Mark Twain | Die Geschichte eines Invaliden

Die Geschichte eines Invaliden

Übersetzer: ralf.bier@t-online.de

Ich sehe aus, als wäre ich sechzig und seit langem unglücklich verheiratet. Mein Aussehen ist aber nur auf meine miserable Gesundheit und eine traumatische Erfahrung zurückzuführen, schließlich bin ich Junggeselle und erst einundvierzig. Ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst, deshalb wird es Ihnen sehr schwer fallen, mir zu glauben, dass ich vor knapp zwei Jahren ein gesunder und rüstiger Mann war, ein Mann aus Eisen, ein richtiger Athlet! Das ist die Wahrheit. Noch merkwürdiger als mein Zustand ist, wie ich meine Gesundheit verlor: Ich verlor sie beim Aufpassen auf eine Kiste voller Gewehre während einer Zugfahrt über dreihundert Kilometer in einer Winternacht. Das ist die reine Wahrheit und ich werde es Ihnen erzählen.

Weiterlesen „Mark Twain | Die Geschichte eines Invaliden“

Erich Kurt Mühsam | Appell an den Geist. Texte und Geschichten | Die Boheme

Die Boheme

Aus: Berliner Illustrierte Zeitung, 1903

Boheme! – Was denkt sich der brave Mann am häuslichen Herd und seine noch bravere Gattin nicht alles bei diesem mystisch-abenteuerlichen Wort: Ein Maleratelier mit primitiven Holzmöbeln, ein halbes Dutzend Mal-Stellagen, an der Wand prickelnde Aktbilder, verschmierte Paletten, genialisch wüst gruppierte Gipsmasken. Der Inhaber sitzt, eine Fiedel in der Hand, auf der Ecke des Tisches, um ihn herum eine Anzahl dekolletierter Modelle, jedes ein Sektglas in der Hand, und eine Batterie »Henckell trocken« schußbereit auf dem Fußboden.

Nein, meine Herrschaften, so sieht Boheme nicht aus – aber anders. Überhaupt – suchen Sie sich mal erst in Berlin echte Bohemiens. Ach, du große Güte! Davon gibt’s verdammt wenige.

Weiterlesen „Erich Kurt Mühsam | Appell an den Geist. Texte und Geschichten | Die Boheme“

Mark Twain | Die Schrecken der deutschen Sprache

In dieser Rede, die Mark Twain am 21. November 1897 vor dem Presse-Club in Wien gehalten hat, macht Mark Twain einige ironische Vorschläge zur »Verbesserung und Vereinfachung« der deutschen Sprache. Er macht sich auch ein wenig über die deutsche Sprache lustig, aber man merkt: er liebt sie (und er spricht und schreibt hervorragend!).

Es hat mich tief gerührt, meine Herren, hier so gastfreundlich empfangen zu werden, von Kollegen aus meinem eigenen Berufe, in diesem von meiner eigenen Heimat so weit entferntem Lande. Mein Herz ist voller Dankbarkeit, aber meine Armut an deutschen Worten zwingt mich zu großer Sparsamkeit des Ausdruckes. Entschuldigen Sie, meine Herren, daß ich verlese, was ich Ihnen sagen will. (Er las aber nicht, Anm. d. Ref.) Die deutsche Sprache spreche ich nicht gut, doch haben mehrere Sachverständige mir versichert, daß ich sie schreibe wie ein Engel. Mag sein – ich weiß nicht. Habe bis jetzt keine Bekanntschaften mit Engeln gehabt. Das kommt später – wenn’s dem lieben Gott gefällt – es hat keine Eile.

Weiterlesen „Mark Twain | Die Schrecken der deutschen Sprache“

Kurt Tucholsky | 16 Satiren | [9/16]

Nie allein

Eine Seite des Proletarierschicksals aller Länder wird niemals beschrieben – nämlich die Tragik, die darin liegt, daß der Proletarier nie allein ist. So ist sein Leben: Geboren wird er im Krankenhaus, wo viele Mütter kreißen, oder in einem Zimmer, wo ihn gleich die Familie mit ihrem Anhang, den Schlafburschen, umwimmelt; so wächst er auf, und es ist noch eine bessere Familie, wo jeder sein eigenes Bett hat; alle aber, die so leben, leben ständig das Leben der anderen mit und sind nie allein. So ist seine Welt; sein Haus hat viele Höfe, und unzählige Familien wohnen hier, kommen und gehen, schreien und rufen, kochen und waschen, und alle hören alles, jeder nimmt am Schicksal des anderen auf die empfindlichste Art teil, in der dies möglich ist: nämlich mit dem Ohr. Das Ohr des Proletariers lernt Geräuschlosigkeit nur in der Einzelhaft kennen.

Weiterlesen „Kurt Tucholsky | 16 Satiren | [9/16]“

Kurt Tucholsky | 16 Satiren | [8/16]

Kurzer Abriß der Nationalökonomie

Nationalökonomie ist, wenn die Leute sich wundern, warum sie kein Geld haben. Das hat mehrere Gründe, die feinsten sind die wissenschaftlichen Gründe, doch können solche durch Notverordnungen aufgehoben werden. Über die ältere Nationalökonomie kann man ja nur lachen und dürfen wir selbe daher mit Stillschweigen übergehn. Sie regierte von 715 vor Christo bis zum Jahre 1 nach Marx. Seitdem ist die Frage völlig gelöst: die Leute haben zwar immer noch kein Geld, wissen aber wenigstens, warum.

Weiterlesen „Kurt Tucholsky | 16 Satiren | [8/16]“

Kurt Tucholsky | 16 Satiren | [7/16]

Gruß nach vorn

Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser in der Weltbühne vom 6. 4. 1926

Lieber Leser 1985 –! Durch irgendeinen Zufall kramst du auf der Bibliothek in dieser Zeitschrift, findest die Jahreszahl, die du eben erst geschrieben hast – wenn sie bis dahin nicht einfach 85 heißt –, stutzt und liest. Guten Tag.

Ich bin sehr befangen: du hast einen Anzug an, dessen Mode von meinem sehr absticht, auch dein Gehirn trägst du ganz anders … Ich setze dreimal an: jedes Mal mit einem andern Thema, man muß doch in Berührung kommen … nicht wahr? Jedesmal muß ichs wieder aufgeben – wir verstehen einander gar nicht. Ich bin wohl zu klein; meine Zeit steht mir bis zum Halse, kaum gucke ich mit dem Kopf ein bißchen über den Zeitpegel … da, ich wußte es: du lächelst mich aus.

Weiterlesen „Kurt Tucholsky | 16 Satiren | [7/16]“

Kurt Tucholsky | 16 Satiren | [6/16]

Zur soziologischen Psychologie der Löcher

Daß die wichtigsten Dinge durch Röhren gethan werden.
Beweise: erstlich die Zeugungsglieder, die Schreibfeder
und schließlich unser Schießgewehr.

(Lichtenberg)

Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.

Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nichtlochs: Loch allein kommt nicht vor, so leid es mir tut. Wäre überall etwas, dann gäbe es kein Loch, aber auch keine Philosophie, und erst recht keine Religion, als welche aus dem Loch kommt. Die Maus könnte nicht leben ohne es, der Mensch auch nicht: Es ist beider letzte Rettung, wenn sie von der Materie bedrängt werden. Loch ist immer gut.

Weiterlesen „Kurt Tucholsky | 16 Satiren | [6/16]“

Erich Kurt Mühsam | Appell an den Geist. Texte und Geschichten | Politisches Variété

Politisches Variété

Aus: Kain, 1912

Politik ist die Kunst, Staatsgeschäfte zu besorgen. Kunst nicht im Sinne der werteschaffenden Kultur, sondern im Sinne der Artistik: denn in der Politik handelt es sich um Jonglieren, Balanzieren, Seiltanzen, Sprüngemachen. Politik also ist das Kunststück, Staatsgeschäfte zu besorgen. Die Berufsartisten dieser Spezies der Leichtathletik nennt man Diplomaten.

Weiterlesen „Erich Kurt Mühsam | Appell an den Geist. Texte und Geschichten | Politisches Variété“

Kurt Tucholsky | 16 Satiren | [5/16]

Die Katz

Neulich saß ich vor dem kleinen Theaterchen Ambassadeurs in den Champs Elysées, unter grünen Bäumen. Um meine Bank strich mehrere Male eine große, gut genährte Katze, grau mit schwarzen Flecken. Wir kamen so ins Gespräch – sie fragte mich, wieviel Uhr es sei –, und da stellte sich heraus, daß sie aus Insterburg stammte. Nun kenne ich Insterburg sehr genau – ich habe da seinerzeit gedient –, und wir waren gleich im richtigen Fahrwasser. Sie kannte erstaunlich viele Leute, und wir hatten auch gemeinsame Bekannte: eine Verwandte von ihr war bei meinem Feldwebel Lemke Katze gewesen, sie wußte gut Bescheid. Meine Stammkneipe kannte sie und das Theater und die Kaserne und alle möglichen Orte. Ja, es war sogar möglich, daß wir uns einmal gesehen hatten, im Schützenhaus zu Palmnicken, aber da hatte ich natürlich nicht so darauf geachtet. Wie es ihr denn so in Paris gefiele, fragte ich sie.

Weiterlesen „Kurt Tucholsky | 16 Satiren | [5/16]“

Kurt Tucholsky | 16 Satiren | [4/16]

Der Mensch

Kaspar Hauser, Weltbühne 24,
16. 6. 1931

Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenns ihm gut geht, und eine, wenns ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion. Der Mensch ist ein Wirbeltier und hat eine unsterbliche Seele, sowie auch ein Vaterland, damit er nicht zu übermütig wird.

Weiterlesen „Kurt Tucholsky | 16 Satiren | [4/16]“