Karl Simrock | Der Rhein | Zweiter Teil | Gründung von Mainz

Gründung von Mainz

Der als Weinberg angelegte Kästrich. Detailausschnitt aus Matthäus Merian dem Jüngeren, 1655.

Das erste Fenster, an das wir treten, hat die südwestliche, vom Rhein abgekehrte Richtung nach dem Inneren des Landes. Links sieht man die aus dem Gautor tretende Alzeyer Straße, die auch Napoleons Namen trägt, die Felder durchschneiden, rechts läuft eine andere nach Ingelheim und Bingen. Geradeaus hat man Bretzenheim vor sich; das nähere Zahlbach verbirgt sich in dem Tal der Zei. Wir öffnen nun das Fenster und blicken ins Freie. Ein belebender Strom köstlicher goldener Luft quillt uns entgegen. Rechts dehnt sich der nun erweiterte Gesichtskreis bis tief in den Rheingau aus. Zu unseren Füßen sehen wir den innerhalb der Stadtmauern liegenden Kästricher Weinberg, über ihm eine einzelne, keineswegs glänzende Häuserreihe, der Kästrich genannt. Den Wein, welcher in jenem – auf klassischem Boden – gewonnen wird, schätzt man dem Hochheimer gleich. Dasselbe hört man von dem Gewächs des Jakobsbergs unter der Zitadelle versichern. Immer wird aber die Domdechanei, die beste Hochheimer Lage, ausgenommen.

»Daß der Kästrich«, begann mein Cicerone seinen Vortrag, »von Castrum seinen Namen hat, darf wohl nicht bezweifelt werden. Bei der Anlegung der Josephsschanze stieß man hinter ihm auf die doppelten Gußmauern einer Seite des römischen Castrums; bei der Anlegung der Zitadelle und bei ähnlichen späteren Arbeiten hatte man die Fundamente der entgegengesetzten südöstlichen Seite in der Erde gefunden. Durch diese und andere Entdeckungen ist man in den Stand gesetzt, die Lage des im länglichen Viereck erbauten Kastells, das Drusus vor fast zweitausend Jahren hier gründete, zu bestimmen. Seine nordöstliche, gegen den Rhein gerichtete Seite lief durch die Gebäude der Kirche, auf deren Turm wir stehen; die entgegengesetzte fiel ganz außerhalb der heutigen Stadt in die Äcker und Weinberge. Dieses von Drusus erbaute Castellum dürfen Sie aber nicht mit der bürgerlichen Stadt, dem Municipium, verwechseln, das durch spätere Ansiedlungen zwischen dem Kastell und dem Rhein entstand und sich vom Jakobs- und vom Stephansberg bis hinab in die Nähe des Rheins zog.

Daß vor den Römern schon eine keltische Niederlassung hier gestanden habe, darf man wenigstens nicht mit Pater Fuchs aus der ersten Silbe des Namens Maguntiacum schließen wollen, denn sie ist schwerlich jenes ›magus‹, mit dem so viele keltische Ortsnamen endigen. Mainz hat seinen Namen von dem Main, der einst Magon oder Mogon geheißen haben mag. Der jenseits mündende Main war es ja, der den Drusus bewog, gerade hier das letzte und stärkste seiner fünfzig Kastelle zu gründen. Seinem Lauf pflegten die germanischen Völker, welche Gallien bedrängten, zu folgen, und das seiner Mündung gegenüberliegende Ufer war daher ihren Angriffen am meisten ausgesetzt. Daß die Germanen schon damals im Begriff waren, Gallien mit zahllosen Scharen zu überschwemmen, beweist außer dem Heerzug Ariovists auch der dem überrheinischen Land schon unter Augustus beigelegte Name Germania, das in das erste und zweite – prima et secunda – zerfiel. Mainz war bekanntlich die Hauptstadt des ersten Germaniens. Wo der gute Pater Fuchs wohl den Kopf hatte, als er schrieb, Augustus habe, indem er das keltische Uferland Germanien nannte, sich nur mit der Ehre brüsten wollen, Germanien zur römischen Provinz gemacht zu haben, da er doch auf derselben Seite das Zeugnis des Dio Cassius anführt, der ausdrücklich meldet, das keltische Land um den Rhein sei darum Germanien genannt worden, weil es die Germanen, die er freilich auch für Kelten hielt, als Kolonien in Besitz genommen hätten. Auch ist die Frage, ob ein so plumper Kunstgriff, der sich wohl für den Caligula oder den Claudius geschickt hätte, Augustus zuzutrauen sei.

Ehe wir dieses Zimmer verlassen, werfen Sie einen Blick auf die hier an der Wand hängende Zeichnung. Sie stellt das von Drusus erbaute Castellum Maguntiacum mit seinen Türmen und Toren dar. Es bildet ein längliches Viereck, dem planlosen Polygon des Pater Fuchs sehr unähnlich. Die mindestens zehn Fuß hohen, doppelten, in der Mitte mit Schutt und Mörtel ausgefüllten Mauern hatten eine Dicke von fünfzehn Schuh und waren nach außen mit den stärksten Quadern bekleidet. Am sogenannten Altweibergraben bei der Zitadelle sind diese Doppelmauern noch jetzt sichtbar. An den vier Ecken des Kastells sowie an dessen Langseiten standen in der Entfernung eines Pfeilschusses voneinander halb ausspringende Türme, von welchen herab die mit Mauerbrechern anrennenden Feinde zum Rückzug genötigt wurden. Außerdem sehen Sie in jeder der vier Mauerseiten ein Tor angebracht, je zwei einander gegenüber. Alle römischen Festungen hatten vier Tore. Das erste, die Porta praetoria, war gewöhnlich gegen den Feind gerichtet, und so finden Sie es hier in der dem Rhein zugekehrten Langseite des Kastells. Ihm gegenüber lag auf einer Anhöhe, von der sich die ganze Gegend übersehen ließ, die Porta decumana. Die beiden anderen, welche nicht in der Mitte der Flanken, sondern der Rheinseite näher standen, die eine rechts, die andere links von der prätorischen, hießen Porta principalis dextra und Porta principalis sinistra. Principales wurden sie genannt, weil die Hauptheerstraße, welche von den Alpen nach dem Nordmeer zog, hindurchlief.


Karl Simrock (1802-1876)

Autor: Werner Philipps

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