Werbevortrag in Sorryville

Im Smith’s Saloon von Sorryville verstummten die Gespräche als ein Fremder eintrat, dessen Kopf sich in ständiger Bewegung befand, denn er nickte, kreiste damit und schüttelte ihn zugleich. Der Mann ging auf den noch freien Marmortisch in der Ecke zu, setzte sich dahinter und brüllte: „Whisky, ihr Kuhköpfe!“ Der schwarze Kellner stellte ihm eine volle Flasche und ein Glas auf den Tisch. Die Gentlemen an der Bar blickten fragend auf den roten Jonny in ihrer Mitte, der als größter Stänkerer und Revolver­held am Rio Grande galt. Der erinnerte sich seines legendären Rufes, ging der Saalmitte zu, stemmte die Hände in die Hüften und in Coltnähe und rief dem Fremden zu: „Hallo, Partner, Ihr Kopfwackeln macht mich nervös. Werdet Ihr nicht schwindelig davon?“

Der Mann kippte sein volles Glas Whisky. „Schwindelig werde ich nie“, antwortete er hierauf gelassen. „Manchmal sehe ich allerdings doppelt. Im Augenblick weiß ich nicht recht, ist es einer oder sind es zwei rote Hunde, die mich so idiotisch anglotzen.“

Ein Raunen lief durch den Saloon, der rote Jonny bekam ganz schmale Augen und fragte schleppend: „Wie meint Ihr das, Fremder? Ich sehe weit und breit keinen roten Hund.“ „Dann schau in den Spiegel, Du Schießbudenfigur“, rief der Mann zurück und sein Kopf rotierte noch heftiger.

„Zieh!“ brüllte Jonny. Schüsse peitschten – einer, zwei, drei, vier – doch sie kamen nur aus Jonnys Colt.

„Hahaha“ lachte der Fremde. „Wie das angenehm kitzelt.“ Die Männer im Saloon rissen die Augen auf, Jonny untersuchte fluchend seine Schießeisen. „Der Kerl ist bleidicht“, sagte er mit dumpfer Stimme. „Alle guten Geister.“

„Der Teufel soll Euch holen“, meldete sich eine neue Stimme und der Lauf eines Colts klopfte dem Jonny auf die Schulter. „Was soll der Zauber?“ Stimme und Colt, gehörten dem Sheriff.

„Der Gentleman dort hat mich provoziert“, antwortete Jonny mit gewis­sem Respekt im Ton. „Alle sind Zeugen.“ „Und Sie, Zugereister“, schrie der Sheriff den Fremden an, „was suchen Sie in Sorryville und warum fallen Sie nicht um, wenn ein Bürger unserer Stadt Sie totschießt?“

„Entschuldigen, Sir“, antwortete der Mann und stellte das Kopf­wackeln ein. „Aus Zeitmangel konnte ich meinen Werbevortrag nicht mehr bei Ihnen anmelden. Ich verkaufe nämlich Stanleys Panzerwesten, die federleicht und hautfreundlich zu tragen sind. Einführungspreis 600 Dollar, 100 Dollar Anzahlung, der Rest in beque­men Monatsraten, solange der Vorrat reicht. Ich habe nur noch 20 Stück in meinem Kombiwagen. Wer kauft, Gentlemen?“

Alle, auch der rote Jonny, hoben die Hand und der Sheriff sprach: „Okay, ich möchte ebenfalls eine. Aber warum, zum Teufel, haben Sie vorher so blödsinnig mit dem Kopf gewackelt?“

„Aus technischen Gründen, Sir“, erklärte der Fremde. „Denn erstens wird man dadurch auf mich aufmerksam, und zweitens schießt keiner gern auf ein derart bewegliches Ziel.“

Werbeanzeigen

Fundstücke: Unfallbericht eines Dachdeckers an seine Versicherung

Der folgende Brief eines Dachdeckers ist an seine Unfall Versicherung gerichtet und beschreibt die Folgen einer unüberlegten Handlung. Jetzt kommt zwar ein bisschen viel Text, aber wer das liest wird sicher amüsiert sein

 

In Beantwortung Ihrer Bitte um zusätzliche Informationen möchte ich Ihnen folgendes mitteilen:

Bei Frage 3 des Unfallberichtes habe ich „ungeplantes Handeln“ als Ursache meines Unfalls angegeben. Sie baten mich dies genauer zu beschreiben, was ich hiermit tun möchte.

 

Ich bin von Beruf Dachdecker. Am Tag des Unfalles arbeitete ich allein auf dem Dach eines sechsstöckigen Neubaus. Als ich mit meiner Arbeit fertig war, hatte ich etwa 250kg Ziegel übrig. Da ich sie nicht alle die Treppe hinunter tragen wollte, entschied ich mich dafür, sie in einer Tonne an der Außenseite des Gebäudes hinunterzulassen, die an einem Seil befestigt war, das über eine Rolle lief. Ich band also das Seil unten auf der Erde fest, ging auf das Dach und belud die Tonne. Dann ging ich wieder nach unten und band das Seil los. Ich hielt es fest, um die 250kg Ziegel langsam herunterzulassen.

Wenn Sie in Frage 11 des Unfallbericht-Formulars nachlesen, werden Sie feststellen, dass mein damaliges Körpergewicht etwa 75kg betrug. Da ich sehr überrascht war, als ich plötzlich den Boden unter den Füssen verlor und aufwärts gezogen wurde, verlor ich meine Geistesgegenwart und vergaß das Seil loszulassen. Ich glaube ich muss hier nicht sagen, dass ich mit immer größerer Geschwindigkeit am Gebäude hinauf gezogen wurde.

Etwa im Bereich des dritten Stockes traf ich die Tonne, die von oben kam. Dies erklärt den Schädelbruch und das gebrochene Schlüsselbein. Nur geringfügig abgebremst setzte ich meinen Aufstieg fort und hielt nicht an, bevor die Finger meiner Hand mit den vorderen Fingergliedern in die Rolle gequetscht waren. Glücklicherweise behielt ich meine Geistesgegenwart und hielt mich trotz des Schmerzes mit aller Kraft am Seil fest. Jedoch schlug die Tonne etwa zur gleichen Zeit unten auf dem Boden auf und der Boden sprang aus der Tonne heraus. Ohne das Gewicht der Ziegel wog die Tonne nun etwa 25kg. Ich beziehe mich an dieser Stelle wieder auf mein in Frage 11 angegebenes Körpergewicht von 75kg.

Wie Sie sich vorstellen können, begann ich nun einen schnellen Abstieg. In der Höhe des dritten Stockes traf ich wieder auf die von unten kommende Tonne. Daraus ergaben sich die beiden gebrochenen Knöchel und die Abschürfungen an meinen Beinen und meinem Unterleib. Der Zusammenstoß mit der Tonne verzögerte meinen Fall, so dass meine Verletzungen beim Aufprall auf dem Ziegelhaufen gering ausfielen und so brach ich mir nur drei Wirbel.

Ich bedaure es jedoch, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich, als ich da auf dem Ziegelhaufen lag und die leere Tonne sechs Stockwerke über mir sah, nochmals meine Geistesgegenwart verlor! Ich ließ das Seil los, wodurch die Tonne, diesmal ungebremst, herunter sauste, mir drei Zähne ausschlug und das Nasenbein brach.

Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen
Dachdeckermeister Ernst Schwindelfrei

Fundstücke: Der Chilitester

Hier eine lustige Geschichte von einem, der als Chilitester rekrutiert wurde — und erlebte, wie sich die Tore der Hölle öffneten.

Notizen eines unerfahrenen Chilitesters, …

… der seinen Urlaub in Texas verbrachte.

 

Kürzlich wurde mir die Ehre zuteil, als Ersatzpunktrichter bei einem Chili-Kochwettbewerb zu fungieren. Der ursprünglich vorgesehene Punktrichter war kurzfristig erkrankt und ich stand gerade in der Nähe des Punktrichtertisches herum und erkundigte mich nach dem Bierstand, als die Nachricht über seine Erkrankung eintraf.

Die beiden anderen Punktrichter (gebürtige Texaner) versicherten mir, dass die zu testenden Chilis nicht all zu scharf sein würden. Außerdem versprachen sie mir Freibier während des ganzen Wettbewerbes und ich dachte mir PRIMA, LOS GEHT`S!

Die Bewertungskarten des Wettbewerbs:

Chilitester — Wettbewerb
Chili Nr. 1 Volkers Maniac Mobster Monster Chili
Richter 1 Etwas zu tomatenbetont; amüsanter Kick.
Richter 2 Angenehmes, geschmeidiges Tomatenaroma. Sehr mild.
Ich Ach Du Scheiße! Was ist das für ein Zeug!? Damit kann man getrocknete Farbe von der Autobahn lösen!! Brauche zwei Bier um die Flammen zu löschen; ich hoffe, das war das übelste – die Texaner sind echt bescheuert!
Chili Nr. 2 Ottos Nachbrenner Chili
Richter 1 Rauchig, mit einer Note von Speck. Leichte Peperoni-Betonung.
Richter 2 Aufregendes Grill Aroma, braucht mehr Peperoni um ernst genommen zu werden.
Ich Schließt dieses Zeug vor den Kindern weg! Ich weiß nicht, was ich außer Schmerzen hier noch schmecken könnte. Zwei Leute wollten mir erste Hilfe leisten und schleppten mehr Bier ran, als sie meinen Gesichtsausdruck sahen.
Chili Nr. 3 Didis berühmtes „Brennt die Hütte nieder“ Chili
Richter 1 Exzellentes Feuerwehr-Chili! Mörder-Kick! Bräuchte mehr Bohnen.
Richter 2 Ein Bohnenloses Chili, ein wenig salzig, gute Dosierung roter Pfefferschoten.
Ich Ruft den Katastrophenschutz! Ich habe ein Uranleck gefunden. Meine Nase fühlt sich an, als hätte ich Rohrfrei geschnieft. Inzwischen weiß jeder was zu tun ist: Bringt mir mehr Bier, bevor ich zünde!!
Die Barfrau hat mir auf den Rücken geklopft; jetzt hängt mein Rückgrat vorne am Bauch. Langsam krieg ich eine Gesichtslähmung von dem ganzen Bier.
Chili Nr. 4 Lauras Black Magic
Richter 1 Chili mit schwarzen Bohnen und fast ungewürzt. Enttäuschend.
Richter 2 Ein Touch von Limonen in den schwarzen Bohnen. Gute Beilage für Fisch und andere milde Gerichte, eigentlich kein richtiges Chili.
Ich Irgendetwas ist über meine Zunge gekratzt, aber ich konnte nichts schmecken. Ist es möglich einen Tester auszubrennen?
Sally, die Barfrau stand hinter mir mit Biernachschub; die dumme Kuh fängt langsam an heiß auszusehen; genau wie dieser radioaktive Müll, den ich hier esse. Kann Chili ein Aphrodisiakum sein?
Chili Nr. 5 Lindas legaler Lippenentferner
Richter 1 Fleischiges, starkes Chili. Frisch gemahlener Cayennepfeffer fügt einen bemerkenswerten Kick hinzu. Sehr beeindruckend.
Richter 2 Hackfleischchili, könnte mehr Tomaten vertragen. Ich muss zugeben, dass der Cayennepfeffer einen bemerkenswerten Eindruck hinterlässt.
Ich Meine Ohren klingeln, Schweiß läuft in Bächen meine Stirn hinab und ich kann nicht mehr klar sehen. Musste furzen und 4 Leute hinter mir mussten vom Sanitäter behandelt werden.
Die Köchin schien beleidigt zu sein, als ich ihr erklärte, dass ich von Ihrem Zeug einen Hirnschaden erlitten habe. Sally goss Bier direkt aus dem Pitcher auf meine Zunge und stoppte so die Blutung. Ich frage mich, ob meine Lippen abgebrannt sind.
Chili Nr. 6 Veras extrem vegetarisches Chili
Richter 1 Dünnes aber dennoch kräftiges Chili. Gute Balance zwischen Chilis und anderen Gewürzen.
Richter 2 Das beste bis jetzt! Aggressiver Einsatz von Chilischoten, Zwiebeln und Knoblauch. Superb!
Ich Meine Därme sind nun ein gerades Rohr voller gasiger, schwefeliger Flammen. Ich habe mich vollgeschissen als ich furzen musste und ich fürchte es wird sich durch Hose und Stuhl fressen. Niemand traut sich mehr hinter mir zu stehen.
Kann meine Lippen nicht mehr fühlen. Ich habe das dringende Bedürfnis, mir den Hintern mit einem großen Schneeball abzuwischen.
Chili Nr. 7 Susannes „Schreiende-Sensation“ Chili
Richter 1 Ein moderates Chili mit zu großer Betonung auf Dosenpeperoni.
Richter 2 Ähm, schmeckt als hätte der Koch tatsächlich im letzten Moment eine Dose Peperoni reingeworfen.
Ich mache mir Sorgen um Richter Nr. 3. Er scheint sich ein wenig unwohl zu fühlen und flucht völlig unkontrolliert.
Ich Ihr könnt eine Granate in meinen Mund stecken und den Bolzen ziehen; ich würde nicht einen Mucks fühlen. Auf einem Auge sehe ich gar nichts mehr und die Welt hört sich wie ein großer rauschender Wasserfall an. Mein Hemd ist voller Chili, das mir unbemerkt aus dem Mund getropft ist und meine Hose ist voll mit Lavaartigem Schiss und passt damit hervorragend zu meinem Hemd.
Wenigstens werden sie bei der Autopsie schnell erfahren was mich getötet hat. Habe beschlossen das Atmen einzustellen, es ist einfach zu schmerzvoll. Was soll`s, ich bekomme eh keinen Sauerstoff mehr. Wenn ich Luft brauche, werde ich sie einfach durch das große Loch in meinem Bauch einsaugen.
Chili Nr. 8 Helenas „Heiliger Strohsack“ Chili
Richter 1 Ein perfekter Ausklang; ein ausgewogenes Chili, pikant und für jeden geeignet. Nicht zu wuchtig, aber würzig genug um auf seine Existenz hinzuweisen.
Richter 2 Dieser letzte Bewerber ist ein gut balanciertes Chili, weder zu mild noch zu scharf.
Bedauerlich nur, dass das meiste davon verloren ging, als Richter Nr. 3 ohnmächtig vom Stuhl fiel und dabei den Topf über sich ausleerte. Bin mir nicht sicher, ob er durchkommt. Armer Kerl; ich frage mich, wie er auf ein richtig scharfes Chilireagiert hätte.
Ich

 

Die vier Kerzen

weihnachtsgeschichte-kerzenVier Kerzen brannten am Adventskranz. Es war ganz still. So still, dass man hörte, wie die Kerzen zu reden begannen.Die erste Kerze seufzte und sagte: „Ich heiße Frieden. Mein Licht leuchtet, aber die Menschen halten keinen Frieden, sie wollen mich nicht.“ Ihr Licht wurde immer kleiner und erlosch schließlich ganz.

Die zweite Kerze flackerte und sagte: „Ich heiße Glauben. Aber ich bin überflüssig. Die Menschen wollen von Gott nichts wissen. Es hat keinen Sinn mehr, dass ich brenne.“ Ein Luftzug wehte durch den Raum und die zweite Kerze war aus.

Leise und sehr traurig meldete sich nun die dritte Kerze zu Wort: „Ich heiße Liebe. Ich habe keine Kraft mehr zu brennen. Die Menschen stellen mich an die Seite. Sie sehen nur sich selbst und nicht die anderen, die sie lieb haben sollen.“ Und mit einem letzten Aufflackern war auch dieses Licht ausgelöscht.

Da kam ein Kind in das Zimmer. Es schaute die Kerzen an und sagte: „ Aber, aber ihr sollt doch brennen und nicht aus sein!“ Und fast fing es das Weinen an. Da meldete sich auch die vierte Kerze zu Wort.Sie sagte: „Hab keine Angst! Solange ich brenne, können wir auch die anderen Kerzen wieder anzünden. Ich heiße Hoffnung!“

Mit einem Streichholz nahm das Kind, das Licht dieser Kerze und zündete die anderen Kerzen wieder an!

Autor unbekannt

Hilfe! Die Herdmanns kommen!

Hilfe! Die Herdmanns kommen!

Die Erzählerin dieser Geschichte ist ein Mädchen von circa 14 Jahren. Zum besseren Verständnis sei gesagt, dass diese Geschichte in Amerika spielt und in Amerika gibt es die Sonntagsschule. Die Sonntagsschule ist der kirchliche Unterricht, der halt am Sonntag morgen erteilt wird.

Die Herdmann-Kinder waren die schlimmsten Kinder aller Zeiten. Sie logen und klauten, rauchten Zigarren (sogar die Mädchen) und erzählten schmutzige Witze. Sie schlugen kleine Kinder, fluchten auf ihre Lehrer, missbrauchten den Namen des Herrn und setzten den alten, verfallenen Geräteschuppen von Fred Schumacher in Brand. Das Gerätehaus brannte nieder bis auf den Grund, und ich glaube, das überraschte die Herdmanns. Sie setzten ständig etwas in Brand, aber es war das erste Mal, dass sie es schafften, ein ganzes Gebäude niederzubrennen. Sie waren wirklich so rundherum schrecklich, daß man kaum glauben konnte, daß es sie wirklich gab: Ralf, Eugenia, Leopold, Klaus, Olli und Hedwig – sechs magere, dünnhaarige Kinder, die sich nur dadurch voneinander unterschieden, daß sie verschieden groß waren und an verschiedenen Stellen blaue Flecken aufwiesen, die sie sich gegenseitig beigebracht hatten. Wir waren überzeugt, daß sie direkt auf die Hölle zusteuerten, mit dem Umweg über die Staatliche Besserungsanstalt – bis sie sich mit meiner Mutter, der Kirche und unserem Krippenspiel einließen. „Hilfe! Die Herdmanns kommen!“ weiterlesen

Jack O´Lantern

lanternSo sicher, wie in jedem Jahr das Christkind erscheint, der Osterhase im Frühling durch die Gärten hoppelt, genau so sicher und zuverlässig  wurde ich ab ca. Mitte Oktober durch schrille, wütende Schreie meiner Frau Lynn aufgeschreckt. Gott, dachte ich. Entsetzt sprang ich auf, eilte ins Wohnzimmer und fand sie hektisch mit den Armen rudernd vor dem Fernseher sitzend vor. Mit Mühe verkniff ich mir ein Lachen, als ich den Bericht sah, der gerade dort zu sehen war. In dem ging es, wie oft im Oktober, um Halloween.

DIE LERNEN´s EINFACH NICHT!„, rief sie empört. Ach ja, ich konnte mir schon denken, was jetzt auf die armen Redakteure zu kam.

Die Geschichte von Jack’o Lantern

Das ist die Halloween-Geschichte von Jack o’ Lantern (Jack mit der Laterne): Vor langer Zeit lebte in Irland ein Hufschmied. Er hieß Jack, war ein schlimmer Trunkenbold und hatte im Leben auch so manche andere Betrügerei begangen. Wie jeden Abend saß Jack auch am Abend des 31. Oktober an der Theke und trank viel zu viel, als plötzlich der Teufel neben ihm stand, um ihn zu holen. Jack war wie versteinert vor Schreck, als ihm die rettende Idee kam, sich einen letzten Drink vom Teufel spendieren zu lassen. Der hatte nichts dagegen,  diesen Wunsch zu erfüllen, stellte aber fest, dass er keine Münze zur Hand hatte. So verwandelte er sich kurzerhand selbst in eine. Jack reagierte schnell, stopfte das Geldstück in seine Geldbörse, in der sich auch ein kleines Kreuz befand, und das hielt den Teufel dort gefangen. Er ließ den Teufel erst frei, nachdem der versprochen hatte, Jack ein ganzes Jahr lang in Ruhe zu lassen.

Ein Jahr später, wieder am Abend des 31. Oktober, erschien der Teufel erneut um Jack abzuholen. Abermals musste er sich ganz schnell etwas einfallen lassen und bat den Teufel, ihm einen letzten Apfel von einem nahestehenden Apfelbaum zu pflücken. Nun gut, der Teufel kletterte auf den Baum und Jack ritzte blitzschnell ein Kreuz in die Rinde des Stammes. Der Teufel saß auf dem Baum gefangen. Und Jack war hartnäckig. Der Teufel musste ihm versprechen, Jacks Seele bis in alle Ewigkeit in Ruhe zu lassen.

Die Jahre vergingen, Jack wurde ein alter Mann und als er starb, bat er im Himmel um Einlass. Da er in seinem Leben nicht gerade ein braver Mann gewesen war, wurde er abgewiesen. Er wanderte zum Teufel. Auch der wollte seine Seele nicht, denn er hatte vor Jahren sein Ehrenwort gegeben. Der Jammer war groß –  wo sollte Jack nur hin? Der Weg durch die ewige Dunkelheit war finster, einsam und eisekalt. Ein klein wenig Mitleid hatte der Teufel nun doch und schenkte Jack eine glühende Kohle, die niemals erlosch. Jack steckte die Kohle in eine ausgehöhlte Rübe, die er als Wegzehrung mitgenommen hatte. Seit dieser Zeit wandert der unglückselige Jack o’ Lantern (symbolisch für alle ruhelosen Seelen) mit seiner Rübenlaterne durch die Finsternis. So erzählt es die Legende.

Viele Jahre später, vor ungefähr 150 Jahren, gab es in Irland eine große Hungersnot. Tausende von Menschen wanderten nach Nordamerika aus. Auch dort feierten sie, wie sie es immer getan hatten, das Halloween-Fest. So kam das Fest nach Amerika. In der neuen Heimat gab es nicht so viele Rüben, dafür aber prächtige Kürbisse, die man viel besser aushöhlen und mit witzigen Fratzen verzieren kann. Inzwischen wird Halloween an vielen Orten auf der ganzen Welt gefeiert, auch deshalb, weil ein wenig Gruseln einfach Spaß macht!

Nun weißt du, dass die geschnitzten Kürbisse, die Ende Oktober überall zu sehen sind, eigentlich die leuchtende Rübe von Jack o’ Lantern darstellen sollen, der vielleicht noch immer auf seinem rastlosen Weg daherwandert.

So, oder ähnlich, stand es in den E-Mails, die meine Lynn damals an die verschiedenen Redaktionen sandte.
Und auch heute noch, fast 16 Jahre nach ihrem Tod, muss ich mich beherrschen, es ihr nicht gleichzutun, wenn ich wieder einmal in einer Sendung höre, „das aus Amerika stammende Fest Halloween…“
In einigen Tagen ist es wieder soweit: Kleine Gespenster huschen (mehr oder weniger) leise durch unsere Strassen und Gassen und erpressen mit drohenden Rufen „Süßes oder Saures“ Unmengen an Süßigkeiten, bevor sie wieder kichernd im Dunkel verschwinden.
Meine Bitte an alle Erwachsenen: Schaut in die lachenden Gesichter und erfreut Euch an dem Spaß, den die Kinder (hoffentlich) haben werden. Und glaubt mir: Auch Euch wird das Herz warm werden. Versprochen!
Es sei denn, Ihr seid Ebenezer Scrooge, aber dann ist sowieso alles zu spät für Euch.
Dankeschön fürs Lesen und…

Happy Halloween!

Eine irische Geschichte (Epilog)

Endlich wieder zu Hause

Immer mehr beschleunigte Sean seine Schritte, und als er in der Ferne sein kleines Häuschen erblickte stieß er einen lauten Freudenschrei aus. Aus den Büschen neben dem Weg stoben erschreckt einige Vögel empor und flogen unter protestierenden Rufen davon, um sich ein ruhigeres Plätzchen zu suchen. Irgendetwas kam Sean merkwürdig vor und er zermarterte sein Hirn, was das wohl sein könne. An dem kleinen, hölzernen Gartentor lehnte ein altes schwarzes Fahrrad, das auch schon bessere Zeiten gesehen hat.

„Ach da schau her“, sinnierte Sean, „was sucht denn der alte Gebetsmühlendreher schon wieder hier? Kaum ist man mal nicht zu Hause… Na, dem werd´ ich was erzählen!“

hausRasch hatte er sein Grundstück erreicht und wollte gerade sein Häuschen betreten, als er überrascht einen Schritt zurück trat. Jetzt erst fiel ihm auf, wie sauber die Fassade war, und auch das Dach… wo waren die Löcher? Dick mit frischem Stroh bedeckt, sah es im Sonnenlicht aus, als würde es ihm schelmisch zublinzeln. Das Häuschen frisch gestrichen… Bevor er ins Haus ging, betrat er noch rasch den Stall, um nach seiner geliebten Kuh zu sehen. Auch hier war alles sauber, es roch nach frischer Farbe, sauberem Stroh und frischem Heu.

„Potzblitz, bei allen Heiligen! Wie lange war ich denn fort?“, grübelte er und kratzte sich ausgiebig den Kopf. Plötzlich fiel ihm der Pfarrer ein und er eilte ins Haus.

„Ich schwöre, Hochwürden! Ich weiß nicht was alles geschehen ist!“ Mary wischte die Hände an ihrer sauberen Schürze ab und übersah geflissentlich die leere Teetasse, welche der Pfarrer ihr auffordernd hinschob.

Sean stampfte laut mit seinem Knotenstock auf die hölzernen Dielen. Erschrocken starrte der Pfarrer zu ihm hin.

„Was geht hier ab, zum Teufel“, rief Sean dann laut und fuhr fort: „Glaubt ihr, weil ich nicht zu Hause bin, könnt ihr mein Weib drangsalieren und einschüchtern? Versucht es doch einmal mit einem, der euch gewachsen ist, Hochwürden!“

„Sean!“, rief Mary erleichtert, als sie ihren Mann erblickte. „Stell dir das mal vor, der behauptet, wir stecken mit bösen Geistern unter einer Decke! Nur weil unser Häuschen auf einmal so schön geworden ist!“

Sean schüttelte den Kopf. „Nein, geliebtes Weib! Die einzigen, die hier unter einer Decke stecken, sind wir beide, des Nachts, oder am Sonntag in der Früh…“ Er lachte.

Mary bekam einen roten Kopf und das sah äußerst entzückend aus. „Sean, was redest du denn da…“ Der deutete nun auf den Pfarrer und legte ihm nahe, das Haus zu verlassen. „Und dich, du heuchlerischer Klöppelschwinger, möchte ich hier nie wieder sehen. Ansonsten zeige ich dir mal, was der heilige Patrick mit seinem Knotenstock alles konnte!“

Der Pfarrer wollte entrüstet antworten, doch Sean deutete nur zu Tür und hob den Stock. Eilig entfernte sich der Schwarzkittel, doch nicht, ohne aus sicherer Entfernung noch drohend zu rufen: „Dafür kommst du in die Hölle, Sean!“

Der legte jedoch, ohne zu antworten, seinen Arm fest um Mary und zog sie sacht ins Haus. Morgen, nahm er sich vor, morgen werde ich ihr alles erzählen. 

„Darling, komm, wir wollen doch unsere Decke nicht warten lassen?“

Aber das, das ist eine andere Geschichte!

Eine irische Geschichte (VII)

Trotz einer unruhigen Nacht voll wirrer Träume erwachte Sean bei Aufgang der Sonne überraschend ausgeruht und voller Tatendrang. Von dem flackernden Feuer drang der Geruch frischen Tees zu ihm herüber und weckte seinen Tatendrang.

800px_COLOURBOX3091588Foldros studierte aufmerksam eine alte Karte. „Betest du, mein Freund?“

„Ich versuche es“, gab Sean zögernd zu.

„Und? Schon Erfolg gehabt?“ Foldros Frage klang beiläufig. „Was ich meine ist – sichtbaren Erfolg, sofort und auf der Stelle. Fuhr ein Blitz auf die Erde hinab und erklang eine Stimme dir kund zu tun, dass dein Wunsch in Erfüllung ging oder zumindest gerade bearbeitet wird?“

Sean schlürfte an seinem Tee und scharrte mit dem Fuß den weichen Waldboden auf. „Na ja, so direkt natürlich nicht“, gab er dann leise zu. „Was bezweckst du mit deinen Fragen, du hast doch irgendwelche Gedanken…“

Helfen Gebete wirklich?

„Ich will versuchen, es dir zu erklären, Sean.“ Er deutete auf einen alten Stamm neben sich und Sean nahm gehorsam Platz.

„Nun, was geschieht eigentlich beim Beten“, begann er bedächtig und zündete sich mit einem Kienspan seine Pfeife an. Woher er die auf einmal hatte? Sean wunderte sich über nichts mehr.

„Ich beobachte ja dich, dein Weib Mary und auch dein Elend seit langer Zeit. Und ich vernehme immer deine Gebete. Und wen hast du schon alles angerufen und um Hilfe gebeten, hm?“ Er lachte leise, um dann fortzufahren: „So richtig geholfen hat es dir bisher nicht wirklich, oder?“

„Doch!“ widersprach Sean, magere-kuh„Meine einzige Kuh, „Molly“, wurde einmal krank, und ich habe lange gebetet, und auf einmal war sie wieder gesund!“

Foldros unterdrückte ein Lachen. „Das ist wirklich erstaunlich! In ganz Irland beten täglich hunderte Menschen und mehr um ihre Freiheit und das Beenden des Blutvergießens durch die Engländer – und nichts geschieht. Und dann kommt ein kleiner Sean, schickt ein paar Gebete nach oben und schwupps, schon ist die arme Molly wieder gesund…“

„Ja, und weiter? Such du deinen schönen Schatz mal weiter… Ich will wieder heim zu meiner lieben Mary…“

Überrascht richtete Foldros sich auf. „Du willst wirklich auf das Gold und alle anderen Schätze verzichten?“

„Ja“, nickte Sean verlegen, „weil ich jetzt weiß, wo mein richtiger Reichtum zu finden ist: Zu Hause, in meiner kärglichen Hütte, bei meiner -manchmal- etwas störrischen Molly Malone und meiner geduldigen und mich wirklich liebenden Frau Mary!“ Er nickte nochmal, wie zur Bestätigung mit dem Kopf. „Ja, ich denke, unsere kleine Reise hat mir die Augen geöffnet.“

„Ich verstehe und bewundere dich, mein Freund“, erwiderte Foldros ernst, um dann fortzufahren: „Und ich werde dafür Sorge tragen, dass du deine Belohnung erhältst. In deinem kleinen Garten wächst doch dieser Schwarzdornbusch…“

„Ja, ich weiß. Und Molly Malone weiß es auch, das dumme Tier zersticht sich nämlich immer die Nase daran. Obwohl ich immer sage, sie soll sich fernhalten. Nicht dass sie noch die Elfen stört, die darin wohnen…“

Leprechaun„Richtig! Aber darin wohnt auch der Kobold Leprechaun. Der ist ziemlich geizig und zählt alleweil sein Gold. Außerdem ist er ja – wie du sicher weißt – ein begnadeter Schuhmacher. Nun, ich werde ihm auftragen für dich und dein Weib etwas Gold zu hinterlegen… Und gegen neues Schuhwerk hättest du sicher auch nichts einzuwenden.“

Sean wusste gar nicht, wie er dem Hochkönig aller Elfen danken sollte, aber der winkte nur ab. „Mach einfach so weiter wie bisher. Achte die Menschen und uns Geister, dann ist es schon Dank genug, hörst du?“

Plötzlich war er wie vom Erdboden verschluckt und Sean machte sich auf den Heimweg. In seinem Kopf spukte ein altes Rebellenlied und er dachte wehmütig an seine toten Freunde, die ihr Leben für Irlands Freiheit gegeben hatten. Leise sang er es vor sich hin.

Go on home British soldiers go on home,
Have you got no fucking homes of your own?
For eight hundred years we’ve fought you without fear
And we will fight you for eight hundred more.
If you stay British soldiers, if you stay
You’ll never ever beat the IRA
The fourteen men in Derry are the last that you will bury
So take a tip and leave us while you may.

(Wird fortgesetzt)

 

 

 

Eine irische Geschichte (VI)

Im Grafenforst

Am nächsten Morgen, bereits ehe die Sonne aufging, hatte Sean sich auf den Weg gemacht. Lange war er gewandert, leicht ging sein Schritt. Die Sonne stieg höher und wärmte das grüne Land mit seinen saftigen Wiesen, den grünen Sträuchern und der Vielfalt an bunten Blumen, großer und kleiner.
Fasziniert schaute er einem Sperber nach, der hoch am blauen Firmament seine Runden drehte, inbrünstig wünschte er, es ihm gleichtun zu können, während er leise ein irisches Volkslied vor sich hinbrummte.
In Dublins fair City, where the Girls are so pretty... Es war ein sentimentales Lied über eine gewisse Molly Malone und er dachte dabei an seine Kuh zu Hause. Hatte sein Weib sie auch auf die karge Weide geführt? Er konnte den Gedanken nicht ertragen, sie in dem dumpfen Stall zu wissen, wo doch heraussen die Sonne so wundervoll schien und er wußte, wie sehr sie es genoß, im warmen Sonnenschein das Gras zu rupfen.
„Welch ein Unfug“, hing er seinen Gedanken nach. Dies alles kam ihm hier, in der warmen Sonne, unter dem munteren Gesang der Vogelwelt, so abstrus vor, daß er am liebsten wieder umgekehrt wäre. Einzig der Gedanke daran, wie sehr in seine Kumpel verspotten würden, kehrte er unverrichteter Dinge wieder heim, hielt ihn davon ab.
Er beschloss, eine kleine Rast einzulegen. An einem schattigen Plätzchen legte er seinen Rucksack ab, zog einen Kanten Brot daraus hervor und knabberte lustlos daran herum. Seinen Durst stillte er an einem plätschernden Bächlein. Später schmauchte er noch ein Pfeifchen Tabak und machte sich, nun frisch gestärkt und erholt, wieder auf den Weg. In der Ferne hob sich im bläulichen Dunst die Bergkette ab, welche er hoffte, noch vor Anbruch der Dunkelheit zu erreichen.
Als er den Wald erreichte, war es bereits später Nachmittag, die Sonne stand weit im Westen und hier, zwischen den hohen Bäumen, wurde es schon merklich frischer. Er zog seinen Rock vor der Brust zusammen. „Verdammt einsam, so ganz alleine“, dachte er und wünschte sich wenigstens einen Hund dabei zu haben, mit dem er ein wenig plaudern könnte. „Hätte Molly mitnehmen sollen“, lachte er freudlos auf und spann den Gedanken weiter. Mit Molly an seiner Seite wäre er zwar nicht mehr so gottverlassen einsam gewesen, jedoch bezweifelte er, daß er mit ihr auch nur annähernd so weit gekommen wäre. „Das verfressene Biest hätte vom Cottage bis hierher eine Spur gezogen““ grinste er. „„Kahlgefressen und verkackt…“ Der kurze Schrei eines Nachtvogels ließ ihn zusammenfahren und er nutzte das spärliche Licht, um sich aus Laub und Moos ein einfaches Nachtlager herzurichten. Leise seufzend streckte er sich darauf aus. Um die Einsamkeit ein wenig zu lindern, begann er, auf seinem Pfeiflein das Lied von Molly Malone zu spielen.

In Dublin’s fair city
Where the girls are so prettytwzxl1

I first set my eyes on sweet Molly Malone
As she wheeled her wheelbarrow
Through the streets broad and narrow
Crying „cockles and mussels, alive, alive, oh“

Alive, alive, oh
Alive, alive, oh
Crying „cockles and mussels, alive, alive, oh“
She was a fishmonger
And sure, t’was no wonder
For so were her mother and father before
And they wheeled their barrow
Through the streets broad and narrow
Crying „cockles and mussels, alive, alive, oh“
Alive, alive, oh
Alive, alive, oh
Crying „cockles and mussels, alive, alive, oh“
She died of a fever
And sure, so one could save her
And that
„Du solltest etwas schlafen, mein Freund“, erklang eine Stimme hinter ihm aus dem Dunkel. Mit einem Ruck fuhr Sean hoch, nun wieder mit einmal hellwach.
 „Sag einmal“, schimpfte er, „kannst du dich nicht normal bewegen, du Zwerg? Oder willst du mich töten? Nur zu, dann sage meinem Weib aber noch, dass ich sie wirklich geliebt habe… und tu mir bitte nicht weh, ja?“
„Ach Sean…“ , tadelte Foldros leise. „Du hast dich immer noch nicht daran gewöhnt, hm?“

„Woran bitte sollte ich mich gewöhnt haben?“

„Nun… an mich, zum Beispiel. Ich bin da, dich zu beschützen. Und nun… leg dich zur Ruhe. Morgen reden wir weiter. Dann werde ich dir alles erklären.“

(Wird fortgesetzt)

Eine irische Geschichte (V)

images (1)„Sean?“ Verschlafen trat Mary zu ihrem Mann. „Was tust du hier? Du solltest doch schlafen!“
„Ich habe dich geweckt… das… das tut mir leid…“, stammelte Sean verwirrt und versuchte, seinen Whiskeybecher zu verbergen.
„Du brauchst doch vor mir nicht zu verheimlichen, wenn du Lust auf einen Drink hast“, lächelte Mary, „ich hörte etwas rumoren und dachte: Schau einfach mal nach…“ Sie griff nach seinem Glas und trank einen kleinen Schluck.
„Brrr…“, schüttelte sie sich und schob Sean das Glas über den Tisch, „um diese Zeit schon Whiskey…“
Hastig griff Sean nach dem Glas und leerte es in einem Zug. „Ich konnte einfach nicht schlafen“.
„Du hast ein Problem, nicht wahr?“
„Nein, ich meine… nicht direkt.“ Unsicher schlurfte er zum Schrank und füllte seinen Becher noch einmal auf.
„Geh wieder schlafen“, murmelte er und ließ die braune Flüssigkeit glückend ins Glas laufen, „Ich werde noch einen letzten Drink zu mir nehmen und… ich werde dann auch wieder zu Bett gehen.“
Mary schüttelte verständnislos den Kopf. „Sean!“, rief sie und deutete auf das flackernde Torffeuer im Kamin.
„Mir war kalt“, murrte Sean, „und da habe ich mir gedacht…“
„Du hast also den Kamin einfach mal so angezündet, nicht?“ Mary deutete mit dem Kopf auf den leeren Weidenkorb, in welchem die Torfscheite aufgehoben wurden. „Und darin ist nichts, Sean! Du hast dir also die Mühe gemacht hinauszugehen, den Torf für ein einziges Feuer hereinzuholen, nur weil dir beim Trinken kalt geworden ist?“ Sie schüttelte verständnislos den Kopf.
„Warum gehst du nicht einfach wieder schlafen und läßt mich in Ruhe meinen Whiskey trinken?“ Ergeben zuckte Mary mit den Schultern und wollte die Stube verlassen.
„Es tut mir leid, Darling“, murmelte Sean undeutlich, „aber ich kann es dir einfach nicht erklären.“ Er stockte einen Augenblick und fuhr fort: „Ich kann es dir jetzt, zu diesem Zeitpunkt noch nicht erzählen.“
Mary drehte sich noch einmal um, strich ihm über den Kopf und sagte leise: „Bitte bleibe nicht mehr so lange auf.“
„Nein“, flüsterte Sean. „Gehe nur schlafen…“

dreiwinde
„Jetzt wird mir einiges klar!“ Mary schaute Sean forschend an, als der seine Erzählung unterbrach. „Das Feuer im Kamin… es brennt seit einiger Zeit ununterbrochen. Ich wollte auch schon mit dir darüber reden, welch eine Verschwendung! Schließlich braucht der Torf nicht auch noch in der Nacht zu brennen, wenn wir schlafen, oder?“
Bedeutungsvoll schaute sie auf den leeren Weidenkorb, der schon länger unbenutzt neben dem Kamin stand.
„Ist mir irgendwie gar nicht aufgefallen, dass da schon eine ganze Zeitlang außer ein paar Krumen nichts mehr drin ist.“ Sie stand auf, drehte den Korb auf den Kopf und schüttelte ihn. „Siehst du?“, fragte sie, „nichts drin außer etwas Dreck!“
Sean lächelte geduldig. „Ja, Liebling, ich weiß.“
„Ach, Sean“, sagte sie leise und ließ den Korb achtlos zu Boden fallen, „du hättest deinem Freund an Stelle des Korbes unsere Kartoffelkiste zeigen sollen.“ Sie überlegte kurz. „Oder unseren leeren Geldbeutel…“, fügte sie schelmisch lächelnd hinzu.
„Du nimmst mich nicht ernst, nicht?“ Seans Stimme klang aggressiv. „Du denkst, dass ich nur schlechte Träume hatte, und jetzt irgendwie verwirrt bin und nicht mehr weiß, was ich sage!“ Sean atmete tief durch.
„Sean!“, rief Mary bestürzt. „Wer sagt denn so was! Natürlich glaube ich dir!“
„Ich würde es dir auch nicht verdenken, tätest du es nicht“, seufzte Sean leise und zog Mary auf den Hocker neben sich. Er packte ihre Schultern und drückte sie so fest, dass Mary leise aufschrie. „Sean, zum Teufel! Du tust mir weh!“
Er lockerte seinen Griff etwas, hielt sie aber immer noch an den Schultern fest und schaute sie mit einem Blick an, der sie schaudern ließ.
Das war nicht mehr der Sean, den sie all die Zeit geliebt hatte, in seinem Blick erkannte sie etwas, was sie an die Zeit seiner Kämpfe gegen die Engländer erinnerte. Diese Besessenheit… sie konnte sich noch gut erinnern, als er seine toten Kameraden im Hauptpostamt von Dublin verabschiedete.
Den gleichen Blick hatte er, als er durch die ausgebrannte Schalterhalle schritt. Selbst schwer verwundet, schleppte er sich mit letzter Kraft durch die Reihen verbrannter Leichen, drückte hier eine Hand, strich dort über einen Kopf und drückte vielen seiner Schicksalsgefährten die Augen zu. Dabei wimmerte und schluchzte er wie ein verwundetes Tier, immer wieder schreiend:
Ich werde euch rächen, Kameraden! Das sollen diese Engländer niemals vergessen!
Danach war er besinnungslos zusammengebrochen.
„Weißt du, Mary“, er starrte seine Frau wie besessen an, „weißt du was geschieht, wenn dieser Foldros mich zu seinen Schätzen führt?“
Mary wand sich unter seinem Griff, als er sie sachte schüttelte. „Sean“, flüsterte sie unbehaglich, „ich bin mir nicht sicher…“
So wie er sie jetzt anschaute war sie sich sicher, dass er den Verstand verloren hatte. Die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, kalter Schweiß bedeckte seine Stirn. Seine Stimme begann zu zittern, als er flüsternd sprach: „Wir werden Gold haben, soviel Gold, dass wir eine ganze Armee aufstellen und mit den besten Waffen und Geräten ausrüsten können!“
Sein Atem ging schwer. Wieder schüttelte er sie und sprach beschwörend auf sie ein.
„Stell dir einmal vor, wir werden es diesen verfluchten Engländern zeigen, wir werden sie diesmal besiegen! Irland wird eine freie Republik!“
„Bitte Sean, bitte laß mich los!
Der Besucher kehrt zurück
„Ja, Sean, laß sie doch los, bevor du ihr noch weh tust!“
Erschreckt schrie Mary auf.
„Wer bist du?“ flüsterte sie und umklammerte Seans Hand.
Foldros deutete eine leichte Verbeugung an. „Gestatten, dass ich mich vorstelle: Foldros, Hochkönig aller Elfen!“
Verwirrt starrte Sean seinen Freund an. Nun stand der doch tatsächlich in seiner Küche und zeigte sich seiner Frau. Noch während er krampfhaft nach Worten suchte, rückte Mary einen Stuhl zurecht und deutete mit einer knappen Handbewegung darauf.
„Bitte, Herr König, setzt Euch doch!“
Foldros folgte amüsiert lächelnd der Einladung. „Ah, wie ich sehe, seid Ihr gar nicht so überrascht mich zu sehen, wie ich erwartete.“
Er zog seinen Umhang zurecht und machte es sich bequem.
„Das läßt darauf schließen, dass Euer Mann schon über mich geredet hat. Nun, das vereinfacht vieles.“
Sean, der sich derweil wieder gefangen hatte, schaute Foldros befreit an.
„Oh Foldros, mein lieber, guter Freund Foldros“, er schluckte und rang nach Worten, „nun wirst du gewiß meiner Gemahlin alles beglaubigen können, was ich ihr erzählte, ich denke, sie nimmt mich seit der Zeit nicht mehr für ganz voll…“
„Ach Sean“, murmelte Mary und strich ihm über den Kopf. Sie war verstört und versuchte, den Besuch Foldros auf irgendeine Weise einzuordnen.
Der hob kurz die Hand.
„Ich denke, du solltest etwas mehr Vertrauen zu deinem Weibe haben.“
„Siehst du, Sean“, Marys Stimme klang leicht triumphierend, „endlich einmal jemand, der mich versteht! Dein Freund Hochkönig scheint ein weiser Mann zu sein!“
Der lächelte nur still, zog statt einer Antwort ein vergilbtes Stück Papier unter seinem Poncho hervor und reichte es Sean mit den Worten:
„Dies, mein lieber Freund, ist eine Karte des Grafenforstes.“
Überrascht schüttelte Sean den Kopf. „Der Grafenforst? Den gibt es doch nur in alten Sagen… oder?“
„Mein lieber Mann“, schaltete sich Mary ein, „du glaubst wohl immer noch, dass Sagen und Märchen das gleiche sind, was? Aber schon meine Urgroßeltern sagten: In jeder Sage steckt ein wahrer Kern!“
Kämpferisch schaute sie ihren Mann an. „Du hast dem Herrn König schon einmal nicht geglaubt, dann hat es dir so leid getan, dass du die ganze Nacht Whiskey gesoffen hast und nun vertraust du ihm schon wieder nicht? Sean, du bist ein Tor!“
„Ich habe doch nicht gesagt, dass ich ihm nicht vertraue“, rechtfertigte sich Sean leise. „Ich wollte damit doch nur sagen, dass ich zwar schon von dem Grafenforst gehört habe, aber überhaupt keine Ahnung habe, wo der sein soll.“
„Ja, ja“, spöttelte Mary und strich ihm liebevoll über die Hand, „rede dich nur wieder heraus…“
Foldros, der die ganze Zeit voller Geduld zugehört hatte, unterbrach die Beiden.
„Du wirst dich bei Sonnenaufgang auf den Weg machen“, wandte er sich ohne viel Federlesens an Sean. „Dein Weib soll dir Proviant für drei Tage herrichten.“ Er erhob sich geschmeidig und lief in der kleinen Küche langsam auf und ab, dieweil er Sean weitere Anweisungen gab.
„Du wirst den ganzen Tag gen Westen gehen, in Richtung der Glendown-Berge. Wenn du dich nicht aufhalten läßt und auch nicht all zu oft rastest, solltest du die Berge kurz vor Sonnenuntergang erreicht haben.“
Er blieb kurz stehen und schaute Sean ernst an. „Bedenke: Es ist wichtig, dass du die Berge vor Sonnenuntergang erreichst!“
Foldros nahm seine Wanderung wieder auf. „Dort angekommen suchst du nach einem Grab, einem Steingrab aus keltischer Zeit. Es ist möglicherweise nicht leicht zu finden, es wird überwachsen sein. Viel Moos, Sträucher und hohes Gras werden es wie einen Teil der Landschaft aussehen lassen.“ Er lächelte und schaute einen Augenblick wehmütig aus dem kleinen Fenster ins Dunkel hinaus.
„Die Zeit“, raunte er mit gedämpfter Stimme, als spräche er zu sich selbst, „die Zeit… Jahrhunderte, Jahrtausende… Sekunden? Minuten? Das Grab, Sean! Du mußt das Grab finden, hörst du?“
Er hatte sich wieder Sean zugewandt und schaute ihn beschwörend an. „Du mußt mir versprechen, dass du nicht aufgibst, Sean! Suche, bis du das Grab gefunden hast!“
„Ja, natürlich, ich werde suchen, bis ich dieses verf.. ich meine… ich suche so lange die Gruft, bis ich es aufgespürt habe!“
Atemlos und still hatte Mary zugehört, nun hielt sie es nicht mehr länger aus.
„Und in diesem Grab ist der Schatz? Huh… wie gruselig! Ist das nicht gefährlich?“ platzte es aus ihr heraus.
„WEIB!“ rief Sean schroff und hieb mit der Hand auf den Tisch. „Warum packst du nicht einfach meinen Proviantbeutel zusammen und läßt uns zufrieden!“
„Entschuldige bitte“, erwiderte Mary betroffen und erhob sich, „ich wollte…“
„Ja, ich weiß, ich wollte dich auch nicht anherrschen, Liebling. Bin ein bißchen aufgewühlt…“
Nachdem Mary den Raum verlassen hatte, nahm Foldros ihren Platz am Tisch ein und legte Sean die Hand auf die Schulter.
„In dieser Grabstätte befindet sich natürlich kein Schatz“, erklärte er ruhig, „Hm… jedenfalls nichts, was für euch Menschen bemerkenswert sein könnte. Es ist für das Kleine Volk ein heiliger Ort, aber das zu erklären… später, mein Freund, viel später!“
Geraume Zeit schwieg er nun und fuhr mit den kleinen Händen ruhelos über die Tischplatte.

(Wird fortgesetzt)