Zur Blauen Stunde | Nacht am Gebirgssee

Nacht am Gebirgssee.

Leise zieht mein Boot in blassen Wellen, 
Die den Sternenreigen funkelnd spiegeln, 
Breite, duftumhüllte Silberquellen 
Rinnen von den mondbeglänzten Hügeln.

Und der Nebel sinkt in faltenschweren 
Lichtgewanden müde um die Bäume, 
Dunkeltrotzig starren rings die Föhren 
Wie versteinte, sorgendüstre Träume.

Und von wildzerzackten Felsenwänden 
Schwebt die Nacht behutsam durch die Stille 
Und sät Frieden aus mit leisen Händen . . . 
Lautlos zieht die blanke, schwanke Zille.

Lautlos schmiegen sich die weichen, feuchten 
Bergseefluten an die helle Planke . . . 
Tiefe Ruh . . . Nur fern ein Wetterleuchten 
Wie ein wachgewordener Gedanke . . 

Stefan Zweig (1881-1942)

Zur Blauen Stunde | Der Dichter.

Ging einer in die helle Sommernacht. 
Dem war schon längst die letzte Liebe tot; 
Er klagte nicht. – Doch purpurn war entfacht 
In seinem Herz der Wunden Narbenrot.

Im Auge flackerte ein fremder Glanz 
Des tiefen Leides späte Schmerzenssaat . . . 
So schritt er stumm dahin . . . Irrlichtertanz 
War Führer ihm am blassen Dämmerpfad.

In reichem Frieden schimmerte das Land 
Wie eine Brust, die selig atmend bebt . . . 
Da fühlt er, wie der Stille weiche Hand 
Um seine heißen Pulse kühlend schwebt.

Und schwellend flog aus tausend Kelchen her 
Ein Blühen, das von weiten Fernen kam; 
Wie dunkle Weine war der Duft so schwer, 
Der mild sein großes Weh gefangen nahm.

Und traumgewandet zieht die Einsamkeit 
Ans Mutterherz den müden Träumer hin, 
Bis er vergessen Wirklichkeit und Leid 
Im Banne ihrer Rätselmelodien.

Und Blütendolden stäubten in sein Haar . . . 
Die Stimme aber sang und ruhte nicht, 
Bis jeder Gramgedanke Traum nur war, 
Und jeder Schmerz ein ewiges Gedicht . . .

Stefan Zweig (1881-1942)

Zur Blauen Stunde | Im Abendpurpur.

Dank Dir, Abend, Dank für Dein Geleiten! 
Kronreif webst Du meinen Locken hin 
Pupurwogen mein Gewand umgleiten . . . 
Und nun kann ich wie ein König schreiten 
Hin zu Dir, Du meine Königin.

Was ich blicke ist mein Gut und Eigen, 
Breiter Bäche helles Glitzergold, 
Edelsteine, die sich von den Zweigen 
Demantfunkelnd in die Sonne neigen 
Winken mir als reicher Königssold.

Rosen streut der Abend mir zu Füßen. – 
Machtbewußt und hoch schreit ich dahin 
Hin zu Dir. – Und Deine märchensüßen 
Blicke werden mich als König grüßen 
Der ich doch bei Dir nur Bettler bin . . .

Stefan Zweig (1881-1942)

Zur Blauen Stunde | Aus schweren Nächten . . .

In meine Nächte zittert manche Thräne 
Kein Traum schließt meine wunden Augen zu . . . 
Oh, wie ich mich nach Deinen Lippen sehne 
Nach ihrem glockenreinen weichen »Du«!

Oh Gott, nur Deine leise Hand zu fühlen 
Und Deiner Finger stummen Liebesdruck, 
Die mild die fieberheißen Pulse kühlen! 
Minuten nur!! – Mir wär es Glücks genug . . .

Stefan Zweig (1881-1942)

Zur Blauen Stunde | Begehren.

An manchen Tagen faßt mich ein Begehren 
Nach Glanz und Glück und wilder Rythmen Glut 
Nach Purpurrosen, tief und rot wie Blut 
Und heißen Frauen, die mit liebesschweren 
Sturmküssen dämmen meiner Wünsche Flut. –

Doch tief in diesem grellen Lustverlangen 
Zittert ein einz’ger leiser Wunsch allein 
Nach einem großen, reichen Glücklichsein, 
Nach Frieden, den mir stille Lieder sangen 
In meiner Kindheit goldnem Sonnenschein.

Stefan Zweig (1881-1942)

Zur Blauen Stunde | Sternenglaube.

Sieh, da ist ein lichter Stern gesunken! 
Wie ein weißer wirrer Irrlichtfunken 
Schwebt er zu des Abends Blütenbeet . . .

Du . . . Jetzt flink, noch eh‘ er ganz verweht 
Sprich den Wunsch der in Erfüllung geht! –

Zitternd ist der müde Stern gesunken . . . 
Schweigend hab‘ ich Deinen Blick getrunken 
Und mit ihm Dein innerstes Gebet . . .

Stefan Zweig (1881-1942)

Zur Blauen Stunde | Nocturno.

Siehe die Nacht hat silberne Saiten 
In die träumenden Saaten gespannt! 
Weiche verzitternde Klänge gleiten 
Über das selig atmende Land 
Fernhin in schimmernde Weiten.

Sanft wie eine segnende Hand 
Tönt und vertönt ihre Weise 
Leise . . . so leise . . . so leise . . .

Und die Seele hebt ihre Schwingen 
– Silberne Klänge sind ihre Flügel – 
Weit über duftumsponnene Hügel 
Durch der Thäler verdämmernden Schein 
Schwebt sie auf sehnsuchtgewiesener Reise 
Still ins strömende Mondlicht hinein . . .

Stefan Zweig (1881-1942)