Durchfall

Wenn einer viele Wochen lang
Den Prüfungsstoff, den er verschlang,
Und der, zumal er schlecht gekaut,
Ihm liegt im Magen, unverdaut,
Nun plötzlich, ausgequetscht wie toll,
Durch Reden von sich geben soll:
Was Wunder, daß sein Hirn verstopft,
Das Herz ihm klopft, der Schweiß ihm tropft!
Zum Munde kommt ihm nichts heraus,
Doch irgendwo muß es hinaus –
Wild rast es in ihm eingeweidlich
Und Durchfall ist dann unvermeidlich!

Eugen Roth | Wasserheilkunde

Soll eine Pflanze richtig sprießen,
Dann muß man sie bekanntlich gießen.
Dies brachte Kneipp schon zu dem Schluß:
Die wahre Heilkraft liegt im Guß.
Ihn preist die Welt – und nur der Pudel
Nennt unser Lob bloß ein Gehudel,
Weil ihn schon immer sehr verdrossen
Laut Volksmund, wenn man ihn begossen.
Doch nie hält auf das arme Vieh
Den Sieg der Hydrotherapie!

Eugen Roth (1895-1976)

Eugen Rot | Schönheit

Die Welt, du weißts, beurteilt dich,
Schnöd wie sie ist, nur äußerlich.
Drum, weil sie nicht aufs Innere schaut,
Pfleg du auch deine heile Haut,
Dass Wohlgefallen du erregst,
Wo du sie auch zu Markte trägst.
Die Zeitung zeigt dir leicht die Wege
Durch angepriesene Schönheitspflege.
Durch Wässer besser als mit Messer
Hilft dir ein USA – Professer,
Und ein Versandgeschäft im Harze
Hat Mittel gegen Grind und Warze
Und bietet dir für ein paar Nickel
Die beste Salbe gegen Pickel.
Sie macht die Haut besonders zart,
Ist gut auch gegen Damenbart,
Und ist, verändert kaum im Titel,
Auch ein erprobtes Haarwuchsmittel,
Soll gegen rote Hände taugen
Und glanzbefeuern deine Augen
Und wird verwendet ohne Schaden
Bei Kropf und bei zu dicken Waden,
Ist aber andrerseits bereit,
Zu helfen gegen Magerkeit
Und ist, auf Ehre, fest entschlossen,
Zu bleichen deine Sommersprossen.
Sie wird sich weiterhin entpuppen
Als Mittel gegen Flechten, Schuppen,
Ist, was besonders angenehm
Für Frauen, gut als Büstencrem
Verwendbar, und zwar, wie man wolle,
Für schwache Brust und übervolle.
Sofern du Glauben schenkst dem Frechen
Hast nichts zu tun du, als zu blechen.
Die Salbe selbst wird, nachgenommen,
Und wohnst du am Nordpol, kommen.

Eugen Roth (1895-1976)

Eugen Roth | Ungleicher Kampf

Ein Mensch von innerem Gewicht 
Liebt eine Frau. Doch sie ihn nicht. 
Doch daß sie ihn nicht ganz verlöre, 
Tut sie, als ob sie ihn erhöre. 
Der Mensch hofft deshalb unverdrossen, 
Sie habe ihn ins Herz geschlossen, 
Darin er, zwar noch unansehnlich, 
Bald wachse, einer Perle ähnlich. 
Doch sieh, da kommt schon einszweidrei 
Ein eitler junger Fant herbei, 
Erlaubt sich einen kleinen Scherz, 
Gewinnt im Fluge Hand und Herz. 
Ein Mensch, selbst als gereifte Perle, 
Ist machtlos gegen solche Kerle.

Eugen Roth (1895-1976)

Eugen Roth | Sage

Ein Mensch – ich hab das nur gelesen –
Hat einst gelebt bei den Chinesen
Als braver Mann; er tat nichts Schlechts
Und schaute nicht nach links und rechts;
Er war besorgt nur, wie er find
Sein täglich Brot für Weib und Kind.
Es herrschte damals voller Ruh
Der gute Kaiser Tsching-Tschang-Tschu.
Da kam der böse Dschu-pu-Tsi;
Man griff den Menschen auf und schrie:
„Wir kennen Dich, Du falscher Hund,
Du bist noch Tsching-Tschang-Tschuft im Grund!“
Der Mensch, sich windend wie ein Wurm,
Bestand den Dschuh-Putschistensturm,
Beschwörend, nur Chinese sei er.
Gottlob, da kamen die Befreier!
Doch die schrien gleich: „Oh Hinterlist!
Du bist auch ein Dschuh-Pu-Blizist!“
Der Mensch wies nach, daß sie sich irren. –
Oh weh, schon gab es neue Wirren:
Es folgten Herren neu auf Herren,
Den Menschen hin und her zu zerren:
„Wie? Du gesinnungsloser Tropf!“
So hieß es, „hängst am alten Zopf?“
Der Mensch nahm also seinen Zopf ab. –
Die nächsten schlugen ihm den Kopf ab,
Denn unter ihnen war verloren,
Wer frech herumlief, kahlgeschoren.
So schwer ists also einst gewesen,
Ein Mensch zu sein – bei den Chinesen!

Eugen Roth (1895-1976)

Der Zahnarzt

Nicht immer sind bequeme Stühle 
Ein Ruheplatz für die Gefühle.
Wir säßen lieber in den Nesseln,
Als auf den wohlbekannten Sesseln,
Vor denen, sauber und vernickelt,
Der Zahnarzt seine Kunst entwickelt.
Er lächelt ganz empörend herzlos
Und sagt, es sei fast beinah schmerzlos.
Doch leider, unterhalb der Plombe,
Stößt er auf eine Katakombe,
Die, wie er mit dem Häkchen spürt,
In unbekannte Tiefen führt.
Behaglich schnurrend mit dem Rädchen
Dringt vor er bis zum Nervenfädchen.
Jetzt zeige, Mensch, den Seelenadel!
Der Zahnarzt prüft die feine Nadel,
Mit der er alsbald dir beweist,
Daß du voll Schmerz im Innern seist.
Du aber hast ihm zu beweisen,
Daß du im Äußern fest wie Eisen.
Nachdem ihr dieses euch bewiesen.
Geht er daran, den Zahn zu schließen.
Hat er sein Werk mit Gold bekrönt.
Sind mit der Welt wir neu versöhnt
Und zeigen, noch im Aug die Träne,
Ihr furchtlos wiederum die Zähne:
Die wir – ein Prahlhans, wer‘s verschweigt –
Dem Zahnarzt zitternd nur gezeigt.

Eugen Roth (1895-1976)

Die Ballade von den sieben Schneidern

Die Ballade von den sieben Schneidern

       Es hatten sieben Schneider gar einen grimmen Mut;
Sie wetzten ihre Scheren und dürsteten nach Blut.
       Dort auf der breiten Heide lief eine Maus daher,
Und wär‘ sie nicht gelaufen, so lebte sie nicht mehr.
Und zu derselben Stunde (es war um halber neun)
Sah dieses mit Entsetzen ein altes Mütterlein.
       Die Schneider mit den Scheren, die kehrten sich herum,
Sie stürzten auf die Alte mit schrecklichem Gebrumm.
»Heraus nun mit dem Gelde! Da hilft kein Ach und Weh!«
Das Mütterlein, das alte, das kreischte: »Ach herrje!«
       Ein Geisbock kam geronnen, so schnell er eben kann,
Und stieß mit seinem Horne den letzten Schneidersmann.
Da fielen sieben Schneider pardauz auf ihre Nas
Und lagen beieinander maustot im grünen Gras.
       Und sieben Schneiderseelen, die sah man aufwärts schwirr’n,
Sie waren anzuschauen wie sieben Fäden Zwirn.
       Der Teufel kam geflogen, wie er es meistens tut,
Und fing die sieben Seelen in seinem Felbelhut.
       Der Teufel, sehr verdrießlich, dem war der Fang zu klein,
Drum schlug er in die Seelen gleich einen Knoten drein.
       Er hängt das leichte Bündel an eine dürre Lind‘,
Da pfeifen sie gar kläglich, piep, piep, im kühlen Wind.
       Und zieht ein Wandrer nächtlich durch dieses Waldrevier,
So denkt er bei sich selber: Ei, ei, wer pfeift denn hier?
Wilhelm Busch (1832-1908)

Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [4]

Lamento

Der deutsche Mann 
                        Mann 
                                Mann 
das ist der unverstandene Mann. 
        Er hat ein Geschäft, und er hat eine Pflicht. 
        Er hat einen Sitz im Oberamtsgericht. 
        Er hat auch eine Frau – das weiß er aber nicht. 
        Er sagt: »Mein liebes Kind . . .«, und ist sonst ganz vergnügt – 
        Er ist ein Mann., Und das 
                                genügt.

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Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [3]

Die Nachfolgerin

Ich hab meinen ersten Mann gesehn – 
        der ging mit einer! 
Hütchen, Rock und Bluse (Indanthren) 
        und zwei Kopf kleiner! 
Sie muß ihn wohl ins Büro begleiten … 
Über den Geschmack ist nicht zu streiten. 
        Na, herzlichen Glückwunsch!

Sein Gehirn ist bei der Liebeswahl 
        ganz verkleistert; 
wenn er siegt, dann ist er allemal 
        schwer begeistert. 
Ob Langettenhemd, ob teure Seiden – 
seinetwegen kann man sich in Säcke kleiden … 
        Na, herzlichen Glückwunsch!

Frau ist Frau. Wie glücklich ist der Mann, 
        dem das gleich ist! 
Und für so was zieht man sich nun an! 
        Als ob man reich ist! 
Das heißt: für ihn …?

                                Wir ziehen unsre Augenbrauen 
für und gegen alle andern Frauen. 
        Immerhin erwart ich, daß ers merken kann; 
        ich will fühlen, daß ich reizvoll bin. 
        Dreifach spiegeln will ich mich: im Glas, im Neid, im Mann.

Und der guckt gar nicht hin. 
Liebe kostet manche Überwindung … 
Männer sind eine komische Erfindung.

Das brave Lenchen

Das brave Lenchen

Auf einem Schlosse fern im Holz
Wohnt eine Frau gar reich und stolz.
In einem Hüttchen arm und klein
Wohnt Lenchen und ihr Mütterlein.
Das Mütterlein ist schwach und krank
Und ohne Geld und Speis und Trank.
Da denkt das Lenchen: Ach, ich lauf
Um Hilfe nach dem Schloß hinauf!Es nimmt sich nichts wie einen Schnitt
Vom allerletzten Brote mit.Und wie es kommt bis an den Steg,
Sitzt da ein armer Hund am Weg.
»Ach!« ruft der Hund. »Mein Herr ist tot;
Hätt‘ ich doch nur ein Stückchen Brot!«

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