Erich Kurt Mühsam | Appell an den Geist. Texte und Geschichten | Politisches Variété

Politisches Variété

Aus: Kain, 1912

Politik ist die Kunst, Staatsgeschäfte zu besorgen. Kunst nicht im Sinne der werteschaffenden Kultur, sondern im Sinne der Artistik: denn in der Politik handelt es sich um Jonglieren, Balanzieren, Seiltanzen, Sprüngemachen. Politik also ist das Kunststück, Staatsgeschäfte zu besorgen. Die Berufsartisten dieser Spezies der Leichtathletik nennt man Diplomaten.

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Erich Kurt Mühsam | Appell an den Geist. Texte und Geschichten | Der Kaiser

Der Kaiser

Aus: Kain, 1913

Wie doch die Welt so herrlich ist! Wie köstlich sich von Tag zu Tag die Saat der Freiheit entfaltet! Wie glücklich dürfen wir uns preisen, unsere Zeitgenossen zu sein! Wenn wir den Festschmöcken und Jubiläumsschwaflern glauben können, dann hat Drang und Qual aller Jahrtausende nur den einen Sinn gehabt, uns diesen Tag erleben zu lassen, an dem der Erdball von fünfundzwanzigjährigem Ruhm wilhelminischer Regierungsweisheit und Herrschergröße widerhallt. Der deutsche Oberlehrer tropft von Begeisterung.

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Kurt Tucholsky | Warum eigentlich?…

Warum eigentlich?…

Kleine Dinge, die in der ganzen Welt gleich sind

Vor dem Kriege ist in Paris ein sehr merkwürdiges Buch erschienen: »Les Petites Choses« von Emile Berr, bei Bernard Grasset, Paris. Es beschäftigt sich mit Dingen, die so klein sind, daß man sie kaum wahrnehmen kann; es ist gewissermaßen eine Zeitlupenbeobachtung des Lebens, eine Mikroskopie des Lächerlichen.

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Erich Kurt Mühsam | Appell an den Geist. Texte und Geschichten | Politisches Variété

Politisches Variété

Aus: Kain, 1912

Politik ist die Kunst, Staatsgeschäfte zu besorgen. Kunst nicht im Sinne der werteschaffenden Kultur, sondern im Sinne der Artistik: denn in der Politik handelt es sich um Jonglieren, Balanzieren, Seiltanzen, Sprüngemachen. Politik also ist das Kunststück, Staatsgeschäfte zu besorgen. Die Berufsartisten dieser Spezies der Leichtathletik nennt man Diplomaten. Ihre Fertigkeit ist Begriffsverrenkung, Rechtsverdrehung, Verschwindenlassen offenkundiger Tatsachen und Herbeizaubern von Irrealitäten. Wer es im Durcheinanderwerfen scheinlogischer Seifenblasen zu besonderer Geschicklichkeit gebracht hat, wird von den Staatsbürgern als Staatsmann hoch gepriesen und erhält von seiner Direktion edelsteingeschmückte Orden. Die Stars der Diplomatie scheinen seit geraumer Zeit ausgestorben zu sein. Die das Handwerk heutzutage betreiben, beweisen in ihren Vorführungen soviel Ungeschick, daß das zahlende Publikum ihnen nachgerade hinter die Schliche kommt.

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Erich Kurt Mühsam | Appell an den Geist. Texte und Geschichten | Die Fremdenlegion


Aus: Das große Morden, in Kain, Mai 1914

Mit zwei Milliarden Mark muß jährlich die Henne gefüttert werden, die unter dem Namen »Deutsche Wehrmacht« im bedrohten Vaterlande herumgackert. Jetzt ist sie mit einer Extramilliarde noch fetter aufgeplustert worden und beansprucht infolgedessen fortan noch erheblich mehr Getreidekörner aus den Ackern des deutschen Volkes als bisher. Der Geflügelzüchter Michel ist ein Schafskopf, denn er merkt nicht, daß das meschuggene Huhn ihm nichts als Kuckuckseier in den Stall legt. Eines guten Tages aber wird es ihm schmerzlich fühlbar werden, wenn nämlich der zärtlich gepflegte »bewaffnete Friede« an Überfütterung krepiert, seine Kücken aber auskriechen und sich die mißgestalteten Kreaturen als Krieg, Hunger und Pestilenz über das Land ergießen.

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Kurt Tucholsky | Ich möchte Student sein

Ich möchte Student sein

(– »Ich war damals ein blutjunger Referendar –«, sagen manche Leute; das haben sie so in den Büchern gelesen ….)

Ich war damals gar kein blutjunger Referendar, doch besinne ich mich noch sehr genau, einmal, als das Studium schon vorbei war und die Examensbüffelei und alles, in der Universität gesessen zu haben, zu Füßen eines großen Lehrers, und ich schand sein Kolleg – schund? schund sein Kolleg. Da ging mir manches auf.

Da verstand ich auf einmal alles, was vorher, noch vor drei Jahren, dunkel gewesen war; da sah ich Zusammenhänge und hörte mit Nutzen und schlief keinen Augenblick; da war ich ein aufmerksamer und brauchbarer Student. Da – als es zu spät war. Und darum möchte ich noch einmal Student sein.

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Kurt Tucholsky | Gebrauchsanweisung

Gebrauchsanweisung

Erfahrungen vererben sich nicht – jeder muß sie allein machen. Jeder muß wieder von vorn anfangen … Nun fängt ja keiner ganz von vorn an, weil in jedem Menschen vielerlei Erfahrungen aufgestapelt sind: zwei Großväter, vier Urgroßväter, achtzehn alte Onkel, dreiundzwanzig Tanten, Ur-Ur-Ur-Ur-Ahnen … das trägst du alles mit dir herum. Und manchmal, wenn du grade einen Entschluß faßt, dann entscheidet in Wahrheit dein im Jahre 1710 gestorbener Ur-Ur-Ur-Ur… Adolf Friedrich Wilhelm Panter, geb. 1675 in Bückeburg – der entscheidet, was du tust. Du gehst nachher herum und sagst: »Ich habe mich entschlossen…«

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Kurt Tucholsky | Deutsche Richter von 1940

Deutsche Richter von 1940

Wir stehen hier im Vereine
in diesem Lederflaus;
wie die abgestochenen Schweine
sehn wir aus.

Wir fechten die Kreuz und die Quere
mit Schlag und Hieb und Stoß;
wir schlachten uns um die Ehre –!
Auf die Mensur!

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Hans Christian Andersen | Bilderbuch ohne Bilder (32-36 und Ende)

Dreißigster Abend.

»Dicht an der Landstraße,« sagte der Mond, »liegt ein Wirtshaus, und gegenüber von demselben ein großer Wagenschuppen; das Dach wurde eben gedeckt; ich sah durch die Sparren und durch die offenen Deckenluken in den unheimlichen Raum; der kalkuttische Hahn schlief auf dem Balken und der Sattel war in der leeren Krippe zur Ruhe, gebracht. Mitten in dem Raum stand ein Reisewagen, die Herrschaft schlief noch fest, während die Pferde getränkt wurden und der Kutscher seine Glieder reckte, obgleich er, ich weiß es am besten, gut geschlafen hatte, und das mehr, als den halben Weg. Die Tür zum Kutscherzimmer stand offen, das Bett sah aus, als ob es zu oberst und unterst gekehrt worden wäre, das Licht stand auf dem Boden und war tief im Leuchter heruntergebrannt. Der Wind blies kalt durch den Schuppen und die Zeit war näher am Morgengrauen, als an Mitternacht. Dort in dem Stand auf dem Boden schlief eine wandernde Musikantenfamilie, Mutter und Vater träumten wohl von dem brennenden Naß in der Flasche, das kleine, bleiche Mädchen träumte von dem brennenden Naß im Auge; die Harfe lag zu ihren Häupten, der Hund zu ihren Füßen. –«

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Hans Christian Andersen | Bilderbuch ohne Bilder (27-31)

Sechsundzwanzigster Abend.

»Es war gestern in der Morgendämmerung!« das sind des Mondes eigne Worte; »nicht ein Schornstein rauchte noch in der großen Stadt, und es waren gerade die Schornsteine, auf die ich herabsah. Aus einem derselben kam plötzlich ein kleiner Kopf hervor und dann der halbe Leib, die Arme ruhten auf dem Rande des Schornsteins. ›Hurra!‹ Es war ein kleiner Schornsteinfegerjunge, der zum erstenmal in seinem Leben ganz hinauf im Schornstein gekommen war und den Kopf herausgesteckt hatte. ›Hurra!‹ Ja, das war etwas andres, als in den engen Röhren und in den schmalen Kaminen herumzukriechen! Die Luft wehte so frisch und er konnte über die ganze Stadt hinsehen bis zu dem grünen Wald; die Sonne stand eben auf; rund und groß schien sie ihm in das Gesicht, das von Glückseligkeit strahlte, obgleich er ganz hübsch mit Ruß beschmiert war. ›Nun kann die ganze Stadt mich sehen!‹ sagte er, ›und der Mond kann mich sehen und die Sonne auch! Hurra!‹ und damit schwang er den Besen!«

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