Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | The man of war

The man of war

[Wörtliche Übersetzung »Mann des Krieges«, Krieger, nach dem heutigen Sprachgebrauch Angehöriger der Kriegsmarine.]

Fern von allen freundlichen Küsten, mitten im Ozean schwamm ein kleines Boot, worin niemand sich befand als ein alter Mann, dessen Haar sich schon weiß färbte, und ein blondgelockter Knabe von höchstens zehn Jahren. In diesem Fahrzeug, das dem gewaltigen Gewässer nur in einer so ruhigen Sommernacht Trotz zu bieten vermochte, befand sich außer den beiden Menschen und den schwachen Rudern nichts als ein kleines Fäßchen mit einem geringen Vorrat an süßem Wasser und einige wenige Zwiebacke. Das Boot gehörte zu einem Schiff, das mitten im Ozean verbrannt und von dem nichts gerettet worden war als dies kleine Fahrzeug, in das sich der Schiffsherr mit seinem Enkel geflüchtet hatte, die allein dem schrecklichen Wasser- und Feuertod glücklich entgangen waren.

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Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | Der Schiffbrüchige

Der Schiffbrüchige

Auf einer schroffen, kaum zugänglichen Klippe stand ein Mann. Er zitterte vor Frost und Hunger. Vor ihm, um ihn brandete das Meer, in weiter Ferne lag die schneebedeckte Küste von Norwegen.

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Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | Die Rose von Seeland

Die Rose von Seeland

Die Wogen des baltischen MeeresDie Ostsee.stürmten an SeelandsHauptinsel Dänemarks.grünenden Ufern vorüber.

Wenn um die frühe Morgenstunde der erste Sonnenstrahl auf den bewegten Wellen zittert, dann blitzt es auf wie Perlen und Diamanten, eine leuchtende Purpurröte bedeckt die wallende Fläche; die hüpfenden Wellen scheinen einen Blätterkranz zu bilden, aus dessen Mitte seltsame Zauberblumen hervorsprießen.

Der Fischer steht mit übereinandergeschlagenen Armen an der Küste; er beschaut sinnend das herrliche Naturspiel und murmelt vor sich hin: »Das ist die Rose von Seeland.«

Die Rose von Seeland war ein junges Mägdlein, die Tochter eines Fischers. Sie ist schon längst verstorben, aber noch immer lebt ihr Andenken im Munde des Volkes. Der Küstenbewohner jener stolzen Insel ist nicht unempfindlich für die Reize der Jugend und Schönheit; er preist, er bewundert sie, wenn er ihnen begegnet; aber im stillen setzt er hinzu: »Es ist doch nicht die Rose von Seeland!«

Rose war noch nicht ganz sechzehn Jahre alt; leicht und zierlich gebaut wie eine Nymphe, in ihrem Kopf zwei blaue Augen, feuchtschimmernd wie zwei hellglänzende Seesterne, eine vollkommene Tochter des Meeres. Des Vaters Auge ruhte voll unaussprechlicher Wonne auf ihr, die Blicke der Liebhaber folgten ihr mit Entzücken. Wer einmal einen recht frohen Tag haben wollte, der klopfte an ihre Hütte und sagte: »Schöne Rose, lächle mir zu!« Das tat sie und kein Mißgeschick rief im Lauf des Tages eine Wolke auf seine Stirn. Wer eine große Herzensqual erduldete, der trat ihr in den Weg und sprach: »Schöne Rose, sieh mich an!« – dann richtete sie einen Blick des unnennbaren Mitleids auf den Unglücklichen, und alsbald versiegten seine Tränen.

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Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | Die fliehende Insel

Die fliehende Insel

Das Schiff steuerte auf der glatten Fläche des Ozeans unter den südlichen BreitenZur Ortsangabe ist der Globus eingeteilt in Längengrade (ost-westlich) und Breitengrade (nördlich und südlich des Äquators). »Südliche Breiten(grade)« bedeuten also einen Ort südlich des Äquators., fern von jeder Küste. Ganz außer allem Kurse liegend, irrte es umher in der unendlichen Wasserwüste. Die Mannschaft ging ernst und gottergeben nebeneinander hin, dem Augenblick mit Entsetzen entgegensehend, der ihnen das Ende der Vorräte ankündigen würde.

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Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | Die Sturmvögel

Die Sturmvögel

Unfern von Norwegens felsiger Küste, dort, wo die Schiffer den Hafen von Bergen ansegeln, liegt mitten im Meer ein Felsen, der hoch aus der Flut emporragt. Er ist bekannt unter dem Namen Vogelklippe.

Zeit und Wellenschlag rissen ein Stück nach dem andern von ihm ab. Früher starrte er den Schiffer als ein furchtbares Schreckbild an, denn die alten Sagen meldeten, daß es hinter jenen Felswänden nicht geheuer sei, und ein böser Dämon dort sein Wesen treibe. Noch hat sich die Sage von der alten Mutter Cary und ihren Küchlein im Munde des Volkes erhalten, und der treuherzige Fischer erzählt dem horchenden Fremden folgendes:

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Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | Die glückliche Probe

Die glückliche Probe

Wenn beim Untergang der Sonne sich leichte Nebelwölkchen auf den Spiegel des Mittelmeeres lagern, über den der scheidende Tag einen leisen Rosenschimmer haucht, dann sagen die Küstenbewohner der lieblichen Provence [Französische Landschaft an der Mittelmeerküste zwischen der Rhône und den südfranzösischen Alpen.]: »Seekönig führt den Brautreigen an.«

Seekönig ist an der ganzen provençalischen Küste ein zugleich geliebter und gefürchteter Mann. Wenn ein Brautpaar getraut werden soll, dann wirft der Brautvater ein Goldstück ins Meer und singt dazu folgendes Lied:

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Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | Das Totenschiff

Das Totenschiff

»Was ist die Glocke Die Uhrzeit wurde durch die Schiffsglocke ausgeläutet., Steuermann?«

»Ein Viertel über Mitternacht, Kapitän! Ich bitte Euch, geht hinunter. Der kalte Nordwest und der dichte Nebel taugen nicht für Euren siechenKrank.Körper. Morgen, wenn die Sonne scheint, mögt Ihr Euch ein paar Stunden hierher setzen. Es ist höchste Zeit, Eure Koje aufzusuchen.«

»Laßt mich noch hier oben. Da unten wird mir alles zu eng; die Decke meiner Koje senkt sich, als ob sie sich auf mich herabstürzen wollte. Das verdammte gelbe Fieber hat mich arg mitgenommen, und sein scheußliches Gift meinem Körper eingeimpft. Wir treiben hier in der Irre vor LandsendKap, südwestliche Spitze Englands.umher! Seht Ihr noch kein FeuerHier ist ein Leuchtfeuer gemeint.?«

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Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | Der Knurrhahn

Der Knurrhahn

Auf der Nordsee wiegte sich, unfern der weißen BankDie Lage dieser Sandbank ist nicht feststellbar, da nicht bekannt ist, welchen Namen sie heute trägt, und ob sie heute überhaupt noch existiert, da sich die Küsten und die Küstengewässer durch Abtragung und Ablagerung ständig verändern., ein Blankeneser Fischer-Ewer auf den Wellen. Hinten am Steuer saß der Schiffer und sah gedankenlos in die grüne Flut; am Mast hockte der Maat und besserte ein schadhaftes Netz aus, während der Junge vorn auf der Plicht herumtanzte und allerlei Possen trieb.

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Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | Die Meeres-Fee

Die Meeres-Fee

Mitten im weiten Atlantischen Ozean lag eine Insel, lieblich anzuschauen, und jeden beglückend, der sie bewohnte. Ein steter Frühling herrschte hier; die Natur spendete ihre Schätze mit verschwenderischer Güte. Abgeschnitten von allem Verkehr mit der Welt waren ihre Bewohner unbekannt geblieben mit den Sitten und Gebräuchen der kultivierten und unkultivierten Länder, deren Dasein sie kaum ahnten. Sie lebten in patriarchalischer Ruhe dahin.

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Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | Das steinerne Schiff

Das steinerne Schiff

Es war eine laue, mondhelle Sommernacht. Ein leichter Ostwind kräuselte die Wellen des Ozeans und eine Schar fliegender Fische tauchte silberglänzend aus seinem Wasserspiegel auf. Da schoß ein kühner Segler durch die kristallhelle Flut, die großen vollen Segel dem Mondlicht entgegenbreitend. Es war die königlich französische Fregatte ›Ludwig der Vierzehnte‹ die am folgenden Tage den Ort ihrer Bestimmung, die dänische Insel St. ThomasHeute portugiesische Insel vor der Küste Afrikas im Golf von Guinea, heutiger Name São Thomé., zu erreichen hoffte. Der Aufenthalt im Freien war erquickend, und die Offiziere saßen an einer runden Tafel in der Mitte des Quarterdecks, fleißig dem Glase zusprechend.

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