Karl Simrock | Der Rhein | Erster Teil. Von den Quellen bis Mainz

Erster Teil. Von den Quellen bis Mainz

Quellen des Rheins

Bekannt ist, daß edle Weine nur auf Bergen gewonnen werden. Aber viel höher müssen die Gebirge sein, welchen schiffreiche Wasser entspringen sollen. Ihr Scheitel pflegt den Himmel zu berühren, von dem der Strom, wie ein unmittelbares Geschenk der Gottheit, sich herabzusenken scheint. Schon die alte Großmutter Edda sagt: »Heilige Wasser rinnen von Himmelsbergen.« So hat auch der Rhein, wie alles, was den Menschen frommt, a Jove principium. Die Rheinquellen sind der Welt weder so entrückt noch so unzugänglich wie die des Nils. Dennoch bleiben seine ersten Ursprünge in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt. Viele hundert Reisende besuchen jährlich die Quellen des Rheins; aber ihre Beobachtungen kommen der Welt nicht zugute, während eine Reise nach den Nilquellen nicht leicht unbeschrieben bleibt. Die Natur selbst war beflissen, ihre innerste Werkstätte dem Blick der Menschen zu entziehen. Wir klettern über die schlüpfrige Eisdecke der Gletscher, uns schrecken ihre klaffenden, gähnenden Schrunde nicht; aber was sich da unten in der inneren Halle begibt, über deren Eisgewölbe wir unser Leben in Gefahr setzen, das können wir nur vermuten und ahnen.

Doch sind es nicht immer die höchsten Gebirge, welche die größten Ströme in die Welt schicken. Der Montblanc, der höchste Berg Europas, gibt keinem namhaften Fluß den Ursprung, während der größte europäische Strom, die Donau, einem vergleichsweise unbedeutenden Gebirge entspringt. Auch in der Schweiz kommen nur Nebenflüsse des Rheins von den höchsten Alpen, da doch die viel niedrigere Kette, die vom Gotthardpaß über den Splügen hinaus bis zum Juliergebirge reicht, bedeutende Ströme nach allen vier Gegenden der Welt entläßt. Die höchsten und niedrigsten Bergzüge scheinen gleich ungeeignet, großen Strömen das Dasein zu verleihen. Gebirge mittlerer Höhe, deren Schnee bei mäßiger Wärme zerrinnt, sind die wasserreichsten: sie können die Flüsse, die an ihren milchweißen Brüsten saugen, den größten Teil des Jahres überflüssig tränken, während die höchsten, mit ewigem Schnee bedeckten Firne selbst bei der glühendsten Sonnenhitze kaum zu schmelzen beginnen. In ihnen hat die Natur unerschöpfliche Vorratskammern angelegt, die dann am ergiebigsten spenden, wenn alles umher vor Durst verschmachten will. In trockenen Sommern würde die Donau versiegen, wenn ihr nicht aus Gebirgsgegenden Zuwüchse kämen, die höher liegen als der Fels, wo ihre Quelle entspringt. Umgekehrt hat der Rhein an den Eisgebirgen seiner Heimat einen Rückhalt, wenn seinen niedrig geborenen deutschen Tributären das Wasser ausgeht.

Jene Alpenkette mittlerer Höhe, welche außer dem Rhein noch drei andere Ströme entsendet, nämlich die Rhône, den Inn und den Tessin, hieß den Alten Adula; uns heißt sie St. Gotthard, obwohl gewöhnlich nur ihr westlichster Paß so genannt wird. Da Hart (Hard) Gebirge heißt, so bleibt unentschieden, ob sie diesen Namen zu Ehren des höchsten Gottes oder des heiligen Gotthard führt, dem an der Quelle des Vorderrheins, also weit oben vom Gotthardpaß, eine Kapelle erbaut war. Wer von dem Gipfel dieses Gotthard die übrigen, viel höheren Gebirgsspitzen erblickt, dem scheint es, als ob sie sich alle gegen ihn verneigten wie gegen Josefs Garbe die Garben seiner Brüder. Und wohl verdient diese Verehrung das Gebirge, welches als die eigentliche Wasserscheide zwischen der Nordsee und dem Mittelländischen Meer zu betrachten ist, denn jener schickt es den Rhein, diesem die Rhône, den Tessin und mittels der Donau den Inn zu.

Doch nicht bloß die Wasser scheidet der Adula, auch das Wetter, und was wichtiger ist: die Völker. Aus dem Livinental, das der Tessin gebildet hat, kam ich nach Airolo, um über den breiten Rücken des Gotthard in die deutsche Schweiz zurückzuwandern. Der Wirt, Herr Camossi, bei dem wir uns zu dem großen Übergang stärkten, wünschte uns in der welschen Sprache seines Landes zu der heiteren Witterung Glück, mit welcher der Himmel unser Unternehmen sichtbar begünstigte. Wirklich blieb uns diese bis auf das Hospiz treu, das auf dem Gipfel liegt, wo wir die letzten Laute italienischer Zunge vernahmen. Doch waren die Vorgänger unserer tessinischen Wirte Deutsche gewesen. Gleich hinter dem Hospiz, wo der Weg sich nördlich senkt, sahen wir einen dichten deutschen Nebel liegen, unter den wir schlüpfen mußten. Da war der heitere Himmel Welschlands verscherzt, der Regen goß in Strömen nieder, und als wir unten das Dorf Hospental erreichten, empfing uns der treuherzige Wirt mit den allzu deutschen Worten: »Was habt ihr für schlechtes Wetter!«

Nicht überall freilich scheidet der Rücken des Adula Deutsche und Welsche so scharf wie am Gotthardpaß. Weiter rechts, wo der Rhein in drei Bächen seinen nordöstlichen Abhängen entspringt, und tiefer in Graubünden wohnen Deutsche und Churwelsche in wunderlicher Mischung durcheinander. Die romanische Sprache, welche letztere reden, ist aber keine Tochter der lateinischen, sondern ihre gleichalte Schwester. Auch hier mögen es Flüchtlinge sein, die in diesen unwirtlichen Bergöden Schutz gesucht und gefunden haben. Wenigstens werden die Räter für Nachkommen jener Tuscier ausgegeben, die bei dem Einbruch der Gallier unter Brennus aus dem heutigen Toskana in die Gebirge zurückgewandert seien, wo ihre ursprüngliche Heimat war.

Also vernimmt der Rhein, Deutschlands Hauptstrom, in seiner frühesten Kindheit eine fremde Zunge? Wird an seiner Wiege welsch gesprochen? Ist Welsch wohl gar seine Muttersprache? Nicht doch! Der Rhein ist in Graubünden erst ein neugeborenes Kind, das vor Schreien und Heulen überhört, was um ihn her gesprochen wird. Zu rauschend stürzt sich der Vorderrhein in Wasserfällen dem Ziel zu, wo ihn der Hinterrhein erwartet; mit zu donnerähnlichem Getöse drängt sich dieser durch die furchtbaren Abgründe der Via Mala; auch der vereinigte Strom braust noch zu ungestüm über Klippen und Felsen hinab, als daß ein Laut menschlicher Rede zu seinem Ohr gelangen könnte. Weiterhin aber und in seiner Wiege, dem Bodensee, vernimmt der beruhigte Strom nur deutsche Klänge.

Die drei Bäche, in denen der Rhein wurzelt, sind unter dem Namen Vorder-, Mittel- und Hinterrhein bekannt. Jeder hat seine eigenen Quellen. Einige nehmen nur einen Vorder- und Hinterrhein an, indem sie den Mittelrhein als einen der vielen Zuflüsse des Vorderrheins betrachten. Den drei Wurzelbächen entsprechen drei Alpentäler, die von den nördlichen Ästen des Adula gebildet werden. Am westlichsten liegt das Tavetscher Tal, wo der Vorderrhein zwischen den Eishöhen des Crispalt und des hohen Badus entspringt. Von den Gletschern des letzteren ergießen sich drei kalte Ströme in den Tomasee, einen von himmelhohen Felsen umstarrten Wasserbehälter, aus welchem die Hauptquelle des Vorderrheins hervortritt. Oberhalb des Dörfchens Tschamut vereinigt sich mit ihr ein anderer, im benachbarten Gämertal entsprungener Bach, unterhalb ein dritter, der aus dem Cornäratal kommt. Bei der vormals gefürsteten Benediktinerabtei Disentis nimmt er den Mittelrhein auf und setzt dann mit unverändertem Namen seinen Lauf fort, bis aus der Vereinigung mit der dritten Wurzel, dem Hinterrhein, unser Rhein hervorgeht. Der Mittelrhein kommt aus dem wohl von ihm genannten Medelser oder Liebfrauental, wo er auf dem Lukmanier, einem Ast des Gotthard, im Tal Cadelimo entspringt. Auch er hat mehrere Quellen, die bei Stinsch zusammenlaufen und aus kleinen Seen kommen, die von den Wassern des Lukmanier getränkt werden. Darunter ist der See Dim bei St. Maria der bedeutendste.

Zwischen dem Mittel- und dem Hinterrhein liegen noch mehrere, von anderen Ästen des Adula gebildete Täler: das Somvixer Tal, das Lugnezertal, aus welchem der Glenner bei Ilanz, der ersten Stadt am Rhein, dem Vorderrhein zufällt, und Safien, »das Land schöner Weiden«, dessen Großer Rabiusa genannter Bach durch das Versamtobel in das gleiche Bett sich ergießt.

Östlicher und südlicher als die genannten Bergwasser entquillt der Hinterrhein, die mächtigste Wurzel des Stroms. Unter dem ungeheuren Mantel des Rheinwaldgletschers verbirgt er unerschöpfliche Quellen. Zwölf Bäche durchbrechen die Eismassen dieses acht Stunden langen Gletschers, um sich in weiten Bogen in einen tiefen Schlund zu stürzen. Außer ihm sind der Hinterrhein- und der Moschelhorngletscher die bedeutendsten dieses Tales. Paradies und Hölle grenzen hier nahe aneinander. Jenen Namen führt nämlich eine Gegend bei dem Dorf Hinterrhein, die nur aus Schneefeldern und Felsblöcken besteht; diesen ein daneben befindlicher bodenloser Abgrund.

Von den Felsenhörnern, die das Rheinwaldtal von allen Seiten einschließen, erheben sich einige mehr als 10 000 Fuß über das Mittelländische Meer. Das Tambohorn jenseits des Splügen wird vom Dom zu Mailand aus gesehen. Es selber gewährt denen, die es zu ersteigen wagen, eine unermeßliche Aussicht. Von diesen ewigen Firnen stürzen sich unaufhörlich Lawinen auf die Gletscher herab, deren wohl vierzig das Rheinwaldhorn umstarren.

Vor meiner Reise nach der Schweiz hatte ich ganz unrichtige Vorstellungen von Gletschern sowohl als von Lawinen. Ich finde, daß es anderen auch nicht besser ergeht. Solche Begriffe werden von Schriftstellern verbreitet, die nie die Regionen des ewigen Schnees betreten haben. Gletscher dachte ich mir als himmelhohe Eisberge, von welchen ich die Lawinen herabrollen, nicht herabstürzen ließ. Von dem Bezug beider auf die Bildung der Ströme hatte ich keine Ahnung. Ein Gletscher ist aber kein Eisberg, sondern ein abschüssiges Tal, eine Schlucht zwischen zwei schneebedeckten Gebirgen. Die Lawinen kommen nicht von den Gletschern, umgekehrt sind es gerade die Gletscher, auf welche die Lawinen sich niederzustürzen pflegen. Leider wandeln sie oft ungewohnte Wege und richten dann jene furchtbaren Zerstörungen an, durch die sie der Schrecken der Alpenbewohner sind.

Ebenso falsch ist die Vorstellung, als ob die Lawinen sich beim Niedersturz gleich Bällen oder Kugeln um ihre eigene Achse drehten. Ihre Fortbewegung ist mehr ein Rutschen als ein Rollen. Wir können etwas Ähnliches in unserer Heimat beobachten, wenn im Winter beim Eintritt gelinderer Witterung der Schnee auf hohen Turmdächern sich löst und hinabgleitet, wo auch der tiefer liegende weggeschoben, nicht aufgerollt wird. Sitzt der untere noch festgefroren auf dem Dach, so schabt ihn der obere im Hinabrutschen fort, wodurch die im Fall begriffene Masse sich häuft und an Volumen wie an Geschwindigkeit zunimmt. Die Erscheinung bleibt die nämliche, nur ist sie größer und furchtbarer, wenn sie sich auf den steilen Abhängen der Hochgebirge begibt. Dann verkündet ein donnerähnliches, dumpfes Getöse das Naturereignis, und der Druck der Luft ist so heftig, daß er allein hinreicht, Häuser und Bäume niederzubrechen, Menschen und Vieh zu ersticken. Viel größer noch ist die unmittelbare Wirkung, die Dörfer und Wälder fortreißen, Ströme verstopfen und, wie es vom Glauben heißt, Berge versetzen kann. So begab es sich mit dem Dorf Rueras, das nicht weit von Ciamut im Tavetscher Tal liegt, wenige Stunden von der Quelle des Vorderrheins, daß es von einer Lawine fortgeschoben wurde, und zwar zum Teil so sanft, daß die Einwohner am Morgen nicht begriffen, warum der Tag anzubrechen säume. Die Verschütteten wurden meist lebend hervorgegraben. Wenn die Lawinen rollend, nicht gleitend sich fortbewegen würden, so würden die guten Bewohner von Rueras durch den Umschwung wohl unsanfter geweckt und nicht so zahlreich gerettet worden sein.

Gletscher sind Eisströme, die sich in Bergspalten zwischen ewigen Schnee niedersenken. Dem Auge als erstarrte Flüsse von starkem Gefälle sich darstellend, beginnen sie bei der Schneelinie und steigen allmählich herab zu den Wohnungen der Menschen. Nichts reizt darum so sehr zum Nachdenken als der Anblick der Gletscher. War dies ursprünglich flüssiges Element, was brachte es plötzlich zum Erstarren? Und war es von Anfang an starr, wie geriet es in Fluß?

In der Talrinne zwischen hochragenden Felshörnern sammelte sich der von ihnen niederfallende Schnee, sei es, daß ihn Sturmwinde anhäuften, oder daß er in Lawinen niederstürzte. Diese Schneemasse verwandelte sich, indem sie das Tal niederglitt, in Eis, zum Teil auch in Wasser, das, von jenem bedeckt, nur durch die Spalten und Schrunde des Eisgewölbes noch gesehen und gehört wird. Die Umwandlung des Schnees in Eis begab sich allmählich durch Auftauen und Wiedergefrieren. Von oben wirkte die Sonnenhitze, von unten und von den Seiten die Erdwärme. Der Schnee begann zu schmelzen; aber von der Nachtkälte ergriffen, gefror er. So bildeten sich Eispaläste, die von niemand als von dem Flußgott bewohnt werden, der unten aus der kristallenen, smaragdgrünen Grotte den fertigen Strom entläßt. Ist dies die Urne, welche die Alten ihren schilfgekrönten Graubärten von Flußgöttern in die Arme gaben?

Die Gletscher, unerschöpfliche Quellen der Flüsse, können selbst schon als deren Anfänge betrachtet werden. Wir nannten sie Eisströme, denn sie sind, wenn auch unmerklich, im Strömen, im Fortrücken begriffen. Die obere Masse, die beständig neuen Zuwachs erhält, drückt auf die tiefer liegende, bis die unterste Stütze, an der Erdfläche geschmolzen und vom Wasser unterfressen, zusammenbricht, worauf mit krachendem Getöse der ganze Gletscher durch seine eigene Schwere fortgeschoben wird. Eine Reihe von Jahren mag aber darüber hingehen, bis die Eismassen, aus denen der heutige Rheinwaldgletscher besteht, geschmolzen das Rheintal hinabflossen und aus den Lawinen des Adula ein neuer, dem heutigen vielleicht sehr unähnlicher Gletscher hervorging.

Karl Simrock (1802-1876)

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

2 Kommentare zu „Karl Simrock | Der Rhein | Erster Teil. Von den Quellen bis Mainz“

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