An die Freunde

Liebe Freunde! Es gab schönre Zeiten
Als die unsern – das ist nicht zu streiten!
Und ein edler Volk hat einst gelebt.
Könnte die Geschichte davon schweigen,
Tausend Steine würden redend zeugen,
Die man aus dem Schoß der Erde gräbt.
Doch es ist dahin, es ist verschwunden,
Dieses hochbegünstigte Geschlecht.
Wir, wir leben! Unser sind die Stunden,
Und der Lebende hat recht.

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Nur ein Hund

Ja, Dir wird’s schwer, mich zu verlassen!
dein Auge bricht, als ob du weinst,
und warst doch bloß ein Kind der Gassen!
Ja, damals ahnt‘ ich nicht, dass einst
als letzter Freund ein Hund mir bliebe:
da sucht‘ ich noch bei Menschen Liebe.

Mein Hund, in deine treuen Augen
hab‘ manche Frage ich versenkt,
für die nicht Menschenblicke taugen,
wo man ein Tier braucht, das nicht denkt,
die Ohnmacht auch in ihm zu sehen,
mit der wir selbst durchs Leben gehen.

Du hast mir nie ein Leid bereitet:
Das kann kein Mensch, der liebste nicht!
Nun liegt dein Leib vom Tod gebreitet,
verlöscht dein tröstend Augenlicht …
Was will mir denn wie Glück noch scheinen?
mein Hund, mein Freund: ich kann noch weinen!

dehmel
Richard Dehmel (1863-1920)

Freundschaft

Mirza-Schaffy kam einst auf einer Reise
Zu einem reichen Mann. Da sprach der Weise:
Ich will dein Gast für heut und morgen bleiben,
Hilf mir die Zeit nun angenehm vertreiben;
Bereit‘ ein Fest, lad‘ gute Freunde ein,
Wir wollen froh und guter Dinge sein!
– Ich habe keine Freunde! – sprach der Mann.
Mirza-Schaffy sah ihn verwundert an:
So darf ich nicht dein Dach zum Obdach wählen,
Dem selbst beim Reichtum gute Freunde fehlen!
Er schüttelte den Staub von seinen Füßen,
Verließ den Reichen, ohne ihn zu grüßen,
Sprach: Wem der Himmel keinen Freund beschert,
Weh ihm! der Mann ist keines Grußes wert.

bodenstedt
Friedrich von Bodenstedt (1819-1892)

Einem Freund ins Stammbuch

Hat dir der Frühling ein Blümlein gesandt,
wenn es auch winzig und klein,
frag nicht, in welchem Garten es stand.
Freu dich – das Blümlein ist dein.

Hat dir das Schicksal ein Mädchen beschert,
das dir sein Herz freudig gibt,
frage nicht, ob es dir ewig gehört.
Küsst euch – solang ihr euch liebt.

Hat dir das Glück einen Menschen gesandt,
der dich als Mensch liebt und ehrt,
den du als wirklichen Freund hast erkannt,
das ist ein bleibender Wert.

Er teilt deine Freude – trägt mit dir dein Leid,
weil er dich niemals verlässt.
Drum freu dich des Blümleins – und küsse die Maid,
aber den Freund halte fest.

endrikat
Fred Endrikat (1890-1942)