Berliner sind keene Pfannkuchen… (5)

Berlin und die Berliner im Liede

Die Lieder, die über Berlin gesungen werden und die auch die Berliner selbst singen, sind meist ebenso voller Spottlust, wie die Scherze und Anekdoten. Der Berliner nimmt den Spott nicht übel und singt die Lieder lachend mit. Das war schon immer so. Das Lied des genügsamen Lenchens im »Fest der Handwerker« wurde schon vor hundert Jahren in Berlin bejubelt. Und das Weißbierlied sowie krittelnde Verse von Kalisch und allen seinen Mitläufern und Nachfolgern waren nirgends mehr beliebt, als in Berlin.

Aber nach allem Spott kommt doch auch die Erkenntnis vom eigenen Wert zu Worte: Durch Berlin fließt immer noch die Spree! … Auch an seinen Liedern ist der Urberliner zu erkennen. Ja, ein ganzes Buch ließe sich mit solchen Liedern füllen. Doch das ist eine besondere Aufgabe, die ich mir als eine meiner nächsten Arbeiten vornehme.

Ei, was braucht man mehr, um glücklich zu sein.

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Die gottverdammte Pleite


Lyrics:

Als die Kinder Kröten nach Hause brachten
Und im Zirkus nicht mehr lachten,
Als sie ihr Brot nicht mehr assen
Und statt dessen die Kröten frassen,
Als sie Teddybären zerrissen
Und in Autoreifen bissen,
Als schliesslich Kindergaerten brannten
Und Lehrer um ihr Leben rannten,
Da wussten wir, es ist aus.
Begonnen hat sie damals,
Diese gottverdammte Pleite,
Ende März, im vergangenen Jahr.
„Operation Tiger“ hiess das Manöver,
Im Raum Waldburg und Umgebung,
Wie üblich, der Grenze ziemlich nah.
Man steckte Felder in Brand,
Man schoss Löcher in den Wald
Und das Haus vom alten Förster traf man voll.
Doch das Schlimmste an der Sache,
Und das wussten wir noch nicht,

Da hat ein Panzer einen Hasen überrollt.
Ja, das Schlimmste an der Sache,
Und das wussten wir noch nicht,
Da hat ein Panzer einen Hasen überrollt.
Lisa, das kleine Mädchen, mit der grossen rosa Schleife,
Spielt im Garten, vor dem Haus, mit ihrem Hund.
Die Eltern sitzen im Salon,
„Was, Herr Klavierlehrer, Sie gehen schon?“,
Fragt die Mutter und schiebt ihm Marzipan in den Mund.
Da tritt Lisa durch die Tür, zieht ihren Hund hinterher,
Ihren Hund, dem wer die Kehle durchgebissen hat.
Der Vater schreit, die Mutter weint,
Der Klavierlehrer kotzt ihr Marzipan auf’s Kleid,
Nur Lisa lächelt, mit blutverschmiertem Mund.
Ja, im Raum Waldburg an der Grenze,
Hat dieser gottverdammte Panzer
Diesen gottverdammten Hasen überrollt.
Der kleine Thomas ist sieben Jahr‘,
Und er freut sich jedesmal,
Wenn ihn am Wochenende Grossvater besucht,
Der liest ihm schöne Märchen,
Von Prinzessinnen und Zwergen,
Aus dem mitgebrachten, alten Märchenbuch.
Ja, dem Grossvater, so sagen sie,
Dem schlägt das Herz am rechten Fleck,
Nur dieses Wochenende hat ihm wer
Den Schrittmacher versteckt.
In seinem Zimmer baut allein,
Der kleine Thomas ganz geheim,
In seine Eisenbahn den Herzschrittmacher ein.
Ja, im Raum Waldburg an der Grenze,
Hat dieser gottverdammte Panzer
Diesen gottverdammten Hasen überrollt.
Bis auf die Zähne bewaffnet und zitternd vor Angst,
Die Kerze wirft Schatten, die Kellerwand tanzt,
So hocken wir da unten und Tränen weinen wir,
Tränen.
Unsere Kleinen, da draussen,
Verbrennen die Erde,
Es kochen die Flüsse, es verdampfen die Meere,
Oben am Himmel der kleine Bär, schläft auch nicht mehr.
Ja, unsere Kleinen, unsere Kleinen haben uns den Krieg erklärt,
Haben Dir, Mutter, mir, Vater, den Krieg erklärt,
Weil im Raum Waldburg, an der Grenze,
Hat dieser gottverdammte Panzer
Diesen Osterhasen überrollt.