Die Schildbürger, oder: Das Lallen- und Narrenbuch. | Drittes Kapitel

Drittes Kapitel.
Wie die Weiber zu Schildburg Rath saßen, ihre Männer wieder heim zu fordern, und daher ein Schreiben an sie abgehen ließen.

Ein wunderbares Ding ist es, daß die Männer nicht ohne die Weiber, und die Weiber nicht ohne die Männer haushalten können, wegen des übergroßen Schadens nämlich, welcher aus einer solchen Absonderung entsteht. Denn wo kein Mann ist, da ist keine Meisterschaft; wo keine Meisterschaft ist, da ist auch keine Furcht; wo keine Furcht ist, da thut jeder, was er will; wo jeder tut, was er will, da folgt selten eins dem andern, und wo keins dem andern folgt, da wird selten etwas Rechtes daraus. Es muß jederzeit bei der Arbeit Eins dem Andern die Hand reichen, wenn sie gefördert werden soll, gleichwie in der wohlbestellten Stadt Nürnberg bei den Handwerkern die Arbeitstheilung eingeführt ist.

Wo dagegen kein Weib ist, da hat der Mann keine kleine Haushaltung, und wo der Mann keine kleine Haushaltung hat, da ist er in der großen Haushaltung schon geschlagen. Denn, wenn der Hagel, wie man zu sagen pflegt, in die Küche schlägt, so hat er allenthalben getroffen. Der Kinderzucht und anderer Sachen will ich dieses Ortes nicht gedenken. Aber das möchte ich sagen:

Wo ein Mann ist, aber kein Weib, 
Daselbst ist ein Haupt ohne Leib. 
Und wo ein Weib ist, ohne Mann, 
Da ist der Leib, kein Haupt daran.

Weil also Keines ohne das Andere ganz ist, und Eines ohne das Andere nicht bestehen kann, deßwegen geschieht es, daß je eines das Andere haben muß, dasselbe sucht und zu sich nimmt, abgesehen davon, daß sie oft mit einander in Streit gerathen und der Mann das Weib bisweilen aus dem Haus jagt, die letztere dagegen den Mann hie und da selbst in den Krieg treibt. Daß dieß so und nicht anders sei, wird schon aus dem Nachfolgenden zur Genüge zu entnehmen sein. Betrachtet man nämlich die Unannehmlichkeiten und Widerwärtigkeiten, welche aus der Abwesenheit der Schildbürger täglich und stündlich entsprungen sind, so wird man sich nicht wundern, wenn sich endlich die ganze weibliche Gemeinde, welche insolange das Regiment zu führen hatte, und die in demselben enthaltenen Aemter verwalten mußte (wie meint ihr, daß es da zugegangen sei?) in Beherzigung und Erwägung des gemeinen Nutzens, Wohlstandes und der Wohlfahrt versammelte, und um dem fühlbaren verderblichen Schaden zu begegnen, zu steuern und zu wehren, so wie um dem Abgang ihrer Güter und Gewerbe, ja selbst ihrem Verderben und Untergang zu begegnen, Berathung gepflogen hat, in Folge deren nach langem Bedenken, vielem Geschwätz und Geschnatter sie zuletzt in der Sache dahin einig wurden, daß sie ihre Männer wieder abfordern und heimberufen sollten. Dieses Rathserkenntniß zu bewerkstelligen, ließen sie einen Brief folgenden Inhalts aufsetzen und schicken denselben durch gewisse Boten an alle Ort und Ende, wo sie wußten, daß ihre Männer waren; das Schreiben wurde ihnen dann allen und jedem besonders zu lesen vorgelegt, wie folgt.

Die Schildbürger, oder: Das Lallen- und Narrenbuch. | Zweites Kapitel

Zweites Kapitel
Von der großen Weisheit und dem hohen Anstande der Schildbürger, als Ursachen, warum sie von Fürsten und Herren viel von Haus abgefordert und beschickt wurden und dadurch zu Haus in Schaden geriethen.

Daraus nun, daß der erste Schildbürger ein sehr hochverständiger und weiser Mann war, läßt sich leicht erklären, daß er seine Kinder nicht wie das unverständige Vieh, welches keinen Herrn hat, habe herum laufen lassen, oder (wie häufig geschieht) ihre Sorge und Pflege der Mutter überließ, sondern er ist ohne Zweifel ein strenger Vater gewesen, der ihnen nichts Böses übersehen hat, die Sorge über sie, – weil er wohl wußte, wie die Mütter ihre Kinder verwahrlosen – selbst getragen und sie zu allem Guten angewiesen, gelehrt und geführt hat.

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Die Schildbürger, oder: Das Lallen- und Narrenbuch. | Erstes Kapitel

Erstes Kapitel
Von dem Ursprung, Herkommen und Namen der Schildbürger in Misnoxotamia.

Vor vielen Jahrhunderten haben die Alten schon diesen herrlichen Spruch gehabt, welcher auch noch zu unsern Zeiten als giltig anerkannt werden muß, und der also lautet:

So wie die Eltern geartet sind, 
Sind größtentheils auch ihre Kind: 
Sind sie mit Tugenden begabt, 
An Kindern ihr deßgleichen habt. 
Ein guter Baum gibt gute Frucht; 
Der Mutter nach schlägt gern die Zucht. 
Ein gutes Kalb, eine gute Kuh: 
Das Jung thut’s gern dem Vater zu. 
Hat auch der Adler hoch an Muth 
Furchtsame Tauben je gebrut’t? 
Doch merk‘ mich recht, merk‘ mich mit Fleiß, 
Was man nicht wäscht, wird selten weiß.

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Die Schildbürger, oder: Das Lallen- und Narrenbuch. | Vorrede

Höchst wunderseltsame, abenteuerliche Geschichten und Thaten.

Mit schönen Figuren.

Herausgegeben von F. S. Haarer.

Reutlingen, 
Druck und Verlag von Fleischhauer und Spohn.

1854

Vorrede an den Leser.

Sei es, daß Beschäftigung mit zu wichtigen Dingen, sei es, daß irgend ein anderer wichtiger Grund und Ursache unsere lieben Schildbürger abgehalten, uns von ihren höchst seltenen, dazu merkwürdigen Thaten Kunde zu verschaffen. Ganz im Geheim und verborgen vor der Welt, lebten unsere Schildbürger in ihrem Streben nach Wissenschaft fort, und suchten immer mehr und mehr ihre Weisheit noch zu vergrößern. Ungeachtet sie es auf einen hohen Grad zu bringen gewußt haben, so waren sie dennoch gar zu bescheiden, als daß sie sich darum vor ihren übrigen Mitmenschen hervorheben und sich damit hätten brüsten wollen, als ob sie Alles verständen.

Einem ganz zufälligen Ereigniß jener Zeit verdanken wir das große Glück, daß unsere gegenwärtige Historie der Nachwelt überliefert worden. Vernehmet, liebe Leser, mit Aufmerksamkeit: wie es sich fügen mußte, daß die Thaten unsers berühmten Schildbürger-Stammes zur Oeffentlichkeit gebracht worden sind.

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