Zur Blauen Stunde | Dämmrung senkte sich von oben

Dämmrung senkte sich von oben,
Schon ist alle Nähe fern;
Doch zuerst emporgehoben
Holden Lichts der Abendstern!
Alles schwankt ins Ungewisse,
Nebel schleichen in die Höh’;
Schwarzvertiefte Finsternisse
Widerspiegelnd ruht der See.
Nun im östlichen Bereiche
Ahn’ ich Mondenglanz und -glut,
Schlanker Weiden Haargezweige
Scherzen auf der nächsten Flut.
Durch bewegter Schatten Spiele
Zittert Lunas Zauberschein,
Und durchs Auge schleicht die Kühle
Sänftigend ins Herz hinein.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Wilhelm Busch | Der innere Architekt

Der innere Architekt

Wem’s in der Unterwelt zu still,
Wer oberhalb erscheinen will,
Der baut sich, je nach seiner Weise,
Ein sichtbarliches Wohngehäuse.
Er ist ein blinder Architekt,
Der selbst nicht weiß, was er bezweckt.
Dennoch verfertigt er genau
Sich kunstvoll seinen Leibesbau.
Und sollte mal was dran passieren,
Kann er’s verputzen und verschmieren,
Und ist er etwa gar ein solch
Geschicktes Tierlein wie der Molch,
Dann ist ihm alles einerlei,
Und wär’s ein Bein, er macht es neu.
Nur schad, daß, was so froh begründet,
So traurig mit der Zeit verschwindet,
Wie schließlich jeder Bau hienieden,
Sogar die stolzen Pyramiden!

Wilhelm Busch

Echter Trennungs-Schmerz

Echter Trennungs-Schmerz

Liebe Andrea, (Name von der Redaktion geändert)

ich weiß, der Eheberater hat gesagt, wir sollten uns während unserer „Abkühlphase“ nicht kontaktieren, aber ich konnte nicht mehr warten. Am Tag an dem du gegangen bist, habe ich mir geschworen, nie wieder mit dir zu sprechen. Aber das war nur der kleine, verletzte Junge in mir.
Trotzdem wollte ich nie der sein, der sich zuerst meldet. In meinen Träumen warst es immer du, die angekrochen kam. Ich glaube, mein Stolz brauchte das. Aber jetzt erkenne ich, dass mein Stolz mich eine Menge gekostet hat. Ich kann einfach nicht mehr so tun, als würde ich dich
nicht vermissen. Es ist mir egal, wer den ersten Schritt macht, Hauptsache einer von uns macht ihn.

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Hilda Bergmann | Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten | Folge 2

Die Geschichte vom lustigen Wässerlein.

Es war ein Wässerlein auf die Welt gekommen, hoch oben im Gebirg. Schnee lag auch im Sommer dort und wo der Schnee abschmolz, war grüner Almboden, bedeckt von weißem und blaßviolettem blühenden Krokus. O, es war wunder-, wunderschön in der Heimat des kleinen Wässerleins!. »Glucks,« sagte das Wässerchen, »da bin ich!« und hüpfte munter über Gras und Blumen. Der Himmel war blau, die Sonne schien warm und es war ein Vergnügen, zwischen Krokusblüten und Anemonen dahinzufließen. »Glucks, glucks, glucks,« sagten aber rund herum die vielen anderen kleinen Wasserläufe, die ebenfalls hier oben zur Welt gekommen waren. »Seht nur, seht,« riefen sie mit ihren hellen Plätscherstimmen. »Da ist ein neues Brüderlein erschienen und was für ein lustiges obendrein!« Und in der Tat, niemand sprang so vergnügt von Stein zu Stein und lachte so silbern dazu, wie unser Wässerlein.

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Joachim Ringelnatz | …liner Roma… [6]

6.

Zu dem Artikel »Menschenfleisch in Ziegenleberwurst« erfahren wir von zuständiger Seite – – –

»War es schön, Deeters? Habt Ihr das Hotel gefunden?« – »Ach wunderschön! Sehr schön! obwohl es zu nichts gekommen ist. Das brauchts ja auch gar nicht. Wahrhaftig ein eigenartiges Weib! Dann ist sie plötzlich ganz Kind. Und ich weiß nicht: vielleicht bin ich ihr nur ein Spielzeug.«- Pünktlich hinter einer Riesenbrille nahen sich Noktavian und Nuscha. Sie kehren von einer Weltreise zurück. Weiterlesen „Joachim Ringelnatz | …liner Roma… [6]“

Richard Arnold Bermann | Alte irische Könige im allgemeinen

Alte irische Könige im allgemeinen

Als ich noch nicht bestimmt wußte, wo Irland eigentlich liegt, wußte ich dieses schon: alle Iren heißen Pat und behaupten, von alten irischen Königen abzustammen. Als ich später die Romane von William Makepeace Thackeray las, fand ich diese Ansicht durchaus bestätigt: in jedem Roman des Humoristen kommt doch mindestens ein Ire vor, der von seinen königlichen Ahnen erzählt, im übrigen einen breiten Jargon spricht, ein bißchen säuft und im ganzen ein etwas schäbiger Gentleman ist. Wichtig für diesen Teil der irischen Frage ist auch das Studium der englischen Witzblätter: es gibt mehr Irenwitze als Mikoschwitze und fast so viele wie Judenwitze.

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Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (180)

180. Die Kielkröpfe

Es gab auch noch andere geisterhafte Wesen von dämonischer Art, deren Natur im Guten und Schlimmen, doch mehr im letztern, mit der der Unterirdischen verwandt ist. Wechselbalg und Kielkropf ist so ziemlich Maus wie Mutter. Beide Sorten sind ausgetauschte Kinder ohne Gedeihen, von häßlichem Aussehen, die stets quengeln und weinen und meist die Unterirdischen, wo nicht gar den Teufel zum Vater haben.

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