Karl Valentin | Die Raubritter vor München | Szenen

Szenen

Die Raubritter vor München

Ein Stück alte Stadtmauer vor Morgengrauen zeigt Altmünchen beim Isartor, wie es früher war. Über eine ziegelgedeckte Mauer im Hintergrund rankt sich in der Mitte ein friedlich blühender Fliederbusch. Vor zwei Schießscharten schauen ein paar alte Spielzeugkanonen arglos ins Weite. Einsam brennt in der Mitte eine Straßenlaterne, die der gemütliche Nachtwächter »ausspuckt«. Die hölzernen Lafetten tragen die Aufschrift: I. Batterie und II. Batterie. Zur Linken erhebt sich ein kleiner Turm mit Zinnen, zur Rechten ein Fachwerkhaus mit dem bayerischen Wappen und der Aufschrift ›Wache‹, davor baumelt an einer Wäscheleine trocknende Wäsche. Neben den Kanonen sind Pyramiden von Kugeln aufgebaut. Unter dem Fliederbusch sieht man in einer Mauernische einen Maßkrug stehen und darunter einen Radi liegen. Ein Bänkchen steht davor hinter einem Rasenfleck, der durch einen der bühnenüblichen Rasenteppiche dargestellt wird. In dem Biedermeieridyll des aufdämmernden Morgens erkennt man ein Schilderhäusl beim linken Turm. Darin schlummert der »Wächter Münchens«: Karl Valentin, der in unserem Stück den Wachtposten Bene gibt. Er ist im Zivilberuf Bader und im Dienst Trompeter der Bürgerwehr, ein unbeholfener Mensch, angetan mit Waffenrock, weißer Hose, Säbel und Bandelier, geknöpften schwarzen Gamaschen, Tabakspfeife und einem Tschako oder Zweimaster mit Federbusch. Ein verblichener Duft von Bänkelsang und Leierkasten, von Wander- und Kasperlbühne, von Karussell und Panoptikum, von Bilder- und Märchenbuch, Struwwelpeter und Hans-Guck-in-die-Luft ist um ihn und seine Partnerin Liesl Karlstadt, die in dieser Komödie den Trommlerbua Michl spielt: Frisch und natürlich mit seinen sechzehn Jahren, listig und frech, im Waffenrock, einer Hose mit hellem Trommelgurt und einer altmodischen hohen Trommel.

Josef Kratzer, der Hauptmann der Bürgerwehr und Malermeister, ist ungefähr fünfzig Jahre alt. In seinem roten Schnurrbart und roten Vollbart, mit Epauletten, Zweimaster und Federbusch, großem Schleppsäbel, Feuersteinpistole und Ordensschnalle auf der Brust, schaut er ebenso gemütlich wie martialisch drein.

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Karl Valentin | Die Raubritter vor München | Das Oktoberfest

Das Oktoberfest

Der Bühnenhintergrund zeigt ein buntes Panorama des Oktoberfestes, auf dem man Buden aller Art erkennt. Ganz im Hintergrund ragt ein großes Praterrad in den Himmel, weiß-blaue Fahnenstangen tragen Wimpel und zweizipfelige Fahnen in den Landesfarben oder Fichtenkränze. Von anderen Masten sind Leinen mit Wimpeln gezogen. Ganz rechts im Vordergrund ist halb von der Seite eine Schaubude zu sehen, vor der ein kleines Podium aufgebaut ist; bunte Bilder von der Riesendame Wiesi-Wiesi und dem Ohrenphänomen Tafit hängen an den Zeltwänden. Daneben hat die Hellseherin ihren Wahrsagestand errichtet, das Glücksrad schließt sich weiter hinten an. Weitere Schaubuden folgen nach der Bühnenmitte zu: die Menschenfresser, ganz im Hintergrund erkennt man die Schichtl-Bude, deren Podest ebenfalls ein wenig in die Bühne hineinragt. Ein großes Bierzelt im linken Vordergrund ladet durch Tische und Bänke zur Brotzeit ein. Links davon hat der Lukas seinen Stand aufgemacht, an dem ein großer weiß-blauer Mast mit dem Schild ›10 Pfennig‹ und einer Pappe voller Orden emporragt. Der Schlegel liegt zum Ausholen bereit. Während des ganzen Spiels wird die Szene von stummen Passanten belebt, die von einer Bude zur andern in beiden Richtungen lustwandeln.

Sie (Liesl Karlstadt) hat ein buntgeblümtes, hochgeschlossenes Musselinkleid mit langen Ärmeln an, auf dessen weißem Brustlatz unordentlich eine schwarze Schleife hängt. Ihr altmodischer Topfhut ist mit einem Sträußchen Himmelsschlüssel geschmückt.

Er (Karl Valentin) hat sich fein gemacht und offenbar seinen guten blauen Anzug zum Wiesenfest hervorgesucht, der förmlich nach Mottenkugeln riecht. Um den steifen Gummikragen mit seinen verschwitzten Ecken ist eine bunte altmodische Schleife gebunden. Der kurze, hellbraune Sommerüberzieher ist aufgeknöpft. Darum sitzt er nie richtig, sondern zipfelt nach allen Seiten. Er trägt einen Schnurrbart, der ehemals vielleicht nach der Mode »Es ist erreicht« nach oben gezwirbelt war, jetzt aber melancholisch rechts und links nach unten hängt, nur die äußersten Spitzen heben sich ein klein wenig. Auf der breiten, kurzen Nase sitzt schief ein altmodischer Zwicker, der an einer Seidenschnur befestigt ist, wie man es zuweilen bei kleinen Beamten noch sehen kann. Auf die militärisch kurzgestutzten Haare hat er einen grauen Filz gestülpt, dessen Krempe rund nach allen Seiten lustig, aber unregelmäßig emporstrebt, während der Kopf bereits jede Fasson verloren hat. Die Tabakspfeife, die er später aus dem angebrannten Taschenfutter zieht, ist eine Reformpfeife; man kann das Mundstück über den Kopf drehen.

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Karl Valentin | Die Raubritter vor München | Im Photoatelier

Im Photoatelier

Die Bühne zeigt diesmal ein kleines altmodisches Photoatelier in irgendeiner Vorstadt. Verschiebbare Wolken hängen herum. Eine Tür im Hintergrund führt auf die Treppe. Man sieht die elektrische Türglocke neben der oberen Türfüllung, die auf das Treppenhaus hinausgeht. Eine seitliche Tür führt zur Dunkelkammer, durch das große Oberlicht an der Decke fällt offenbar Nordlicht vom Dach her. Gemalte Hintergründe für photographische Aufnahmen mit allen möglichen Landschaften stehen herum. Zwei Tische und abgeschabte Fauteuils vervollständigen die Einrichtung. Ein unförmiger Photoapparat mit Objektiv und Gummiballon, Kassetten, Ständer zum Verstellen und eine Bogenlampe älterer Konstruktion lassen erraten, was hier getrieben wird. Ein Schaukelpferd, Spielzeug aller Art, eine Stange mit hölzernem Vogel, der Tisch mit dem üblichen Eisbärenfell lassen auf den häufigen Besuch kleiner Kundschaft schließen. Einzelne ungerahmte Photographien, eine Glasplatte, farbige Papierbeutel, eine gläserne Fixierwanne mit Wasser und mehrere Stühle verschiedener Größe liegen und stehen herum.

Der Meister trägt weichen Hut und Samtjoppe und ein Bärtchen. Liesl Karlstadt spielt den Photolehrling Alfons in dunkler Hose und Weste mit weißem Kittel, Kragen und Krawatte – ohne den geringsten Respekt vor Heinrich, dem Gehilfen.

Meister steht allein auf der Bühne und betrachtet eine Photoplatte, ruft: Heinrich, komm heraus, was ist mit dieser Platte wieder los?

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Karl Valentin | Die Raubritter vor München | Die verhexten Notenständer

Die verhexten Notenständer

Die Bühne ist leer und unaufgeräumt. Ein grauer Samtvorhang schließt sie nach hinten ab, vor dem ein paar Versatzstücke herumstehen. Alles, was gebraucht wird, bringen die beiden Clowns und der Bühnenmeister während des Spieles auf die Szene.

Karl Valentin ist als musikalischer Clown geschminkt. Er hat einen riesigen, haarlosen, weißen Schädel, aus dem der blutrote Mund melancholisch herausleuchtet. Eine große schwarze Hornbrille ohne Gläser sitzt auf seiner traurigen dunkelroten Nase. Die dünnen Beine stecken in langen, enganliegenden Trikots, seine bunte Phantasiejacke wird oben durch eine steife, breite, weiße Halskrause oder eine überdimensionale gestärkte weiße Schleife abgeschlossen. Sein Clownhut, manchmal ein schwarzer Halbzylinder, dessen völlig flacher Rand tief in die Stirn gezogen ist, manchmal eine abgeschnittene »Kreissäge« mit ganz schmaler Krempe, paßt ihm schlecht, er rückt ihn fortwährend unbeholfen zurecht, wobei man fühlt, daß auch seine halben weißen Zwirnhandschuhe die Hände offenbar behindern. Oft hat er über die helle Weste eine gewaltige Uhrkette mit riesigen Gliedern von einem Gilettascherl zum andern gezogen, die Füße stecken in riesigen Gummischuhen.

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Karl Valentin | Die Raubritter vor München | Das Brillantfeuerwerk

Das Brillantfeuerwerk

I. Akt

Die Bühne zeigt einen Ausschnitt aus dem ›Englischen Garten‹ in Nachmittagsbeleuchtung. Verschlungene Promenadenwege ziehen sich gegen den Hintergrund hin und verschwinden hinter den Kulissen der Baumgruppen und Gebüschinseln. Links deutet Weiden- und Erlengestrüpp auf einen nicht sichtbaren Wasserlauf, im Vordergrund davor ein großer Wegweiser mit zwei Armen, wovon der eine nach hinten, der andere nach links zeigt und die Aufschrift ›Zur Rosenau‹ erkennen läßt, in der Bühnenmitte eine Promenadenbank mit Lehne. Es ist ein schöner Tag und heiteres Wetter. Über den seidenblauen Himmel ziehen rings große weiße Kumuluswolken.

Liesl Karlstadt, die Kindsmagd, hat ein helles Sommerkleid mit farbenfreudigem Blumendruck an und einen schwarzen Gürtel mit altmodischer Schließe um die Taille geschlungen. Ihre halben gehäkelten Handschuhe lassen die fünf Finger frei, auf der üppigen Frisur sitzt ein gelber Strohhut mit flacher Krempe, auf den ein buntes Arrangement von Samtschleifen, Stoffrosen und anderen Phantasieblumen im Jugendstil getürmt ist. Sie trägt Ohrringe und schiebt einen altertümlichen Kinderwagen mit vier hohen Rädern, von denen das hintere Paar höher ist als das vordere. Das darin befindliche Baby wird von einer großen Zelluloidpuppe dargestellt.

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Karl Valentin | Die Raubritter vor München | Buchbinder Wanninger

Dialoge

Buchbinder Wanninger

Der Buchbindermeister Wanninger hat auf Bestellung der Baufirma Meisel & Co. 12 Bücher frisch eingebunden, und bevor er dieselben liefert, frägt er telefonisch an, wohin er die Bücher bringen soll und ob und wann er die Rechnung einkassieren darf. Er geht in seiner Werkstätte ans Telefon und wählt eine Nummer, wobei man das Geräusch der Wählerscheibe hört.

Portier: Hier Baufirma Meisel & Compagnie!

Buchbindermeister: Ja hier, hier ist der Buchbinder Wanninger. Ich möcht nur der Firma Meisel mitteilen, daß ich jetzt die Bücher, wo’s bstellt ham, fertig habe und ob ich die Bücher hinschicken soll und ob ich die Rechnung auch mitschicken darf!

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