Die Engel

Freilich, ein ungläub’ger Thomas,
Glaub ich an den Himmel nicht,
Den die Kirchenlehre Romas
Und Jerusalems verspricht.

Doch die Existenz der Engel,
Die bezweifelte ich nie;
Lichtgeschöpfe sonder Mängel,
Hier auf Erden wandeln sie.

Nur, genäd’ge Frau, die Flügel
Sprech ich jenen Wesen ab;
Engel gibt es ohne Flügel,
Wie ich selbst gesehen hab.

Lieblich mit den weißen Händen,
Lieblich mit dem schönen Blick
Schützen sie den Menschen, wenden
Von ihm ab das Mißgeschick.

Ihre Huld und ihre Gnaden
Trösten jeden, doch zumeist
Ihn, der doppelt qualbeladen,
Ihn, den man den Dichter heißt.

Heinrich_Heine-Oppenheim
Heinrich Heine (1797-1856)

Interessant und Wissenswert:

Heine gilt als „letzter Dichter der 
Romantik“ und zugleich als deren 
Überwinder. Er machte die Alltagssprache 
lyrikfähig, erhob das Feuilleton und 
den Reisebericht zur Kunstform und 
verlieh der deutschen Literatur eine 
zuvor nicht gekannte elegante Leichtigkeit.
Die Werke kaum eines anderen Dichters 
deutscher Sprache wurden bis heute so 
häufig übersetzt und vertont. 
Als kritischer, politisch engagierter 
Journalist, Essayist, Satiriker und 
Polemiker war Heine ebenso bewundert 
wie gefürchtet. 
Im Deutschen Bund mit Publikationsverboten 
belegt, verbrachte er seine zweite 
Lebenshälfte im Pariser Exil. 
Antisemiten und Nationalisten feindeten 
Heine wegen seiner jüdischen Herkunft 
und seiner politischen Haltung über den Tod 
hinaus an. Die Außenseiterrolle prägte 
sein Leben, sein Werk 
und dessen Rezeptionsgeschichte.


		
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Die Wahlesel

Die Freiheit hat man satt am End‘,
Und die Republik der Tiere
Begehrte, dass ein einz’ger Regent
Sie absolut regiere.

Jedwede Tiergattung versammelte sich,
Wahlzettel wurden geschrieben;
Parteisucht wütete fürchterlich,
Intrigen wurden getrieben.

Das Komitee der Esel ward
Von Alt-Langohren regieret;
Sie hatten die Köpfe mit einer Kokard‘,
Die schwarz-rot-gold, verzieret.

Es gab eine kleine Pferdepartei,
Doch wagte sie nicht zu stimmen;
Sie hatte Angst vor dem Geschrei
Der Alt-Langohren, der grimmen.

„Die Wahlesel“ weiterlesen

Die Lehre

Mutter zum Bienelein:
„Hüt dich vor Kerzenschein!“
Doch was die Mutter spricht,
Bienelein achtet nicht;
Schwirret ums Licht herum,
Schwirret mit Sum-sum-sum,
Hört nicht die Mutter schrein:
„Bienelein! Bienelein!“

Junges Blut, tolles Blut,
Treibt in die Flammenglut,
Treibt in die Flamm hinein, –
„Bienelein! Bienelein!“

’s flackert nun lichterrot,
Flamme gab Flammentod; –
Hüt dich vor Mägdelein,
Söhnelein! Söhnelein!

Heinrich_Heine-Oppenheim
Heinrich Heine

Der Asra

Beni Asra, arab. Volksstamm, von welchem die (mehrfach dichterisch verwertete) Sage ging, daß sterben müsse, wer unter ihnen von der Leidenschaft der Liebe erfaßt werde.


Täglich ging die wunderschöne
Sultanstochter auf und nieder
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern.

Täglich stand der junge Sklave
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern;
Täglich ward er bleich und bleicher.

Eines Abends trat die Fürstin
Auf ihn zu mit raschen Worten:
„Deinen Namen will ich wissen,
Deine Heimat, deine Sippschaft!“

Und der Sklave sprach: „Ich heiße
Mohamet, ich bin aus Yemmen,
Und mein Stamm sind jene Asra,
Welche sterben, wenn sie lieben.“

Heinrich_Heine-Oppenheim
Heinrich Heine

An meine Mutter

1.

Ich bin’s gewohnt, den Kopf recht hoch zu tragen,
Mein Sinn ist auch ein bißchen starr und zähe;
Wenn selbst der König mir ins Antlitz sähe,
Ich würde nicht die Augen niederschlagen.

Doch, liebe Mutter, offen will ich’s sagen:
Wie mächtig auch mein stolzer Mut sich blähe,
In deiner selig süßen, trauten Nähe
Ergreift mich oft ein demutvolles Zagen.

Ist es dein Geist, der heimlich mich bezwinget,
Dein hoher Geist, der alles kühn durchdringet,
Und blitzend sich zum Himmelslichte schwinget?

Quält mich Erinnerung, daß ich verübet
So manche Tat, die dir das Herz betrübet?
Das schöne Herz, das mich so sehr geliebet?

2.

Im tollen Wahn hatt ich dich einst verlassen,
Ich wollte gehn die ganze Welt zu Ende,
Und wollte sehn, ob ich die Liebe fände,
Um liebevoll die Liebe zu umfassen.

Die Liebe suchte ich auf allen Gassen,
Vor jeder Türe streckt ich aus die Hände,
Und bettelte um g’ringe Liebesspende –
Doch lachend gab man mir nur kaltes Hassen.

Und immer irrte ich nach Liebe, immer
Nach Liebe, doch die Liebe fand ich nimmer,
Und kehrte um nach Hause, krank und trübe.

Doch da bist du entgegen mir gekommen,
Und ach! was da in deinem Aug‘ geschwommen,
Das war die süße, langgesuchte Liebe.

Heinrich_Heine-Oppenheim
Heinrich Heine