Jonathan Swift | Gulliver’s Reisen | Erster Theil | Reise nach Lilliput | [ Kapitel 4 ]

Viertes Kapitel.

Mildendo, die Hauptstadt von Lilliput, wird zugleich mit dem Palast des Kaisers beschrieben. Eine Unterhaltung des Verfassers mit dem Staatssekretär über die Angelegenheiten des Reichs. Des Verfassers Anerbieten, dem Kaiser in seinen Kriegen zu dienen.

Losgegeben, wünschte ich sogleich die Hauptstadt in Augenschein zu nehmen und reichte eine Bittschrift ein, Mildendo besehen zu dürfen. Der Kaiser gewährte mir mein Gesuch ohne weitere Umstände, jedoch mit dem besonderen Auftrage, weder den Einwohnern noch den Häusern Schaden zuzufügen.

Das Volk wurde durch eine Proklamation von meiner Absicht, die Stadt zu besuchen, benachrichtigt. Die Mauer, welche sie umringt, ist 2½, Fuß hoch und wenigstens 11 Zoll breit, so daß eine Kutsche mit Pferden sehr bequem darauf fahren kann; in der Entfernung von 10 Fuß sind überall starke Thürme angebracht. Ich schritt über das große Thor hinweg und ging durch zwei der Hauptstraßen nur seitwärts sehr leise und langsam allein mit meinem Wamms bekleidet, denn ich befürchtete die Dächer und Traufen der Häuser mit den Schößen meines Ueberrocks zu beschädigen. Ich beobachtete die größte Vorsicht, um einige Nachzügler, die vielleicht noch in den Straßen seyn könnten, nicht zu zertreten, obgleich der Befehl sehr streng war, alle Leute sollten auf ihre eigene Gefahr nicht wagen auszugehen. Die Dachfenster und Giebel der Häuser waren so sehr mit Zuschauern angefüllt, daß ich bei mir dachte, niemals auf meinen Reisen einen so bevölkerten Ort gesehen zu haben. Die Stadt ist ein vollkommenes Viereck, und jede Seite der Mauer fünfhundert Fuß lang. Die zwei großen Straßen, welche sie durchkreuzen und in vier Quartiere eintheilen, sind fünf Fuß breit. Die Gassen und Durchgänge, in die ich nicht hinein konnte, sondern die ich nur von Weitem im Vorübergehen sah, sind zwölf bis achtzehn Zoll breit. Die Stadt ist groß genug um fünfhundertausend Seelen zu enthalten. Die Häuser sind drei bis fünf Stockwerke hoch, die Läden und Märkte reichlich mit Waaren versehen.

Des Kaisers Palast liegt im Mittelpunkte der Stadt, wo die beiden Hauptstraßen sich kreuzen; er wird von einer zwei Fuß hohen Mauer umringt, die zwanzig Fuß von den übrigen Gebäuden entfernt liegt. Ich hatte die Erlaubniß Seiner Majestät, über diese Mauer zu schreiten. Da der Raum zwischen derselben und dem Palast weit genug war, konnte ich mir letzteren von jeder Seite leicht besehen. Der äußere Hof ist ein Viereck von vierzig Fuß und schließt zwei andere ein. Im Inneren befinden sich die königlichen Zimmer, die ich zu sehen wünschte; dies war aber sehr schwierig, denn die großen Thore, die von einem Viertel zum andern führten, waren nur achtzehn Zoll hoch und sieben Zoll breit. Da nun auch die Gebäude des äußern Hofes wenigstens fünf Fuß hoch waren, vermochte ich nicht über sie wegzuschreiten, ohne die Zinnen des Palastes zu beschädigen, obgleich die Mauern von gehauenen Steinen erbaut und auch sehr dick waren. Zugleich aber wünschte auch der Kaiser, ich möchte die Pracht seines Palastes schauen. Dies konnte ich erst nach drei Tagen, die ich damit zubrachte, mit meinem Messer die größten Bäume des kaiserlichen Parks abzuhauen, welcher ungefähr hundert Ellen vor der Stadt entfernt lag.

Aus diesen Bäumen machte ich zwei Schemel von drei Fuß Höhe, die stark genug waren, mein Gewicht zu tragen. Nachdem das Volk zum zweitenmal gewarnt war, ging ich durch die Stadt zum Palast mit meinen zwei Schemeln in der Hand. Als ich an den äußern Hof gelangte, stellte ich mich auf den einen Schemel, hob den andern über das Dach und setzte ihn behutsam nieder auf den Raum zwischen dem ersten und zweiten Hof. Alsdann schritt ich sehr bequem über das Gebäude von einem Schemel auf den andern und zog den ersten wieder zu mir herauf durch einen Stock, der mit einem Haken versehen war. Durch dieses Mittel gelangte ich in den inneren Hof, legte mich dort auf die Seite und hielt mein Gesicht an die Fenster des mittleren Stockwerks, welche deßhalb offen gelassen waren. In demselben erblickte ich die prächtigsten Gemächer, die man sich nur denken kann. Auch sah ich die Kaiserin mit den jungen Prinzen in ihren verschiedenen Wohnungen, umringt von ihren Begleitern. Ihre kaiserliche Majestät hatte die Gnade mir zuzulächeln und reichte mir aus dem Fenster die Hand zum Kuß.

Hier jedoch werde ich die ferneren Beschreibungen nicht mittheilen, weil ich dieselben für ein größeres Werk verspare, welches zum Druck bereits fertig ist. Dies soll eine allgemeine Beschreibung des Reiches Lilliput, von seiner ersten Entstehung an, und die Geschichte einer langen Reihe von Fürsten enthalten; ferner Berichte über die Kriege, Gesetze, Politik, Gelehrsamkeit, Religion, Pflanzen und Thiere desselben; auch über die besonderen Sitten und Gewohnheiten des Volkes und über anderen sehr wissenswerthen und nützlichen Stoff. Meine Hauptabsicht gegenwärtig ist allein die Darstellung derjenigen Vorfälle und Verhandlungen, die sich, in Betreff des Publikums und meiner selbst, während meines neunmonatlichen Aufenthalts in jenem Reiche ereigneten.

Eines Morgens, ungefähr vierzehn Tage nachdem ich meine Freiheit erlangt hatte, kam Redresal, erster Sekretär für Privatangelegenheiten des Kaisers (so war sein Titel) zu meiner Wohnung, und zwar nur in Begleitung eines einzigen Dieners. Seinen Wagen ließ er in einiger Entfernung warten, und bat mich, ihm eine Stunde Audienz zu ertheilen. Bereitwillig gab ich meine Zustimmung, sowohl wegen Redresal’s persönlicher Eigenschaften und seines Standes, als auch wegen der vielen guten Dienste, die er mir bei meinem Gesuche am Hofe des Kaisers erwiesen hatte. Ich machte ihm das Anerbieten, mich niederzulegen, damit er bequemer an mein Ohr reichen könne, allein er zog es vor, daß ich ihn während des Gesprächs auf der Hand hielt. Er begann mit Complimenten über meine Freiheit, bemerkte ferner auch, er könne auf einiges Verdienst in Betreff derselben Anspruch machen. Ohne seine jetzige Stellung bei Hofe würde ich sie schwerlich so bald erlangt haben. Denn, fügte er hinzu, wie blühend unser Zustand Fremden auch erscheinen mag, so leiden wir an zwei großen Uebeln, an einer heftigen Parteiung im Innern, und an der Gefahr eines äußern Angriffs von Seiten eines mächtigen Feindes. Was die erste betrifft, so müssen Sie wissen, daß seit ungefähr siebenzig Monaten zwei Parteien, Tramecksan und Slamecksan, von den hohen Absätzen ihrer Schuhe so benannt, mit einander in Streit liegen.

Diese Absätze sind nämlich unsere Abzeichen, und man glaubt, daß hohe Absätze sich am besten für unsere alte Constitution eignen. Seine Majestät hat jedoch beschlossen, in der Verwaltung und Regierung allein die niederen Absätze zu benutzen, und ihnen alle Aemter zu ertheilen, worüber die Krone zu verfügen hat. Dieses werden Sie bald bemerken, so wie auch daß die Hacken Seiner kaiserlichen Majestät wenigstens um einen Drurr niedriger sind, wie die seines Hofes. (Drurr ist nämlich der vierzehnte Theil eines Zolles.)

Die Erbitterung zwischen beiden Parteien ist so groß, daß sie weder mit einander essen, noch trinken, noch auch reden. Wir glauben, daß die Tramecksan, oder hohen Absätze uns an Zahl übertreffen, allein die Staatsgewalt liegt dennoch in unserer Hand. Wir besorgen jedoch, Seine kaiserliche Hoheit, der Thronerbe, habe einige Neigung zu den hohen Absätzen. Wenigstens können wir bemerken, daß einer seiner Absätze höher ist wie ein anderer, wodurch Höchstdieselbe im Gange hinkt.

Mitten unter diesen inneren Unruhen werden wir mit einer Invasion von der Insel Blefuscu bedroht, welche das zweite große Reich der Welt, beinahe eben so groß und mächtig, wie das Seiner Majestät, ist. Denn was Ihre Bemerkung betrifft, es gebe in der Welt noch andere Königreich und Staaten, welche von menschlichen Geschöpfen Ihrer Größe bewohnt werden, so sind unsere Philosophen darüber im Zweifel, und wollen vielmehr die Behauptung aufstellen, Sie seyen von dem Monde oder von einem Sterne herabgefallen. Denn es ist gewiß, daß hundert Sterbliche von ihrer Größe alle Früchte und Vieh im Gebiete Seiner Majestät zerstören müßten. Außerdem erwähnt unsere Geschichte von sechstausend Monaten keine andere Weltgegend als Lilliput und Blefuscu. Diese beiden großen Mächte führen, wie ich Ihnen berichten will, seit sechsunddreißig Monaten den heftigsten Krieg mit einander. Letzterer begann auf folgende Weise: Ueberall wird zugestanden, daß die ursprüngliche Weise, Eier zu öffnen, darin besteht, daß man das breitere Ende der Schale zerbricht oder abschneidet. Allein der Großvater Seiner gegenwärtigen Majestät schnitt sich, da er als Knabe einst ein Ei essen wollte, bei dieser Gelegenheit in den Finger. Darauf publicirte der Vater ein Edikt, welches allen Unterthanen bei schwerer Strafe verbot, das breitere Ende des Eies zu eröffnen. Das Volk gerieth über dieses Gesetz in solche Wuth, daß sechs Rebellionen bei der Gelegenheit entstanden. Ein Kaiser verlor darin sein Leben, ein andrerer seine Krone. Diese bürgerlichen Zwiste wurden fortwährend durch die Könige von Blefuscu befördert; und wenn sie unterdrückt wurden, flüchteten die Verbannten gewöhnlich in dies Reich. Man berechnet, daß an elftausend Personen zu verschiedenen Zeiten den Tod lieber erleiden, als die Eier an den kleinen Enden öffnen wollten. Viele Hunderte von dicken Bänden sind über diesen Streit geschrieben worden, allein die Bücher der Breitendigen sind schon lange verboten und ein Gesetz hat die ganze Partei für unfähig erklärt, fernerhin öffentliche Aemter zu verwalten.

Während dieser Unruhen machten uns die Kaiser von Blefuscu häufige Vorstellungen durch ihre Gesandten und zugleich den Vorwurf, eine Spaltung in der Religion zu bewirken, da wir gegen die Grundlehren unseres großen Propheten Lustrogg im fünfundvierzigsten Kapitel des Blundecral (dieses ist der Koran von Lilliput) uns vergehen. Dies scheint jedoch eine bloße Verdrehung des Textes zu seyn, denn die Worte lauten: Alle wahren Gläubigen öffnen die Eier an dem passenden Ende. Was nun das passende Ende ist, muß nach meiner demüthigen Meinung dem Gewissen eines Jeden überlassen bleiben, oder die erste Magistratsperson besitzt das Recht, es zu bestimmen. Jetzt aber haben die verbannten Breitendigen so viel Einfluß beim Hofe des Kaisers von Blefuscu und so viel Unterstützung und Ermuthigung für ihre Partei hier in unserem Vaterlande erlangt, daß ein blutiger Krieg zwischen beiden Reichen schon sechsunddreißig Monate lang geführt worden ist, und zwar mit verschiedenem Erfolge. Während dieser Zeit haben wir vierzig große und noch viel mehr kleinere Schiffe, so wie dreißigtausend unserer besten Soldaten und Matrosen verloren. Jedoch der Verlust des Feindes ist noch etwas größer wie der unsrige. Dennoch hat er jetzt eine zahlreiche Flotte ausgerüstet und trifft Vorbereitungen zu einer Landung an unserer Küste. Seine kaiserliche Majestät setzt nun großes Vertrauen in Ihre Tapferkeit und Kraft, und hat mir deßhalb befohlen, diesen Bericht über unsere Angelegenheiten Ihnen vorzulegen.

Ich bat den Sekretär, dem Kaiser die Versicherung meines unterthänigsten Gehorsams zu überbringen, und ihn zugleich zu benachrichtigen, mir als Fremden gezieme es nach meiner Meinung nicht, mich in Parteistreitigkeiten einzulassen; ich sey jedoch bereit, mein Leben zu wagen, um seine Person und sein Reich gegen fremden Angriff zu vertheidigen.

Jonathan Swift (1667-1745)

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

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