Herbstnachmittag

Halbschläfrig sitz ich im Lehnstuhl;
Vor der Tür auf dem Treppenstein
Schwatzen die Mädchen und schauen
In den hellen Sonnenschein.
Die Braunen, das sind meine Schwestern,
Die Blond‘ ist die Liebste mein.
Sie nähen und stricken und sticken,
Als sollte schon Hochzeit sein. –
Von fern das Kichern und Plaudern
Und um mich her die Ruh,
In den Lüften ein Schwirren und Summen –
Mir fallen die Augen zu.
Und als ich wieder erwache,
Ist alles still und tot,
Und durch die Fensterscheiben
Schimmert das Abendrot.
Die Mädchen sitzen wieder
Am Tisch im stummen Verein;
Und legen zur Seite die Nadeln
Vor dem blendenden Abendschein.

Theodor Storm (1817-1888)

Sturmnacht

Im Hinterhaus, im Fliesensaal

Über Urgroßmutters Tisch′ und Bänke,

Über die alten Schatullen und Schränke

Wandelt der zitternde Mondenstrahl.

Vom Wald kommt der Wind

Und fährt an die Scheiben;

Und geschwind, geschwind

Schwatzt er ein Wort,

Und dann wieder fort

Zum Wald über Föhren und Eiben.

Da wird auch das alte verzauberte Holz

Da drinnen lebendig;

Wie sonst im Walde will es stolz

Die Kronen schütteln unbändig,

Mit den Ästen greifen hinaus in die Nacht,

Mit dem Sturm sich schaukeln in brausender Jagd,

Mit den Blättern in Übermut rauschen,

Beim Tanz im Flug

Durch Wolkenzug

Mit dem Mondlicht silberne Blicke tauschen.

Da müht sich der Lehnstuhl, die Arme zu recken,

Den Rokokofuß will das Kanapee strecken,

In der Kommode die Schubfächer drängen

Und wollen die rostigen Schlösser sprengen;

Der Eichschrank unter dem kleinen Troß

Steht da, ein finsterer Koloß.

Traumhaft regt er die Klauen an,

Ihm zuckt′s in der verlornen Krone;

Doch bricht er nicht den schweren Bann. –

Und draußen pfeift ihm der Wind zum Hohne

Und fährt an die Läden und rüttelt mit Macht,

Bläst durch die Ritzen, grunzt und lacht,

Schmeißt die Fledermäuse, die kleinen Gespenster,

Klitschend gegen die rasselnden Fenster.

Die glupen dumm neugierig hinein –

Da drinn′ steht voll der Mondenschein.

Aber droben im Haus

Im behaglichen Zimmer

Beim Sturmgebraus

Saßen und schwatzten die Alten noch immer,

Nicht hörend, wie drunten die Saaltür sprang,

Wie ein Klang war erwacht

Aus der einsamen Nacht,

Der schollernd drang

Über Trepp′ und Gang,

Daß drin in der Kammer die Kinder mit Schrecken

Auffuhren und schlüpften unter die Decken.

Theodor Storm
(* 14.09.1817, † 04.07.1888)

Am Fenster lehn ich

Am Fenster lehn ich, müd verwacht. 
Da ruft es so weithin durch die Nacht.

Hoch oben hinter Wolkenflug 
Hinschwimmt ein Wandervogelzug.

Sie fahren dahin mit hellem Schrei 
Hoch unter den Sternen in Lüften frei.

Sie sehn von fern den Frühling blühn, 
Wild rauschen sie über die Lande hin.

O Herz, was ist’s denn, das dich hält? 
Flieg mit, hoch über der schönen Welt!

Dem wilden Schwarm gesell dich zu; 
Vielleicht siehst auch den Frühling du!

Dann gib noch einmal aus Herzensdrang 
Einen Laut, ein Lied, wie es einstens klang!

Theodor Storm (1817-1888)

Der Spiegel des Cyprianus

Das Grafenschloß – eigentlich war es eine Burg – lag frei auf der Höhe; uralte Föhren und Eichen ragten mit ihren Wipfeln aus der Tiefe; und über ihnen und den Wäldem und Wiesen, die sich unterhalb des Berges ausbreiteten, lag der Sonnenglanz des Frühlings. Drinnen aber waltete Trauer; denn das einzige Söhnlein des Grafen war von unerklärlichem Siechtum befallen; und die vornehmsten Ärzte, die herbeigerufen wurden, vermochten den Ursprung des Übels nicht zu erkennen
Im verhangenen Gemache lag der Knabe schlafend mit blutlosem Antlitz. Zwei Frauen saßen je zu einer Seite des Bettes, mit dem gespannten Blick der Sorge ihn betrachtend; die eine alt, in der Kleidung einer vornehmeren Dienerin, die andere, unverkennbar die Dame des Hauses, fast jung noch, aber die Spuren vergangenen Leides in dem blassen, gütevollen Angesicht.
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Hinter den Tannen

Sonnenschein auf grünem Rasen,
Krokus drinnen blau und blass;
Und zwei Mädchenhände tauchen
Blumen pflückend in das Gras.

Und ein Junge kniet daneben,
Gar ein übermütig Blut,
Und sie schaun sich an und lachen –
O wie kenn ich sie so gut!

Hinter jenen Tannen war es,
Jene Wiese schließt es ein –
Schöne Zeit der Blumensträuße,
Stiller Sommersonnenschein!

Theodor_Storm_(1817-1888)
Theodor Storm (1817-1888)

Für meine Söhne

Hehle nimmer mit der Wahrheit!
Bringt sie Leid, nicht bringt sie Reue;
Doch, weil Wahrheit eine Perle,
Wirf sie auch nicht vor die Säue.

Blüte edelsten Gemütes
Ist die Rücksicht; doch zuzeiten
Sind erfrischend wie Gewitter
Goldne Rücksichtslosigkeiten.

Wackrer heimatlicher Grobheit
Setze deine Stirn entgegen;
Artigen Leutseligkeiten
Gehe schweigend aus den Wegen.

Wo zum Weib du nicht die Tochter
Wagen würdest zu begehren,
Halte dich zu wert, um gastlich
In dem Hause zu verkehren.

Was du immer kannst, zu werden,
Arbeit scheue nicht und Wachen;
Aber hüte deine Seele
Vor dem Karrieremachen.

Wenn der Pöbel aller Sorte
Tanzet um die goldnen Kälber,
Halte fest: du hast vom Leben
Doch am Ende nur dich selber.

Theodor_Storm_(1817-1888)
Theodor Storm (1817-1888)

Aus der Marsch

Der Ochse frißt das feine Gras
Und läßt die groben Halme stehen;
Der Bauer schreitet
hintendrein
Und fängt bedächtig an zu mähen.

Und auf dem Stall zur
Winterszeit,
Wie wacker steht der Ochs
zu kauen!
Was er als grünes Gras
verschmäht,
Das muß er nun als Heu
verdauen.

Theodor_Storm_(1817-1888)
Theodor Storm
* Geboren am 14.09.1817 in Husum.
† Gestorben am 04.07.1888 in Hanerau-Hademarschen.