Mark Twain | Tom der kleine Detektiv von Huck Finn erzählt [ 2/11 ]

Zweites Kapitel

Wir hatten riesiges Glück. Auf einem Raddampfer, der vom Norden gerade nach der Sumpfgegend von Louisiana steuerte, kamen wir den ganzen Mississippi bis zur Farm in Arkansas hinunter und brauchten nicht einmal in St. Louis das Boot zu wechseln. Eine Fahrt von fast tausend Meilen in einem Zug.

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Mark Twain | Tom der kleine Detektiv von Huck Finn erzählt [ 1/11 ]

Titelblatt

Erstes Kapitel

Ein Jahr war herum, seitdem Tom Sawyer und ich unsern alten Neger Jim befreit hatten, der auf der Farm von Toms Onkel Silas in Arkansas als fortgelaufener Sklave in Ketten gelegt worden war. Nun wurde es Frühling; der gefrorene Boden taute auf und mildere Lüfte wehten. Immer näher winkte die Zeit, wo man wieder barfuß gehen konnte; dann kam das Murmelspiel an die Reihe, später Kreisel und Reifen oder man ließ den Drachen steigen, und wenn es endlich Sommer geworden war ging’s zum schwimmen. Doch das lag unabsehbar fern, und der Gedanke, wie lange es noch dauern muß, bis der Sommer kommt, macht unsereinen ganz schwermütig. Dann schleicht so ein armer Junge trübselig umher; er seufzt und stöhnt und weiß nicht was ihm fehlt. Er sucht sich ein einsames Fleckchen hoch oben am Berghang, wo er weit hinausschauen kann, wie der große Mississippi sich um eine Landzunge nach der andern windet, bis er mit der dämmerigen Ferne verschwimmt. Alles ist so still und feierlich wie beim Begräbnis, und man wünscht, man wäre selber tot und begraben, damit das Erdenleid ein Ende hätte.

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Hans Christian Andersen | Bilderbuch ohne Bilder (32-36 und Ende)

Dreißigster Abend.

»Dicht an der Landstraße,« sagte der Mond, »liegt ein Wirtshaus, und gegenüber von demselben ein großer Wagenschuppen; das Dach wurde eben gedeckt; ich sah durch die Sparren und durch die offenen Deckenluken in den unheimlichen Raum; der kalkuttische Hahn schlief auf dem Balken und der Sattel war in der leeren Krippe zur Ruhe, gebracht. Mitten in dem Raum stand ein Reisewagen, die Herrschaft schlief noch fest, während die Pferde getränkt wurden und der Kutscher seine Glieder reckte, obgleich er, ich weiß es am besten, gut geschlafen hatte, und das mehr, als den halben Weg. Die Tür zum Kutscherzimmer stand offen, das Bett sah aus, als ob es zu oberst und unterst gekehrt worden wäre, das Licht stand auf dem Boden und war tief im Leuchter heruntergebrannt. Der Wind blies kalt durch den Schuppen und die Zeit war näher am Morgengrauen, als an Mitternacht. Dort in dem Stand auf dem Boden schlief eine wandernde Musikantenfamilie, Mutter und Vater träumten wohl von dem brennenden Naß in der Flasche, das kleine, bleiche Mädchen träumte von dem brennenden Naß im Auge; die Harfe lag zu ihren Häupten, der Hund zu ihren Füßen. –«

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Hans Christian Andersen | Bilderbuch ohne Bilder (27-31)

Sechsundzwanzigster Abend.

»Es war gestern in der Morgendämmerung!« das sind des Mondes eigne Worte; »nicht ein Schornstein rauchte noch in der großen Stadt, und es waren gerade die Schornsteine, auf die ich herabsah. Aus einem derselben kam plötzlich ein kleiner Kopf hervor und dann der halbe Leib, die Arme ruhten auf dem Rande des Schornsteins. ›Hurra!‹ Es war ein kleiner Schornsteinfegerjunge, der zum erstenmal in seinem Leben ganz hinauf im Schornstein gekommen war und den Kopf herausgesteckt hatte. ›Hurra!‹ Ja, das war etwas andres, als in den engen Röhren und in den schmalen Kaminen herumzukriechen! Die Luft wehte so frisch und er konnte über die ganze Stadt hinsehen bis zu dem grünen Wald; die Sonne stand eben auf; rund und groß schien sie ihm in das Gesicht, das von Glückseligkeit strahlte, obgleich er ganz hübsch mit Ruß beschmiert war. ›Nun kann die ganze Stadt mich sehen!‹ sagte er, ›und der Mond kann mich sehen und die Sonne auch! Hurra!‹ und damit schwang er den Besen!«

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Hans Christian Andersen | Bilderbuch ohne Bilder (23-26)

Zweiundzwanzigster Abend.

»Ich sah ein kleines Mädchen weinen,« sagte der Mond, »sie weinte über die Bosheit der Welt. Die schönste Puppe hatte sie geschenkt bekommen, o! es war eine Puppe, so niedlich und sein, sie war wahrhaftig nicht zum Unglück geboren. Aber des kleinen Mädchens Brüder, die langen Bengel, hatten die Puppe genommen, sie auf einen hohen Baum im Garten gesetzt und waren fortgelaufen. Das kleine Mädchen konnte nicht bis zu der Puppe hinaufreichen und ihr nicht herunterhelfen, und deshalb weinte sie; die Puppe weinte gewiß auch, sie streckte die Arme aus zwischen den grünen Zweigen und schien ganz unglücklich. Ja, das war der Welt Mißgeschick, von dem die Mama so oft sprach. O die arme Puppe! Es begann ja bereits dunkler Abend zu werden, bald mußte es Nacht sein! Sollte sie draußen sitzen bleiben im Baume die ganze Nacht? Nein, das konnte das kleine Mädchen nicht übers Herz bringen. ›Ich will bei dir bleiben!‹ sagte es, obgleich es nichts weniger als mutig war; sie schien bereits ganz deutlich die kleinen Nixen zu sehen, mit ihren hohen, spitzen Mützen, wie sie zwischen den Büschen hervor lauschten, und dort in dem dunkeln Gang tanzten Gespenster, sie kamen näher und näher, streckten die Hände nach dem Baume aus, wo die Puppe saß, sie lachten und zeigten mit dem Finger nach ihr. Ach! wie dem kleinen Mädchen bange wurde! Aber wenn man keine Sünde begangen hat, dachte sie, so kann einem ja das Böse nichts anhaben! habe ich denn eine Sünde begangen? und sie besann sich. ›Ach ja!‹ sagte sie, ›ich habe über die arme Ente mit dem roten Lappen am Beine gelacht; sie hinkt so komisch, deshalb lachte ich; aber es ist eine Sünde über die Tiere zu lachen!‹ und sie sah zu der Puppe hinauf: ›Hast du über die Tiere gelacht?‹ fragte sie, und es sah aus, als ob sie mit dem Kopfe schüttelte.«

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Hans Christian Andersen | Bilderbuch ohne Bilder (20-22)

Neunzehnter Abend.

»Ich sah hinab auf ein großes Theater,« sagte der Mond, »das ganze Haus war erfüllt von Zuschauern; denn ein neuer Schauspieler debütierte; meine Strahlen glitten hin über das kleine Fenster in der Mauer, ein geschminktes Gesicht drückte die Stirn gegen die Scheibe: es war der Held des Abends. Der ritterliche Bart kräuselte sich um das Kinn, aber es standen Tränen in des Mannes Augen, denn er war ausgepfiffen worden, ausgepfiffen mit Recht. Armer Bursche! Aber Stümper dürfen nicht in dem Reiche der Kunst geduldet werden. Er fühlte tief und liebte die Kunst mit Begeisterung, aber sie liebte ihn nicht.

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Hans Christian Andersen | Bilderbuch ohne Bilder (17-19)

Sechzehnter Abend.

»Ich kenne einen Policinello,« sagte der Mond, »das Publikum jubelt, wenn es ihn sieht; jede Bewegung bei ihm wird komisch, bringt das Haus zu hellem Lachen und doch ist nichts dabei berechnet, es ist eben seine Natur. Als er klein war und sich mit den andern Knaben tummelte, schon da war er ein Policinello; die Natur hatte ihn dazu gemacht, ihm einen Buckel auf den Rücken und einen auf die Brust gegeben; sein Inneres dagegen, das Geistige, war reich ausgestattet; niemand besaß ein tieferes Gefühl, eine größere Elastizität des Geistes als er. Das Theater war seine ideale Welt. Wäre er schlank und wohlgebaut gewesen, er wäre auf jeder Bühne der erste Tragiker geworden; das Große, das Heroische erfüllte seine Seele, und dennoch mußte er Policinello werden. Selbst sein Schmerz, seine Melancholie vermehrte die komische Trockenheit in dem scharfgeschnittenen Gesicht und weckte das Gelächter des zahlreichen Publikums, das seinen Liebling beklatschte. Die niedliche Kolumbine war ihm freundlich und gut, wollte aber doch lieber den Arlechino heiraten; es wäre doch wahrhaftig allzu komisch gewesen, wenn sich die Schönheit und die Häßlichkeit vermählt hätten. Wenn Policinello am mißmutigsten war, war sie die einzige, die ihn zum Lachen, ja zum schallenden Gelächter bringen konnte; zuerst war sie melancholisch mit ihm, dann etwas ruhiger, aber zuletzt voll Scherz. ›Ich weiß wohl, was Ihnen fehlt!‹ sagte sie, ›die Liebe!‹ – und da mußte er lachen. ›Ich und die Liebe!‹ rief er, ›das würde sich lustig ausnehmen! wie würde das Publikum applaudieren!‹ – ›Ja, die Liebe!‹ fuhr sie fort und fügte mit komischem Pathos hinzu: ›Mich lieben Sie!‹ Ja, so etwas kann man sagen, wo man weiß, daß keine Liebe ist! und der Policinello sprang vor Lachen in die Höhe; nun war die Melancholie fort. Und doch hatte sie die Wahrheit gesagt, er liebte sie, liebte sie innig, wie er das Erhabene und Große in der Kunst liebte. An ihrem Hochzeitstage war er die lustigste Figur, aber nachts weinte er; hätte das Publikum das verdrehte Gesicht gesehen, es hätte geklatscht. – In den letzten Tagen ist Kolumbine gestorben; am Begräbnistage wurde Arlechino seiner Pflicht entbunden, sich auf den Brettern zu zeigen; er war ja ein betrübter Witwer. Der Direktor mußte etwas recht Komisches geben, damit das Publikum nicht zu sehr die hübsche Kolumbine und den lustigen Arlechino vermißte; also mußte Policinello doppelt lustig sein; er tanzte und sprang mit der Verzweiflung im Herzen, und es wurde geklatscht und gejubelt: ›Bravo! bravissimo!‹ Policinello wurde herausgerufen! O er war unbezahlbar. Gestern nacht nach der Vorstellung wanderte das kleine Ungetüm aus der Stadt, hinaus nach dem einsamen Kirchhof. Der Blumenkranz auf Kolumbinens Grab war bereits verwelkt; er setzte sich nieder; es war zum Malen! Die Hand unter der Wange, die Augen zu mir emporgerichtet! Er nahm sich aus wie ein Denkmal; ein Policinello auf dem Grabe, eigentümlich und komisch. Hätte das Publikum seinen Liebling gesehen, es hätte applaudiert: Bravo, Pulcinello! Bravo, bravissimo!«

Siebzehnter Abend.

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Hans Christian Andersen | Bilderbuch ohne Bilder (14-16)

Dreizehnter Abend.

»Ich sah bei einem Redakteur zum Fenster hinein,« sagte der Mond, »es war irgendwo in Deutschland. Da gab es schöne Möbel, viele Bücher und ein Chaos von Zeitungen. Es waren mehrere junge Männer da; der Redakteur selbst stand am Pulte, zwei kleine Bücher, beide von jungen Schriftstellern, sollten besprochen werden. ›Das eine ist mir zugesandt,‹ sagte er, ›ich habe es noch nicht gelesen, aber es ist hübsch ausgestattet; was sagen Sie von dem Inhalte?‹ – ›O!‹ sagte einer, der selbst ein Dichter war, ›der ist sehr gut, etwas gedehnt, aber mein Gott, es ist ein junger Mann; die Verse könnten freilich etwas besser sein! Die Gedanken sind sehr gesund, es sind freilich sehr gewöhnliche Gedanken! aber was soll man sagen? Man findet nicht immer etwas Neues. Sie können ihn wohl loben! Ich glaube freilich nicht, das je etwas Großes aus ihm, als Dichter, wird. Aber er ist gelehrt, ist ein ausgezeichneter Orientalist, urteilt selbst sehr gesund. Er war’s, der die hübsche Kritik über meine Phantasien über das häusliche Leben geschrieben. Man muß mild gegen einen jungen Mann sein.‹ ›Aber das ist ja ein reiner Esel!‹ sagte ein andrer Herr im Zimmer. ›Nichts ist in der Poesie schlimmer, als Mittelmäßigkeit und höher hinauf geht das nicht!‹

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Hans Christian Andersen | Bilderbuch ohne Bilder (10-13)

Neunter Abend.

Es war wieder klare Luft; mehrere Abende waren verflossen, er stand im ersten Viertel; ich erhielt wieder die Idee zu einer Skizze – höre, was der Mond erzählte.

»Ich folgte dem Polarvogel und dem schwimmenden Walfisch nach Grönlands Ostküste; nackte Felsen mit Eis und Schnee umschließen ein Tal, wo Weiden und Heidelbeer in reicher Blüte standen; die duftende Lychnis verbreitete süßen Geruch; mein Licht war matt, meine Scheibe blaß wie der Wasserlilie Blatt, das seit Wochen, von seinem Stengel losgerissen, auf dem Wasser herumgetrieben; die Nordlichtkrone brannte, ihr Ring war breit, und die Strahlen gingen wie wirbelnde Feuersäulen über den ganzen Himmel hin und spielten in Grün und Rot. Die Nordländer sammelten sich zu Tanz und Lustbarkeit, aber sie staunten nicht, denn es war eine für sie gewohnte Pracht: ›Laßt die Seelen der Toten mit dem Haupt des Walrosses Ball spielen!‹ dachten sie nach ihrem Glauben und hatten nur Sinn und Auge für Gesang und Tanz. Mitten im Kreise stand, ohne Pelz, der Grönländer mit seiner Handtrommel und stimmte einen Gesang vom Seehundsfang an und der Chor antwortete: ›Eia, eia, a!‹ und hüpfte in seinen weißen Pelzen im Kreise herum; es sah aus wie ein Eisbärenball. Augen und Kopf machten die kühnsten Bewegungen. Nun begann Gericht und Urteilsspruch. Die, welche sich entzweit hatten, traten auf und der Beleidigte nannte aus dem Stegreif die Fehler des Gegners, keck und höhnisch, und alles unter Tanz zur Trommel; der Angeklagte antwortete ebenso schlau, während die Versammlung lachte und das Urteil zwischen ihnen fällte. Weiterlesen „Hans Christian Andersen | Bilderbuch ohne Bilder (10-13)“

Hans Christian Andersen | Bilderbuch ohne Bilder (7-9)

Sechster Abend.

»Ich bin in Upsala gewesen!« sagte der Mond. »Ich sah hinunter auf die große Ebene mit dem dürftigen Grase und den unfruchtbaren Feldern. Ich spiegelte mich im Fyris, während das Dampfschiff die Fische zwischen das Schilf hineintrieb. Unter mir eilten die Wolken hin und warfen lange Schatten über Odins, Thors und Freyrs Gräber, wie man jene Hügel nennt. In dem dünnen Rasen über den Hügeln sind die Namen eingeschnitten. Hier ist kein Bautastein, in welchen der Reisende seinen Namen meißeln, keine Felsenwand, auf die er ihn malen lassen könnte; deshalb hat der Besuchende hier den Rasen ausschneiden lassen. Die nackte Erde scheint in großen Buchstaben und Namen hervor; sie bilden ein ganzes Netz, ausgespannt über die große Höhe; eine Unsterblichkeit, die ein neuer Rasen deckt. Dort stand ein Mann, ein Sänger, er leerte das Methorn mit dem breiten Silberring und flüsterte einen Namen. Er bat die Winde, ihn nicht zu verraten, aber ich hörte den Namen, ich kannte ihn, eine Grafenkrone funkelte darüber und deshalb nannte er ihn nicht laut; ich lächelte, eine Dichterkrone funkelte über ihm. Eleonore von Estes Adel hängt an Tassos Namen. Ich weiß auch, wo die Rose der Schönheit blüht –!«

Dies sagte der Mond, da ging eine Wolke vorüber. – Mögen keine Wolken sich zwischen den Dichter und die Rose drängen!

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