Der Apfelgarten

Komm gleich nach dem Sonnenuntergange,
sieh das Abendgrün des Rasengrunds;
ist es nicht, als hätten wir es lange
angesammelt und erspart in uns,

um es jetzt aus Fühlen und Erinnern,
neuer Hoffnung, halbvergeßnem Freun,
noch vermischt mit Dunkel aus dem Innern,
in Gedanken vor uns hinzustreun

unter Bäume wie von Dürer, die
das Gewicht von hundert Arbeitstagen
in den überfüllten Früchten tragen,
dienend, voll Geduld, versuchend, wie

das, was alle Maße übersteigt,
noch zu heben ist und hinzugeben,
wenn man willig, durch ein langes Leben
nur das Eine will und wächst und schweigt.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Der Ölbaumgarten

Er ging hinauf unter dem grauen Laub 
ganz grau und aufgelöst im Ölgelände 
und legte seine Stirne voller Staub 
tief in das Staubigsein der heißen Hände.

Nach allem dies. Und dieses war der Schluß. 
Jetzt soll ich gehen, während ich erblinde, 
und warum willst Du, daß ich sagen muß, 
Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.

Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein. 
Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein. 
Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.

Ich bin allein mit aller Menschen Gram, 
den ich durch Dich zu lindern unternahm, 
der Du nicht bist. O namenlose Scham…

Später erzählte man, ein Engel kam-.

Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht 
und blätterte gleichgültig in den Bäumen. 
Die Jünger rührten sich in ihren Träumen. 
Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.

Die Nacht, die kam, war keine ungemeine; 
so gehen hunderte vorbei. 
Da schlafen Hunde, und da liegen Steine. 
Ach eine traurige, ach irgendeine, 
die wartet, bis es wieder Morgen sei.

Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern, 
und Nächte werden nicht um solche groß. 
Die Sich-Verlierenden läßt alles los, 
und die sind preisgegeben von den Vätern 
und ausgeschlossen aus der Mütter Schoß.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Der Schutzengel

Du bist der Vogel, dessen Flügel kamen,
wenn ich erwachte in der Nacht und rief.
Nur mit den Armen rief ich, denn dein Namen
ist wie ein Abgrund, tausend Nächte tief.
Du bist der Schatten, drin ich still entschlief,
und jeden Traum ersinnt in mir dein Samen, –
du bist das Bild, ich aber bin der Rahmen,
der dich ergänzt in glänzendem Relief.

Wie nenn ich dich? Sieh, meine Lippen lahmen.
Du bist der Anfang, der sich groß ergießt,
ich bin das langsame und bange Amen,
das deine Schönheit scheu beschließt.

Du hast mich oft aus dunklem Ruhn gerissen,
wenn mir das Schlafen wie ein Grab erschien
und wie Verlorengehen und Entfliehn, –
da hobst du mich aus Herzensfinsternissen
und wolltest mich auf allen Türmen hissen
wie Scharlachfahnen und wie Draperien.

Du: der von Wundern redet wie vom Wissen
und von den Menschen wie von Melodien
und von den Rosen: von Ereignissen,
die flammend sich in deinem Blick vollziehn, –
du Seliger, wann nennst du einmal Ihn,
aus dessen siebentem und letztem Tage
noch immer Glanz auf deinem Flügelschlage
verloren liegt…
Befiehlst du, dass ich frage?

Rainer_Maria_Rilke,_1900
Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Die Engel

Sie haben alle müde Münde
und helle Seelen ohne Saum.
Und eine Sehnsucht (wie nach Sünde)
geht ihnen manchmal durch den Traum.

Fast gleichen sie einander alle;
in Gottes Gärten schweigen sie,
wie viele, viele Intervalle
in seiner Macht und Melodie.

Nur wenn sie ihre Flügel breiten,
sind sie die Wecker eines Winds:
als ginge Gott mit seinen weiten
Bildhauerhänden durch die Seiten
im dunklen Buch des Anbeginns.

Rainer_Maria_Rilke,_1900
Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Das Karussell

Jardin du Luxembourg ª

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand,
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber –

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel…

Rainer_Maria_Rilke,_1900
Rainer Maria Rilke (1875-1926)


Interessant und Wissenswert
ª Der Jardin du Luxembourg (deutsch Luxemburggarten) ist ein früher königlicher, heute staatlicher Schlosspark im Pariser Quartier Latin (6. Arrondissement) mit einer Fläche von 26 Hektar. Die Anlage gehört zum Palais du Luxembourg, in dem der Senat tagt, das Oberhaus des französischen Parlamentes.

19.Oktober 2011: Spruch des Tages | Rainer Maria Rilke

Rainer Maria Rilke (* 4. Dezember 1875 in Prag; † 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz; eigentlich René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke) war einer der bedeutendsten Lyriker deutscher Sprache.

Es ist gut, die Sorgen so zu behandeln,
als ob sie nicht da wären:
das einzige Mittel, ihnen ihre Wichtigkeit zu nehmen.