anderen Punkten der ganz untertänigste und gläubigste Diener des Herrn Pfarrers ist, in dieser Beziehung hat er seine eigene Meinung, und wenn er ihr auch nur durch Kopfschütteln und Achselzucken Ausdruck gibt. Er läßt sich von einem anderen Leben viertelstundenlang vorreden, ohne eine Miene zu verziehen, dann aber, am Schlusse der Rede des Hochwürdigen, reckt er die Rechte mit einer ganz unnachahmlichen Gebärde von sich, als wäre sie der ausgereckte Arm eines verfallenen Wegzeigers, der ins Blaue weist, und dabei sieht der alte Sünder selber wie der fleischgewordene Zweifel aus.

Was hat es sich der gute Seelenhirte für Zeit und Mühe kosten lassen, bei diesem sonst so gefügigen Stücke seiner Herde den Unglauben an ein Hauptstück christlicher Lehre zu bekämpfen. Es hat nichts gefruchtet. Einmal faßte er den alten Traidmann, dessen dankbare Empfindungen gegen den himmlischen Wohltäter nicht zu bestreiten waren, bei der Gefühlsseite an, und fragte ihn, ob er denn nicht das Verlangen verspüre, seinen gütigen überirdischen Vater von Angesicht zu Angesicht zu sehen?

„Dös schon“, meinte der Fromme, „wann’s leicht sein kunnt‘ und möglich war, daß mer dabei mit ihm alloan sein tät‘ und bleib’n möcht‘! Aber so kam ja all das Menschweri (Menschenwerk), mit dem mer im Leb’n z’tun g’habt hat, a dazua, und ich mag koan solch’s begegnen, ich!“

Was ihm ein solches Begegnen unangenehm machen konnte, oder was es ihn fürchten ließ, darüber sprach er sich nicht aus; da er aber doch nicht vermessen genug war, zu hoffen, Gott werde in einer Ewigkeit unter drei Augen – Gott hat nur eines, wie man oft aufgemalt sieht – den Himmel mit ihm teilen, so schloß er den letzteren, um unliebsamen Begegnungen auszuweichen, einfach zu, steckte den Schlüssel ein und verlor ihn aus der Tasche.

Einmal hätte er sich nahezu einem fabulierenden Freigeiste gefangen gegeben, der sehr einleuchtend davon zu reden wußte, daß die Seelen der Verstorbenen auf den Sternen sich ansiedelten und daher eine Gefahr des Wiederfindens ziemlich ausgeschlossen erscheine, aber der kluge Traidmann erklärte bald, daß er auch davon nichts wissen wolle, „denn was möcht‘ mer denn a af so oan Stern onfonga, worauf mer sich doch gar koan kloan bissel auskenna kinna kunnt‘?“

So blieb er denn auf seinem Wunsche bestehen, „so a zwanz’g Jahrl’n halt noch“, und wird darauf bestehen bleiben, und wenn er hundert alt würde; das ist auch gar nicht so unbescheiden für einen Mann, den Gott gern hat, wofür ja auch diesem der Traidmann, soviel nur möglich, zu Gefallen lebt und oft genug vor dem Pfarrer erklärt: „Er wär‘ sein‘ Tag, mit koan’m Menschen lieber umgangen, als mit ‚m lieben Herrgott’n, und der wär‘ völlig ihm gleich, wie er selber!“

Ludwig Anzengruber (1839-1889)

Karl Valentin | Die Raubritter vor München | Radlerpech

Radlerpech


Straßenlärm – Trambahngeräusch usw.

Stimmen: Obacht, obacht! Jessas! Jessas! Au! Auh! Schrei.

Karl Valentin: Jessas, jessas, lauft mir des saudumme Frauenzimmer direkt ins Radl nei – i ko nix dafür – ja, hörn denn Sie net, wenn i scho a halbe Stund läut, Sie narrisch Gwachs, Sie!

Liesl Karlstadt: Geh, reden S‘ doch net so unverschämt daher, Sie ham ja überhaupt nicht g’litten, was wolln S‘ denn, Sie sind mir direkt mit Ihrm Radl zwischen d‘ Füaß neigfahrn.

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Karl Valentin | Die Raubritter vor München | Der Firmling

Der Firmling

Die Bühne gehört – durch ein Plakat mit der Aufschrift ›Weinterrasse‹ gekennzeichnet – zum Zuschauerraum. Sie ist rosa tapeziert und zeigt im Hintergrund gemaltes Publikum, das an kleinen Tischen sitzt. Im Vordergrund sind drei Tische weiß gedeckt, darauf stehen Zahnstocher in Ständern, die Spitzen nach oben, und als Tafelschmuck Tannenzweige in Vasen. Eine Anrichte trägt Sektkübel, Zigarettenschachteln, Teller, Salzstreuer, Gläser, Strohhalme, Bestecke und bunte Zigarrenkisten. Zur Einleitung geht die Musik in ›Schön ist die Jugend bei frohen Zeiten‹ über. Karl Valentin spielt den Vater.


Beide kommen vom Publikumseingang her durchs Lokal und suchen einen Platz, finden ihn aber nach vielem Anstoßen unter Assistenz des dicken, beschürzten Oberkellners in weißem Sakko erst auf der als Weinterrasse hergerichteten Bühne. Pepperl (Liesl Karlstadt) hat viel zu große weiße Handschuhe an den Händen und trägt darin eine lange Kommunionkerze mit einer riesigen weißen Seidenschleife. Damit bleibt er auf dem Podium gleich am ersten Stuhl hängen, der krachend umfällt.

Vater: No, Depp . . .

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Die Ballade von den sieben Schneidern

Die Ballade von den sieben Schneidern

       Es hatten sieben Schneider gar einen grimmen Mut;
Sie wetzten ihre Scheren und dürsteten nach Blut.
       Dort auf der breiten Heide lief eine Maus daher,
Und wär‘ sie nicht gelaufen, so lebte sie nicht mehr.
Und zu derselben Stunde (es war um halber neun)
Sah dieses mit Entsetzen ein altes Mütterlein.
       Die Schneider mit den Scheren, die kehrten sich herum,
Sie stürzten auf die Alte mit schrecklichem Gebrumm.
»Heraus nun mit dem Gelde! Da hilft kein Ach und Weh!«
Das Mütterlein, das alte, das kreischte: »Ach herrje!«
       Ein Geisbock kam geronnen, so schnell er eben kann,
Und stieß mit seinem Horne den letzten Schneidersmann.
Da fielen sieben Schneider pardauz auf ihre Nas
Und lagen beieinander maustot im grünen Gras.
       Und sieben Schneiderseelen, die sah man aufwärts schwirr’n,
Sie waren anzuschauen wie sieben Fäden Zwirn.
       Der Teufel kam geflogen, wie er es meistens tut,
Und fing die sieben Seelen in seinem Felbelhut.
       Der Teufel, sehr verdrießlich, dem war der Fang zu klein,
Drum schlug er in die Seelen gleich einen Knoten drein.
       Er hängt das leichte Bündel an eine dürre Lind‘,
Da pfeifen sie gar kläglich, piep, piep, im kühlen Wind.
       Und zieht ein Wandrer nächtlich durch dieses Waldrevier,
So denkt er bei sich selber: Ei, ei, wer pfeift denn hier?
Wilhelm Busch (1832-1908)

Das brave Lenchen

Das brave Lenchen

Auf einem Schlosse fern im Holz
Wohnt eine Frau gar reich und stolz.
In einem Hüttchen arm und klein
Wohnt Lenchen und ihr Mütterlein.
Das Mütterlein ist schwach und krank
Und ohne Geld und Speis und Trank.
Da denkt das Lenchen: Ach, ich lauf
Um Hilfe nach dem Schloß hinauf!Es nimmt sich nichts wie einen Schnitt
Vom allerletzten Brote mit.Und wie es kommt bis an den Steg,
Sitzt da ein armer Hund am Weg.
»Ach!« ruft der Hund. »Mein Herr ist tot;
Hätt‘ ich doch nur ein Stückchen Brot!«

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Mark Twain | Deutsche und andere Geschichten (13)

Duelle

I.

Das deutsche Studentenduell.

Eines Tages erhielt mein Geschäftsträger im Interesse der Wissenschaft die Erlaubnis, mich in das Pauklokal an der Hirschgasse mitzunehmen, wo die Heidelberger Korps ihre Mensuren ausfechten: ein heller, hoher, geräumiger Saal im ersten Stockwerk des idyllisch gelegenen altberühmten Wirtshauses »zum Hirschen«.

Wir trafen daselbst etwa 50–75 Musensöhne, die sich an den langen längs der Wände aufgestellten Tischen die Zeit bis zum Beginn der Paukerei mit Kneipen, Karten- oder Schachspiel, Schwatzen und Rauchen vertrieben. Man sah fast nur farbige Mützen: Weiße, grüne, blaue, rote und hellgelbe; es waren mithin sämtliche fünf Korps stattlich vertreten. Am einen Ende des Saales war für die Paukerei ein Stück frei gelassen, und hier standen an den Fenstern 6-8 lange schmale Schläger mit mächtigen Körben zum Schutz der Hände, während draußen ein Mann damit beschäftigt war, noch eine Anzahl solcher an einem Schleifstein zu schärfen. Er verstand seine Sache, denn jeder Schläger, der aus seiner Hand kam, konnte es mit dem schärfsten Rasiermesser aufnehmen.

Der Verkehr zwischen den Angehörigen der verschiedenen Korps beschränkte sich auf die kalten, förmlichen Verhandlungen der Chargierten behufs Vorbereitung der Mensuren. Kameradschaftlicher Umgang zwischen Angehörigen verschiedener Korps wird nicht geduldet, weil man glaubt, die Beteiligten würden dadurch die rechte Schneide und den Eifer für die Mensur verlieren. Kurz vor dem Tage, an dem ein Korps die Reihe trifft loszugehen, ruft dessen Präses Freiwillige zur Mensur auf, worauf sich denn auch eine Anzahl meldet, die jedoch nicht unter drei betragen darf. Die Namen der Betreffenden werden den Vorständen der anderen Korps mitgeteilt, und diese sind dann bald in der Lage, die entsprechende Anzahl von Mitgliedern ihrer Korps zu bezeichnen, welche sich bereit erklären, die Forderungen anzunehmen. Heute war gerade die Reihe zur Forderung an den Rotmützen; die Gegner, die sich gemeldet hatten, gehörten verschiedenen anderen Korps an. Seit 250 Jahren spielen sich nunmehr in diesem Raum in der hier beschriebenen Weise die Mensuren zweimal in jeder Woche während sieben bis acht Monaten im Jahre ab.

Wir waren eben mit den Weißmützen, von denen wir unsere Einladung erhalten hatten, im Gespräch begriffen, als die beiden, die zuerst an die Reihe kommen sollten, in ihrem – deutschen Lesern wohlbekannten – abenteuerlichen Paukwichs von Kommilitonen aus einem Nebenzimmer hereingeführt wurden. Nun drängte alles nach dem leeren Ende des Saales, wo wir uns ebenfalls einen guten Platz verschafften. Die Kämpfer traten einander gegenüber; um jeden derselben scharten sich eine Anzahl Kameraden, um ihm nötigenfalls Beistand zu leisten; die Sekundanten, gleichfalls bandagiert und den Schläger in der Hand, traten ihnen zur Seite; der Unparteiische, der den Kampf zu überwachen hatte, nahm seinen Platz ein; endlich trat noch ein Student mit der Uhr und einem Notizbuch in der Hand, das die erforderlichen Einträge über die Zeitdauer und die Zahl der Beschaffenheit der Schmisse aufnehmen sollte, sowie der grauhaarige Paukarzt mit seinem Verbandzeug und seinen Instrumenten auf den Plan. Für einen Augenblick herrschte jetzt Ruhe, und sämtliche bei der Mensur Beteiligten traten der Reihe nach auf den Unparteiischen zu, um demselben ihren achtungsvollen Gruß darzubringen, worauf sie ihre Plätze wieder einnahmen. Nun war alles bereit; den Vordergrund füllte dicht gedrängt die Schar der Zuschauer, zum Teil auf Tischen und Stühlen stehend, die Blicke voll Spannung auf den Kampfplatz gerichtet.

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Mark Twain | Deutsche und andere Geschichten (12)

Der deutsche Portier

Der persische Prophet und Dichter Omar Khayam schrieb vor mehr als achthundert Jahren:
»In den vier Weltteilen giebt es viele, die gelehrte Bücher schreiben können, viele, die Armeen zu führen verstehen, auch viele, die imstande sind, große Reiche zu regieren, aber nur wenige, die wissen, wie man ein Gasthaus halten muß.«

Der Portier in den deutschen Hotels ist eine wunderbare Erfindung, eine höchst wertvolle Annehmlichkeit. Man erkennt ihn stets an seiner Uniform und wenn man ihn braucht ist er immer da, weil er seinen Posten an der Eingangsthür nicht verläßt. Er ist höflich wie ein Herzog; er spricht vier bis zehn Sprachen; er ist die sicherste Hilfe und Zuflucht in Zeiten der Not und Gefahr. Statt sich wie bei uns mit allem an den Hotel-Clerk zu wenden, geht man hier zum Portier.

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