Der friedliche Michel

Der friedliche Michel

1912

Sauft, Soldaten! 
Daß das Blut 
heißer durch die Adern rinnt. 
Saufen macht zum Sterben Mut. 
Sauft! Die Zeit der Heldentaten 
fordert saftige Teufelsbraten. 
Sauft! Der heilige Krieg beginnt.

Sauft und betet! 
Gott erhört 
liebevoll der Gläubigen Ruf. 
Wünscht, daß er den Feind zerstört! 
Wenn ihr über Leichen tretet, 
dankt dem Herrn, zu dem ihr flehtet, 
daß er euch zu Mördern schuf.

Feindeskissen 
bettet weich. 
Wo des Feindes Witwe weint, 
ist des Siegers Himmelreich. 
Fremde Weiber – Leckerbissen – 
Schnaps, Gebet und kein Gewissen –. 
Krieg ist Krieg, und Feind ist Feind!

Tapfrer Krieger, 
der vergißt, 
daß ein Herz im Leibe schlägt, 
daß er Mensch gewesen ist, 
eh er Kämpfer war und Sieger. 
Edler Held, der gleich dem Tiger 
blutige Beute heimwärts trägt!

Heldenscharen, 
kehrt ihr heim, 
fielt ihr nicht von Feindeshand. 
In der Brust den Todeskeim, 
Krüppel mit gebleichten Haaren, 
sucht, wo eure Stätten waren, 
im zerwühlten Vaterland.

Qual und Lasten 
sind der Dank. 
Weib und Kind in bittrer Not. 
Euer Heldentum versank. 
Darben lernt ihr nun und fasten. 
Bettelnd mit dem Leierkasten 
winselt ihr ums Gnadenbrot.

Erich Mühsam (1878-1934)