Die vier Kerzen

weihnachtsgeschichte-kerzenVier Kerzen brannten am Adventskranz. Es war ganz still. So still, dass man hörte, wie die Kerzen zu reden begannen.Die erste Kerze seufzte und sagte: „Ich heiße Frieden. Mein Licht leuchtet, aber die Menschen halten keinen Frieden, sie wollen mich nicht.“ Ihr Licht wurde immer kleiner und erlosch schließlich ganz.

Die zweite Kerze flackerte und sagte: „Ich heiße Glauben. Aber ich bin überflüssig. Die Menschen wollen von Gott nichts wissen. Es hat keinen Sinn mehr, dass ich brenne.“ Ein Luftzug wehte durch den Raum und die zweite Kerze war aus.

Leise und sehr traurig meldete sich nun die dritte Kerze zu Wort: „Ich heiße Liebe. Ich habe keine Kraft mehr zu brennen. Die Menschen stellen mich an die Seite. Sie sehen nur sich selbst und nicht die anderen, die sie lieb haben sollen.“ Und mit einem letzten Aufflackern war auch dieses Licht ausgelöscht.

Da kam ein Kind in das Zimmer. Es schaute die Kerzen an und sagte: „ Aber, aber ihr sollt doch brennen und nicht aus sein!“ Und fast fing es das Weinen an. Da meldete sich auch die vierte Kerze zu Wort.Sie sagte: „Hab keine Angst! Solange ich brenne, können wir auch die anderen Kerzen wieder anzünden. Ich heiße Hoffnung!“

Mit einem Streichholz nahm das Kind, das Licht dieser Kerze und zündete die anderen Kerzen wieder an!

Autor unbekannt

Advertisements

Hilfe! Die Herdmanns kommen!

Hilfe! Die Herdmanns kommen!

Die Erzählerin dieser Geschichte ist ein Mädchen von circa 14 Jahren. Zum besseren Verständnis sei gesagt, dass diese Geschichte in Amerika spielt und in Amerika gibt es die Sonntagsschule. Die Sonntagsschule ist der kirchliche Unterricht, der halt am Sonntag morgen erteilt wird.

Die Herdmann-Kinder waren die schlimmsten Kinder aller Zeiten. Sie logen und klauten, rauchten Zigarren (sogar die Mädchen) und erzählten schmutzige Witze. Sie schlugen kleine Kinder, fluchten auf ihre Lehrer, missbrauchten den Namen des Herrn und setzten den alten, verfallenen Geräteschuppen von Fred Schumacher in Brand. Das Gerätehaus brannte nieder bis auf den Grund, und ich glaube, das überraschte die Herdmanns. Sie setzten ständig etwas in Brand, aber es war das erste Mal, dass sie es schafften, ein ganzes Gebäude niederzubrennen. Sie waren wirklich so rundherum schrecklich, daß man kaum glauben konnte, daß es sie wirklich gab: Ralf, Eugenia, Leopold, Klaus, Olli und Hedwig – sechs magere, dünnhaarige Kinder, die sich nur dadurch voneinander unterschieden, daß sie verschieden groß waren und an verschiedenen Stellen blaue Flecken aufwiesen, die sie sich gegenseitig beigebracht hatten. Wir waren überzeugt, daß sie direkt auf die Hölle zusteuerten, mit dem Umweg über die Staatliche Besserungsanstalt – bis sie sich mit meiner Mutter, der Kirche und unserem Krippenspiel einließen. „Hilfe! Die Herdmanns kommen!“ weiterlesen

Jack O´Lantern

lanternSo sicher, wie in jedem Jahr das Christkind erscheint, der Osterhase im Frühling durch die Gärten hoppelt, genau so sicher und zuverlässig  wurde ich ab ca. Mitte Oktober durch schrille, wütende Schreie meiner Frau Lynn aufgeschreckt. Gott, dachte ich. Entsetzt sprang ich auf, eilte ins Wohnzimmer und fand sie hektisch mit den Armen rudernd vor dem Fernseher sitzend vor. Mit Mühe verkniff ich mir ein Lachen, als ich den Bericht sah, der gerade dort zu sehen war. In dem ging es, wie oft im Oktober, um Halloween.

DIE LERNEN´s EINFACH NICHT!„, rief sie empört. Ach ja, ich konnte mir schon denken, was jetzt auf die armen Redakteure zu kam.

Die Geschichte von Jack’o Lantern

Das ist die Halloween-Geschichte von Jack o’ Lantern (Jack mit der Laterne): Vor langer Zeit lebte in Irland ein Hufschmied. Er hieß Jack, war ein schlimmer Trunkenbold und hatte im Leben auch so manche andere Betrügerei begangen. Wie jeden Abend saß Jack auch am Abend des 31. Oktober an der Theke und trank viel zu viel, als plötzlich der Teufel neben ihm stand, um ihn zu holen. Jack war wie versteinert vor Schreck, als ihm die rettende Idee kam, sich einen letzten Drink vom Teufel spendieren zu lassen. Der hatte nichts dagegen,  diesen Wunsch zu erfüllen, stellte aber fest, dass er keine Münze zur Hand hatte. So verwandelte er sich kurzerhand selbst in eine. Jack reagierte schnell, stopfte das Geldstück in seine Geldbörse, in der sich auch ein kleines Kreuz befand, und das hielt den Teufel dort gefangen. Er ließ den Teufel erst frei, nachdem der versprochen hatte, Jack ein ganzes Jahr lang in Ruhe zu lassen.

Ein Jahr später, wieder am Abend des 31. Oktober, erschien der Teufel erneut um Jack abzuholen. Abermals musste er sich ganz schnell etwas einfallen lassen und bat den Teufel, ihm einen letzten Apfel von einem nahestehenden Apfelbaum zu pflücken. Nun gut, der Teufel kletterte auf den Baum und Jack ritzte blitzschnell ein Kreuz in die Rinde des Stammes. Der Teufel saß auf dem Baum gefangen. Und Jack war hartnäckig. Der Teufel musste ihm versprechen, Jacks Seele bis in alle Ewigkeit in Ruhe zu lassen.

Die Jahre vergingen, Jack wurde ein alter Mann und als er starb, bat er im Himmel um Einlass. Da er in seinem Leben nicht gerade ein braver Mann gewesen war, wurde er abgewiesen. Er wanderte zum Teufel. Auch der wollte seine Seele nicht, denn er hatte vor Jahren sein Ehrenwort gegeben. Der Jammer war groß –  wo sollte Jack nur hin? Der Weg durch die ewige Dunkelheit war finster, einsam und eisekalt. Ein klein wenig Mitleid hatte der Teufel nun doch und schenkte Jack eine glühende Kohle, die niemals erlosch. Jack steckte die Kohle in eine ausgehöhlte Rübe, die er als Wegzehrung mitgenommen hatte. Seit dieser Zeit wandert der unglückselige Jack o’ Lantern (symbolisch für alle ruhelosen Seelen) mit seiner Rübenlaterne durch die Finsternis. So erzählt es die Legende.

Viele Jahre später, vor ungefähr 150 Jahren, gab es in Irland eine große Hungersnot. Tausende von Menschen wanderten nach Nordamerika aus. Auch dort feierten sie, wie sie es immer getan hatten, das Halloween-Fest. So kam das Fest nach Amerika. In der neuen Heimat gab es nicht so viele Rüben, dafür aber prächtige Kürbisse, die man viel besser aushöhlen und mit witzigen Fratzen verzieren kann. Inzwischen wird Halloween an vielen Orten auf der ganzen Welt gefeiert, auch deshalb, weil ein wenig Gruseln einfach Spaß macht!

Nun weißt du, dass die geschnitzten Kürbisse, die Ende Oktober überall zu sehen sind, eigentlich die leuchtende Rübe von Jack o’ Lantern darstellen sollen, der vielleicht noch immer auf seinem rastlosen Weg daherwandert.

So, oder ähnlich, stand es in den E-Mails, die meine Lynn damals an die verschiedenen Redaktionen sandte.
Und auch heute noch, fast 16 Jahre nach ihrem Tod, muss ich mich beherrschen, es ihr nicht gleichzutun, wenn ich wieder einmal in einer Sendung höre, „das aus Amerika stammende Fest Halloween…“
In einigen Tagen ist es wieder soweit: Kleine Gespenster huschen (mehr oder weniger) leise durch unsere Strassen und Gassen und erpressen mit drohenden Rufen „Süßes oder Saures“ Unmengen an Süßigkeiten, bevor sie wieder kichernd im Dunkel verschwinden.
Meine Bitte an alle Erwachsenen: Schaut in die lachenden Gesichter und erfreut Euch an dem Spaß, den die Kinder (hoffentlich) haben werden. Und glaubt mir: Auch Euch wird das Herz warm werden. Versprochen!
Es sei denn, Ihr seid Ebenezer Scrooge, aber dann ist sowieso alles zu spät für Euch.
Dankeschön fürs Lesen und…

Happy Halloween!

Eine irische Geschichte (Epilog)

Endlich wieder zu Hause

Immer mehr beschleunigte Sean seine Schritte, und als er in der Ferne sein kleines Häuschen erblickte stieß er einen lauten Freudenschrei aus. Aus den Büschen neben dem Weg stoben erschreckt einige Vögel empor und flogen unter protestierenden Rufen davon, um sich ein ruhigeres Plätzchen zu suchen. Irgendetwas kam Sean merkwürdig vor und er zermarterte sein Hirn, was das wohl sein könne. An dem kleinen, hölzernen Gartentor lehnte ein altes schwarzes Fahrrad, das auch schon bessere Zeiten gesehen hat.

„Ach da schau her“, sinnierte Sean, „was sucht denn der alte Gebetsmühlendreher schon wieder hier? Kaum ist man mal nicht zu Hause… Na, dem werd´ ich was erzählen!“

hausRasch hatte er sein Grundstück erreicht und wollte gerade sein Häuschen betreten, als er überrascht einen Schritt zurück trat. Jetzt erst fiel ihm auf, wie sauber die Fassade war, und auch das Dach… wo waren die Löcher? Dick mit frischem Stroh bedeckt, sah es im Sonnenlicht aus, als würde es ihm schelmisch zublinzeln. Das Häuschen frisch gestrichen… Bevor er ins Haus ging, betrat er noch rasch den Stall, um nach seiner geliebten Kuh zu sehen. Auch hier war alles sauber, es roch nach frischer Farbe, sauberem Stroh und frischem Heu.

„Potzblitz, bei allen Heiligen! Wie lange war ich denn fort?“, grübelte er und kratzte sich ausgiebig den Kopf. Plötzlich fiel ihm der Pfarrer ein und er eilte ins Haus.

„Ich schwöre, Hochwürden! Ich weiß nicht was alles geschehen ist!“ Mary wischte die Hände an ihrer sauberen Schürze ab und übersah geflissentlich die leere Teetasse, welche der Pfarrer ihr auffordernd hinschob.

Sean stampfte laut mit seinem Knotenstock auf die hölzernen Dielen. Erschrocken starrte der Pfarrer zu ihm hin.

„Was geht hier ab, zum Teufel“, rief Sean dann laut und fuhr fort: „Glaubt ihr, weil ich nicht zu Hause bin, könnt ihr mein Weib drangsalieren und einschüchtern? Versucht es doch einmal mit einem, der euch gewachsen ist, Hochwürden!“

„Sean!“, rief Mary erleichtert, als sie ihren Mann erblickte. „Stell dir das mal vor, der behauptet, wir stecken mit bösen Geistern unter einer Decke! Nur weil unser Häuschen auf einmal so schön geworden ist!“

Sean schüttelte den Kopf. „Nein, geliebtes Weib! Die einzigen, die hier unter einer Decke stecken, sind wir beide, des Nachts, oder am Sonntag in der Früh…“ Er lachte.

Mary bekam einen roten Kopf und das sah äußerst entzückend aus. „Sean, was redest du denn da…“ Der deutete nun auf den Pfarrer und legte ihm nahe, das Haus zu verlassen. „Und dich, du heuchlerischer Klöppelschwinger, möchte ich hier nie wieder sehen. Ansonsten zeige ich dir mal, was der heilige Patrick mit seinem Knotenstock alles konnte!“

Der Pfarrer wollte entrüstet antworten, doch Sean deutete nur zu Tür und hob den Stock. Eilig entfernte sich der Schwarzkittel, doch nicht, ohne aus sicherer Entfernung noch drohend zu rufen: „Dafür kommst du in die Hölle, Sean!“

Der legte jedoch, ohne zu antworten, seinen Arm fest um Mary und zog sie sacht ins Haus. Morgen, nahm er sich vor, morgen werde ich ihr alles erzählen. 

„Darling, komm, wir wollen doch unsere Decke nicht warten lassen?“

Aber das, das ist eine andere Geschichte!

Eine irische Geschichte (VII)

Trotz einer unruhigen Nacht voll wirrer Träume erwachte Sean bei Aufgang der Sonne überraschend ausgeruht und voller Tatendrang. Von dem flackernden Feuer drang der Geruch frischen Tees zu ihm herüber und weckte seinen Tatendrang.

800px_COLOURBOX3091588Foldros studierte aufmerksam eine alte Karte. „Betest du, mein Freund?“

„Ich versuche es“, gab Sean zögernd zu.

„Und? Schon Erfolg gehabt?“ Foldros Frage klang beiläufig. „Was ich meine ist – sichtbaren Erfolg, sofort und auf der Stelle. Fuhr ein Blitz auf die Erde hinab und erklang eine Stimme dir kund zu tun, dass dein Wunsch in Erfüllung ging oder zumindest gerade bearbeitet wird?“

Sean schlürfte an seinem Tee und scharrte mit dem Fuß den weichen Waldboden auf. „Na ja, so direkt natürlich nicht“, gab er dann leise zu. „Was bezweckst du mit deinen Fragen, du hast doch irgendwelche Gedanken…“

Helfen Gebete wirklich?

„Ich will versuchen, es dir zu erklären, Sean.“ Er deutete auf einen alten Stamm neben sich und Sean nahm gehorsam Platz.

„Nun, was geschieht eigentlich beim Beten“, begann er bedächtig und zündete sich mit einem Kienspan seine Pfeife an. Woher er die auf einmal hatte? Sean wunderte sich über nichts mehr.

„Ich beobachte ja dich, dein Weib Mary und auch dein Elend seit langer Zeit. Und ich vernehme immer deine Gebete. Und wen hast du schon alles angerufen und um Hilfe gebeten, hm?“ Er lachte leise, um dann fortzufahren: „So richtig geholfen hat es dir bisher nicht wirklich, oder?“

„Doch!“ widersprach Sean, magere-kuh„Meine einzige Kuh, „Molly“, wurde einmal krank, und ich habe lange gebetet, und auf einmal war sie wieder gesund!“

Foldros unterdrückte ein Lachen. „Das ist wirklich erstaunlich! In ganz Irland beten täglich hunderte Menschen und mehr um ihre Freiheit und das Beenden des Blutvergießens durch die Engländer – und nichts geschieht. Und dann kommt ein kleiner Sean, schickt ein paar Gebete nach oben und schwupps, schon ist die arme Molly wieder gesund…“

„Ja, und weiter? Such du deinen schönen Schatz mal weiter… Ich will wieder heim zu meiner lieben Mary…“

Überrascht richtete Foldros sich auf. „Du willst wirklich auf das Gold und alle anderen Schätze verzichten?“

„Ja“, nickte Sean verlegen, „weil ich jetzt weiß, wo mein richtiger Reichtum zu finden ist: Zu Hause, in meiner kärglichen Hütte, bei meiner -manchmal- etwas störrischen Molly Malone und meiner geduldigen und mich wirklich liebenden Frau Mary!“ Er nickte nochmal, wie zur Bestätigung mit dem Kopf. „Ja, ich denke, unsere kleine Reise hat mir die Augen geöffnet.“

„Ich verstehe und bewundere dich, mein Freund“, erwiderte Foldros ernst, um dann fortzufahren: „Und ich werde dafür Sorge tragen, dass du deine Belohnung erhältst. In deinem kleinen Garten wächst doch dieser Schwarzdornbusch…“

„Ja, ich weiß. Und Molly Malone weiß es auch, das dumme Tier zersticht sich nämlich immer die Nase daran. Obwohl ich immer sage, sie soll sich fernhalten. Nicht dass sie noch die Elfen stört, die darin wohnen…“

Leprechaun„Richtig! Aber darin wohnt auch der Kobold Leprechaun. Der ist ziemlich geizig und zählt alleweil sein Gold. Außerdem ist er ja – wie du sicher weißt – ein begnadeter Schuhmacher. Nun, ich werde ihm auftragen für dich und dein Weib etwas Gold zu hinterlegen… Und gegen neues Schuhwerk hättest du sicher auch nichts einzuwenden.“

Sean wusste gar nicht, wie er dem Hochkönig aller Elfen danken sollte, aber der winkte nur ab. „Mach einfach so weiter wie bisher. Achte die Menschen und uns Geister, dann ist es schon Dank genug, hörst du?“

Plötzlich war er wie vom Erdboden verschluckt und Sean machte sich auf den Heimweg. In seinem Kopf spukte ein altes Rebellenlied und er dachte wehmütig an seine toten Freunde, die ihr Leben für Irlands Freiheit gegeben hatten. Leise sang er es vor sich hin.

Go on home British soldiers go on home,
Have you got no fucking homes of your own?
For eight hundred years we’ve fought you without fear
And we will fight you for eight hundred more.
If you stay British soldiers, if you stay
You’ll never ever beat the IRA
The fourteen men in Derry are the last that you will bury
So take a tip and leave us while you may.

(Wird fortgesetzt)

 

 

 

Eine irische Geschichte (VI)

Im Grafenforst

Am nächsten Morgen, bereits ehe die Sonne aufging, hatte Sean sich auf den Weg gemacht. Lange war er gewandert, leicht ging sein Schritt. Die Sonne stieg höher und wärmte das grüne Land mit seinen saftigen Wiesen, den grünen Sträuchern und der Vielfalt an bunten Blumen, großer und kleiner.
Fasziniert schaute er einem Sperber nach, der hoch am blauen Firmament seine Runden drehte, inbrünstig wünschte er, es ihm gleichtun zu können, während er leise ein irisches Volkslied vor sich hinbrummte.
In Dublins fair City, where the Girls are so pretty... Es war ein sentimentales Lied über eine gewisse Molly Malone und er dachte dabei an seine Kuh zu Hause. Hatte sein Weib sie auch auf die karge Weide geführt? Er konnte den Gedanken nicht ertragen, sie in dem dumpfen Stall zu wissen, wo doch heraussen die Sonne so wundervoll schien und er wußte, wie sehr sie es genoß, im warmen Sonnenschein das Gras zu rupfen.
„Welch ein Unfug“, hing er seinen Gedanken nach. Dies alles kam ihm hier, in der warmen Sonne, unter dem munteren Gesang der Vogelwelt, so abstrus vor, daß er am liebsten wieder umgekehrt wäre. Einzig der Gedanke daran, wie sehr in seine Kumpel verspotten würden, kehrte er unverrichteter Dinge wieder heim, hielt ihn davon ab.
Er beschloss, eine kleine Rast einzulegen. An einem schattigen Plätzchen legte er seinen Rucksack ab, zog einen Kanten Brot daraus hervor und knabberte lustlos daran herum. Seinen Durst stillte er an einem plätschernden Bächlein. Später schmauchte er noch ein Pfeifchen Tabak und machte sich, nun frisch gestärkt und erholt, wieder auf den Weg. In der Ferne hob sich im bläulichen Dunst die Bergkette ab, welche er hoffte, noch vor Anbruch der Dunkelheit zu erreichen.
Als er den Wald erreichte, war es bereits später Nachmittag, die Sonne stand weit im Westen und hier, zwischen den hohen Bäumen, wurde es schon merklich frischer. Er zog seinen Rock vor der Brust zusammen. „Verdammt einsam, so ganz alleine“, dachte er und wünschte sich wenigstens einen Hund dabei zu haben, mit dem er ein wenig plaudern könnte. „Hätte Molly mitnehmen sollen“, lachte er freudlos auf und spann den Gedanken weiter. Mit Molly an seiner Seite wäre er zwar nicht mehr so gottverlassen einsam gewesen, jedoch bezweifelte er, daß er mit ihr auch nur annähernd so weit gekommen wäre. „Das verfressene Biest hätte vom Cottage bis hierher eine Spur gezogen““ grinste er. „„Kahlgefressen und verkackt…“ Der kurze Schrei eines Nachtvogels ließ ihn zusammenfahren und er nutzte das spärliche Licht, um sich aus Laub und Moos ein einfaches Nachtlager herzurichten. Leise seufzend streckte er sich darauf aus. Um die Einsamkeit ein wenig zu lindern, begann er, auf seinem Pfeiflein das Lied von Molly Malone zu spielen.

In Dublin’s fair city
Where the girls are so prettytwzxl1

I first set my eyes on sweet Molly Malone
As she wheeled her wheelbarrow
Through the streets broad and narrow
Crying „cockles and mussels, alive, alive, oh“

Alive, alive, oh
Alive, alive, oh
Crying „cockles and mussels, alive, alive, oh“
She was a fishmonger
And sure, t’was no wonder
For so were her mother and father before
And they wheeled their barrow
Through the streets broad and narrow
Crying „cockles and mussels, alive, alive, oh“
Alive, alive, oh
Alive, alive, oh
Crying „cockles and mussels, alive, alive, oh“
She died of a fever
And sure, so one could save her
And that
„Du solltest etwas schlafen, mein Freund“, erklang eine Stimme hinter ihm aus dem Dunkel. Mit einem Ruck fuhr Sean hoch, nun wieder mit einmal hellwach.
 „Sag einmal“, schimpfte er, „kannst du dich nicht normal bewegen, du Zwerg? Oder willst du mich töten? Nur zu, dann sage meinem Weib aber noch, dass ich sie wirklich geliebt habe… und tu mir bitte nicht weh, ja?“
„Ach Sean…“ , tadelte Foldros leise. „Du hast dich immer noch nicht daran gewöhnt, hm?“

„Woran bitte sollte ich mich gewöhnt haben?“

„Nun… an mich, zum Beispiel. Ich bin da, dich zu beschützen. Und nun… leg dich zur Ruhe. Morgen reden wir weiter. Dann werde ich dir alles erklären.“

(Wird fortgesetzt)

Eine irische Geschichte (V)

images (1)„Sean?“ Verschlafen trat Mary zu ihrem Mann. „Was tust du hier? Du solltest doch schlafen!“
„Ich habe dich geweckt… das… das tut mir leid…“, stammelte Sean verwirrt und versuchte, seinen Whiskeybecher zu verbergen.
„Du brauchst doch vor mir nicht zu verheimlichen, wenn du Lust auf einen Drink hast“, lächelte Mary, „ich hörte etwas rumoren und dachte: Schau einfach mal nach…“ Sie griff nach seinem Glas und trank einen kleinen Schluck.
„Brrr…“, schüttelte sie sich und schob Sean das Glas über den Tisch, „um diese Zeit schon Whiskey…“
Hastig griff Sean nach dem Glas und leerte es in einem Zug. „Ich konnte einfach nicht schlafen“.
„Du hast ein Problem, nicht wahr?“
„Nein, ich meine… nicht direkt.“ Unsicher schlurfte er zum Schrank und füllte seinen Becher noch einmal auf.
„Geh wieder schlafen“, murmelte er und ließ die braune Flüssigkeit glückend ins Glas laufen, „Ich werde noch einen letzten Drink zu mir nehmen und… ich werde dann auch wieder zu Bett gehen.“
Mary schüttelte verständnislos den Kopf. „Sean!“, rief sie und deutete auf das flackernde Torffeuer im Kamin.
„Mir war kalt“, murrte Sean, „und da habe ich mir gedacht…“
„Du hast also den Kamin einfach mal so angezündet, nicht?“ Mary deutete mit dem Kopf auf den leeren Weidenkorb, in welchem die Torfscheite aufgehoben wurden. „Und darin ist nichts, Sean! Du hast dir also die Mühe gemacht hinauszugehen, den Torf für ein einziges Feuer hereinzuholen, nur weil dir beim Trinken kalt geworden ist?“ Sie schüttelte verständnislos den Kopf.
„Warum gehst du nicht einfach wieder schlafen und läßt mich in Ruhe meinen Whiskey trinken?“ Ergeben zuckte Mary mit den Schultern und wollte die Stube verlassen.
„Es tut mir leid, Darling“, murmelte Sean undeutlich, „aber ich kann es dir einfach nicht erklären.“ Er stockte einen Augenblick und fuhr fort: „Ich kann es dir jetzt, zu diesem Zeitpunkt noch nicht erzählen.“
Mary drehte sich noch einmal um, strich ihm über den Kopf und sagte leise: „Bitte bleibe nicht mehr so lange auf.“
„Nein“, flüsterte Sean. „Gehe nur schlafen…“

dreiwinde
„Jetzt wird mir einiges klar!“ Mary schaute Sean forschend an, als der seine Erzählung unterbrach. „Das Feuer im Kamin… es brennt seit einiger Zeit ununterbrochen. Ich wollte auch schon mit dir darüber reden, welch eine Verschwendung! Schließlich braucht der Torf nicht auch noch in der Nacht zu brennen, wenn wir schlafen, oder?“
Bedeutungsvoll schaute sie auf den leeren Weidenkorb, der schon länger unbenutzt neben dem Kamin stand.
„Ist mir irgendwie gar nicht aufgefallen, dass da schon eine ganze Zeitlang außer ein paar Krumen nichts mehr drin ist.“ Sie stand auf, drehte den Korb auf den Kopf und schüttelte ihn. „Siehst du?“, fragte sie, „nichts drin außer etwas Dreck!“
Sean lächelte geduldig. „Ja, Liebling, ich weiß.“
„Ach, Sean“, sagte sie leise und ließ den Korb achtlos zu Boden fallen, „du hättest deinem Freund an Stelle des Korbes unsere Kartoffelkiste zeigen sollen.“ Sie überlegte kurz. „Oder unseren leeren Geldbeutel…“, fügte sie schelmisch lächelnd hinzu.
„Du nimmst mich nicht ernst, nicht?“ Seans Stimme klang aggressiv. „Du denkst, dass ich nur schlechte Träume hatte, und jetzt irgendwie verwirrt bin und nicht mehr weiß, was ich sage!“ Sean atmete tief durch.
„Sean!“, rief Mary bestürzt. „Wer sagt denn so was! Natürlich glaube ich dir!“
„Ich würde es dir auch nicht verdenken, tätest du es nicht“, seufzte Sean leise und zog Mary auf den Hocker neben sich. Er packte ihre Schultern und drückte sie so fest, dass Mary leise aufschrie. „Sean, zum Teufel! Du tust mir weh!“
Er lockerte seinen Griff etwas, hielt sie aber immer noch an den Schultern fest und schaute sie mit einem Blick an, der sie schaudern ließ.
Das war nicht mehr der Sean, den sie all die Zeit geliebt hatte, in seinem Blick erkannte sie etwas, was sie an die Zeit seiner Kämpfe gegen die Engländer erinnerte. Diese Besessenheit… sie konnte sich noch gut erinnern, als er seine toten Kameraden im Hauptpostamt von Dublin verabschiedete.
Den gleichen Blick hatte er, als er durch die ausgebrannte Schalterhalle schritt. Selbst schwer verwundet, schleppte er sich mit letzter Kraft durch die Reihen verbrannter Leichen, drückte hier eine Hand, strich dort über einen Kopf und drückte vielen seiner Schicksalsgefährten die Augen zu. Dabei wimmerte und schluchzte er wie ein verwundetes Tier, immer wieder schreiend:
Ich werde euch rächen, Kameraden! Das sollen diese Engländer niemals vergessen!
Danach war er besinnungslos zusammengebrochen.
„Weißt du, Mary“, er starrte seine Frau wie besessen an, „weißt du was geschieht, wenn dieser Foldros mich zu seinen Schätzen führt?“
Mary wand sich unter seinem Griff, als er sie sachte schüttelte. „Sean“, flüsterte sie unbehaglich, „ich bin mir nicht sicher…“
So wie er sie jetzt anschaute war sie sich sicher, dass er den Verstand verloren hatte. Die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, kalter Schweiß bedeckte seine Stirn. Seine Stimme begann zu zittern, als er flüsternd sprach: „Wir werden Gold haben, soviel Gold, dass wir eine ganze Armee aufstellen und mit den besten Waffen und Geräten ausrüsten können!“
Sein Atem ging schwer. Wieder schüttelte er sie und sprach beschwörend auf sie ein.
„Stell dir einmal vor, wir werden es diesen verfluchten Engländern zeigen, wir werden sie diesmal besiegen! Irland wird eine freie Republik!“
„Bitte Sean, bitte laß mich los!
Der Besucher kehrt zurück
„Ja, Sean, laß sie doch los, bevor du ihr noch weh tust!“
Erschreckt schrie Mary auf.
„Wer bist du?“ flüsterte sie und umklammerte Seans Hand.
Foldros deutete eine leichte Verbeugung an. „Gestatten, dass ich mich vorstelle: Foldros, Hochkönig aller Elfen!“
Verwirrt starrte Sean seinen Freund an. Nun stand der doch tatsächlich in seiner Küche und zeigte sich seiner Frau. Noch während er krampfhaft nach Worten suchte, rückte Mary einen Stuhl zurecht und deutete mit einer knappen Handbewegung darauf.
„Bitte, Herr König, setzt Euch doch!“
Foldros folgte amüsiert lächelnd der Einladung. „Ah, wie ich sehe, seid Ihr gar nicht so überrascht mich zu sehen, wie ich erwartete.“
Er zog seinen Umhang zurecht und machte es sich bequem.
„Das läßt darauf schließen, dass Euer Mann schon über mich geredet hat. Nun, das vereinfacht vieles.“
Sean, der sich derweil wieder gefangen hatte, schaute Foldros befreit an.
„Oh Foldros, mein lieber, guter Freund Foldros“, er schluckte und rang nach Worten, „nun wirst du gewiß meiner Gemahlin alles beglaubigen können, was ich ihr erzählte, ich denke, sie nimmt mich seit der Zeit nicht mehr für ganz voll…“
„Ach Sean“, murmelte Mary und strich ihm über den Kopf. Sie war verstört und versuchte, den Besuch Foldros auf irgendeine Weise einzuordnen.
Der hob kurz die Hand.
„Ich denke, du solltest etwas mehr Vertrauen zu deinem Weibe haben.“
„Siehst du, Sean“, Marys Stimme klang leicht triumphierend, „endlich einmal jemand, der mich versteht! Dein Freund Hochkönig scheint ein weiser Mann zu sein!“
Der lächelte nur still, zog statt einer Antwort ein vergilbtes Stück Papier unter seinem Poncho hervor und reichte es Sean mit den Worten:
„Dies, mein lieber Freund, ist eine Karte des Grafenforstes.“
Überrascht schüttelte Sean den Kopf. „Der Grafenforst? Den gibt es doch nur in alten Sagen… oder?“
„Mein lieber Mann“, schaltete sich Mary ein, „du glaubst wohl immer noch, dass Sagen und Märchen das gleiche sind, was? Aber schon meine Urgroßeltern sagten: In jeder Sage steckt ein wahrer Kern!“
Kämpferisch schaute sie ihren Mann an. „Du hast dem Herrn König schon einmal nicht geglaubt, dann hat es dir so leid getan, dass du die ganze Nacht Whiskey gesoffen hast und nun vertraust du ihm schon wieder nicht? Sean, du bist ein Tor!“
„Ich habe doch nicht gesagt, dass ich ihm nicht vertraue“, rechtfertigte sich Sean leise. „Ich wollte damit doch nur sagen, dass ich zwar schon von dem Grafenforst gehört habe, aber überhaupt keine Ahnung habe, wo der sein soll.“
„Ja, ja“, spöttelte Mary und strich ihm liebevoll über die Hand, „rede dich nur wieder heraus…“
Foldros, der die ganze Zeit voller Geduld zugehört hatte, unterbrach die Beiden.
„Du wirst dich bei Sonnenaufgang auf den Weg machen“, wandte er sich ohne viel Federlesens an Sean. „Dein Weib soll dir Proviant für drei Tage herrichten.“ Er erhob sich geschmeidig und lief in der kleinen Küche langsam auf und ab, dieweil er Sean weitere Anweisungen gab.
„Du wirst den ganzen Tag gen Westen gehen, in Richtung der Glendown-Berge. Wenn du dich nicht aufhalten läßt und auch nicht all zu oft rastest, solltest du die Berge kurz vor Sonnenuntergang erreicht haben.“
Er blieb kurz stehen und schaute Sean ernst an. „Bedenke: Es ist wichtig, dass du die Berge vor Sonnenuntergang erreichst!“
Foldros nahm seine Wanderung wieder auf. „Dort angekommen suchst du nach einem Grab, einem Steingrab aus keltischer Zeit. Es ist möglicherweise nicht leicht zu finden, es wird überwachsen sein. Viel Moos, Sträucher und hohes Gras werden es wie einen Teil der Landschaft aussehen lassen.“ Er lächelte und schaute einen Augenblick wehmütig aus dem kleinen Fenster ins Dunkel hinaus.
„Die Zeit“, raunte er mit gedämpfter Stimme, als spräche er zu sich selbst, „die Zeit… Jahrhunderte, Jahrtausende… Sekunden? Minuten? Das Grab, Sean! Du mußt das Grab finden, hörst du?“
Er hatte sich wieder Sean zugewandt und schaute ihn beschwörend an. „Du mußt mir versprechen, dass du nicht aufgibst, Sean! Suche, bis du das Grab gefunden hast!“
„Ja, natürlich, ich werde suchen, bis ich dieses verf.. ich meine… ich suche so lange die Gruft, bis ich es aufgespürt habe!“
Atemlos und still hatte Mary zugehört, nun hielt sie es nicht mehr länger aus.
„Und in diesem Grab ist der Schatz? Huh… wie gruselig! Ist das nicht gefährlich?“ platzte es aus ihr heraus.
„WEIB!“ rief Sean schroff und hieb mit der Hand auf den Tisch. „Warum packst du nicht einfach meinen Proviantbeutel zusammen und läßt uns zufrieden!“
„Entschuldige bitte“, erwiderte Mary betroffen und erhob sich, „ich wollte…“
„Ja, ich weiß, ich wollte dich auch nicht anherrschen, Liebling. Bin ein bißchen aufgewühlt…“
Nachdem Mary den Raum verlassen hatte, nahm Foldros ihren Platz am Tisch ein und legte Sean die Hand auf die Schulter.
„In dieser Grabstätte befindet sich natürlich kein Schatz“, erklärte er ruhig, „Hm… jedenfalls nichts, was für euch Menschen bemerkenswert sein könnte. Es ist für das Kleine Volk ein heiliger Ort, aber das zu erklären… später, mein Freund, viel später!“
Geraume Zeit schwieg er nun und fuhr mit den kleinen Händen ruhelos über die Tischplatte.

(Wird fortgesetzt)

Eine irische Geschichte (IV)

„Du solltest mit dem armen Pfarrer nicht immer so streiten“, tadelte Mary und schob Sean die Teetasse über den Tisch, „er meint es doch nur gut.“
Sean seufzte und nippte an seiner heißen Tasse.
„Was wollte er eigentlich von dir“, fragte sie und schaute ihn forschend an, „und was meinte er mit: Im Dorf gehen Gerüchte, Sean?“
„Ach“, murmelte Sean, „wahrscheinlich ging es ihm nur darum, dass wir beide nicht alle Sonntage in der Kirche hocken und uns anhören, wie er sein leeres Stroh drischt.“
„Sean!“ Mary erhob ihre Stimme, so wie sie es immer tat, wenn sie einer Sache auf den Grund gehen wollte.
„Sean O´Hara! Ich frage dich: Was verschweigst du mir?“
„Mary!“, er schaute sie verzweifelt an, „ich werde dich für zwei, drei oder höchstens vier Tage verlassen müssen.“
„Oh Sean“, seufzte Mary und hielt seine Hände, „weshalb erzählst du mir nicht einfach von Anfang an, was dich bedrückt?“
Froh, sich endlich einmal alles von der Seele reden zu können, erzählte er Mary alles, was sich bis dahin zugetragen hatte.
Er sprach davon, wie sich vor einigen Wochen das erste mal der Elf in seine Träume geschlichen hatte.
„Das war so real, dass ich hernach nicht hätte sagen können, ob es ein Traum war, oder Wirklichkeit!“

Begegnungen

„Sean!“, rief ihn eine leise Stimme, „Sean, ich habe mit dir zu reden!“
Sean murmelte im Schlaf und wälzte sich auf die andere Seite.
„Sean, du wirst mir zuhören, mit mir reden“, drängte die Stimme, „öffne deine Augen!“
Mühsam richtete Sean sich auf und fuhr schlaftrunken über sein Gesicht. Im fahlen Licht des Vollmonds erkannte er eine kleine Gestalt, die sich am Fußende des Bettes aufhielt und ihn aufmerksam musterte. Der Kerl maß von den Sohlen bis zu seinem roten Käppchen vielleicht einmal knappe drei Fuß.
„Was… was ist hier los?“ Ungläubig starrte er auf seinen Besucher. „Wer bist du?“
„Aber Sean“, antwortete der mit leisem Tadel, „erkennst du mich nicht?“ Er trat um das Bett herum und setzte sich auf den kleinen Schemel neben Seans Kopf.
„Du… du bist ein Elf, richtig?“
„Hm… ja und nein“, erwiderte der Gast geduldig und fuhr fort: „Ich bin nicht ein Elf, ich bin der Elf“
„Das ist ein Traum“, flüsterte Sean und rieb sich die Augen, „oder bist du wirklich da?“
„Dies zu entscheiden, mein Freund, liegt bei dir‘“ Der Elf erhob sich und deutete eine leichte Verbeugung an. „Ich bin Foldros, der Hochkönig des Kleinen Volkes. Schlafe weiter, Sean O´Hara, morgen sehen wir uns wieder!“
images (1)
Mary strich ihm zärtlich über den Kopf. „Und?“, fragte sie dann neugierig, „Hat sich der… der Elf wieder gemeldet?“
„Ja“, flüsterte Sean mit erstickter Stimme, „ja, das hat er.“ Ratlos schaute er seiner Frau in die Augen. „Er hat sich wieder gemeldet, Jede Nacht! Ich hatte nicht eine Nacht Ruhe vor ihm, dem Hochkönig der Elfen“
„Du hättest damals auf mich hören sollen, Sean“, rief Mary und küßte ihn auf die Stirn, „du hättest alle Schwarzdornsträucher auf unserem Grund mitsamt den Wurzeln abbrennen sollen!“ Erregt erhob sie sich und lief hin und her.
„Es weiß doch jeder, dass diese Sträucher der Tummelplatz von Elfen, Zwergen und was weiß ich sonst noch ist!“
„Bitte, Mary“, Sean hieb mit der Hand auf den Tisch, „Du wolltest alles wissen, also laß mich bitte weiter erzählen!“
„Es tut mir leid, Sean“, erwiderte Mary leise, „aber…“
Sean schüttelte leise den Kopf und legte seinen Finger auf Lippen.
„Pst, Mary“, entgegnete er ruhig, „du wirst alles erfahren. Ich bin ja so froh, dass ich endlich mit dir darüber reden kann!“
Er seufzte erleichtert und rückte mit dem hölzernen Schemel noch näher an seine Frau heran. Die konnte vor Spannung kaum noch atmen. Tausend Fragen wollte sie ihm stellen, schwieg jedoch geduldig und wartete, bis Sean von selber begann zu reden.
Der ließ sich erst einmal Zeit, seine Gedanken schweiften ab und er versuchte, sie zu sammeln. Eine Zeitlang herrschte Stille in der kleinen Kammer. Mary rutschte unruhig hin und her, wagte es aber nicht, Sean anzusprechen. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis er endlich wieder begann.
„Es war genau, wie der Elf es sagte“, nahm Sean seine Erzählung wieder auf, „gerade, als ich wieder eingeschlafen war, hatte ich wieder diesen Traum… War es ein Traum?“
?
„Hallo, Sean!“ Da war sie wieder, diese leise Stimme. Leise und doch unüberhörbar.
„Ich… Hm… hier bin ich wieder, ich bin gekommen, wie ich es dir versprach.“ Ein leises Lachen.
„Ich komme doch nicht ungelegen?“, wisperte der Elf und lachte wieder leise, um sogleich mit sanfter Stimme fortzufahren:
„Weißt du, Sean, du brauchst dich vor mir nicht zu fürchten, du kannst auch mit mir sprechen!“ Während er dies sagte deutete er mit einer Hand auf Mary, die ruhig schlief. „Siehe selbst, Sean O´Hara, ich kann so laut reden, wie ich nur will, und sie hört mich nicht. Du kannst so laut reden, wie du möchtest… Solange ich da bin hört sie dich auch nicht!“
„Ich… ich… Du bist doch nur ein Traum, oder?“
„Ich sagte es dir bereits, Sean O´Hara: Ich bin das, was du aus mir machst!“
„Wenn mein Weib dich nicht hören kann, wenn mein Weib mich nicht hört, dann ist das doch nur ein Traum!“, schrie Sean und zog sich die Decke über den Kopf.
„Äh… Sean“, der Besucher schüttelte mißbilligend den Kopf und griff nach Seans Decke.
„Es könnte nicht zufällig sein, Sean, dass ich dich besuche, dir zu helfen?“
Vorsichtig lugte Sean unter seiner Decke hervor.
„Wobei könntest du mir schon helfen?“ Langsam kroch er unter seiner Decke hervor und beäugte argwöhnisch den ungebetenen Gast.
„Warum solltest ausgerechnet du mir helfen wollen“, knurrte er.
„Nun, vielleicht weil du ein guter Kerl bist?“ Foldros beugte sich über Sean. „Warum hast du nicht die Schwarzdornsträucher auf deinem Land mit Stumpf und Stiel ausgerottet?“ Eine kleine Weile schwieg er, um dann fortzufahren: „Weil du weißt, dass diese Sträucher die Heimat des Kleinen Volkes sind, nicht wahr?“
Sean stimmte ihm zu. „Ja“, erwiderte er leise, „ja, das weiß ich.“
Der Hochkönig nickte beifällig. „Siehst du, Sean. Hm, ich denke, du erinnerst dich noch an deinen Nachbarn… ich meine den ehemaligen Nachbarn von dir, den Timothy Miller.“
Sean setzte sich auf, schob die schützende Bettdecke zur Seite und blickte Foldros in die Augen.
„Ich denke, ich weiß, dass in den Schwarzdornsträuchern Eure Heimat ist…“
„Ich fragte, ob du dich an deinen Nachbarn Timothy Miller erinnerst“, lächelte Foldros und reichte Sean die Hand.
„Komm, Sean, verlasse dein Lager. Machen wir es uns vor dem Torffeuer gemütlich…“
„Ich denke, das ist kein guter Einfall“, widersprach Sean unsicher, „weil ich wirklich nicht möchte, dass mein Weib etwas von dir erfährt… und das Feuer ist schon lange erloschen…“
„Mit deinem Weib… nun, Sean, diese Ausrede kannst du dir ersparen. Selbst wenn ich dein irdenes Geschirr zu Boden würfe, dein Weib würde schlummern wie ein neugeborenes Baby.“
„Ist es wirklich so, wie du sagst?“ Sean richtete sich vollends auf und setzte seine nackten Füße auf den Boden.
„Ja, Sean, so ist es.“ Foldros lachte und packte einfach Seans Hand.
„Komm, mein Freund! Komm mit!“ Wieder lachte er und zog Sean mit sich fort, der ihm nur widerstrebend folgte.
In der Küche, vor dem großen Kamin, der auch zugleich die Kochstelle war, ließ er Seans Hand los.
„Ist es nicht eine Schande“, kicherte er und schaute Sean durchdringend an. „Ist es nicht eine Schande, dass ein Freund des Kleinen Volkes selbst mit dem Torf so sparsam umgehen muß, dass er nicht einmal ein kleines Feuerchen machen kann, um den Hochkönig aller Elfen zu wärmen?“
„Ich gehe und hole neuen Torf“, entschuldigte Sean sich schüchtern, „dann wird es bald warm sein…“
„Oh, nicht nötig, mein Freund!“
„Du wolltest doch ein Feuer“, antwortete Sean und rieb seine bloßen Füße, „und es ist wirklich kalt hier!“
„Ja, kalt ist es, aber du wirst sehen – gleich wird es warm!“
„Natürlich! Bald wird es warm!“, höhnte Sean.
„Du hast nichts verstanden, nicht?“ Foldros Stimme klang traurig. Mit dunklen Augen schaute er Sean an. „Du hast den Hochkönig aller Elfen als Gast – nein, du hast ihn als Freund!“ Er schüttelte traurig den Kopf.
„Ich lasse dich jetzt wieder allein. Denke in Ruhe über alles nach. Morgen werde ich noch einmal kommen.“
Ehe er verschwand drehte er sich noch einmal um und schnippte mit den Fingern.
Sean zuckte erschreckt zusammen. Im kalten Kamin flackerte mit einem Male ein warmes Feuer. Obwohl Foldros nicht mehr zu sehen war, tönte seine Stimme in Seans Ohr:
„Sieh, Sean O´Hara, ich bin dein Freund! Dieses Feuer soll dich immer daran erinnern! Es wird niemals mehr verlöschen, solange du dich als Freund des Kleinen Volkes würdig erweist. Morgen werde ich dich wieder besuchen, wie versprochen… Ich hoffe, du wirst mir dann vertrauen!“
Verzweifelt schaute Sean sich um. „Ich bitte dich, komm wieder… Ich vertraue dir! Das Feuer wird uns wärmen und ich…“ Doch Foldros war schon fort.
Leise schluchzend schlurfte Sean an den alten, wackligen Schrank und goß sich einen Whiskey ein.

(Wird fortgesetzt)

Eine irische Geschichte (III)

Der Pfarrer

Im Stall melkte er Molly Malone, ihre einzige Kuh. „Mein Gott Molly“, knurrte er und rutschte auf dem Melkschemel herum, „nun bleibe doch endlich stehen! Mach doch einmal etwas, um mir zu gefallen!“
Rhythmisch zischend strömte die Milch in den verbeulten Eimer.
„Irgendwann in den nächsten Tagen wirst du mit Mary vorlieb nehmen müssen“, murmelte er und legte die Stirn an ihre warme Flanke.
„Ich weiß auch noch nicht, wie lange ich fort sein werde. Ich hoffe nur, du bist zu meiner Frau nett!“
Molly Malone drehte den Kopf und schaute ihn langsam kauend an.
„Seinerzeit habe ich Mary versprochen, sie werde ein schönes Leben an meiner Seite haben“, fuhr er fort und stellte den Eimer ab. „Damals hatte ich noch die Hoffnung, dass alles besser würde. Und nun… Diese verdammten Engländer lassen uns nicht einmal die Luft zum Atmen. Zum Teufel… „
Molly brummte und zupfte an der Heuraufe. Sean kraulte sie zwischen den Hörnern. „Bist schon eine Brave, Molly. Aber wie ich Mary mein Vorhaben erklären soll, wirst du mir auch nicht sagen können, nicht wahr?“
Molly Malone schaute ihn durch ihre langen Wimpern ruhig an und leckte mit der rauhen Zunge seinen Arm. „Auch nicht einen kleinen Tip für mich?“ grinste Sean und streichelte ihr Maul.
Die Kuh zuckte mit den Ohren. „Wenn ich es mir recht überlege“, setzte Sean seinen Monolog fort, „so schlecht geht es uns eigentlich nicht. Reichlich Kartoffeln mit Milch…“ Nachdenklich strich er Molly über die mageren Rippen.
„Und wenn wir auf die Milch verzichten würden…“ Spaßhaft klopfte er ihren Rücken und flüsterte ihr ins Ohr: „… hätten wir Kartoffeln mit Braten und Soße!“
Molly brummte laut und stampfte mit dem Fuß.
„Hey, Baby“, beschwichtigte Sean sie, „war nur ein Scherz!“
Gerade, als er den Milcheimer nehmen wollte, hörte er jemanden rufen.
„Hallo, Sean O´Hara, wo treibst du dich rum?“
Er trat vor die Stalltür.
„Einen schönen Guten Morgen, Hochwürden!“ antwortete Sean, und wischte seine Hände an der Hose ab.
„Auch dir einen schönen Guten Morgen, Sean O´Hara.“ erwiderte der Besucher freundlich.
Fuck, dachte Sean, und musterte den Pfarrer argwöhnisch, was will der Klöppelschwinger von mir?
Der blickte scheinbar interessiert ein paar weißen Wolken nach.
„Hm, könnte ein schöner Tag werden.“
„Ja“, antwortete Sean kurz angebunden, „das könnte es.“
„Wenn nicht noch ein paar dunkle Wolken kommen“, der Pfarrer räusperte sich und griff nach seinem Schnupftuch, „dann könnte vielleicht den ganzen Tag die Sonne scheinen.“
„Ja, verdammt, das könnte sie“, antwortete Sean unsicher, „die verdammte Sonne könnte den ganzen Tag scheinen…, wenn nicht ein paar dunkle Wolken kommen…“
„Hm…“ Bedächtig säuberte der Pfarrer seine Augengläser und schaute Sean blinzelnd an, „allerdings scheinen doch einige schwarze Wolken sichtbar zu sein.“
Sean blickte angestrengt in den Himmel. „Kann ich nicht behaupten“, erwiderte er.
Der Gottesdiener schob die Brille auf die Nase und lächelte Sean gütig an.
„Ich dachte da eher an die dunklen Wolken die sich um dein Haupt zusammenballen, Sean O´Hara.“ Er räusperte sich und blickte an Sean vorbei auf den Stall.
„Im Dorf gehen so Gerüchte um, weißt du?“
„Oh, Sean O´Hara! Im Dorf gehen Gerüchte um!“ äffte Sean den Besucher nach. „Kann mir der verehrte Herr Pfarrer vielleicht auch etwas über die Art dieser Gerüchte sagen?“ Theatralisch riß Sean die Arme nach oben. „Vielleicht, dass ich und mein Weib nicht des Sonntags die Kirche besuchen, und dass wir uns größtenteils nur mit Kartoffeln und Milch ernähren?“
Bitter lachend schleuderte er dem Pfarrer eine Mistgabel entgegen. „Da! Hole doch der Herr Pfarrer die Scheiße meiner Molly aus dem Stall…“
Entsetzt fuhr der Pfarrer zurück.
„Bitte, Sean O´Hara!“
„Was: BITTE? Oh, ich verstehe“, säuselte Sean und schaute den Pfarrer durchdringend an, „das, was ich vor einigen Minuten meiner Kuh erzählte, wollt Ihr das noch einmal hören?“
„Sean, laß mich doch bitte zu Wort kommen. Ich wollte doch…“
„Jau, jau, jau…“, japste Sean vor Wut und packte den Pfaffen am Kragen.
Der machte sich mit einem Ruck frei und schrie: „Sean! Wenn du das machst, was im Dorf erzählt wird, du versündigst dich doch!“
„Hat sich jemals jemand gefragt, ob wir Iren genug zu essen haben? Hat Euer Gott daran gedacht, dass auch unschuldige Kinder verhungern, als er unser einziges Nahrungsmittel, die Kartoffel, mit einem Pilz in ganz Irland vernichtete? Hat von Eurer Kirche sich je einer darum gekümmert wie es uns geht?“ Sean spuckte vor dem Pfarrer auf den Boden.
„Sean O´Hara! Im Namen Gottes fordere ich dich auf…“
„Ich fordere Euch im Namen der Elfen auf, meinen Grund zu verlassen – SIR!“
Drohend erhob Sean seine Faust. „Hätte der Heilige Patrick gewußt, wie sich das hier entwickelt… Oh Shit!“
Wortlos drehte er sich um und ließ den Pfarrer stehen.
Der kratzte sich ratlos am Kopf, zuckte hilflos mit den Schultern und verließ schweigend das Grundstück.
Sean ging zurück in den Stall und band Molly Malone los.
„Dem haben‘s wir aber gezeigt, was Baby?“ Er führte die Kuh ins Freie. „Nun schau mal schön, Molly, was du noch an Gras findest. Aber gib Obacht, dass du dir nicht wieder die Schnauze an den Schwarzdornsträuchern stichst“, ermahnte er sie freundlich und stapfte mit seinen schweren Stiefeln auf das Haus zu.

(Wird fortgesetzt)

Eine irische Geschichte (II)

Gespräche

Mary, seine Frau erwartete ihn bereits. Sie hatte es sich vor einem glimmenden Torffeuer bequem gemacht. Ihre schmächtigen Schultern wurden von einem groben Wolltuch verhüllt. Mit beiden Händen umfaßte sie einen Becher dampfenden Tees.
„Ach Sean“, sagte sie liebevoll und erhob sich. „Wieder kommst du so spät nach Hause!“
Sean hängte Joppe und Knotenstock an den Nagel neben der Tür. Er trat auf Mary zu und umarmte sie liebevoll.
„Ich weiß, Darling, du machst dir immer Sorgen, mir könnte etwas geschehen… aber…“
„Aber was, mein Liebster? Komm, trinke noch einen Tee mit mir und dann laß uns schlafen gehen.“
„Mary, du weißt doch, dass ich dich liebe – oder?“
„Aber Sean! Wir sind fast 20 Jahre verheiratet… Wenn ich es bis jetzt nicht wüßte…“ Mary lachte glockenhell, verstummte aber sogleich, als sie in Seans ernstes Gesicht sah.
„Frau“, erwiderte Sean und umfaßte ihr Gesicht mit beiden Händen, „erinnerst du dich noch, wie wir uns vor fast einem viertel Jahrhundert das erstemal sahen?“
„Oh mein Gott, Sean, wie könnte ich das denn jemals vergessen! Du warst der Anführer einer irischen Rebellentruppe… Und wenn ich mich recht erinnere, wurdet ihr von den Engländern damals brutal in diesem Postamt in Dublin verbrannt.“
Sie wischte sich mit einem Zipfel ihres Wolltuches die Tränen aus den Augen.
„Nein – nicht alle“, berichtigte sie sich, „du überlebtest, und mit dir noch zwei oder drei andere – Rebellen!“
„Und dann?“
„Sean was meinst du? Du weißt es doch…“
„Dieser Unbekannte, von dem du einmal sprachst, der dich damals zu mir führte – wie sah der aus?“
„Nun, er war groß und hager… Sein Gesicht – denke ich mal – nein, an sein Gesicht… er trug einen großen Hut… ja! Das war es: Sein großer Hut beschattete sein Gesicht, aus diesem Grunde konnte ich es auch nicht erkennen.“
„Hast du seine Stimme gehört – hat er irgendwas gesagt?“
„Hm, nein jetzt wo du mich danach fragst… er deutet nur, dass ich ihm folgen solle.“
Sie dachte kurz nach. „Und dann kamen wir zu diesem Hauptpostamt. Oh Sean, ich habe dich gesehen, wie du deinen verbrannten und verstümmelten Kameraden – es war so grausam, Sean!“ Leise rannen Tränen über ihr Gesicht. „Du schriest und weintest, warst selbst verwundet… und dann brachst du ohnmächtig zusammen. Ich nahm dich einfach mit mir… aber aus welchem Grund fragst du mich jetzt nach diesem Fremden?“
„Ich denke, ich hab ihn heute nacht bei O´Flánnegán gesehen…“ Sean legte seine Ellbogen auf den Tisch und verbarg seinen Kopf in den Händen.
„Sean!“ Erschreckt schlug Mary ihre Hand vor den Mund.
„Mach keine Witze! Mit so was scherzt man nicht!“
Sean lachte bitter. „Glaubst du ich scherze? Glaubst du wirklich, ich mache mit so was meine Witzchen?“
Liebevoll strich Mary über seine Haare. „Natürlich nicht, Schatz!“
Sie setzte sich zu ihm an den Tisch und umfaßte seine Hände.
„Was denkst du – wer ist dieser… dieser Mensch, der nun schon zum zweiten mal in unser Leben tritt?“
Er schüttelte nur hilflos den Kopf. Er griff in seine Tasche, und legte das kleine Blechpfeifchen auf den Tisch.
„Weißt du, was das ist?“
„Sicher“, kicherte Mary und nahm das Pfeifchen in die Hand, „denkst du, ich kenne kein Tin-Whistle? Haben doch schon meine Urgroßeltern gespielt…“
„Diese hat der Fremde auf unseren Stammtisch gelegt, ehe er ging.“
„Und du hast sie einfach mitgenommen. Vielleicht hat er sie ja nur vergessen?“
„Nein, er wollte, dass ich sie an mich nehme. Gesagt hat er das nicht, aber nachdem er auf ihr gespielt hatte, schaute er mich an, während er das Pfeifchen ablegte.“
Morgen, dachte er sich, morgen werde ich ihr alles sagen!
„Komm Sean“, sagte Mary leise, „komm, laß uns schlafen gehen – es ist schon spät!“
Sean erhob sich mühsam und folgte Mary, fest ihre Hand haltend, in die kleine Schlafkammer.

Ruhelos wälzte Sean sich auf seinem Lager hin und her. Er sehnte den Schlaf herbei und hatte zugleich Angst davor. Immer wieder kamen ihm die Träume der vergangenen Nächte in den Sinn.
„Sean“, flüsterte Mary und griff nach seiner Hand. „Wenn du nicht schlafen kannst, dann komm doch zu mir herüber. Nimm mich in deine Arme, wie du es früher oft getan hast.“
Er wandte sich Mary zu und beugte sich über sie. „Ich möchte mit dir schlafen, Mary“, raunte er ihr ins Ohr und legte seine Hand auf ihre Brüste.
„Ja, Sean, das würde mir gefallen!“ Ihre Stimme klang rauh, heiser.
Als sie ermattet einschlief, dämmerte bereits der Morgen. Leise stand Sean auf und zog sich an.

(Wird fortgesetzt)