„Wir sind nicht arm! Wir haben bloß kein Geld!“ Einige Gedanken zum gegenseitigen Verständnis.

Als ich vor einigen Tagen nach Freising fuhr, wartete ich am Bahnhof auf den Bus, der mich in die Innenstadt führen sollte.
Normal kann man den Weg gut zu Fuß schaffen, es sind nur wenige Minuten dorthin. Aufgrund meines beschwerlichen Gehens jedoch nutze ich meistens den Bus, muss ich doch in der Stadt selber auch noch einiges an Weg zurücklegen.
Ein kleiner Junge scharrte gelangweilt mit den Füßen, kickte eine Zigarettenkippe den Bordsteinrand hinunter und studierte immer wieder den aushängenden Busfahrplan. Er war, schätzungsweise, acht bis neun Jahre alt. Sein Schulrucksack mochte auch schon bessere Zeiten erlebt haben, allerdings nicht bei ihm.
Mir fiel auf, dass er etwas abseits stand. Abseits einem kleinen Grüppchen anderer Kinder, etwa im gleichen Alter. Die lachten, kicherten, schubsten sich gegenseitig durch die Gegend und hatten augenscheinlich eine ganze Menge Spaß miteinander.
Erst, als eine ältere Dame auf den Jungen zutrat, fiel mir auch seine Kleidung auf. Sie war sauber, zweckmäßig und leicht verschlissen. Aber sauber.
Ich drehte mir eine Zigarette und kümmerte mich erst einmal um mein Handy, auf dem ich noch rasch eine SMS tippen wollte, als ich aus den Augenwinkeln heraus eine betagte Dame auf den Jungen zutreten sah. Aha, so dachte ich, Oma holt den Kleinen ab.
Die Dame versuchte dem Buben etwas in die Hand zu drücken. Dem war das sichtlich unangenehm und ich schlenderte etwas näher an die Beiden heran, da ich mir auf einmal sicher war, dass sie sich nicht kannten.
„Na, komm schon, Kleiner!“, hörte ich sie sagen.
„Das sind zehn Euro, da kannst Du Dir was Schönes von kaufen!“
„Ich brauche nichts.“
„Ihr seid doch so arm…“
„WIR…SIND…NICHT…ARM!!!“ Der Junge war den Tränen nahe und schrie fast, jedes Wort betonend.
„Wir haben bloß kein GELD!!!“

Ich nusste mich einmischen. Den Jungen hätte ich vor Rührung nach seinem Satz in die Backen beißen können. Ich mische mich oft ein, das liegt in meiner Natur und brachte mir auch oft genug Schwierigkeiten ein.
„Lassen Sie doch den Jungen in Frieden!“
„Was mischen SIE sich denn ein?“

Und dann geschah etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte: Dieser kleine Junge griff meine Hand und fragte: „Fahren wir jetzt zu Mama, Opi?“
Da musste ich doch schlucken und sagte einfach: „Ja, mein Großer, jetzt fahren wir zu Mami!“

Während der Busfahrt erfuhr ich von einem plappernden, kleinen Jungen, dass sich der Papa irgendwann aus dem Staub gemacht, seine Mama immer arbeiten musste, jedoch einfach immer Zeit fand, mit ihrem Kind zu spielen, zu reden und sich seiner Sorgen annehmen zu können.
Und so schliesst sich ein Kreis:
„Wir sind nicht arm! Wir haben bloß kein Geld!“

Bis in die Nähe der ehemaligen Kaserne begleitete ich ihn. Dann war er zu Hause. Trotz seiner Einladung, mit Mama und ihm Spaghetti zu essen, blieb ich im Bus sitzen und fuhr zurück in die Innenstadt.
Aber meine Gedanken, die kreisen immer noch um dieses Kind. Und eines weiß ich: Sollte ich den kleinen Tobias jemals wiedersehen, ich werde seine Einladung annehmen.
Ich liebe Mütter, die für ihr Kinder „DA“ sind.
Und Liebe, Liebe ist allemal wichtiger als Geld. Den Spruch hat er von der Mama, denke ich mal.
Und die Mama lehrte ihn, das Richtige zu sehen. Bravo, liebevolle Mama ohne viel Geld, Bravo!