Zur Blauen Stunde | Das Nasobēm

Das Nasobēm

Auf seinen Nasen schreitet
einher das Nasobēm.
von seinem Kind begleitet.
Es steht noch nicht im Brehm.

Es steht noch nicht im Meyer.
Und auch im Brockhaus nicht.
Es trat aus meiner Leyer
zum ersten Mal ans Licht.

Auf seinen Nasen schreitet
(wie schon gesagt) seitdem,
von seinem Kind begleitet,
einher das Nasobēm.

Christian Morgenstern

Die zehn besten Gründe, den Arbeitsplatz zu wechseln

10. Ihr Chef leiht sich Ihre Krawatte, um beim Arbeitsamt einen ordentlichen Eindruck zu machen.
9. Sie verlieben sich in Ihren Messdiener
8. Mit weniger als 40 Millionen im Jahr kommen Sie einfach nicht mehr aus.
7. Ihre Firma liefert Kruzifixe an bayrische Schulen.
6. Als Mitarbeiter einer Briefkastenfirma müssen Sie sich die Räumlichkeiten mit zwei Kollegen teilen.
5. Man bietet Ihnen die 72-Stunden-Woche an – bei vollem Lohnverzicht.
4. Die Firma verweigert die Renovierung Ihres Büros und gestattet lediglich, dass das Stroh gewechselt wird.
3. Sie sind Minister im Kabinett des Irans.
2. Der Vorstand behauptet allen Ernstes, der kleine Kuckuck, der an Ihrem Schreibtisch klebt, sei das neue Firmenlogo.
1. Auf der Betriebstoilette liegt statt Klopapier Ihr Arbeitsvertrag.

Joachim Ringelnatz | Ritter Sockenburg

Ritter Sockenburg

Wie du zärtlich deine Wäsche in den Wind
Hängst, liebes Kind
Vis à vis,
Diesen Anblick zu genießen,
Geh ich, welken Efeu zu begießen.
Aber mich bemerkst du nie.
Deine vogelfernen, wundergroßen
Kinderaugen, ach erkennen sie
Meiner Sehnsucht süße Phantasie,
Jetzt ein Wind zu sein in deinen Hosen –?

Kein Gesang, kein Pfeifen kann dich locken.
Und die Sehnsucht läßt mir keine Ruh.
Ha! Ich hänge Wäsche auf, wie du!
Was ich finde. Socken, Herrensocken;
Alles andre hat die Waschanstalt.
Socken, hohle Junggesellenfüße
Wedeln dir im Winde wunde Grüße.
Es ist kalt auf dem Balkon, sehr kalt.

Und die Mädchenhöschen wurden trocken,
Mit dem Winter kam die Faschingszeit.
Aber drüben, am Balkon, verschneit,
Eisverhärtet, hingen hundert Socken.

Ihr Besitzer lebte fern im Norden
Und war homosexuell geworden.

ringelnatz

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Wilhelm Busch | Der Einsame

Der Einsame

Wer einsam ist, der hat es gut,
Weil keiner da, der ihm was tut.
Ihn stört in seinem Lustrevier
Kein Tier, kein Mensch und kein Klavier,
Und niemand gibt ihm weise Lehren,
Die gut gemeint und bös zu hören.
Der Welt entronnen, geht er still
In Filzpantoffeln, wann er will.
Sogar im Schlafrock wandelt er
Bequem den ganzen Tag umher.
Er kennt kein weibliches Verbot,
Drum raucht und dampft er wie ein Schlot.
Geschützt vor fremden Späherblicken,
Kann er sich selbst die Hose flicken.
Liebt er Musik, so darf er flöten,
Um angenehm die Zeit zu töten,
Und laut und kräftig darf er prusten,
Und ohne Rücksicht darf er husten,
Und allgemach vergißt man seiner.
Nur allerhöchstens fragt mal einer:
»Was, lebt er noch? Ei Schwerenot,
Ich dachte längst, er wäre tot.«
Kurz, abgesehn vom Steuerzahlen,
Läßt sich das Glück nicht schöner malen.
Worauf denn auch der Satz beruht:
»Wer einsam ist, der hat es gut.«

Wilhelm Busch (1832-1908)

Wilhelm Busch | Bewaffneter Friede

Bewaffneter Friede

Ganz unverhofft, an einem Hügel,
Sind sich begegnet Fuchs und Igel.
»Halt«, rief der Fuchs, »du Bösewicht!
Kennst du des Königs Ordre nicht?
Ist nicht der Friede längst verkündigt,
Und weißt du nicht, daß jeder sündigt,
Der immer noch gerüstet geht? –
Im Namen Seiner Majestät,
Geh her und übergib dein Fell!«
Der Igel sprach: »Nur nicht so schnell!
Laß dir erst deine Zähne brechen,
Dann wollen wir uns weitersprechen.«
Und alsogleich macht er sich rund,
Schließt seinen dichten Stachelbund
Und trotzt getrost der ganzen Welt,
Bewaffnet, doch als Friedensheld.

Wilhelm Busch (1832-1908)

Joachim Ringelnatz | Nach dem Gewitter

Nach dem Gewitter

   Der Blitz hat mich getroffen.
Mein stählerner, linker Manschettenknopf
Ist weggeschmolzen, und in meinem Kopf
Summt es, als wäre ich besoffen.Der Doktor Berninger äußerte sich
Darüber sehr ungezogen:
Das mit dem Summen wär‘ typisch für mich,
Das mit dem Blitz wär‘ erlogen.
ringelnatz

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Wilhelm Busch | Der weise Schuhu

Der weise Schuhu

Der Schuhu hörte stets mit Ruh,
Wenn zwei sich disputierten, zu. –
Mal stritten sich der Storch und Rabe,
Was Gott, der Herr, zuerst erschaffen habe,
Ob erst den Vogel oder erst das Ei.
»Den Vogel!« schrie der Storch.
»Das ist so klar wie Brei!«
Der Rabe krächzt: »Das Ei, wobei ich bleibe;
Wer’s nicht begreift, hat kein Gehirn im Leibe!«
Da fingen an zu quaken
Zwei Frösch‘ in grünen Jacken.
Der eine quakt: »Der Storch hat recht!«
Der zweite quakt: »Der Rab‘ hat recht!«
»Was?« schrien die beiden Disputaxe.
»Was ist das da für ein Gequakse?« –
Der Streit erlosch. –
Ein jeder nimmt sich seinen Frosch,
Der schmeckt ihm gar nicht schlecht.
Ja, denkt der Schuhu, so bin ich!
Der Weise schweigt und räuspert sich!

Karl Valentin | Die Rechnung

Die Rechnung

Eine Dame beauftragte einen Schreinermeister, er möchte in ihrer Wohnung eine Zimmertüre neu anfertigen. Nach drei Tagen aber überlegte sich’s die Dame wieder anders, stellte an die Stelle der Tür einen Kleiderschrank, und fand nun die Anfertigung der bereits bestellten Türe überflüssig. Sie teilte dem Schreinermeister dieses mit, aber es war bereits zu spät, denn der Schreinermeister hatte mit der Arbeit schon begonnen.

Die Dame einigte sich mit dem Schreinermeister, ihm die bereits gehabten Auslagen zu bezahlen und bekam von ihm eine Rechnung gestellt, folgenden Inhalts:

Eine neue Zimmertüre nicht gemacht … 16.– Mark

Dankend erhalten

Schreinermeister F. Schwarz.

Karl Valentin (1882-1948)

Joachim Ringelnatz | …liner Roma… [12]

12.

    L. F. Café Josty Freitag, Adresse wiederholen, wichtig Sporendank, Zürich entschlossen. Vorsicht Postl. 27, Amt 12.

»Heh! Heh! Pst! Wiga!« – Er springt einen kühnen Satz vom Autoomnibus. Das lernt sich hier. »Ich habe Eile, aber ein Stück begleite ich dich.« Wie geht dir’s Gustav? »Manchmal… heute.. hat Berlin einen Himmel. Ich bin dabei, meine Schulden zu bezahlen und zu schenken. Mein Drama ist honoriert, ein guter Freund von mir hat es..« Du hast viele gute Freunde? – »Mehr Freundinnen.« – Ich träumte gestern von dir, Gustav. In der Kirche. – »In welcher? Es sind ihrer viele hier, manche so verbaut, daß man jahrelang täglich vorbeigeht, ehe man sie hinter Plakaten, zwischen einem Kino und einem Palast der Lebensversicherung entdeckt. Auch richtige Gebete und zauberstarke Frömmigkeit gibt es hier.« – Übrigens Gustav: Ich bin verheiratet. Willst du morgen bei uns essen? Notiere unsere Telephonnummer… –

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