Wo sind die deinen?

Siehst du dort an des Abgrunds Rand
die Schar der Kinder sorglos schreiten?
Kaum noch die Breite einer Hand,
so ist der Sturz nicht zu vermeiden.
Zu ihren Füßen gähnt der Tod;
vor Angst will dir das Herz erkalten,
doch ob er grinst, und ob er droht,
sie werden unsichtbar gehalten.

Nun steig einmal, du stolzer Mann,
hinauf, desselben Wegs zu gehen!
Warum schaust du mich fragend an?
Warum bleibst du so zagend stehen?
Du fragst und zagst ja nie und nicht
auf deinen steilen Zweiflerspfaden;
wie kommt’s, daß jetzt der Mut dir bricht?
Ich glaub, ich habe es erraten.

Du wanderst kühn von Trug zu Trug
am Abgrund deiner geistgen Öde,
doch hier vor diesem Bergeszug,
da schwindelt dir, da wirst du blöde.
Nun schau hinauf zum Felsenjoch,
und sieh den sichern Gang der Kleinen:
Sie haben ihre Engel noch;
du aber sag, wo sind die deinen?

Karl May (1842-1912)

Gottesgedanke

Ich bleib dir treu. Du wardst mit mir geboren
als mein Begleiter für das Erdental.
Wir gingen uns niemals, niemals verloren;
ich war die Welt; du warst mein Sonnenstrahl.
Ja, ich die Welt! Es ist der Schöpfung Ganzes
im Menschen klein, doch völlig dargestellt,
und atmet es im Lichte deines Glanzes,
so ist es eine große, schöne Welt.

Ich bleib dir treu. Es wechselten die Zeiten
es kamen Jahre, Monde, Tag und Nacht.
Sie waren Bilder einstger Ewigkeiten,
und du hast sie verständlich mir gemacht.
Ich leb ein äußres und ein innres Leben,
eins mehr für hier, das andre mehr für dort,
und soll ich beiden Ziel und Richtung geben,
so find ich nur durch dich das rechte Wort.

Ich bleib dir treu, du herrlicher Gedanke,
daß Gott auch meine kleine Welt regiert.
Vor dir fällt jede, auch die letzte Schranke,
an welcher selbst der Mut den Mut verliert.
Du warst die einzge Leuchte mir auf Erden
und wirst sie mir für ewig, ewig sein.
Wer darnach trachtet, selig einst zu werden,
der wird es nur durch dich, durch dich allein.
Liebe

Es ward vom Herrn ein großes Wort geschrieben,
wie größer es kein andres, zweites gibt:
Wer Liebe finden will, muß selbst auch lieben,
weil nur empfangne Liebe wieder liebt.
Und bliebe sie auch ohne Gegenspende,
so ist sie ja die ewge Gotteskraft,
die aus sich selbst heraus und ohne Ende
sich stete Fülle, neue Gaben schafft.

Es ward vom Herrn ein großes Wort geschrieben
wie größer es kein andres, zweites gibt:
Nur der versteht es, recht und wahr zu lieben,
der die empfangne Liebe weiterliebt.
So soll von Sieg zu Sieg sie stetig streben,
allgegenwärtig wie der Sonnenschein,
zur Allmacht werden auch im Erdenleben
und die Befreierin der Menschheit sein.

Es war vom Herrn ein großes Wort geschrieben,
wie größer es kein andres, zweites gibt:
Einst wird das Kind so, wie der Vater lieben,
die Kreatur so, wie der Schöpfer liebt.
O Gott, o Liebe, nimm mich ganz zu eigen;
ich gebe mich dir durch dich selber hin.
Führ mich in dich, und laß zu dir mich steigen,
bis einst ich auch nur Liebe, Liebe bin!

Karl May (1842-1912)

Meine Legitimation

Grüß Gott, du liebes Tröpflein Tau!
So einen Schmuck gibt es wohl nimmer:
Von jedem Hälmchen auf der Au
spitzt es wie Diamantenschimmer.
Entstammt der Erde, harrst du froh
dem holden Morgenlicht entgegen.
Tränkst deinen Halm und wirst ihm so
nicht nur zur Zierde, auch zum Segen.

Kommt dann aus gold – brokathem Tor
die Königin des Tags gestiegen,
so strebst du sehnsuchtsvoll empor,
dich ihrem Strahle anzuschmiegen.
Du fühlst, du bist ihr untertan,
du kannst nicht ohne sie bestehen
und wirst gezogen himmelan.
In ihrem Kusse aufzugehen.

Ein solches Tröpflein bin auch ich
am Lebensmorgen einst gewesen,
ein Tröpflein, das den andern glich,
nicht auserwählt, nicht auserlesen.
Ich hing nicht hoch, ich wurde nicht
von einer Rose stolz getragen;
tief unten sah ich auf zum Licht
und durfte kaum zu hoffen wagen.

Da stieg sie auf, so himmlisch klar,
so gnadenreich, voll Welterbarmen,
und mich trieb es so wunderbar,
mit ihr die Menschheit zu umarmen.
Es war, als ob ich beten müßt:
»O komm, und stille mein Verlangen!«
Da hat die Liebe mich geküßt,
und ich bin in ihr aufgegangen.

Karl May (1842-1912)

Ewig

Ihr sucht und sucht: »Wo ist die Ewigkeit?«
»Jenseits des Todes! Über unsern Sternen!
Hier ist die Zeit, und grad nur in der Zeit
hat für das ewge Leben man zu lernen.
Hier sind die Jahre, Monde, Tage, Stunden;
wir leben nach des Uhrenzeigers Lauf.
Hat er die Zwölf, die Mitternacht, gefunden,
so kommt die Ewigkeit, die Zeit hört auf.«

So wird von euch gesprochen und gedacht;
so hören es die Schüler von den Meistern,
und während Einer frech darüber lacht,
läßt sich der Andere davon begeistern.
Ihr meint, die Ewigkeit sei nur zu glauben,
sei eine Zweifelssache, ein Vielleicht,
und sendet aus der Arche eure Tauben,
von denen keine auf zur Wahrheit steigt.

So hört es denn: Die Ewigkeit ist dort,
ist hier, ist vor und nach euch, allerorten,
der Zeitenraum, der grenzenlose Ort,
der nur im Wechsel endlich ist geworden.
Sobald die ewge Liebe schöpfrisch handelt,
hat ihren Ratschluß sie in Form gebracht
und die Unendlichkeit in Zeit verwandelt,
doch diese Zeit als ewig sich gedacht.

So lebt ihr also in der Ewigkeit;
euch ward die Gnade, sie als Zeit zu fassen.
Benützt ihr sie, so wird als Seligkeit
der Herr sie euch für ewig, ewig lassen.
Wer dies nicht tut, dem steht der Abgrund offen.
Aus dem die Erdenstunde ihn gebar,
und nur vom Himmel ist für ihn zu hoffen,
daß er das wieder wird, was hier er war.

Karl May (1842-1912)

Widmung

Ich fragte zu den Sternen
wohl auf in stiller Nacht,
ob dort in jenen Fernen
die Liebe mein gedacht.
Da kam ein Strahl hernieder,
hell leuchtend, in mein Herz
und nahm all meine Lieder
zu dir, Gott, himmelwärts.

Ich fragte zu den Sternen
wohl auf in stiller Nacht,
warum in jene Fernen
er sie emporgebracht.
Da kam die Antwort nieder:
»Denk nicht an irdschen Ruhm;
ich lieh dir diese Lieder;
sie sind mein Eigentum!«

Ich fragte zu den Sternen
wohl auf in stiller Nacht:
»Gilt dort in jenen Fernen
auch mir die Himmelspracht?«
Da klang es heilig nieder:
»Du gingst von hier einst aus
und kehrst wie deine Lieder
zurück ins Vaterhaus!«

Karl May (1842-1912)

Güte

Streu Blumen aus auf deinem Lebenspfad;
sie sind dir ja dazu gegeben!
Dies Blumenstreuen ist die beste Saat
zur Ernte schon in diesem Leben.
Es kehrt ein jedes, auch bescheidnes Glück,
nachdem es wo ein Leid geendet,
Gewiß verdoppelt und sehr bald zurück
zu dem, der liebreich es gespendet.

Streu Blumen aus auf deinem Erdenpfad;
sie sind dir ja dazu gegeben!
Dies Blumenstreuen ist die beste Saat
zur Ernte auch in jenem Leben.
Es bleibt die Saat der Liebe ewig grün,
und ihre Blumen welken nimmer;
sie werden dir einst schon entgegenblühn
beim ersten Himmels –\1Morgenschimmer.

Streu Blumen aus auf deinem Erdenpfad;
sag nicht, du seist zu arm zum Geben!
Gelegenheit ist stets zur Liebestat,
und Blumen hat das ärmste Leben.
Meinst du, es müssen immer Rosen sein?
Gott kennt ja jede, jede Blüte.
Er fragt nicht, ob die Gabe groß, ob klein,
er mißt sie nur nach deiner Güte.

Karl May (1842-1912)

Himmelsgedanken

Der Himmelsglaube ist nicht Wahn
und bringt nicht Wahn, –
Er erlöst vom Wahn.
(Karl May)

Dein Engel

Glaube nicht, du seist verlassen,
wenn dir kein Mensch zur Seite steht.
Lern nur den leisen Hauch erfassen,
der, wenn du klagst, dich lind umweht.
Es zieht ein sinnenfremdes Mahnen
dein geistig Wesen zu sich hin:
»Willst du, willst du denn gar nicht ahnen,
daß ich, dein Engel, bei dir bin?«

O wolle nicht darüber trauern,
daß dich kein Mensch im Herzen trägt.
Dort, jenseits unsrer Kirchhofsmauern,
gibt’s einen Puls, der für dich schlägt.
Er hat für dich schon hier geschlagen,
und fühlst du ihn, so sagt er dir:
»Du wirst auf Flügeln stets getragen;
ich bin dein Engel; glaub es mir!«

O laß dir nicht ins Auge steigen
des Leides stille Tränenflut.
Wiß, daß grad in den schmerzensreichen
Geschicken tiefe Weisheit ruht.

Grad in des Lebens schwersten Stunden
spricht tröstend dir dein Engel zu:
»Durchs Leiden hast du mich gefunden;
ich bin getrost; nun sei’s auch du!«

Karl May (1842-1912)

Mein Engel

Ich saß im lieben, trauten Stübchen,
grad als der Tag dem Abend wich.
Mein kleines, süßes Herzensbübchen
schlang seine Ärmchen warm um mich.
Da strich, nicht etwa von der Sonne,
an uns vorbei ein lichter Schein,
und ich gedachte voller Wonne:
»Das wird des Kindes Engel sein!«

Ich wachte an dem Krankenlager.
es war so düster in dem Raum!
Der Leidenden Gesicht so hager;
man unterschied die Züge kaum.
Wir beteten; da plötzlich legte
sich um ihr Haupt ein lichter Schein,
der den Gedanken in mir regte:
»Das wird der Kranken Engel sein!«

Er stand vor mir im halben Dunkel,
die Klinge in der Faust bereit;
des Aug’s verräterisch Gefunkel
gab mir zum Weichen nicht mehr Zeit.
Da, als er auszuholen wagte,
floss zwischen uns ein heller Schein;
es sank die Hand; ich aber sagte:
»Das wird vielleicht dein Engel sein!«

Es lag die Bibel aufgeschlagen,
und der Verleumder stand dabei,
um auf das heilge Buch zu sagen,
dass seine Lüge Wahrheit sei.
Da war ein fremder Ton zu hören,
wie überirdisch, warnend, fein.
Der Mann schrie auf: »Ich will nicht schwören,
denn das, das wird mein Engel sein!«

Bin ich dereinst bereit zum Scheiden,
und ihr steht weinend um mich her,
so mag es Tröstung euch bereiten,
dass ich zurück zum Vater kehr.
Habt Acht auf einen lichten Schimmer;
auf einen Ton, ersterbend lind,
und trifft es ein, so zweifelt nimmer,
dass dies dann meine Engel sind!

Wilhelm_Busch
Karl May (1842-1912)

Dein Engel

Glaube nicht, du seist verlassen,
wenn dir kein Mensch zur Seite steht.
Lern nur den leisen Hauch erfassen,
der, wenn du klagst, dich lind umweht.
Es zieht ein sinnenfremdes Mahnen
dein geistig Wesen zu sich hin:
»Willst du, willst du denn gar nicht ahnen,
dass ich, dein Engel, bei dir bin?«

O wolle nicht darüber trauern,
dass dich kein Mensch im Herzen trägt.
Dort, jenseits unsrer Kirchhofsmauern,
gibt’s einen Puls, der für dich schlägt.
Er hat für dich schon hier geschlagen,
und fühlst du ihn, so sagt er dir:
»Du wirst auf Flügeln stets getragen;
ich bin dein Engel; glaub es mir!«

O lass dir nicht ins Auge steigen
des Leides stille Tränenflut.
Wiss, dass grad in den schmerzensreichen
Geschicken tiefe Weisheit ruht.

Grad in des Lebens schwersten Stunden
spricht tröstend dir dein Engel zu:
»Durchs Leiden hast du mich gefunden;
ich bin getrost; nun sei’s auch du!«

May
Karl May (1842-1912)