Erinnerungen an Erich Kurt Mühsam

Als ich dich fragte …

Als ich dich fragte: Darf ich Sie beschützen?
Da sagtest du: Mein Herr, Sie sind trivial.
Als ich dich fragte: Kann ich ihnen nützen?
Da sagtest du: Vielleicht ein andres Mal.
Als ich dich bat: Ein Kuß, mein Kind, zum Lohne!
Da sagtest du: Mein Gott, was ist ein Kuß?
Als ich befahl: Komm mit mir, wo ich wohne! –
Da sagtest du: Na, endlich ein Entschluß!

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Meta und der Finkenschafter

Meta und der Finkenschafter

Herr Kunze stand als Hausverwalter
in Lohn bei einem Häuserwirt,
und seine Tochter in dem Alter,
wo so ein Mädchen liebend wird.

Er war ein Witmann, sie war Waise,
seitdem Frau Kunze jüngst entschlief;
sie teilten sich ihr Amt, wenn leise
des Nachts des Hauses Klingel rief.

Doch nach und nach ergab Herr Kunze
sein Witwerherz dem Alkohol
und überließ die Pförtnerfunze
der Tochter samt des Hauses Wohl.

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Erich Kurt Mühsam | Die Pflicht

Jüngst war der Tod bei mir zu Gast … 
Unsichtbar stand er und hat still 
und prüfend meinen Puls gefaßt, 
als fragt er, ob ich folgen will.

Da ward mein Körper schwebend leicht, 
und in mir ward es licht und rein. 
Ich spürte: Wenn das Leben weicht, 
muß Seligkeit und Süße sein.

Willkommner Tod, du schreckst mich nicht; 
in deiner Obhut ist es gut, 
wo Geist und Leib von aller Pflicht 
von Kerkerqual und Ängsten ruht …

Von aller Pflicht? Stirbt denn mit mir 
der Krieg, das Unrecht und die Not? 
Des Armen Sucht, des Reichen Gier – 
sind sie mit meinem Ende tot?

Ich schwur den Kampf. Darf ich ihn fliehn? 
Noch leb ich – wohlig oder hart. 
Kein Tod soll mich der Pflicht entziehn – 
und meine Pflicht heißt: Gegenwart!

Der friedliche Michel

Der friedliche Michel

1912

Sauft, Soldaten! 
Daß das Blut 
heißer durch die Adern rinnt. 
Saufen macht zum Sterben Mut. 
Sauft! Die Zeit der Heldentaten 
fordert saftige Teufelsbraten. 
Sauft! Der heilige Krieg beginnt.

Sauft und betet! 
Gott erhört 
liebevoll der Gläubigen Ruf. 
Wünscht, daß er den Feind zerstört! 
Wenn ihr über Leichen tretet, 
dankt dem Herrn, zu dem ihr flehtet, 
daß er euch zu Mördern schuf.

Feindeskissen 
bettet weich. 
Wo des Feindes Witwe weint, 
ist des Siegers Himmelreich. 
Fremde Weiber – Leckerbissen – 
Schnaps, Gebet und kein Gewissen –. 
Krieg ist Krieg, und Feind ist Feind!

Tapfrer Krieger, 
der vergißt, 
daß ein Herz im Leibe schlägt, 
daß er Mensch gewesen ist, 
eh er Kämpfer war und Sieger. 
Edler Held, der gleich dem Tiger 
blutige Beute heimwärts trägt!

Heldenscharen, 
kehrt ihr heim, 
fielt ihr nicht von Feindeshand. 
In der Brust den Todeskeim, 
Krüppel mit gebleichten Haaren, 
sucht, wo eure Stätten waren, 
im zerwühlten Vaterland.

Qual und Lasten 
sind der Dank. 
Weib und Kind in bittrer Not. 
Euer Heldentum versank. 
Darben lernt ihr nun und fasten. 
Bettelnd mit dem Leierkasten 
winselt ihr ums Gnadenbrot.

Erich Mühsam (1878-1934)

Das Verhör

Sie heißen? fragte mich der Direktor. 
Ich nannte den Namen. 
Geboren? 
Ja! 
Wann? meine ich. 
Ich nannte das Datum. 
Religion? 
Geht sie nichts an. 
Schreiben sie also: mosaisch! – Der Beamte schrieb. 
Was tun sie? 
Ich dichte. 
Wa–s? 
Ich trinke. 
Delyriker! schrieb der Beamte.

Das Verhör dauerte noch lange. Schließlich wurde mir die Fragerei zu bunt. Zum Donnerwetter! schrie ich. Bin ich denn hier in einem Tollhaus?

Allerdings, erwiderte der Direktor freundlich und ließ mich in eine Zwangsjacke stecken.

Erich Mühsam (1878-1934)

Gesang der Intellektuellen

Gesang der Intellektuellen

(Melodie: Gaudeamus igitur)

1920

Rr-r-revolution 
macht man nur mit Liebe. 
Weist den Hetzer von der Schwelle. 
Nur der Intellektuelle 
kennt das Weltgetriebe.

Unsre Überlegenheit 
wird euch trefflich führen. 
Wählt nur uns in eure Räte, 
dann wird Liebe früh und späte 
eure Seelen rühren.

Lieb den Bürger, Proletar, 
denn dein Bruder ist er. 
Und verdienst du ihm Millionen, 
mag dich das Bewußtsein lohnen: 
Ihr seid ja Geschwister.

Sammelt euch zum Klassenkampf 
hinter unserm Schilde. 
Läßt der Bourgeois euch hängen, 
mit der Liebe Zauberklängen 
stimmen wir ihn milde.

Aber kommt’s zum Bürgerkrieg, 
ja kein Blutvergießen! 
Auf den Kolben jeder Flinte 
schreibt mit roter Liebestinte: 
Brüder, nur nicht schießen!

Folgt dem geistigen Führerrat 
zu des Werkes Krönung. 
Einerseits die rote Fahne, 
andrerseits die Buttersahne 
lieblicher Versöhnung.

Rr-r-revolution 
macht die Herzen schwellen. 
Laßt die Freiheit uns errichten 
mit den lyrischen Gedichten 
der Intellektuellen.

Erich Mühsam (1878-1934)

Freiheit in Ketten

Ich sah der Menschen Angstgehetz; 
ich hört der Sklaven Frongekeuch. 
Da rief ich laut: Brecht das Gesetz! 
Zersprengt den Staat! Habt Mut zu euch!

Was gilt Gesetz?! Was gilt der Staat?! 
Der Mensch sei frei! Frei sei das Recht! 
Der freie Mensch folgt eignem Rat: 
Sprengt das Gesetz! Den Staat zerbrecht! –

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Die Tierphilosophen

Gott hatte die Welt für gut befunden
und verzog sich darauf für einige Stunden,
damit sich die Tiere der Zeiten bedächten,
womit sie die Zeit ihres Daseins verbrächten.
Die meisten besahen sich nur ihren Leib
und bestimmten darnach ihren Zeitvertreib.
Je, ob sie zwei-, vier- oder hundertbeinig,
war man sich schnell über alles einig.
Die wollten einzeln sein, die in Horden,
die wollten nach Süden gehen, die nach Norden –
die Vögel wollten in Lüften schweben,
die Würmer unter der Erde leben,
die Fische wollten im Wasser schwimmen,
die Gämsen hoch auf den Bergen klimmen,
und in kurzer Zeit hatten allesamt
einen Lebensplan und ein Weltenamt.
Und Gott sah hernieder zu seinem Volke
von seiner prächtigsten Purpurwolke.
Da sah er die Tiere schon alle am Werke
und freute sich seiner Schöpferstärke…
Nur eine Gruppe von seltsamen Vögeln
war noch dabei, ihren Weltplan zu regeln.
Das war die Familie der M a r a b u; –
Gott wunderte sich und sah ihnen zu.
Doch er vernahm kein Schnattern und kein Zanken, –
sie standen alle in tiefen Gedanken.
Es wusst noch keiner: sollten sie fliegen
oder sollten sie müßig im Wasser liegen?
Sollten sie Frösche und Kröten verzehren
oder sollten sie sich vegetarisch ernähren?
Sollten zum Schlaf sie im Wüstensand kauern
oder in Nestern an Kirchenmauern? …

Sie senkten den Schnabel und hoben den Fuß, –
doch keiner kam zu einem Entschluss.
Da musste Gott sich denn selber bequemen,
den schwierigen Fall in die Hand zu nehmen.
Und er bedachte: den klügsten Geschöpfen
lastet stets der schwerste Verstand in den Köpfen
und lässt sie vor lauter Denken und Sinnen
nicht dazu kommen, ein Werk zu beginnen.
So sollten die Marabus mit ihrem Schweigen
der Welt ein Beispiel des Tiefsinns zeigen;
nicht hadern und zanken mit andern Tieren,
sondern allezeit nur philosophieren. —

Drum steht, den Schnabel tief gesenkt,
seitdem der Marabu und denkt,
und überlegt und sinnt und trachtet,
und wird von aller Welt geachtet.

mühsam
Erich Mühsam (1878-1934)