Das Verhör

Sie heißen? fragte mich der Direktor. 
Ich nannte den Namen. 
Geboren? 
Ja! 
Wann? meine ich. 
Ich nannte das Datum. 
Religion? 
Geht sie nichts an. 
Schreiben sie also: mosaisch! – Der Beamte schrieb. 
Was tun sie? 
Ich dichte. 
Wa–s? 
Ich trinke. 
Delyriker! schrieb der Beamte.

Das Verhör dauerte noch lange. Schließlich wurde mir die Fragerei zu bunt. Zum Donnerwetter! schrie ich. Bin ich denn hier in einem Tollhaus?

Allerdings, erwiderte der Direktor freundlich und ließ mich in eine Zwangsjacke stecken.

Erich Mühsam (1878-1934)

Gesang der Intellektuellen

Gesang der Intellektuellen

(Melodie: Gaudeamus igitur)

1920

Rr-r-revolution 
macht man nur mit Liebe. 
Weist den Hetzer von der Schwelle. 
Nur der Intellektuelle 
kennt das Weltgetriebe.

Unsre Überlegenheit 
wird euch trefflich führen. 
Wählt nur uns in eure Räte, 
dann wird Liebe früh und späte 
eure Seelen rühren.

Lieb den Bürger, Proletar, 
denn dein Bruder ist er. 
Und verdienst du ihm Millionen, 
mag dich das Bewußtsein lohnen: 
Ihr seid ja Geschwister.

Sammelt euch zum Klassenkampf 
hinter unserm Schilde. 
Läßt der Bourgeois euch hängen, 
mit der Liebe Zauberklängen 
stimmen wir ihn milde.

Aber kommt’s zum Bürgerkrieg, 
ja kein Blutvergießen! 
Auf den Kolben jeder Flinte 
schreibt mit roter Liebestinte: 
Brüder, nur nicht schießen!

Folgt dem geistigen Führerrat 
zu des Werkes Krönung. 
Einerseits die rote Fahne, 
andrerseits die Buttersahne 
lieblicher Versöhnung.

Rr-r-revolution 
macht die Herzen schwellen. 
Laßt die Freiheit uns errichten 
mit den lyrischen Gedichten 
der Intellektuellen.

Erich Mühsam (1878-1934)

Freiheit in Ketten

Ich sah der Menschen Angstgehetz; 
ich hört der Sklaven Frongekeuch. 
Da rief ich laut: Brecht das Gesetz! 
Zersprengt den Staat! Habt Mut zu euch!

Was gilt Gesetz?! Was gilt der Staat?! 
Der Mensch sei frei! Frei sei das Recht! 
Der freie Mensch folgt eignem Rat: 
Sprengt das Gesetz! Den Staat zerbrecht! –

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Die Tierphilosophen

Gott hatte die Welt für gut befunden
und verzog sich darauf für einige Stunden,
damit sich die Tiere der Zeiten bedächten,
womit sie die Zeit ihres Daseins verbrächten.
Die meisten besahen sich nur ihren Leib
und bestimmten darnach ihren Zeitvertreib.
Je, ob sie zwei-, vier- oder hundertbeinig,
war man sich schnell über alles einig.
Die wollten einzeln sein, die in Horden,
die wollten nach Süden gehen, die nach Norden –
die Vögel wollten in Lüften schweben,
die Würmer unter der Erde leben,
die Fische wollten im Wasser schwimmen,
die Gämsen hoch auf den Bergen klimmen,
und in kurzer Zeit hatten allesamt
einen Lebensplan und ein Weltenamt.
Und Gott sah hernieder zu seinem Volke
von seiner prächtigsten Purpurwolke.
Da sah er die Tiere schon alle am Werke
und freute sich seiner Schöpferstärke…
Nur eine Gruppe von seltsamen Vögeln
war noch dabei, ihren Weltplan zu regeln.
Das war die Familie der M a r a b u; –
Gott wunderte sich und sah ihnen zu.
Doch er vernahm kein Schnattern und kein Zanken, –
sie standen alle in tiefen Gedanken.
Es wusst noch keiner: sollten sie fliegen
oder sollten sie müßig im Wasser liegen?
Sollten sie Frösche und Kröten verzehren
oder sollten sie sich vegetarisch ernähren?
Sollten zum Schlaf sie im Wüstensand kauern
oder in Nestern an Kirchenmauern? …

Sie senkten den Schnabel und hoben den Fuß, –
doch keiner kam zu einem Entschluss.
Da musste Gott sich denn selber bequemen,
den schwierigen Fall in die Hand zu nehmen.
Und er bedachte: den klügsten Geschöpfen
lastet stets der schwerste Verstand in den Köpfen
und lässt sie vor lauter Denken und Sinnen
nicht dazu kommen, ein Werk zu beginnen.
So sollten die Marabus mit ihrem Schweigen
der Welt ein Beispiel des Tiefsinns zeigen;
nicht hadern und zanken mit andern Tieren,
sondern allezeit nur philosophieren. —

Drum steht, den Schnabel tief gesenkt,
seitdem der Marabu und denkt,
und überlegt und sinnt und trachtet,
und wird von aller Welt geachtet.

mühsam
Erich Mühsam (1878-1934)

Christliche Liebe

Wieder zieh man einen Pfaffen
mangelhafter Sittlichkeit.
Denn er machte sich zu schaffen
mit der jungen Weiblichkeit.

Ja, es ist das Los der Frommen,
dass im Dienst der Liebe meist
sie vom rechten Wege kommen,
den ihr Amt sie wandeln heißt.

Liebe, sagen sie, sei Tugend –
doch sei Lieb auch Unmoral –
und liebt einer dann die Jugend,
gibt es vor Gericht Skandal.

Schwer fürwahr ist zu entwirren
dieses Zwiespalts Labyrinth;
und wenn schon die Hirten irren,
bleibt die Herde vollends blind.

Seltsam! Doch lehrt die Erfahrung,
dass das Volk es stets erkennt
ohne Pfaffenoffenbarung,
wann man Liebe – Liebe nennt.

mühsam
Erich Mühsam (1878-1934)

Babette

Folg mir in mein Domizil,
liebes Kind, und frag nicht viel.
Wirst schon alles lernen,
wirst schon alles sehn,
liest nicht in den Sternen,
was dir heut noch alles kann für Heil geschehn.

Stehst herum in Nacht und Wind.
Komm! Bei mir ist’s warm, mein Kind.
Geb dir einen Taler,
koch dir ein Glas Tee.
Einen Emmentaler
essen wir selbander auf dem Kanapee.

Bleibst bei mir bis früh am Tag.
Geht dann jeder, wo er mag.
Ich zum Redaktöre,
du, wohin dich’s treib.
Morgen küsst, ich schwöre,
dich mein guter Nachbar, ich des Nachbars Weib.

mühsam
Erich Mühsam (1878-1934)

Der kleine Kunstreiter

Max durfte in den Zirkus geh’n,
da gab es vielerlei zu seh’n:
Ganz große, wilde Tiere und
auch einen klugen Pudelhund,
der Karten legte – und ein Schwein,
das auf französisch „Oui“ konnt‘ schrei’n.
Der dumme August macht‘ ihm Spaß,
der jedermann im Wege saß.
Besonders hat’s ein Reitersmann
jedoch dem Mäxchen angetan.
Der stand auf seinem flinken Pferd
auf einem Bein und ritt verkehrt.
Dann war ein Seil da, das man schwang,
durch welches Ross und Reiter sprang.
Das war ein Kunststück – Donnerblitz! –
viel schöner noch als Augusts Witz … .
Als Mäxchen dann nach Haus gekommen,
hat Gertruds Springtau er genommen.
Das gab er Fips und Stips ins Maul
und sattelte den Steckengaul.
Das Schwesterchen fasst an das Tau:
Nun, Mäxchen spring‘! – Fips bellt: Wau, wau!
Die Schwester schwingt. – Max läuft. – Stips bellt. –
Nun, hops! – Max springt. Und – bums! – Er fällt.
Hier fliegt ein Schuh; da fliegt der Helm;
hier fliegt das Pferd; – da liegt der Schelm. –
Die Lehre hat dem Max gezeigt:
Kunstreiter sein ist nicht so leicht.

mühsam
Erich Mühsam (1878-1934)

Der Anarchisterich

War einst ein Anarchisterich,
der hatt den Attentatterich.
Er schmiss mit Bomben um sich rum;
es knallte nur so: bum bum bum.
Einst kam der Anarchisterich
an einen Schlosshof fürstelich,
und unterm Rock verborgen fein
trug er ein Bombombombelein.

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