Karl Simrock | Der Rhein | Zweiter Teil | Das goldene Mainz

Das goldene Mainz

Warum Mainz den Beinamen »das goldene« führt, auch darüber sind sich weder die Gelehrten noch die Ungelehrten einig. Ich erinnere mich, gelesen zu haben, Straßburg (Argentoratum) sei »das silberne«, Mainz »das goldene« und Köln, das wegen seiner Schwerter berühmt war, »das eiserne« genannt worden. Allein Köln heißt immer »das heilige«, Mainz selbst soll in der römischen Zeit den Beinamen »das eiserne« geführt haben. Und wenn es auch mit den Epitheten der beiden anderen Städte seine Richtigkeit hätte, so bliebe »das goldene« von Mainz noch zu erklären.

Minola sagt, seitdem die Buchdruckerkunst in Mainz erfunden worden war, habe man seinen Namen in älteren Büchern aus Dankbarkeit mit goldenen Buchstaben geschrieben. Aber er lege die Bücher vor! Doch auch sie könnten nicht entscheiden, denn der Beiname ist älter als die Erfindung. Das sogenannte größere Siegel der Stadt, das schon im dreizehnten Jahrhundert in Gebrauch war, führte die Inschrift: »Aurea Moguntia romanae ecclesiae specialis filia.« Die Ableitung von der vergoldeten Kugel über dem römischen Altar, der beim Drusenloch stand, sowie die von dem hl. Bischof Auräus haben für mich wenig Verführerisches.

So bleibt mir nur die letzte übrig, welche den stolzen Beinamen der Stadt von ihrem ehemaligen Reichtum, von der Pracht und dem Aufwand ihres Adels wie ihrer Geistlichkeit herleitet. Zwar bedürfte es der Erwähnung dieser Stände nicht, denn Mainz hatte im Mittelalter, ehe es seine Freiheit verlor, durch Handel und Gewerbe solche Reichtümer erworben, daß es hernach nie wieder zu gleicher Blüte gedieh. Aber auch als es von jener Blüte herabgesunken war und seine Bedeutung für den Welthandel eingebüßt hatte, durfte es sich mit dem goldenen Beinamen noch brüsten. Die Einkünfte seiner Geistlichkeit allein rechtfertigten ihn. Rechnet man die Reichtümer des Adels hinzu, der für den ältesten und reinsten in Deutschland galt und dem in der Möglichkeit, einen der Seinen auf den erzbischöflichen Stuhl zu heben, zugleich der Antrieb und die Mittel zum Aufwand geboten wurden, indem es nichts Seltenes war, daß ein Erzbischof seiner Familie mehrere Millionen hinterließ, so wird man zugestehen, daß auch das spätere Mainz sich ohne Ruhmredigkeit golden nennen durfte. Die Blüte seines Handels in jener früheren goldenen Zeit verdankte es gleichfalls seinen Bischöfen, und mit Recht hat man gesagt, daß der Grund seiner weltlichen Größe in seiner geistlichen gelegen habe. In der römischen Zeit war es, wie jetzt wieder, nur als Festung wichtig gewesen, denn die Metropolitangewalt seiner Bischöfe, die sich auch über Worms, Speyer und Straßburg erstreckte, war noch nicht zu der späteren Entwicklung gediehen. Von beiden Vorzügen brachte es durch die Verwüstungen der Hunnen, Vandalen und anderer Barbaren, welche mit der Festung zugleich die christlichen Kirchen zerstörten, nichts auf die mittleren Zeiten, ja es mußte sich eine Zeitlang unter die Metropolitangewalt von Worms schmiegen, weil es aus seinem Schutt noch nicht erstanden war, als Worms sich zur Hauptstadt des rheinischen Frankens erhoben hatte.

Ein Bischof, Sidonius, war es, der unter Dagobert Mainz wieder aufbaute. Winfried, der Apostel, d. h. Bekehrer, der Deutschen, welcher sich den Beinamen eines Wohltäters (Bonifacius) der Nation, die er bekehrte, erwarb, obgleich die Abhängigkeit vom römischen Stuhl, in die er sie versetzte, ihr nicht bis zuletzt eine Wohltat geblieben ist – dieser große Mann wurde als der erste Erzbischof von Mainz ein wirklicher Wohltäter dieser Stadt, welcher er nicht nur die Metropolitangewalt zurückgab, sondern sie zum Sitz des ersten Fürsten des Reichs erhob. Eine Reihe geistreicher und kräftiger Erzbischöfe erweiterte und befestigte nach ihm die weltliche Macht des Mainzer Stuhls. Wir nennen nur Rhaban, den seine Zeit als ein Wunder der Gelehrsamkeit pries, Hatto I., seines Königs Herz und Mitregent, Willigis, den Freund der Ottonen und Verweser des Reichs während der langen Minderjährigkeit des letzten Sprößlings des sächsischen Hauses, alle drei in der Geschichte so hervorragend, daß auch die Sage ihre Namen behielt. Von Rhaban und Hatto wird unten die Rede sein, von Willigis soll bekanntlich das Mainzer Wappen, ein weißes Rad im roten Feld, herrühren, das aber geschichtlich über Willigis‘ Zeiten hinausreicht. Nach der Sage war er eines Radmachers Sohn und bediente sich aus Bescheidenheit dieses Abzeichens, das ihn an seine dunkle Herkunft erinnerte. Mit mehr Grund wird er als der erste Kurfürst von Mainz bezeichnet. Wenn auch erst in späteren Zeiten das der ganzen Nation ursprünglich zustehende Wahlrecht auf sieben Kurfürsten beschränkt wurde, so war doch schon seit Willigis der Einfluß der Erzbischöfe von Mainz, welche die Wahlhandlung als Kanzler des Reichs zu leiten hatten, so bedeutend, daß jener Ausdruck sich gar wohl rechtfertigt. Nur aus der Rücksicht auf die Bequemlichkeit der Erzbischöfe von Mainz erklärt es sich, daß die ältesten Wahlhandlungen in der Nähe dieser Stadt geschahen; selbst Frankfurts Ausbildung zur Wahl- und Krönungsstadt wurde dadurch begünstigt.

Zwei Königsstühle, älter als jener von Rhense, befanden sich in den Umgebungen von Mainz. Auf der Grenze der Mainzer und der Wormser Diözese, auf dem Lörzweiler Feld hinter dem Niersteiner Berg, stand bis gegen das Ende des 13. Jahrhunderts der älteste fränkische Königsstuhl, wo nach Bodmann der erste rheinfränkische Kaiser, Konrad der Salier, in jener merkwürdigen Volksversammlung erkoren wurde, welche Uhland in seinem »Herzog Ernst« nach dem Bericht des Geschichtsschreibers Wippo so schön als getreu geschildert hat. Ihn löste der Königsstuhl zwischen Erbenheim und Wiesbaden ab, wo noch ein Teil des Feldes mit dem stolzen Namen Königsstuhl prangt, obgleich dieser selbst längst weggerissen ist. Die Steine wurden zum Bau der nun auch zerstörten Kasteler Warte verwendet, doch sollen einige merkwürdige Steinbilder, die ihn einst verzierten, sich jetzt gerettet in den Händen von Privatleuten befinden. Hier war es, wo der sächsische Lothar, die Hohenstaufen Philipp und Friedrich II. im Angesicht von Mainz, dessen Kurfürst die Wahl zu leiten hatte, auf den Schild gehoben und der harrenden unermeßlichen Menge zur Bestätigung durch zugejauchzten Beifall vorgestellt wurden. Auf dieser Magna planities inter Rhenum et Mogum, mit Arnold von Lübeck zu reden, hielt auch Friedrich Rotbart die berühmte Reichsversammlung von 1184 und sein Enkel Friedrich II. 1235 einen feierlichen Reichstag. Nicht ohne Grund mochte dieser Königsstuhl in dem vorbehaltenen Fiskaluntergau Königshundert stehen. Jener dritte Königsstuhl bei Rhense wurde erst bei der Wahl Heinrichs von Luxemburg, auf Veranstaltung seines Bruders Balduin, Erzbischofs von Trier, in dessen Diözese erbaut, als sich Mainz das Vorrecht, deutsche Könige zu machen, von Trier entwinden ließ.

Gleich nach dem ersten Hatto besaß den Stuhl zu Mainz ein Erzbischof mit Namen Heriger, den eines der ältesten deutschen Volkslieder feierte, das aber nur in der Mönchssprache – und auch so nur lückenhaft – auf uns gekommen ist. Wir lassen es ergänzt und in deutscher Rückübersetzung folgen:

Heriger, Bischof
Der Mainzer Kirche,
Hört‘ einen falschen
Propheten prahlen,
Er habe Himmel
Und Hölle durchwandert.

Und von der Hölle
Zuvörderst macht‘ er
Diese Beschreibung:
Sie liege nach allen
Seiten von dichten
Wäldern umgürtet.

Heriger lachend
Gab ihm zur Antwort:
»Nach diesen Wäldern
Soll mir der Sauhirt
Die mageren Ferkel
Zur Mästung treiben.«

Noch sprach der Lügner:
»Erhoben ward ich
Zum Himmelstempel;
Da sah ich Christus
Bei Tafel sitzen
Und fröhlich schmausen.

Mundschenk war ihm
Johann der Täufer,
Köstlichen Weines
Becher kredenzt‘ er
Allen berufenen
Heiligen des Himmels.

Aber für Speise
Sorgte St. Peter,
Und in der Küche
Herrscht‘ er gewaltig
Über die Kessel,
Pfannen und Töpfe.«

Heriger sagte:
»Klüglich zum Schenken
Hat den Johannes
Christus geordnet,
Da dieser Heilige
Gar keinen Wein trinkt.

Aber das lügst du,
Daß du St. Peter
Meldest den Köchen
Zum Haupt geordnet,
Denn Pförtner ist er
Des hohen Himmels.

Doch sage, mit welchen
Ehren empfing dich
Der Gott des Himmels?
Sprich, wo du saßest?
Und laß uns wissen
Was du dort aßest?«

Sprach der Betrüger:
»In einem Winkel
Nahm ich den Köchen
Ein Stückchen Lunge:
Das aß ich heimlich
Und schlich von dannen.«

Heriger ließ ihn
Greifen und binden
Und gleich am Schandpfahl
öffentlich stäupen,
Ihn also scheltend
Mit harten Worten:

»Wenn dich an seinem
Tische der Heiland
Will tränken und speisen,
Schändlicher, kannst du
Nicht bei dir halten
Die langen Finger?«

Herigers Regierung fällt in das erste Viertel des zehnten Jahrhunderts, und das Gedicht ist schwerlich viel später entstanden. Jakob Grimm, der uns in dem letzten seiner in Göttingen geschriebenen Werke damit beschenkt, bemerkt dabei, man könne sich kaum denken, daß der Erzbischof den Spaßvogel wirklich stäupen ließ. Allein die Strafe trifft keinen Spaßvogel, sondern einen falschen Propheten, einen Betrüger und Volksverführer, dem man sie wohl gönnen mag. Solche Leute hat es zu allen Zeiten gegeben, und noch immer gibt es sie. Sie verraten sich heute wie damals durch Roheit und ungeläuterte, noch halb heidnische, das Volk freilich ansprechende Vorstellungen vom Reich Gottes. Möge ihnen überall ein Heriger in seiner derb-lustigen Weise das Handwerk legen.

Karl Simrock (1802-1876)

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

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