Mein erster Flug (3)

Der Sportflugplatz Schleißheim liegt nur einen Katzensprung von dem Museum entfernt, und so dauerte es auch nur wenige Minuten, bis wir ihn erreichten.
Lynns Rennsemmel ließen wir auf dem großen Parkplatz der Flugwerft zurück und machten einen Spaziergang.
Und wieder blickte Lynn wie hypnotisiert auf ihre knallbunte Swatch.

„Sag, mal, Darling, kann das stimmen?!?“
In Gedanken trank ich gerade eine schöne, eiskalte Maß Radler – für „Preußen“: Alsterwasser – als mich ein spitzer Ellbogen daran erinnerte, dass ich ihr gefälligst zu antworten hatte.
„Äh, WAS kann stimmen?“
„Naja, dass es jetzt zwanzig vor Elf ist?“
„Ja, wieso?“
„Na, weil doch…“ Sie kaute an der Unterlippe. Ihre Augen blitzten (GEFAHR!). „Och, nur so…“

„Du verheimlichst mir was!“
„NIEMALS!“ Entrüstet blies sie eine Haarsträhne aus der Stirn und stemmte die Arme in die Hüften.
Wurden wir verfolgt? Vorsichtig schaute ich mich um. Alles friedlich. Zwei kleine Mädchen hüpften Hand in Hand vor ihren Eltern her, eine junge Frau versuchte hektisch, das Eis, welches sie in der Hand hielt daran zu hindern, ihr luftiges Sommerkleidchen zu verunstalten, ein Jüngling mit Hosen, die ihm in den Kniekehlen hing, machte merkwürdige Bewegungen zu einem Sound aus den Knöpfen in seinem Ohr…
Einfach ein friedlicher Sommertag.
Und doch hatte ich das Gefühl, irgendetwas Schreckliches lauerte auf uns. Oder auf mich…
Du solltest endlich mal was anderes lesen, als Stephen King!, lachte ich mich selber aus.

Wir traten durch das kleine Türchen, welches in den kniehohen Jägerzaun eingelassen war, der den Flugplatz einzäunte.
Es duftete verführerisch nach frischen Bratwürsten, frischen Brezeln, Krautsalat. Und mir lief das Wasser im Mund zusammen.
Der Biergarten war nicht sonderlich groß, aber sehr gemütlich. Bunte Sonnenschirme, ein paar Tische nebst den dazugehörigen Bänken, ein Grill, ein Stand mit frischen Salaten und eine Schenke. Ich schmeckte schon den kühlen Trunk auf den Lippen.

„Ui!“, quietschte Lynn begeistert auf, „da steht ein Flieger!“
„Ja, Spätzchen. Ich sehe ihn. Ziemlich ungewöhnlich… auf einem Sportflugplatz!“

Zack! Himmel, dieser Ellbogen, dieser irische!

„Verarschst Du mich jetzt?“
Lieber keine Antwort geben, warnte mich mein Hirn.
„Öhm, vielleicht ein bisschen?!?“
Zack! Zack! Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt! höhnte das dämliche Hirn.

Lynn nahm meine Hand und zerrte mich über die Wiese auf die Cessna zu. Ich wusste, protestieren hatte keinen Sinn. Nicht bei Lynn. Die konnte stur sein, wie ein irischer Waldesel.

„Wir können doch nicht einfach…“, wagte ich einen matten Einspruch.
„Und WIE wir können! Komm schon!“

Mein erster Flug (2)

„Du kannst denen zugucken beim Starten und Landen… Aber die lassen dich niemals da rein. Vergiss es!“
„Och, wer weiß…“
Ihr Blick hätte mich warnen sollen.
Und ihr verfärbtes Gesicht auch.
Aber ich liebte sie ja, dieses irische Miststück….

So beendete ich ja den letzten Eintrag über meinen ersten Flug.
Und ich glaubte ihr immer wieder, jedes Wort. Mein Instinkt sagte mir oftmals: Lass es. Die legt dich wieder rein!
Aber es wäre halb so lustig geworden, hätte ich auf diesen dämlichen Instinkt gehört.

Als wir in Oberschleißheim ankamen, war es gerade einmal 09:00h. Der Biergarten hatte noch gar nicht geöffnet, aber das war egal. Wir wollten in die Flugwerft, und uns dort die alten Schinken angucken, die früher wohl tatsächlich einmal durch die Lüfte knatterten. Oder auch nicht, also knatterten. Wie dieser grobe Korb, aus Weiden geflochten, der einfach von heißer Luft in die Lüfte gehoben wurde. Cool. Dagegen sind die heutigen Ballons wahre Hightech-Maschinen.
Es machte mich etwas nervös, dass meine Zarte immer wieder auf ihre Uhr schaute, ich sagte jedoch nichts. Eine olle Dornier lud uns ein, sie auch von innen zu besichtigen.
Nach knapp eineinhalb Stunden drängelte Lynn mich zum Ausgang.

„Darling“, flüsterte sie und zog mich am Ärmel weiter, „lass‘ uns gehen! Please!“
„Hey, was ist los? Wir haben unser Eintrittsgeld noch gar nicht abgelatscht…“
„Ach, komm schon. Ich will an die frische Luft!“
„Nix! Ich will gucken! Und nochmal gucken! Und da hinten gibt es den Museumsladen, da kann man tolle Modelle zum Basteln ka….“
Himmel! dachte ich ächzend, hat DIE spitze Ellbogen, als mich so ein Teil in der Magengrube traf.
Ich wusste, schon als sie sagte „Wir wollen gehen“, dass ich verloren hatte. Das war ein Naturgesetz. Ich kam nicht gegen sie an. Sie besaß eine Art Geheimwaffe, die setzte sie auch gnadenlos ein. Und sie tat es mit einem tückischen Lächeln.
„Willst du, dass ich heule? Ich meine so ganz doll und fies heule? Dass alle denken du bist ein Schuft?“ Sie kniff die Augen zusammen und holte tief Luft.
Ich schaute mich nervös um, sie schaute triumphierend, und freundlich einem Wachmann zunickend trottete sie mit mir dem Ausgang zu.

Mein erster Flug

Bei der ganzen Diskussion um fremde Kulturen, fremde Religionen und alles, was dem „ehrlichen Deutschen“ Angst macht, denke ich immer an Erfahrungen zurück die ich machte (und auch heute noch mache).
Ich habe keine Angst. Heute nicht mehr. Früher… ja.
Früher nannte mich meine Lynn „Mein geliebter kleiner Feigling“.
Auf irisch: „Mo meatachán beag beloved

Ich hatte auch Angst davor, ein Flugzeug zu besteigen. Immer wieder sah ich dieses wahnsinnig interessante Fluggerät auf dem Boden. Ein Haufen Eisen, Aluminium, rauchend und vor sich hindampfend. Um es herum wahre Armeen von Männern in gelben, roten und blauen Anzügen, Atemschutzgeräten auf dem Rücken, beleuchtet von blauen und gelben und roten Lichter, die zuckend die Szenerie erhellten.
Sehe ich auch heute noch. Es hatte schon seinen Grund, weshalb ich von München aus nicht innert 2 Stunden in Irland sein wollte.
24 Stunden mit dem Bus, die nahm ich gerne in Kauf. Zweimal Fähre, 2 Stunden Aufenthalt in London… Aber es war einfach GEIL!
Und es war schade. Irland aus der Luft – DA bleibt Dir die Luft weg, ich schwöre!

Wisst Ihr eigentlich, wie ich das erste mal in „die Luft ging“? Nein?
Aber dass meine Lynn eine irische, hinterhältige und verschlagene Kanaille war, das hatte ich doch irgendwann schon einmal erwähnt, oder?

Ein wunderbarer Sommertag. Wir saßen beim Frühstück. Lynn hatte meinen geliebten „French Tost“ gemacht. Mit Ahorn-Sirup. Mjamm

Und dann eröffnete sie mir ihren Wunsch, für diesen Tag.
„Darling, ich würde gerne mal das Museum in Oberschleißheim angucken. Ok?“
„Gute Idee, Spätzchen!“
Ich überlegte, dachte nach.
„Du meinst das Schloss, mit den vielen Porzellandingensbums, oder?“
„Quatsch! Ich meine das, wo die vielen Flugzeuge stehen…“
Ok, eine Filiale des Deutschen Museums hat in der Tat dort ziemlich coole Teile, die ich auch noch nie sah.
„Klar! Gucken wir uns an. Ist bestimmt interessant.“
„Yes. It is…“

Ein Blick in ihre Augen sagte mir, dass da noch mehr hintersteckte, als nur ein kleiner Ausflug…
„Sonst noch was?“
„Na, wenn du schon fragst…“
Und diesmal errötete sie. Bei den Ohrläppchen fing es an. Und breitete sich langsam über die Stirn auf ihr restliches Gesicht aus. Ich kenne meine Lynn, sie kann mich nicht belügen.
Aber schauspielern… Himmel! Die war echt gut für jeden Oscar!

„Da gibt es so einen kleinen Flugplatz…“
„Stimmt. Mit einem niedlichen Biergarten. Da können wir was trinken!“
„Oh ja! Bitte! BITTE! Und wir können sogar in so eine kleine Airplane kraxeln und uns alles angucken! Ja? Bitte!“
„Du kannst denen zugucken beim Starten und Landen… Aber die lassen dich niemals da rein. Vergiss es!“
„Och, wer weiß…“
Ihr Blick hätte mich warnen sollen.
Und ihr verfärbtes Gesicht auch.
Aber ich liebte sie ja, dieses irische Miststück….