Wilhelm Busch | Der alte Narr

Der alte Narr

Ein Künstler auf dem hohen Seil,
Der alt geworden mittlerweil,
Stieg eines Tages vom Gerüst
Und sprach: Nun will ich unten bleiben
Und nur noch Hausgymnastik treiben,
Was zur Verdauung nötig ist.
Da riefen alle: »O wie schad!
Der Meister scheint doch allnachgrad
Zu schwach und steif zum Seilbesteigen!«
Ha! denkt er. Dieses wird sich zeigen!
Und richtig, eh der Markt geschlossen,
Treibt er aufs neu die alten Possen
Hoch in die Luft, und zwar mit Glück,
Bis auf ein kleines Mißgeschick.
Er fiel herab in großer Eile
Und knickte sich die Wirbelsäule.
»Der alte Narr! Jetzt bleibt er krumm!«
So äußert sich das Publikum.

Wilhelm Busch

Hilda Bergmann | Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten | Folge 1

Die Wichtelmännchen Eßgern, Lachgern und Träumgern und die Springbrunnenfee.

Am Waldrand unweit des alten Springbrunnens war über Nacht ein Schirmpilz aus der Erde geschossen, ein großer, stattlicher, breithutiger Schirmpilz. Er stand neben einer Gesellschaft violetter Waldglockenblumen und bot in seinem Umkreis Schutz vor den Sonnenstrahlen.

»Ei, welch schönes, schattiges Plätzchen,« sagte eine Stimme aus dem Grase und ein Wichtelmännchen mit Schusterschürze und Schusterwerkzeug kam herbei. »Gut zum Ausruhen, gut zum Ausruhen,« brummte ein zweites mit dickem Vollmondgesichte und streckte sich neben seinem Kameraden ins Moos. »Gut zum Träumen, gut zum Träumen,« meinte ein drittes und nahm neben den andern Platz. Der lustige kleine Schuster hörte auf den Namen Lachgern, sein dicker Bruder wurde, was meint ihr wohl, warum, Eßgern geheißen, der dritte Wichtelmann ward Träumgern genannt. Von drüben kam das Geplätscher des alten Springbrunnens herüber, silbern und fein.

Weiterlesen „Hilda Bergmann | Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten | Folge 1“

Joachim Ringelnatz | …liner Roma… [5]

5.

    Cabaret »Rosiger Kürbis«, Fasanenstraße, Treffpunkt der eleganten Lebewelt, Austern, Sekt, erstklassige Weine, tadellose Bedienung, diskrete Musik, hochkünstlerische Darbietungen: Bia Tartuffe (Gazetänze), Fedora Sill (Lieder einer Verseuchten), Bläschens Revoluzzerhüpfl (Urkomisch).

Selbst überfleißige Vorgesetzte dürfen von Untergebenen keinen Überfleiß verlangen. Und mürrisches Wesen läßt sich durch Arbeitsüberfülle erklären, aber nicht entschuldigen. Doch wie sollten Leute das einsehen, die nach der alltäglichen Arbeit ohne Buch und ohne ungelöste Frage schlafen gehen. Leute, die keine herbe Freundschaft ertragen, also nur mit Lohndienern verkehren. – Der Frau Purmann laufen alle Dienstmädchen davon. Unzuverlässiges, anspruchsvolles, undankbares Pack. So hält Elfchen die große Wohnung und den komfortablen Haushalt eigenhändig in mustergültiger Ordnung, hantiert geschickt, nervös und emsig von früh bis spät herum. –

Weiterlesen „Joachim Ringelnatz | …liner Roma… [5]“

Richard Arnold Bermann | Der Tod des Königs Brian Boroimhe


Episches Intermezzo.

Als Brian Boroimhe, der Held vom Stamme O’Brien, noch jung war, lag ein schwerer Schatten über der Welt. Die Lebenden harrten dem tausendsten Jahre Christi bangend entgegen, denn in diesem Jahr, so kündeten im ganzen Abendland die Gottesgelehrten, würde der Herr erscheinen zum jüngsten Gericht. Es gab Männer, die diese Kunde zu tatenloser Andacht lähmte, gab andere, die sie zum genußtollen Taumel peitschte. Doch der junge Brian Boroimhe sah um sich im grünen Erin. Sollte der Heiland das Land seiner Apostel wiederfinden? Sollten Sankt Patrick und Sankt Columban, zur Rechten des Weltrichters stehend, ihre Häupter verhüllen aus Scham für ihr Irland? Die wilden Dänen, Räuber aus nordischer Heidenwelt, schwärmten mit Feuer und Schwert durch die heiligen Gaue und feig beugte sich das Volk unter ihrer blutigen Geißel. Zu schwach war Malachy, der Hy-Nial, Hochkönig der Iren zu Taras weit berühmter Halle. Wohl wußte er ein wildes Roß zu zähmen, nicht aber die Wikinge aus dem Land zu jagen. Da stand Brian auf, um sein Land zu reinigen für das jüngste Gericht. Männer von Munster, starke Gebirgsleute, scharten sich um den Helden. Im Namen des Kreuzes und des kommenden Tages griff Brian Boroimhe die Heiden an und der Sieg war mit ihm. Dann aber faßte er mit entschlossener Hand nach der alten Krone, die nicht fest saß auf Malachys Haupt und willig beugte sich der Rossebändiger dem Bändiger der Heiden, willig ein guter Mann dem besseren Manne. Ard-Reagh, Hochkönig der Iren, grüßte das Land den Befreier. Stattlich saß er in Taras weit berühmter Halle, zu seinen Füßen die Könige Meath und Ulster, von Leinster und Connaught, jeder Häuptling thronend unter seinem Schild, in Purpurgewändern, in goldenen Schuhen prangend und goldenem Gurt, den goldverzierten Speer in der Hand. Langbärtige Weise, Künder des Gesetzes, saßen neben dem Herren der Könige und aller Barden Harfen sangen sein königliches Lied.

Weiterlesen „Richard Arnold Bermann | Der Tod des Königs Brian Boroimhe“

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (179)

179. Die Unterirdischen

Das Volk der Unterirdischen und der Glaube an dasselbe ist im deutschen Norden und weiter nordwärts verbreiteter als irgendwo; es wohnt unter der Erde, häufig in den alten Grabhügeln und Hünenbetten; im dänischen Schleswig heißt es Biergfolk, Ellefolk, Unnervaestöi, Unnerborstöi, auf Sylt Onnererske, auf Föhr und Amrum Onnerkänkissen, in Holstein Unnererske, Dwarge. Seit undenklichen Zeiten wohnen sie im Lande. Die Sage von ihrer Entstehung lautet: Christus der Herr wandelte einmal auf Erden und nahte einem Hause, darinnen eine Frau wohnte, die hatte fünf schöne Kinder und fünf häßliche. Der Häßlichen schämte sie sich vor dem hohen Gast und verschloß sie schnell im Keller. Wie nun der Herr in das Haus kam, sprach er: Frau, lasset Eure Kindlein zu mir kommen. Und da brachte die Frau ihre fünf hübschen Kinder, daß der Herr sie segne. – Und wo sind Eure andern Kinder? fragte der Herr. Andere Kinder hab‘ ich keine, log das Weib. So, sagte der Herr, und legte die Hände auf die fünf Kinder, und segnete sie und sprach: Was drunten ist, soll drunten bleiben, was oben ist, soll oben bleiben. – Als der Herr hinweg war, lief die Frau in den Keller, ihre häßlichen Kinder herauszulassen, aber da waren sie verschwunden. Aus ihnen ist das Geschlecht der Unterirdischen entstanden.

Weiterlesen „Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (179)“

Weisheit des Tages | 10.06.2021

Paradoxerweise habe ich in eben derselben Zeit, da unsere Welt im Moralischen zurückstürzte um ein Jahrtausend, dieselbe Menschheit im Technischen und Geistigen sich zu ungeahnten Taten erheben sehen, mit einem Flügelschlag alles in Millionen Jahren Geleistete überholend. Nie bis zu unserer Stunde hat sich die Menschheit als Gesamtheit teuflischer gebärdet und nie so Gottähnliches geleistet.

Stefan Zweig