Weisheit des Tages | 10.06.2021

Paradoxerweise habe ich in eben derselben Zeit, da unsere Welt im Moralischen zurückstürzte um ein Jahrtausend, dieselbe Menschheit im Technischen und Geistigen sich zu ungeahnten Taten erheben sehen, mit einem Flügelschlag alles in Millionen Jahren Geleistete überholend. Nie bis zu unserer Stunde hat sich die Menschheit als Gesamtheit teuflischer gebärdet und nie so Gottähnliches geleistet.

Stefan Zweig

Zur blauen Stunde | Weihnacht

Im Dunkeln tönt noch letztes Schellenklingen, 
Das bald der müde Abendwind verweht. 
Nun kommt die Nacht mit ihren weichen Schwingen 
Vom Himmel, der in tausend Sternen steht.

Die Andacht weitet ihre stillen Kreise 
Und spricht in jedem zagen Kinderherz, 
Gebet und Dank vollenden ihre fromme Reise 
Und ziehn wie Opferflammen himmelwärts.

Und übervolle Menschenherzen reichen 
Sich stumm die Hand im Bann der tiefen Macht 
Der wundersel’gen und erfüllungsreichen 
Den Kinderseelen heilgen Gnadennacht.

Stefan Zweig (1881-1942)

Zur blauen Stunde | Vorüber . . .

Dunkelflutend durch die blassen Thale 
Kriecht das letzte Abendrot entlang, 
Dort im goldumwobnen Himmelssaale 
Trinkt der Tag aus purpurnem Pokale 
Selig seinen Todestrank.

Königspracht! – Allein mein Blick wird trüber, 
Ein Gedanke zieht so müd und sorgenschwer 
Zu der lichten Tagesspur hinüber: 
Wieder ging ein reicher Tag vorüber 
Ungenützt und inhaltsleer!

Stefan Zweig (1881-1942)

Zur blauen Stunde | Juninacht

Weiche Lichteswellen träumen 
In die warme Juninacht. 
Leise atmen alle Blumen 
Ihrer Seele süße Düfte 
In die leichten lauen Winde, 
Die tief in den Zweigen singen 
Stille, wehmutsvolle Lieder 
Müde schwere Sehnsuchtsworte, 
Die in unserm Herzen klingen, 
Die wir suchen, niemals finden 
Aber dennoch stets verstehn, 
Wenn die lauen Juninächte 
Ihre Sehnsuchtsmelodien 
Durch die dunklen Zweigen wehn . . .

Stefan Zweig (1881-1942)

Zur blauen Stunde | Das Mädchen.

Heut kann ich keine Ruhe finden . . . 
Das muß die Sommernacht wohl sein. 
Durchs offne Fenster strömt der Linden 
Verträumter Blütenduft herein.

Oh Du mein Herz, wenn er jetzt käme 
– Die Mutter ging schon längst zur Ruh – 
Und Dich in seine Arme nähme . . . 
Du schwaches Herz, . . . was thätest Du? . . .

Stefan Zweig (1881-1942)

Zur blauen Stunde | Sehnsucht

Niemals hab ich Liebeslust empfunden 
In den raschen, mauerschwülen Stunden! – 
Hier im alten Parke, wo nur noch verspätet

Sonnenblitze schimmern und die Stimmen 
Müde in die Dunkelheit verschwimmen, 
Möcht‘ ich lieben, wenn der Abend leise betet. –

Treten möcht‘ ich durch die offne Pforte 
Und im Dämmer einer Liebsten Worte 
Flüstern, bis Gewährung ihre Wangen rötet,

Dort, wo hinter goldumglänzten Gittern 
Rote Rosen in Erwartung zittern 
vor dem Herbst, der sie in seinem Arme tötet . . .

Stefan Zweig (1881-1942)