Annabel Lee

Ist ein Königreich an des Meeres Strand,
Da war es, da lebte sie –
Lang, lang ist es her – und sie sei euch genannt
Mit dem Namen Annabel Lee.
Und ihr Leben und Denken war ganz gebannt
In Liebe – und mich liebte sie.

In dem Königreich an des Meeres Strand
Ein Kind noch war ich und war sie,
Doch wir liebten mit Liebe, die mehr war denn dies –
Ich und meine Annabel Lee –
Mit Liebe, dass strahlende Seraphim
Begehrten mich und sie.

Und das war der Grund, dass vor Jahren und Jahr
Eine Wolke Winde spie,
Die frostig durchfuhren am Meeresstrand
Meine schöne Annabel Lee;
Und ihre hochedele Sippe kam,
Und ach! man entführte mir sie,
Um sie einzuschließen in Gruft und Grab,
Meine schöne Annabel Lee.

Die Engel, nicht halb so glücklich als wir,
Waren neidisch auf mich und auf sie –
Ja! das war der Grund (und alle im Land
Sie wissen, vergessen es nie),
Dass der Nachtwind so rau aus der Wolke fuhr
Und mordete Annabel Lee.

Weit stärker doch war unsre Liebe als die
All derer, die älter als wir –
Und mancher, die weiser als wir –
Und die Engel in Höhen vermögen es nie
Und die Teufel in Tiefen nie,
Nie können sie trennen die Seelen von mir
Und der schönen Annabel Lee.

Kein Mondenlicht blinkt, das nicht Träume mir bringt
Von der schönen Annabel Lee,
Jedes Sternlein das steigt, hell die Augen mir zeigt
Meiner schönen Annabel Lee;
Und so jede Nacht lieg zur Seite ich sacht
Meinem Lieb, meinem Leben in bräutlicher Pracht:
Im Grabe da küsse ich sie –
Im Grabe da küsse ich sie.

(aus dem Englischen von Theodor Etzel)

poe
Edgar Allan Poe (1809-1849)

Edgar A. Poe: Der Rabe (Übersetzung Ploennies)

 Der Rabe.

Mitternacht umwob mich schaurig, als ich einsam saß und traurig
Bei Folianten, die mir manchen dunklen Traum heraufbeschworen.
Ich entschlief, doch unterbrochen ward mein Schlummer durch ein Pochen.
Wer ist’s, der so spät (so fragt’ ich) sich hierher zu mir verloren? –

Ein Besuch wird’s sein (so sagt’ ich), der sich spät hierher verloren.

Oder täuschten mich die Ohren?

Ach, die Nacht vergeß’ ich nimmer! denn Dezember war’s, und immer
Düstrer huschten durch mein Zimmer Schatten, die mein Traum geboren.
Sehnlich hofft’ ich auf den Morgen, die Folianten wollten borgen

Keine Lethe meinen Sorgen, meinen Sorgen um Lenoren;

Um das schöne, lichte Mädchen, das bei Engeln weilt, Lenoren,
Das der Erde ging verloren. Weiterlesen „Edgar A. Poe: Der Rabe (Übersetzung Ploennies)“