Berliner Geschichten

Gott und die Berliner

Und am 8. Tag erschuf Gott die Dialekte. Alle Völkchen waren glücklich.
Nur für den Berliner war kein Dialekt übrig. Da wurde der Berliner ganz traurig und sagte: „Jetzt habe ich gar keinen Dialekt bekommen?“. Da sagte Gott: „Macht nüscht meen Kleener, quatschte halt wie icke hier!“

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Icke

Ick sitze da un esse Klops.
Uff eemal klopp’s.
Ick kieke, staune, wundre mir,
Uff eemal jeht se uff, de Tür.
Nanu denk’ ick, ick denk’ nanu,
Jetz isse uff, erst war se zu!
Ick jehe raus und kieke.
Un wer steht draußen? – Icke!

Das berühmte „Klopslied“ wurde von Kurt Weill komponiert, der Text stammt von Jean de Bourgois (eigentlich Carl Einstein). Gibt es auch auf Youtube.

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Blumenbeet jießen

Sacht ein Mann zu seiner Frau:
Ach Erna jieß doch mal draußen dit Blumenbeet.
Aber Heinrich es regnet doch.
Ejal, denn nimm’nen Schirm mit.


Ick liebe dir

Ick liebe dir, ick liebe dich,
wie’s richtig heeßt, dit weeß ick nicht. 
Dit is mir och Pomade,
ick lieb‘ dir nicht im 3. Fall,
ick lieb dir nicht im 4. Fall
Ick liebe dir in jedem Fall


Keene Haare

Keene Haare uff’m Kopp, aba ’n Kamm inner Tasche!


Alles vorüba

Auf ‚m Kloo sitzt eener und singt:
„Et jeht allet vorüba, et jeht allet vorbei.“
Brüllt einer von draußen:
„Denn setz dir doch jefällichst richtig druff!“


Jarderobenhaken

Im Hörsaal in der Humboldt-Universität
sind zwee Jarderobenhaken anjebracht worden.
Darüber ’n Schild: „Nur füa Dozenten!“
Am nächsten Tach klebt n Zettel drunter:
„Aber ooch füa Mäntel jeeijnet!“


Wie man’s macht

Wie man’s macht, isset falsch, und macht man’s falsch, isset ooch nich richtig!


Stammgast

Ein nicht gerade gern gesehener 
Stammgast bestellt in einer Berliner 
Kneipe: „Also heute hätt ick jern ma wat, 
wat ick noch nie hatte.“ 
Sagt der Wirt: „Da würd ick dir Hirn empfehln.“


Münchner Hauptbahnhof

Ein Berliner fragt am Münchner Hauptbahnhof
einen Einheimischen nach dem Weg – 
und zwar in seiner gewohnten, sehr direkten Berliner Art:
„He Sie! Wo jeht et denn hier zum Marienplatz?“ 
Der Münchner: „Wenns’d mi anständig frogst, dann sog i’s da vielleicht!“ 
Der Berliner: „Nee, denn valoof ick ma lieber!“


Valobter stottert

„Dein Valobter stottert ja“, sacht die Mutter janz entsetzt zu ihra Tochta.
„Dit macht nüscht. Wenn wa vaheiratet sind, hatta sowieso nüscht mehr zu sagen …“


Haar in der Suppe

„Een Haar in der Suppe is relativ viel, een Haar uff ’n Kopp is relativ wenig.“

Seemann Kuttel Daddeldu | Lied aus einem Berliner Droschkenfenster

Lied aus einem Berliner Droschkenfenster

Auf dem Asphalt das Blut und das verspritzte Gehirn
Verlaufen in zierlichen Fädchen.
Ein Fädchen kann sein aus Seide oder Zwirn.
Damit nähen und sticken die Mädchen.

Sie nähen einen Saum, und sie sticken ein »B«
In ein seifensteifes Unterhöschen.
Im Kielwasser eines Dampfers auf See
Ersäuft ein vertrocknetes Röschen.

Mein Onkel im Rostocker Rathaus erschrickt
Über eine sich lösende Tapete.
Der hat einmal eine Sternschnuppe erblickt,
Die sah aus wie eine Rakete.

Wenn der Gaul sich auf dem Spittelmarkt mal hinlegen will,
Na, dann soll man das dem Vieh auch nicht verwehren.
Nee, dann trink‘ ich meinen Gilka. Und belausche dabei still,
Wie die Wanzen sich im Polstersamt vermehren.

Karl Valentin | Die Raubritter vor München | Der Hasenbraten

Der Hasenbraten

Mann: Elisabeth! – Ich hab doch Hunger, was is denn heute mit dem Hasenbraten?

Frau: Der ist noch nicht ganz fertig, aber die Suppe steht schon am Tisch.

Mann schlürft: Na, die Suppe ist heut wieder ungenießbar.

Frau: Wieso? Dös is sogar heut eine ganz feine Suppn.

Mann: Das sagt ja auch niemand, daß die Suppn nicht fein ist, ich mein nur, sie ist ungenießbar, weil s‘ so heiß ist.

Frau: Eine Suppe muß heiß sein.

Mann: Gewiß! Aber nicht zu heiß I

Frau: Dddddd – alle Tag und alle Tag das gleiche Lied, entweder ist ihm d‘ Suppn z’heiß oder sie ist ihm zu kalt; jetzt will ich Dir amal was sagn: Wenn ich Dir nicht gut genug koch, dann gehst ins Wirtshaus zum Essen.

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Karl Valentin | Die Raubritter vor München | Der Radfahrer

Der Radfahrer

Personen: Der Radfahrer Karl Valentin, Ein Schutzmann

Schutzmann: Halt!

Valentin blinzelt den Schutzmann an.

Schutzmann: Was blinzeln Sie denn so?

Karl Valentin: Ihre Weisheit blendet mich, da muß ich meine Schneebrille aufsetzen.

Schutzmann: Sie haben ja hier eine Hupe, ein Radfahrer muß doch eine Glocke haben. Hupen dürfen nur die Autos haben, weil die nicht hupen sollen.

Karl Valentin drückt auf den Gummiball: Die meine hupt nicht.

Schutzmann: Wenn die Hupe nicht hupt, dann hat sie doch auch keinen Sinn.

Karl Valentin: Doch – ich spreche dazu! Passen Sie auf, immer wenn ich ein Zeichen geben muß, dann sage ich Obacht!

Schutzmann: Und dann haben Sie keinen weißen Strich hinten am Rad!

Karl Valentin: Doch! Zeigt seine Hose.

Schutzmann: Und Rückstrahler haben Sie auch keinen.

Karl Valentin: Doch! Sucht in seinen Taschen nach. Hier!

Schutzmann: Was heißt in der Tasche – der gehört hinten hin.

Karl Valentin hält ihn auf die Hose: Hier?

Schutzmann: Nein – hinten auf das Rad – wie ich sehe, ist das ja ein Transportrad – Sie haben ja da Ziegelsteine, wollen Sie denn bauen?

Karl Valentin: Bauen – ich? Nein! – warum soll ich auch noch bauen? Wird ja so soviel gebaut.

Schutzmann: Warum haben Sie dann die schweren Steine an Ihr Rad gebunden?

Karl Valentin: Damit ich bei Gegenwind leichter fahre, gestern in der Frühe z. B. ist so ein starker Wind gegangen, da hab ich die Steine nicht dabei gehabt, ich wollt nach Sendling nauf fahren, daweil bin ich nach Schwabing nunter kommen.

Schutzmann: Wie heißen Sie denn?

Karl Valentin: Wrdlbrmpfd.

Schutzmann: Wie?

Karl Valentin: Wrdlbrmpfd –

Schutzmann: Wadlstrumpf?

Karl Valentin: Wr – dl – brmpfd!

Schutzmann: Reden S‘ doch deutlich, brummen S‘ nicht immer in Ihren Bart hinein.

Karl Valentin zieht den Bart herunter: Wrdlbrmpfd.

Schutzmann: So ein saublöder Name! – Schaun S‘ jetzt, daß Sie weiterkommen.

Karl Valentin fährt weg – kehrt aber nochmal um und sagt zum Schutzmann: Sie, Herr Schutzmann – – –

Schutzmann: Was wollen Sie denn noch?

Karl Valentin: An schönen Gruß soll ich Ihnen ausrichten von meiner Schwester.

Schutzmann: Danke – ich kenne ja Ihre Schwester gar nicht.

Karl Valentin: So eine kleine stumpferte – die kennen Sie nicht? Nein, ich habe mich falsch ausgedrückt, ich mein, ob ich meiner Schwester von Ihnen einen schönen Gruß ausrichten soll?

Schutzmann: Aber ich kenne doch Ihre Schwester gar nicht – wie heißt denn Ihre Schwester?

Karl Valentin: Die heißt auch Wrdlbrmpfd – – –

Joachim Ringelnatz |Joachim Ringelnatz | Vorm Brunnen in Wimpfen

Vorm Brunnen in Wimpfen

Du bist kein du,
Wasser. – Hättest nicht Ruh,
Mich auszuhören.Ihr fließet immerzu
Und immer weiter und möglichst weit.Wie euch der Brunnen aus eisernen Röhren
In den heißen Althäuserplatz speit,
Erdengeläutert und ausgekühlt;
Da ihr alte und neue Zeit
Und den Himmel abkonterfeit, –Siehet mein durstiges Staunen
In euch doch immerzu andre.
Immer wieder mit über den Rand gespült,
Fängt es aus eurem Raunen
Nur eines auf: Wandre!Von euch möcht‘ ich trinken.Ihr würdet lau, wenn ihr stehenbliebt,
Ihr würdet trüb. Ihr würdet verweilend
Faulen und stinken.Was kümmert’s euch, ob ein Mensch euch liebt.
Dauernd zerteilt euch selber enteilend,
Seid ihr getrieben ein treibendes
Ganzem, rein Bleibendes.

Seemann Kuttel Daddeldu | Novaja Brotnein

(Aus des Wunderknaben Horn)


Im Eismeer (jeder weiß das ja)
Da liegt Novaja Semlja.
In Hamburg (das ist auch bekannt)
Wird die Semmel »Rundstück« genannt.
Im Eismeer – sagt man in Hamburg – da
Liegt Novaja Rundstückja.

Seemann Kuttel Daddeldu | Jene brasilianischen Schmetterlinge

Jene brasilianischen Schmetterlinge

Wie schön ihr angezogen seid!
Simpelfarbig ist unsere Menschenhaut
Und hat noch Hitzpickel am Gesicht.
Aber ich denke das ohne Neid.
Ihr renommiert wahrscheinlich auch nicht
Mit euren sonnenmetallischen Flügeln.
Sie sind euer einziges Kleid.
Ihr braucht es niemals zu bügeln.
Und wenn ich es täte, dann ginge
Es sicher entzwei.
Und euer Leben, ihr Schmetterlinge,
Huscht sowieso wie ein Sternschnupp vorbei.
Drum seid ihr Ochsen, wenn ihr’s nicht genießt.
Dauernd saufen, naschen, geschlechtlich paktieren!
Derart keine Zehntelsekunde verlieren!
Bis euch der deutsche Professor aufspießt.
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Die europäischen Fernen
Kennenzulernen,
Was euch das Leben nie bot,
Was ihr damals auch nie gewollt noch begriffen hättet, –
Nun wär’s euch. – – Zwischen Gläser gebettet
Leuchtet ihr so geduldig tot.
Broschen seid ihr und Fächer.
Ich habe aus euch einen Aschenbecher;
Aber er tut mir so leid.
Ich streue die Asche lieber daneben.
Denn euch brachte das schöne Kleid
Um euer junges, brasilianisches Leben.
Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Wilhelm Busch | Der heilige Antonius – Der heilige Antonius – letzte Versuchung

Der heilige Antonius – letzte Versuchung

Der heilige Antonius von Padua
Saß oftmals ganz alleinig da
Und las bei seinem Heiligenschein
Meistens bis tief in die Nacht hinein. –
Und wie er sich umschaut, der fromme Mann,
Schaut ihn ein hübsches Mädchen an. –
der heilige Antonius von Padua
War aber ganz ruhig, als dies geschah.
Er sprach: »Schau du nur immer zu,
Du störst mich nicht in meiner christlichen Ruh!«
Als er nun wieder so ruhig saß
Und weiter in seinem Buche las –
Husch, husch! – so spürt er auf der Glatzen
Und hinterm Ohr ein Kribbelkratzen,
Daß ihm dabei ganz sonderbar,
Bald warm, bald kalt zumute war. –
Der heilige Antonius von Padua
War aber ganz ruhig, als dies geschah.
Er sprach: »So krabble du nur zu,
Du störst mich nicht in meiner christlichen Ruh!«

»Na! – – Na!«
»Na, na! – sag‘ ich!!!«
»Hm! hm! – – hm!!!«
Und gibt dem heil’gen Antonius
Links und rechts einen herzhaften Kuß.
Er sprang empor, von Zorn entbrannt;
Er nahm das Kreuz in seine Hand:
»Laß ab von mir, unsaubrer Geist!
Sei, wie du bist, wer du auch seist!«
Puh!! – Da sauste mit großem Rumor
Der Satanas durchs Ofenrohr.

Der heilige Antonius, ruhig und heiter,
Las aber in seinem Buche weiter! –
So laß uns denn auf dieser Erden
Auch solche fromme Heil’ge werden!
Wilhelm Busch (1832-1908)

Karl Valentin | Die Raubritter vor München | Radlerpech

Radlerpech


Straßenlärm – Trambahngeräusch usw.

Stimmen: Obacht, obacht! Jessas! Jessas! Au! Auh! Schrei.

Karl Valentin: Jessas, jessas, lauft mir des saudumme Frauenzimmer direkt ins Radl nei – i ko nix dafür – ja, hörn denn Sie net, wenn i scho a halbe Stund läut, Sie narrisch Gwachs, Sie!

Liesl Karlstadt: Geh, reden S‘ doch net so unverschämt daher, Sie ham ja überhaupt nicht g’litten, was wolln S‘ denn, Sie sind mir direkt mit Ihrm Radl zwischen d‘ Füaß neigfahrn.

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