Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [3]

Die Nachfolgerin

Ich hab meinen ersten Mann gesehn – 
        der ging mit einer! 
Hütchen, Rock und Bluse (Indanthren) 
        und zwei Kopf kleiner! 
Sie muß ihn wohl ins Büro begleiten … 
Über den Geschmack ist nicht zu streiten. 
        Na, herzlichen Glückwunsch!

Sein Gehirn ist bei der Liebeswahl 
        ganz verkleistert; 
wenn er siegt, dann ist er allemal 
        schwer begeistert. 
Ob Langettenhemd, ob teure Seiden – 
seinetwegen kann man sich in Säcke kleiden … 
        Na, herzlichen Glückwunsch!

Frau ist Frau. Wie glücklich ist der Mann, 
        dem das gleich ist! 
Und für so was zieht man sich nun an! 
        Als ob man reich ist! 
Das heißt: für ihn …?

                                Wir ziehen unsre Augenbrauen 
für und gegen alle andern Frauen. 
        Immerhin erwart ich, daß ers merken kann; 
        ich will fühlen, daß ich reizvoll bin. 
        Dreifach spiegeln will ich mich: im Glas, im Neid, im Mann.

Und der guckt gar nicht hin. 
Liebe kostet manche Überwindung … 
Männer sind eine komische Erfindung.

Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [2]

Eine Frau denkt

Mein Mann schläft immer gleich ein … oder er raucht seine Zeitung und liest seine Zigarre. 
… Ich bin so nervös … und während ich an die Decke starre, 
denke ich mir mein Teil. 
Man gibt ihnen so viel, wenigstens zu Beginn. Sie sind es nicht wert. 
Sie glauben immer, man müsse hochgeehrt 
sein, weil man sie liebt. 
Ob es das wohl gibt: 
ein Mann, der so nett bleibt, so aufmerksam 
wie am ersten Tag, wo er einen nahm …? 
Einer, der Freund ist und Mann und Liebhaber; der uns mal neckt, 
mal bevatert, der immer neu ist, vor dem man Respekt 
hat und der einen liebt … liebt … liebt … 
ob es das gibt?

Manchmal denke ich: ja. 
Dann sehe ich: nein. 
Man fällt immer wieder auf sie herein.

Und ich frage mich bloß, wo diese Kerls ihre Nerven haben. 
Wahrscheinlich … na ja. Die diesbezüglichen Gaben 
sind wohl ungleich verteilt. So richtig verstehen sie uns nie. 
Weil sie faul sind, murmeln sie was von Hysterie. 
Ist aber keine. Und wollen wir Zärtlichkeit, 
dann haben die Herren meist keine Zeit. 
Sie spielen: Symphonie mit dem Paukenschlag. 
Unsere Liebe aber verzittert, das ist nicht ihr Geschmack. 
Hop-hop-hop – wie an der Börse. Sie sind eigentlich nie mehr als erotische Statisterie. 
Die Hauptrolle spielen wir. Wir singen allein Duett, 
leer in der Seele, bei sonst gut besuchtem Bett.

Mein Mann schläft immer gleich ein, oder er dreht sich um und raucht seine Zigarre. 
        Warum? Weil … 
Und während ich an die Decke starre, 
        denke ich mir mein Teil.

Kurt Tucholsky

Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [1]

Die Frau spricht

Die geschiedene Frau

Ja … da war nun also wieder einer … 
      das ist komisch! 
Vor fünf Jahren, da war meiner; 
dann war eine ganze Weile keiner … 
      Und jetzt geht ein Mann in meiner Wohnung um, 
      findet manches, was ich sage, dumm; 
      lobt und tadelt, spricht vom Daseinszwecke 
      und macht auf das Tischtuch Kaffeeflecke – 
            Ist das alles nötig –?

Ja … er sorgt. Und liebt. Und ists ein trüber 
Morgen, reich ich meine Hand hinüber … 
      Das ist komisch: 
Männer … so in allen ihren Posen … 
und frühmorgens, in den Unterhosen … 
      Plötzlich wohnt da einer auch in meiner Seele. 
      Quält mich; liebt mich; will, daß ich ihn quäle; 
      dreht mein Leben anders, lastet, läßt mich fliegen – 
      siegt, und weil ich klug bin, laß ich mich besiegen … 
             Habe ich das nötig –?

Ich war ausgeglichen. Bleiben wir allein, 
      … komisch … 
sind wir stolz. So sollt es immer sein! 
      Flackerts aber, knistern kleine Flammen, 
      fällt das alles jäh in sich zusammen. 
      Er braucht uns. Und wir, wir brauchen ihn. 
      Liebe ist: Erfüllung, Last und Medizin. 
      Denn ein Mann ist Mann und Gott und Kind, 
      weil wir so sehr Hälfte sind. 
            Aber das ist schließlich überall: 
            der erste Mann ist stets ein Unglücksfall. 
            Die wahre Erkenntnis liegt unbestritten 
            etwa zwischen dem zweiten und dem dritten. 
Dann weißt du. Vom Wissen wird man nicht satt, 
aber notdürftig zufrieden mit dem, was man hat, 
amen.

Kurt Tucholsky

Prosastücke | Das Lottchen (4) und Schluss

Es reut das Lottchen

»Gar nichts. Ich habe gar nichts. Ich? Nichts. Nein …

Frag nicht so dumm – man kann ja auch mal nicht guter Laune sein, kann man doch, wie? Ich habe gar nichts.

Nichts. Ach, laß mich. Na, ich denke eben nach. Meinst du, bloß ihr Männer denkt nach? Ich denke nach. Nein, kein Geld – meine Rechnungen sind alle bezahlt. Alle! Ich habe keinen Pfennig Schulden. Was? Keinen Pfennig. Bloß die Apotheke und das Aquarium, das ich mir neulich gekauft habe, und die Schneiderin und bei Kätchen. Sonst nichts. Na ja, und die fünfzig Mark bei Vopelius. Nein, wegen dem Geld ist es auch nicht. Wegen des Geldes! Was du bloß immer mit der Grammatik hast – die Hauptsache ist doch, daß ich Geld habe. Ich habe aber keins.

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Prosastücke | Das Lottchen (3)

Lottchen beichtet 1 Geliebten

»Es ist ein fremder Hauch auf mir? Was soll das heißen – es ist ein fremder Hauch auf mir? Auf mir ist kein fremder Hauch. Gib mal n Kuß auf Lottchen. In den ganzen vier Wochen, wo du in der Schweiz gewesen bist, hat mir keiner einen Kuß gegeben. Hier war nichts. Nein – hier war wirklich nichts! Was hast du gleich gemerkt? Du hast gar nichts gleich gemerkt … ach, Daddy! Ich bin dir so treu wie du mir. Nein, das heißt … also, ich bin dir wirklich treu! Du verliebst dich ja schon in jeden Refrain, wenn ein Frauenname drin vorkommt … ich bin dir treu – Gott sei Dank! Hier war nichts.

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Prosastücke | Das Lottchen (2)

Lottchen wird saniert

»Also sind das jetzt alle Schulden, die du hast?«

»Das sind alle.«

»Lottchen, daß du mir aber nicht hinterher mit neuen kommst – du weißt: Im vorigen Jahr, in Lugano, habe ich auch alles bezahlt, und wie ich fertig war …«

»Daddy, ich schwöre dir – diesmal habe ich wirklich alles gebeichtet! Meine Kassen sind überhaupt tadellos in Ordnung – also wirklich!«

»Gut. Also gib noch mal die Aufstellung her; ich will das mit deinen Kassenbüchern vergleichen … allmächtiger Gott, das sind deine Kassenbücher?«

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Prosastücke | Das Lottchen

Lottchens Ankunft

Der Liebhaber: »Guten Tag, Lottchen – na, wie ist es denn –?«

Das Lottchen (hintereinanderweg): – »Guntach! Halt mal, warte mal … ich muß hier erst … wartest du schon lange? Wie? Was? Wie? Mach mir mal die Tür auf, wartest du schon lange? Wieso hast du dies Hötel genommen, wie? Na, wie gefällt dir mein Auto, Lottchen II? Ja, da staunste, was? Beinah ganz abgestottert. Wartest du schon lange? Der soll man hier meinen Koffer … nein! Den nicht! Den! Sie! Wo gehn Sie denn damit – ach so … Nein, doch nicht! Die Düse ist hier in den Regenerator gerutscht, die ist da reinge… das verstehst du nicht, na, Gott behüte vor einem Mann, der nichts von Autos versteht! Daddy, geh mal weg, ich dreh bloß mal die Felge über die Nabe – Vorsicht doch! Vorsicht doch! Da hab ich doch mein Obst im Grammophon … ja da, natürlich im Hutkarton, wo sonst? Nicht in der Schachtel – da sind die Akten für Arturs Geschäft, ich denke an meinen Mann, das tust du nicht! Sach mal dem Mann, er soll mal dies hier nehm und da hintragen – Gott, ist das ein Ochse! … Wart mal, ich muß erst die Handbremse in die Kiste für die Zündung tun, da gehört sie hin. Das verstehst du eben nicht! Na, Daddy, das kannstdu dir ja nicht denken – wieso hast du dies Hötel genommen, wie? Wartest du schon lange? Daddy, das kannst du dir nicht denken, also, wie ich bei Wittenberge rechts in die Kurve gehe, da ist sone Kurve, da kommt von links, hastdunichtgesehn, ein Amerikaner angetobt, ich aber nichts wie den Volang rumgerissen, verstehste, Lottchen ist doch helle, und links, ja also links – wieso hast du aber wirklich … Daddy, jetzt sage mal auf Lottchen, wieso hast dudies Hötel genomm‘? Ja, also links war eine Schafherde, paß doch mal auf, und Lottchen rin in die Schafherde. Der Hammel, der Hirt, nein, der nicht … aber vier wirkliche Hammel und dreiundachtzig Schafe hab ich … wieso bezahlt?

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Prosastücke | Der Andere

Für wen bin ich eigentlich unglücklich? Für wen verpasse ich alle Gelegenheiten, alle großen Lose, alle günstigen Zuganschlüsse? Wenn es eine Wahrscheinlichkeitsrechnung gibt, dann muß doch auch eine andre Seite dasein; ich werfe die schwarzen Scheiben, gut, aber einer muß doch dann auch die weißen werfen … »Unter 2786 Würfen sind nur 2 …« Ich bin unter den 2784 – die helfe ich auffüllen, Komparse fremden Glücks, Hintergrund glatter Aktschlüsse des andern.

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